Wie werde ich ein “sozialer Vater”?

Wilfried Griebel

Wgriebel

Formen sozialer Vaterschaft verweisen auf Familienformen, die eine andere Entstehungsgeschichte haben als die herkömmliche biologische Kernfamilie, in der Mutter und Vater mit ihren gemeinsamen leiblichen Kindern in einem Haushalt leben. Die biologische Kernfamilie gilt in unserer Gesellschaft trotz aller demographischen Veränderungen als Norm, wenn nicht als Ideal. Familien, die dieser Norm nicht entsprechen, werden als abweichend, verunsichernd und problematisch angesehen. Wie können betroffene Väter damit umgehen?

Ein sozialer Vater ist ein Mann, der zu Kindern, die nicht seine leiblichen Kinder sind, in einer väterlichen Beziehung steht. Er kann deren Adoptivvater sein, ein Pflegevater, ein Tagesvater, oder ein Stiefvater, der in einer Partnerschaft mit der Mutter des Kindes oder der Kinder lebt. Damit verknüpfen sich jeweils unterschiedliche Erwartungen an einen sozialen Vater: Ersatz für einen leiblichen Vater auf Dauer ist der Adoptivvater und auch der Pflegevater, wenn es sich um ein Dauerpflegeverhältnis handelt, ein Vater als Ersatz auf Zeit ist der Pflegevater in den meisten Fällen, ein beruflich als Tagesvater tätiger Mann kümmert sich für beschränkte Zeiten und Aufgaben um ein Kind; ein Stiefvater ist neben einem leiblichen Vater, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, eine erwachsene männliche Bezugsperson für das Kind seiner Partnerin.

Diese Formen sozialer Vaterschaft verweisen auf Familienformen, die eine andere Entstehungsgeschichte haben als die herkömmliche biologische Kernfamilie, in der Mutter und Vater mit ihren gemeinsamen leiblichen Kindern in einem Haushalt leben. Die biologische Kernfamilie gilt in unserer Gesellschaft trotz aller demographischen Veränderungen als Norm, wenn nicht als Ideal. Familien, die dieser Norm nicht entsprechen, werden nicht selten als abweichend, verunsichernd und problematisch angesehen. Bei sozialen Vätern müssen wir also mit Unsicherheit rechnen, die sie hinsichtlich ihrer Vaterrolle und -funktion erleben. Wie geht man mit dieser Unsicherheit um? Eine Tendenz kann in die Richtung zielen, sich möglichst aus dem Elternverhalten heraushalten zu wollen und die Verantwortung der Frau zu überlassen. Eine gegensätzliche Tendenz zielt in die Richtung, sich als der ideale Vater eines Kindes erweisen zu wollen und sich als sozialer Vater stark zu engagieren.

Von der Familienentwicklungspsychologie her denkend fragen wir nach dem Übergang, den dieser Mann von der Entwicklung auf dem Weg zum sozialen Vater erlebt, und danach, was er realistisch erreichen kann.

Sozialer Vater werden ist ein Übergang

Der Übergangs- oder Transitionsansatz beschreibt markante Veränderungen, die den einzelnen oder seine Familie betreffen. Übergänge stehen in Verbindung mit Lebensereignissen, die gleichzeitig auf der individuellen Ebene, der familialen Ebene und der Ebene der Umgebung eine Phase von Veränderungen oder Diskontinuitäten mit sich bringen. Beispiele für solche Transitionen sind der Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft bei der Geburt des ersten Kindes, also die Gründung der biologischen Kernfamilie, der Eintritt des ersten Kindes in die Schule, das Eintreten des Kindes in das Jugendlichenalter, Trennung und Scheidung der Eltern.

Jeder Übergang hat seine eigenen Inhalte, die mit spezifischen Anforderungen auf den genannten Strukturebenen des Individuums, der Beziehungen und der Umgebung zusammenhängen. Nicht die Anforderungen beim Übergang an sich, sondern deren Bewältigung macht dann den Übergang aus. Mit Transitionen verbundene Belastungen und Chancen werden als verdichtete Entwicklungsanforderungen verstanden. Mit konzentrierten Lernprozessen muss die Anpassung an die jeweils gegebenen Veränderungen geleistet werden. Individuelle, familiale und Umgebungsressourcen können die Bewältigung der Anforderungen auf den entsprechenden Ebenen und damit den Übergang positiv beeinflussen.

Lernbereitschaft ist dabei eine wesentliche Voraussetzung für den Übergang zum sozialen Vater.

Der wesentliche Unterschied zwischen Übergängen im Kindes- und im Erwachsenenalter besteht nicht in biologischen und sozialen Markierungspunkten der Ereignisse, sondern in der Beteiligung einer Person selbst bei der Bestimmung über die Richtung seines Lebenslaufes. Es gibt für den Erwachsenen, den „werdenden sozialen Vater“, mehr Freiwilligkeit, mehr Definitionsmöglichkeiten, mit denen er sich auseinandersetzen kann, als für ein Kind, wenn es zum Adoptivkind, Pflegekind oder Stiefkind wird.

Entwicklungsaufgaben in Familien mit sozialem Vater

Über eine Bewältigung von Anforderungen hinaus werden in einem Übergangsprozess Impulse gegeben, die Veränderungen der Identität, der Beziehungen in Partnerschaft und Familie und darüber hinaus in den Lebensumwelten und neu zu entwickelnde Kompetenzen mit sich bringen, die als Entwicklung verstanden werden können. Wenn diese Entwicklungsaufgaben bewältigt werden, ist ein „Funktionieren“ der Familie wahrscheinlicher, das heißt, dass das Familienleben eher den Wünschen und Bedürfnissen aller ihrer Mitglieder entspricht. Das Miteinanderleben bleibt stabil und der Entwicklung der Kinder und der Erwachsenen wird ein geeigneter Rahmen gegeben. Folgende Entwicklungsaufgaben lassen sich beschreiben für Mitglieder in Familien mit sozialem Vater:

a) Ebene des Einzelnen

Die Identität der einzelnen Mitglieder in einer Familie mit sozialem Vater, je nachdem als Mutter, sozialer Vater oder Adoptiv-, Pflege- oder Stiefkind muss in angemessener Weise entwickelt werden, das heißt, es braucht Zeit und Lernen. Übergänge gehen mit starken Emotionen einher; außer Freude, Stolz und Neugier sind dies Unsicherheit und Ängste vor dem Versagen, was sich z.B. auch in der Ablehnung des negativ besetzten Ausdrucks „Stief- “bei einer Stieffamilie und bei einem Stiefvater ausdrücken kann. Verluste müssen verarbeitet werden, wenn der Familiengründung Verluste vorangegangen sind: Trennungen eines Kindes vom leiblichen Vater, von Partnern der Erwachsenen. Emotionale Stabilität und Zuversicht müssen wieder entwickelt werden; auch das Selbstwertgefühl, das damit einhergeht, ein kompetentes Familienmitglied zu sein, das positiv zum Familienleben beiträgt. Das gilt auch für den sozialen Vater.

Das emotionale Wohlbefinden ist ein Ziel, das nach Turbulenzen eines Übergangs wieder angestrebt werden muss; es fördert auch das Lernen in der neuen Familiensituation.

b) Ebene der Beziehungen

Die Partnerschaft des sozialen Vaters mit der Mutter muss stabilisiert werden. Eine stabile Partnerschaft in der neu gegründeten Familie ist ein ausschlaggebender Faktor für das Gelingen. Sie ist insbesondere dann erschwert, wenn vom sozialen Vater die Anpassung an die Partnerschaft und an die Kinder gleichzeitig geleistet werden muss. Zudem kann es beim sozialen Vater die erste Erfahrung mit Elternschaft sein und daher ein starker Lernbedarf herrschen. Bei nachfolgenden Partnerschaften, wie es in Stieffamilien der Fall ist, wird die neue Partnerschaft in Abgrenzung zur vorherigen erlebt und entworfen. Wenn der soziale Vater als Partner immer „besser sein muss“ als der leibliche Vater, bedeutet dies eine bestimmte Abhängigkeit von letzterem und damit ein Risiko für eine freiere Gestaltung der Partnerschaft durch den sozialen Vater.

Die Elternrolle des sozialen Vaters gegenüber dem Kind bzw. den Kindern muss entworfen, d.h. neu und individuell definiert werden. Dies stellt hohe Anforderungen, weil keine allgemein anerkannte, normierte Rolle für den sozialen Vater vorgegeben ist. Stiefväter müssen sich sogar mit negativen sozialen Erwartungen auseinandersetzen. Eine emotional positive Beziehung zu den Kindern wird wichtig und ist nicht immer von vornherein gegeben. Spielregeln für das Zusammenleben, Selbstständigkeit, Beteiligung, Verantwortung der Kinder müssen neu ausgehandelt werden. Neue Abläufe, Routinen und Familienrituale können notwendig werden. Dabei können sich Veränderungen im Vergleich zur vorhergehenden Familiensituation ergeben. Das betrifft zum Beispiel die Frage, wer wofür in der Familie und im Haushalt zuständig ist, was die Kinder dürfen und was nicht und die Frage, wie Feste – z.B. Weihnachten – gefeiert werden sollen. Es besteht ein erhöhter Bedarf, diese Themen auszuhandeln, weil sich die Regeln des familialen Zusammenlebens nicht so „selbstverständlich“ entwickelt haben wie in Kernfamilien. Hilfreich ist ein so genannter autoritativer Erziehungsstil, der warmherzig und einfühlsam ist mit klar strukturierten Erwartungen und Regeln.

Übrigens müssen sich auch Kinder in Familien mit sozialem Vater manchmal mit negativen Erwartungen wie z.B. bei „typischen Stiefkindern“ auseinandersetzen und diese können sich im Sinne von sich selbst erfüllenden Vorhersagen negativ auf Interaktion und Entwicklung auswirken. Die Beziehung zwischen sozialem Vater und Kindern wird eher belastet, wenn der soziale Vater vorzeitig in eine Erzieherrolle gedrängt wird, die dem Vertrauen zwischen ihm und den Kindern noch nicht entspricht. Und wiederum gilt, dass ein Rivalitäts- und Konkurrenzverhältnis mit dem leiblichen Vater in Bezug auf die Kinder unproduktiv oder sogar schädlich werden kann. Die Beteiligung eines außerhalb lebenden leiblichen Elternteils muss ebenfalls ausgehandelt und ausbalanciert werden.

Zeit und Raum für Ausprobieren, für Entwicklung und für eigene wie für gemeinsame Interessen lassen! Kommunikation, Verhandeln und Beteiligen ist wichtig für die erfolgreiche Bewältigung des Übergangs.

c) Ebene der Umgebung

Die Familie mit sozialem Vater muss sich auch innerhalb der erweiterten Verwandtschaft, des Freundeskreises und der Nachbarschaft oder der Arbeitskollegen und -kolleginnen etablieren. Hier kann ebenfalls nicht auf eindeutig definierte Erwartungen zurückgegriffen werden, die die Gestaltung der Beziehungen erleichtern würden. Es kann Erwartungen geben, dass der soziale Vater sich aus der Familie heraushalten soll, oder aber, dass er der „ideale“ engagierte Vater sein soll, „als ob“ er ein leiblicher Vater wäre. Offene Kommunikation und Konfliktlösung sind hier erforderlich. Hilfreich kann auch ein Kontakt zu anderen Familien mit vergleichbarer Struktur sein oder zu Selbsthilfegruppen, Männergruppen, Beratungsstellen, Familien- und Elternbildungsangeboten wie z.B. die Kurse „Starke Eltern – starke Kinder“ des Deutschen Kinderschutzbundes.

Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft erleichtert den Übergang.
 

Lesetipps

  • Fthenakis, W.E. u.a. (1999). Engagierte Vaterschaft. Opladen: Leske + Budrich
  • Fthenakis, W. E. & Minsel. B. (2002) Die Rolle des vaters in der Familie. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Griebel, W. & Niesel, R. (2004). Transitionen. Fähigkeiten von Kindern in Tageseinrichtungen fördern, Veränderung erfolgreich zu bewältigen. Weinheim: Beltz
  • Hoffmann-Riem, C. (1989). Elternschaft ohne Verwandtschaft: Adoption, Stiefbeziehung und heterologe Insemination. In R. Nave-Herz & M. Markefka (Hrsg.): Handbuch der Familien- und Jugendforschung. Bd. 1: Familienforschung. Neuwied: Luchterhand
  • Welzer, H. (1993). Transitionen. Zur Sozialpsychologie biographischer Wandlungsprozesse. Tübingen: edition discord
  • Wicki, W. (1997). Übergänge im Leben der Familie. Bern: Hans Huber

Autor

Wilfried Griebel, geb. 1951, Diplom-Psychologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Arbeitsschwerpunkte im Bereich der Familienforschung und der Frühpädagogik; zahlreiche Veröffentlichungen und Fortbildungstätigkeit

Kontakt

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Quelle

Der Beitrag erschien zuerst auf der Internetseite” Starke Väter! “ des Ministeriums für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung.
 

Erstellt am 10. Oktober 2008, zuletzt geändert am 08. Juni 2015