“Meine Stiefkinder lehnen mich ab!”

Prof. Dr. Hermann Giesecke

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Entweder kommen Stiefkinder in eine Familie nur ‘zu Besuch’, weil sich ihr Lebensmittelpunkt grundsätzlich z.B. beim anderen leiblichen Elternteil befindet. Dann nehmen sie durchaus Zeit und Aufmerksamkeit zumindest des leiblichen Elternteils in Anspruch und sind vielleicht ein stets einzuplanender Teil seines familiären Terminkalenders. Oder der Stiefelternteil lebt mit Partner und dessen leiblichen Kindern als Familie in einer gemeinsamen Wohnung und kann sich den daraus resultierenden Ansprüchen und Vorbehalten z.B. auch erzieherischer Art nicht entziehen. Stiefkinder und Stiefeltern können also aus mancherlei Gründen in eine für beide Seiten problematische Beziehung geraten, von der dann auch die Partnerschaft bzw. Familie allgemein betroffen ist. Zu empfehlen ist, die besondere sozio-emotionale Struktur dieser Familienformen zu akzeptieren, dabei aber auch das Eigenrecht der Partnerschaft zur Geltung zu bringen. Der Stiefelternteil kann sich z.B. nicht einfach als Vater bzw. Mutter präsentieren – schon gar nicht, wenn der betreffende leibliche Elternteil noch lebt – sondern muss seine besondere Rolle gegenüber den Stiefkindern finden und im Alttag entwickeln. Dafür gibt der Beitrag Hinweise.

Im Unterschied zu früheren Zeiten entstehen Stieffamilien heute weniger durch den Tod des Ehepartners und Wiederverheiratung des zurückbleibenden Partners als vielmehr durch Trennung oder Scheidung und die anschließende Aufnahme eines neuen Partners in die Restfamilie. Immer noch sind derart getrennte Familien überwiegend Mutterfamilien, weil die Kinder in der Regel bei der Mutter bleiben. Das Hinzutreten eines neuen Partners, also eines Stiefelternteils für die Kinder, wird von diesen nicht selten mit mehr oder weniger massiver Abwehr beantwortet. Deshalb ist es wichtig, diesen Schritt im Hinblick auf die Kinder gut vorzubereiten (siehe: “Wie führe ich einen neuen Partner… ein”).

Ausmaß und Motive der Abwehr können je nach Alter unterschiedlich sein. Jüngere Kinder machen im Allgemeinen wenig Schwierigkeiten. Ältere, vor allem pubertierende Kinder – die sich ohnehin mit den für sie zuständigen Erwachsenen auseinander setzen müssen – können in diesem Alter sogar dann wieder gegen den Stiefelternteil aggressiv werden, wenn sie ihn in den zurückliegenden Jahren eigentlich akzeptiert haben. Deshalb muss man zwischen einer Ablehnung, die tatsächlich der Person gilt, und einer anderen unterscheiden, für die die betreffende Person eher ein Anlass oder ein Vehikel ist. Nun gibt es derartige Schwierigkeiten im Prinzip in jeder Familie; in einer Stieffamilie jedoch können sie eine zusätzliche Bedeutung gewinnen, wenn man einige Besonderheiten dieser Familienform nicht ins Auge fasst.

Ein leiblicher Elternteil ist entweder verstorben oder – wovon wir hier ausgehen – lebt nicht mehr mit seiner ursprünglichen Familie zusammen, bleibt aber im Allgemeinen weiterhin seinen Kindern verbunden und ist vielleicht sogar gemeinsam mit dem anderen Elternteil sorgeberechtigt. Ferner beruht eine Stieffamilie von vorneherein auf einer Ungleichheit, weil es einen bereits bestehenden Familienkern gibt, zu dem eine weitere Person, der Stiefelternteil, hinzu tritt. Diese Ungleichheit muss akzeptiert und produktiv gestaltet werden, auch wenn sie auf die Dauer im Bewusstsein der Beteiligten und in Familienalltag immer bedeutungsloser werden sollte. Der Stiefelternteil kann deshalb die Position des abwesenden Elternteils nicht ersetzen, sondern muss eine andere, eigentümliche Beziehung zu seinen Stiefkindern aufbauen. Er ist nicht Vater bzw. Mutter. Ferner haben der leibliche Elternteil und der Stiefelternteil zwar gleiche Rechte und Pflichten im Hinblick auf das Zusammenleben in der Familie, aber die generelle Erziehungskompetenz bleibt beim leiblichen Elternteil. Nur wenn diese Unterschiede nicht kurzsichtig oder idealisierend ignoriert werden, lassen sich unnötige Schwierigkeiten mit den Stiefkindern vermeiden.

Zu unterscheiden ist zwischen unmittelbaren Stiefeltern, die mit den Stiefkindern in einer Familiengemeinschaft leben, und solchen, die nur mittelbar mit ihnen zu tun haben, weil sie Partner bzw. Partnerin des abwesenden Elternteils sind.

Mittelbare Stiefeltern

Mittelbare Stiefeltern sind primär nicht den Stiefkindern, sondern ihrem Partner verbunden und haben nur über ihn auch mit dessen Kindern zu tun, wenn diese zum Beispiel zu Besuch kommen. Schwierigkeiten können dadurch entstehen, dass der leibliche Elternteil, obwohl er nicht mit seinen Kindern zusammenlebt, seine Loyalität und seine Gefühle in irgendeiner Weise auf sie und seinen Partner aufteilen muss. Das kann leicht zur Eifersucht führen, zumal auch der eigene Zeitplan davon berührt ist. Wenn die Kinder zu Besuch kommen, stehen sie im Mittelpunkt; die Besuchszeiten werden teilweise von außen bestimmt; über die Kinder ist der ehemalige Ehepartner stets gegenwärtig. Oft entsteht auch der Eindruck, die Kinder würden wechselseitig als “Spione” benutzt. Jedenfalls müssen sie sich zunächst einmal daran gewöhnen, dass ihre Eltern, die vorher mit ihnen zusammen gelebt haben, nun getrennte Wege gehen – sogar mit einem neuen Partner. Der Stiefelternteil sollte diese Probleme verstehen und den Kindern gegenüber zurückhaltend, offen und ohne weiter gehende emotionale und erzieherische Ansprüche gegenübertreten. Wer einen Partner wählt, der bereits eigene Kinder hat, sollte sich darüber im Klaren sein, dass deren Existenz innerhalb der Beziehung zwischen den beiden Erwachsenen nicht ausgeblendet werden kann; es gibt den anderen nicht ohne seine Kinder – wie intensiv oder distanziert die Beziehung auch sein bzw. sich entwickeln mag.

Wenn die Kinder den mittelbaren Stiefelternteil ablehnen, muss es zu gemeinsamen Gesprächen darüber zunächst unter den Erwachsenen, dann auch mit den Kinder kommen. Dabei sind je nach Alter der Kinder die unterschiedlichen Bedürfnisse aufzugreifen: In welchen Punkten fühlen sich die Kinder durch die neue Situation benachteiligt, in welcher Hinsicht fühlt sich das erwachsene Paar durch sie gestört?

Bei allem Verständnis für die Kinder muss auch klar werden, dass das erwachsene Paar ein eigenes Recht auf die Gestaltung seines Lebens hat – grundsätzlich unabhängig von den Wünschen und Bedürfnissen der Kinder. Auf diesem Hintergrund sind vielerlei zu vereinbarende Regelungen für die Gestaltung des Alltags möglich. Dabei muss der leibliche Elternteil die erzieherische Führung übernehmen, der Stiefelternteil kann nur Regeln geltend machen, die aus dem unmittelbaren gemeinsamen Umgang etwa in der Wohnung resultieren. Dort sind die Kinder zu Gast und haben sich entsprechend zu verhalten. Emotionale Zurückhaltung zu Beginn lässt intensivere Beziehungen für die Zukunft offen.

Die Beziehungen des mittelbaren Stiefelternteils zu den Kindern des Partners sind von eigener Art, jedenfalls keine väterlichen bzw. mütterlichen, auch keine Ersatzbeziehungen, vielmehr kommen sie so in einer normalen Familie nicht vor und müssen deshalb von allen Beteiligten entdeckt und gestaltet werden.

Unmittelbare Stiefeltern

Für den unmittelbaren Stiefelternteil stellt sich die Lage teilweise anders dar. Er bzw. sie lebt mit den Stiefkindern rund um die Uhr in einer gemeinsamen Wohnung, kann sich also den daraus resultierenden Ansprüchen und Problemen nicht entziehen. Entscheidend ist, wie die eigene Person sich den Kindern im Haushalt und in Erziehungsfragen darstellt. Auch hier gilt zunächst einmal, dass das erwachsene Paar ein eigenes Recht auf sein gemeinsames Leben hat, das unabhängig von den Kindern existiert und sich nicht aus deren Willen und Bedürfnissen einfach herleitet.

Erziehungsansprüche kann der Stiefelternteil nur im Rahmen des gemeinsamen Haushaltes und des Zusammenlebens als gleichberechtigter Partner des leiblichen Elternteils geltend machen. Verfehlt wäre eine Familienvorstellung, die durch die Tatsachen nicht gedeckt sein kann. Der Stiefelternteil ist nicht Vater oder Mutter, zumal dann nicht, wenn der andere leibliche Elternteil noch lebt. Er ist im rechtlichen Sinne nicht erziehungsberechtigt, kennt die Kinder nicht seit deren Geburt, sondern ist erst später in deren Leben eingetreten. Der oft von Stiefkindern zu hörende Satz: “Du bist nicht meine Mutter!” , oder: “Du bist nicht mein Vater!” ist in der Sache berechtigt, woraus allerdings nicht gefolgert werden kann, dass aus dem gemeinsamen Leben sich ergebende erzieherische Weisungen nicht erfolgen dürften. Diese feinen Unterschiede müssen von Anfang an den Kindern gegenüber als gemeinsame Ansicht des erwachsenen Paares klargestellt werden, weil sonst der eine Erwachsene gegen den anderen ausgespielt werden kann.

Insbesondere Stiefmüttern fällt es oft schwer, die nötige emotionale Zurückhaltung aufzubringen. Das traditionelle mütterliche Rollenverständnis verführt sie leicht dazu, das Heft als Mutter und Hausfrau sofort in die Hand zu nehmen, anstatt sich gegenüber den Kindern abwartend und freundlich zu verhalten und ihnen zu überlassen, wie viel Nähe sie wünschen. Zudem steht sie unter dem Druck der sozialen Umgebung, sich möglichst schnell als perfekte, von den Kindern geliebte Mutter zu präsentieren.

In weit höherem Maße als der Stiefvater mit dem leiblichen Vater konkurriert die Stiefmutter mit der Mutter der Kinder. Lässt sie sich auf diese Konkurrenz ein, anstatt zu signalisieren, dass sie nur so viel Mütterlichkeit zu zeigen bereit ist, wie die Kinder von sich aus erwarten, sind Beziehungskrisen mit den Kindern wahrscheinlich.

Väter neigen zudem eher als Mütter dazu, ihren Partnerinnen die Verantwortung für die Kindererziehung und den Haushalt zu überlassen, sie also in die traditionelle Rolle zu drängen. Andererseits neigen Stiefmütter dazu, übertriebene Zuwendung zu den Kindern als Liebesbeweis für den Vater als ihren Partner zu verstehen.

Aber auch Stiefväter übertreiben oft ihre Rolle, wenn sie den Kindern gegenüber ein falsches Verständnis von Väterlichkeit präsentieren. Das zeigt sich oft daran, welche Anrede von den Kindern erwartet wird. Die Kinder sollten jedoch selbst entscheiden, wie sie den Stiefelternteil anreden wollen – am häufigsten ist wohl die Anrede mit dem Vornamen.

Charakteristisch für eine Stieffamilie ist, dass ein leiblicher Elternteil – wenn er nicht verstorben ist – außerhalb lebt, aber zumindest über die Kinder weiter in eigentümlicher Weise mit der Stieffamilie verbunden bleibt. Mit dieser Tatsache ist nicht immer leicht umzugehen, zumal wenn die früheren Partner noch emotional nicht ausgeräumte Probleme miteinander haben. Für die Akzeptanz des Stiefelternteils seitens der Kinder ist jedoch von großer Bedeutung, wie mit diesem abwesenden Elternteil in der Familie umgegangen wird. Gerade der Stiefelternteil sollte mit dafür sorgen, dass über den Abwesenden respektvoll und nicht diskriminierend in Gegenwart der Kinder gesprochen wird. Sonst würden sich die Kinder wohl gekränkt fühlen, zumal sie in diesen Fällen entweder den abwesenden Elternteil verraten oder zu seiner Verteidigung in Opposition zu ihrer Familie treten müssten. Ein entsprechendes Verhalten ist selbstverständlich umgekehrt auch vom abwesenden Elternteil zu erwarten, aber darauf hat die Stieffamilie wenig Einfluss.

Gerade der Stiefelternteil sollte unmissverständlich zu erkennen geben, dass er die frühere Rolle des nun abwesenden Elternteils nicht zu übernehmen gedenkt, dass er den Kindern vielmehr den Weg zu ihm nicht verbaut, sondern ihnen überlässt, welche Art von Beziehung mit welcher Intensität sie weiterhin zu ihrem abwesenden Elternteil pflegen wollen. Darauf haben sie schon deshalb ein Recht, weil die Scheidung oder Trennung nicht von ihnen ausgegangen ist. Andererseits muss aber auch klar bleiben, dass davon die Rechte und Pflichten der Kinder im Rahmen ihrer Familie als ihrem sozialen Lebensmittelpunkt nicht außer Kraft gesetzt werden dürfen.

Partnerschaft – Zentrum der Familie

Eine realistische Einschätzung der besonderen Situation von Stieffamilien und ein daraus resultierender Umgang mit den Kindern in Verbindung mit einem hohen Maß an Verständnis für sie können gewiss unnötige Schwierigkeiten mit dem Stiefelternteil verhindern, sie jedoch keineswegs ganz ausschließen. Deshalb ist als strategischer Gesichtspunkt wichtig, dass das Zentrum einer Familie die Partnerschaft der Erwachsenen sein muss. Die beiden Erwachsenen müssen sich klar darüber sein, was sie miteinander wollen, auch wenn die Kinder nicht bei ihnen leben würden. Für die Kinder ist die Familie lediglich ein Durchgangsstadium – sie werden sie in absehbarer Zeit verlassen; das erwachsene Paar hingegen wird – jedenfalls der Idee nach – weiterhin zusammen bleiben. Werden jedoch die Kinder zum Ausgangspunkt und Mittelpunkt der Partnerschaft erhoben, dann verblassen die Maßstäbe, an denen sich die Partner im Umgang miteinander und in ihrem Verhalten zu den Kindern orientieren können. Den Kindern geht es umso besser, je mehr sich die Partner in ihrer Beziehung wohlfühlen.
 

Literatur

  • Bien, W. u.a. (2002): Stieffamilien in Deutschland. Eltern und Kinder zwischen Normalität und Konflikt. Wiesbaden.
  • Bliersbach, G.(2000): Halbschwestern, Stiefväter, und wer sonst noch dazu gehört. Leben in einer Patchwork-Familie. Düsseldorf.
  • Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.) (1993): Beratung von Stieffamilien. Weinheim-München.
  • Giesecke, H.(1997): Wenn Familien wieder heiraten. Neue Beziehungen für Eltern und Kinder. Stuttgart.
  • Krähenbühl, V. u. a. (2000): Meine Kinder, deine Kinder, unsere Familie. Wie Stieffamilien zusammenfinden. Reinbek.

Autor

Hermann Giesecke, Dr. phil., ist em. Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik an der Universität Göttingen
 

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Erstellt am 13. Juni 2001, zuletzt geändert am 23. Oktober 2013