Regenbogenfamilien – Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften

Dr. Marina Rupp

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Kinder, die bei gleichgeschlechtlich orientierten Paaren aufwachsen, standen im Zentrum einer Untersuchung, die das Staatsinstitut für Familienforschung (ifb) im Auftrag des deutschen Bundesministeriums der Justiz durchführte und deren Ergebnisse nun veröffentlicht werden. Themen dieser Studie waren u.a. Herkunft, rechtliche Stellung und Entwicklung der Kinder, innerfamiliale Beziehungen und Aufgabenteilung, Übernahme von Elternverantwortung, Diskriminierungserleben sowie Erfahrungen mit dem Rechtsinstitut der Eingetragenen Lebenspartnerschaft und dessen Einschätzung.

Untersuchungsdesign

Methodisch setzt sich die Studie aus verschiedenen Bausteinen zusammen: Die Lebenssituation der Familien wurde mittels einer standardisierten CATI-Befragung von sozialen und leiblichen Eltern in Regenbogenfamilien abgebildet; diese Informationen wurden durch qualitative Interviews mit beiden Partner(inne)n von 14 Paaren ergänzt und vertieft. Zur Erhebung der Perspektive der Kinder wurde auf teilstandardisierte Interviews zurückgegriffen. – Die Kinderbefragung wurde vom Staatsinstitut für Frühpädagogik durchgeführt. Schließlich gaben 29 Expert(inn)en aus verschiedenen Professionen im Rahmen von leitfadengesteuerten persönlichen Interviews ihre Einschätzung und Erfahrungen wieder.

Stichprobe

Es wurden nahezu alle Eingetragenen Lebenspartnerschaften (N = 14.000) kontaktiert, über die Studie informiert und – sofern Kinder im Haushalt lebten – um Teilnahme an der Befragung gebeten. Bei den Paaren ohne Eintragung wurden Teilnahmeaufrufe über verschiedenste Medien und Multiplikatoren gestreut. Das Ergebnis zeigt deutliche Effekte des Zugangs: Von den insgesamt 1.059 Teilnehmer(inne)n repräsentieren 866 Befragte 625 Eingetragene Lebenspartnerschaften. Lebensgemeinschaften ohne Institutionalisierung sind jedoch nur durch 193 Personen aus 142 Paaren vertreten. Die Stichprobe der Eingetragenen Lebenspartnerschaften ist damit annähernd so groß wie die des Mikrozensus und für Deutschland weitestgehend repräsentativ. Über die Güte der kleinen Stichprobe von Eltern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften kann demgegenüber – auch in Ermangelung von verlässlichen Vergleichsdaten – wenig ausgesagt werden. Allerdings zeigen entsprechende Analysen, dass sich die beiden Teilstichproben nur geringfügig unterscheiden.

Familienkonstellationen

Eine zentrale Fragestellung bei dieser Zielgruppe ist die Entstehungsgeschichte der Regenbogenfamilie. Diesbezüglich ergibt sich – angesichts der geringen Häufigkeit der Familienform – eine bemerkenswerte Vielfalt, da sich verschiedene Differenzierungsmöglichkeiten anbieten. Zunächst stellt sich die Frage, ob es sich um ein leibliches Kind eines der Partner(innen) handelt oder nicht. Diesbezüglich zeigt sich, dass die weit überwiegende Mehrheit der 852 Kinder, die in den 767 Regenbogenfamilien aufwachsen, mit einem leiblichen Elternteil zusammen lebt. Nur 8% der Kinder kamen durch eine Adoption oder Inpflegenahme in diese Familien und wohnen somit nicht mit einem leiblichen Elternteil zusammen. Unterscheidet man weiterhin, in welcher Beziehungsform die Kinder geboren wurden, so ergeben sich für Kinder, die bei einem leiblichen Elternteil leben, zwei gleich große Gruppen: Rund die Hälfte stammt aus einer früheren heterosexuellen Partnerschaft bzw. Ehe dieses Elternteils. Die andere Hälfte wurde in der aktuellen gleichgeschlechtlichen Beziehung geboren, so dass es sich in aller Regel um von beiden Partner(inne)n gemeinsam gewünschte Kinder handelt. Abhängig von diesen divergenten Entstehungsgeschichten variieren die kindlichen Biografien und Erfahrungen ebenso wie die Beziehungen zu dem externen leiblichen Elternteil. Letztere nehmen eine Spannbreite von nicht existent bis zu gut und unterstützend ein.

Elternschaft

Regenbogenfamilien können eine gewünschte Elternschaft letztlich nicht „alleine“ umsetzen und sie verfügen nur über eingeschränkte Möglichkeiten, die Erziehungsverantwortung auch rechtlich gleichermaßen zu teilen, denn eine Stiefkindadoption durch den sozialen Elternteil setzt die Einwilligung des zweiten leiblichen Elternteils voraus. Aber selbst wenn im Falle von Inseminationskindern auf eine anonyme Samenspende zurückgegriffen wird, um dem sozialen Elternteil die Chance auf eine Stiefkindadoption zu eröffnen, bleibt die Elternschaft zunächst segregiert – anders als bei heterosexuellen Elternpaaren gibt es rechtlich keine selbstverständliche Zuordnung des Kindes. Dennoch, so zeigen die Ergebnisse, übernehmen die sozialen Eltern durchwegs ein hohes Maß an Verantwortung für die Kinder und die Beziehungen zwischen ihnen und dem Kind werden in mehr als neun von zehn Familien als freundschaftlich oder Eltern-Kind-Beziehungen bezeichnet. Die sozialen Eltern teilen sich die Aufgaben mit den leiblichen Eltern weitestgehend gleichmäßig auf und insbesondere in Fällen, in denen das Kind in dieser Beziehung zur Welt kam, nehmen sie keine Unterschiede zwischen ihrem eigenen Engagement und dem des leiblichen Elternteils wahr. Das Erziehungsverhalten gleichgeschlechtlicher Lebenspartner(innen) zeichnet sich durch Fürsorglichkeit und Zugewandtheit aus. Die Beziehung zum leiblichen Elternteil weist in dieser Untersuchung im Großen und Ganzen keine Unterschiede zu der in anderen Familienformen auf. Die Verbundenheit mit dem nicht-leiblichen Elternteil dagegen ist stärker als in den Vergleichsgruppen.

Die Beziehung des Kindes zum außerhalb der LP lebenden leiblichen Elternteil ist in den meisten Fällen positiv ausgestaltet. Drei Viertel der in Frage kommenden Kinder (mit einem solchen Elternteil, z.B. einem Ex-Partner/einer Ex-Partnerin des leiblichen Elternteils) haben Kontakt zu diesem. Der Anteil ist somit höher als bei anderen Trennungsfamilien. Die Mehrheit der Eltern unterstützt den Kontakt zwischen Kind(ern) und dem anderen Elternteil und erachtet ihn als wichtig. An der alltäglichen Erziehung des Kindes wirken die externen Elternteile in der Regel eher wenig mit. Ein Fünftel bis ein Drittel beteiligt sich in bestimmten Bereichen, doch rund ein Fünftel bringt sich in gleichem Maße wie die befragten Eltern ein.

Kindliche Entwicklung

Die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen unterscheidet sich in der Selbstbeurteilung – wie die Kinderteilstudie zeigt – kaum von Kindern und Jugendlichen aus Kern-, Stiefvater- und Mutterfamilien. Sie berichten über ein höheres Selbstwertgefühl, unterscheiden sich aber nicht in Bezug auf Depressivität, somatische Beschwerden und Aggressivität. Familiale Transitionen und Diskriminierungserfahrungen sind dann Risikofaktoren für die Anpassung der Kinder und Jugendlichen, wenn sie häufig auftreten und gleichzeitig die Beziehung zu den Eltern durch emotionale Unsicherheit gekennzeichnet ist. In der Hauptuntersuchung, in der die Eltern ihre Kinder hinsichtlich ihrer Entwicklung beurteilten, konnten Trennungs- und den Eltern bekannte Diskriminierungserfahrungen als Risikofaktoren gefunden werden. Inseminationskinder hingegen werden von ihren Eltern als unauffällig eingeschätzt. In Bezug auf die schulische Entwicklung lässt der überdurchschnittliche Anteil von Kindern auf weiterführenden Schulen überdurchschnittliche Abschlüsse erwarten. Dies steht vor dem Hintergrund überdurchschnittlicher Bildungsniveaus der befragten Eltern.

Diskiminierungen

Im Hinblick auf das Erleben von sozialen Diskriminierungen aufgrund der Familiensituation zeigt sich, dass die Mehrheit der Kinder bislang keine entsprechenden Erfahrungen gemacht hat. Soweit Diskriminierungserfahrungen vorliegen, handelt es sich überwiegend um Hänseleien und Beschimpfungen, seltener um andere Vorfälle wie z.B. Gewalt, die zumeist von Gleichaltrigen ausgehen. Die verschiedenen Erlebnisse werden als unterschiedlich belastend geschildert. Diese stellen dann einen Risikofaktor für die kindliche Entwicklung dar, wenn sie häufig auftreten und die Qualität der Eltern-Kind-Beziehungen dies nicht ausgleicht. Einen maßgeblichen Einflussfaktor für die Bewältigung bildet somit eine gute Eltern-Kind-Beziehung, die bei den befragten Familien in aller Regel vorhanden ist.

Ausblick

Die vorliegende Studie konzentriert sich auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern im Haushalt und hat hier eine Forschungslücke geschlossen. Forschungsdefizite bestehen jedoch auch hinsichtlich gleichgeschlechtlich orientierter Eltern, die nicht mit ihren Kindern zusammenleben – z.B. bezüglich der Gründe der Trennung und der Ausgestaltung der Eltern-Kind-Beziehung sowie in Bezug auf kinderlose Personen und Paare mit gleichgeschlechtlicher Orientierung. Hier sind u.a. der Kinderwunsch und diesbezügliche Realisierungsvorstellungen von Interesse. Diese Zielgruppen werden im Herbst 2009 im Rahmen einer Ergänzungsstudie befragt.

Autorin


Die Autorin Dr. Marina Rupp ist stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg.

E-Mail

Buch

  • Rupp, Marina (Hrsg.): Die Lebenssituation von Kindern in gleich-geschlechtlichen Lebenspartnerschaften, Bundesanzeigerverlag, Köln 2009. ISBN: 978-3-89817-807-5

Quelle

Dieser Artikel erschien in beziehungsweise, Ausgabe 12/2009.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung durch:
Österreichisches Institut für Familienforschung
Grillparzerstr. 7/9
A – 1010 Wien
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Erstellt am 25. Januar 2010, zuletzt geändert am 27. Oktober 2014