Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften

Ausgewählte Sozialstrukturen und gesellschaftliche Bedeutung dieser Familienform

Dr. Bernd Eggen, Dorothee Ulrich
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Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern sind vergleichsweise selten. Dennoch leben sie in ähnlich vielfältigen Familienstrukturen wie die große Anzahl der Kinder mit heterosexuellen Eltern. Auch eine weitere rechtliche Gleichstellung dürfte daran wenig ändern, dass gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern eine kleine Minderheit unter den verschiedenen Familienformen bleiben werden. Allerdings dürften homosexuell orientierte Mütter und Väter aufgrund ihres Rollenverhaltens und der Erziehung ihrer Kinder zu einer weiteren sozialen Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen beitragen und in dessen Folge Elternschaft im Allgemeinen und Mutterschaft und Vaterschaft im Besonderen verändern.

1. In welchen sozialen Strukturen leben die Kinder und Eltern?

Woher kommen die Informationen?

Zuverlässige Informationen über Kinder, die bei gleichgeschlechtlich orientierten Paaren aufwachsen, liefert in Deutschland seit 1996 vor allem der Mikrozensus. Er enthält einen umfangreichen Merkmalskatalog über 800 000 minder- und volljährige Personen und ist damit europaweit die größte repräsentative Bevölkerungsstichprobe. Sie wird jedes Jahr durchgeführt. Seit 2006 liegen auch Daten zu Kindern in eingetragenen Partnerschaften vor. Das Folgende beschreibt ausgewählte Sozialstrukturen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften und vergleicht – soweit sinnvoll – sie mit jenen von Kindern aus heterosexuellen nicht ehelichen und ehelichen Lebensgemeinschaften.

Seltene Familienform für Kinder, aber ähnlich vielfältig wie andere Familienformen

In Deutschland (2013) wohnen rund 77.700 Paare als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften zusammen; darunter 34.700 eingetragene Lebenspartnerschaften. Demgegenüber stehen ungefähr 17,6 Millionen eheliche Lebensgemeinschaften und rund 2,8 Millionen nicht eheliche Lebensgemeinschaften mit verschiedengeschlechtlichen Partnern. Damit sind 0,2 % der Paargemeinschaften bzw. 2 von 1000 Paargemeinschaften homosexuell. Die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften dürfte mit Blick auf ihre mögliche Verbreitung eine Untergrenze darstellen. Nach Schätzungen der amtlichen Statistik müssten es in Deutschland im Jahre 2008 etwa 186 000 gleichgeschlechtlich orientierte zusammenwohnende Partnerschaften gegeben haben.

Mindestens 7.300 Paarfamilien mit 10.800 Kindern

In mindestens 7.300 Familien mit gleichgeschlechtlich orientierten Eltern leben rund 10.800 Kinder, darunter 5.600 Kinder mit Eltern in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Bei jedem elften homosexuellen Paar leben also Kinder. Zum Vergleich: Bei heterosexuellen Paaren hat jedes dritte nicht eheliche und jedes zweite eheliche Paar Kinder. Diese Lebensformen haben also häufiger Kinder.

In Deutschland dürften jedoch wesentlich mehr Kinder bei gleichgeschlechtlich orientierten Eltern leben. Bei der vorliegenden Statistik bleiben die Kinder unberücksichtigt, deren Eltern sich im Interview nicht als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft zu erkennen gaben. Es fehlen zudem die Kinder, die mit ihrer homosexuellen Mutter oder ihrem homosexuellen Vater allein wohnen, also die Kinder von Alleinerziehenden. Und schließlich fehlen die Kinder von homosexuell orientierten Eltern, die weiterhin in einer ehelichen oder nicht ehelichen heterosexuellen Lebensgemeinschaft leben. Wer diese Sachverhalte und eine Unterschätzung von 60 % bis 65 % berücksichtigt, dürfte auf eine Zahl von etwa 27.000 bis 31.000 Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften kommen. Ungeachtet der tatsächlichen Zahl gibt es vergleichsweise nur sehr wenige Kinder, die in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft heranwachsen. Von den rund 18,6 Millionen Kindern in Deutschland ist es deutlich weniger als ein halbes Prozent. Die häufigste Familienform der Kinder bleibt die, in der die Eltern verschiedenen Geschlechtes und miteinander verheiratet sind.

Alter der Kinder

Vier von fünf Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften sind unter 18 Jahren, drei von fünf sind 14 Jahre und jünger. Damit ähnelt die Altersstruktur der von Kindern aus ehelichen heterosexuellen Lebensgemeinschaften. Dagegen sind Kinder mit nichtehelich zusammenlebenden heterosexuellen Eltern im Schnitt deutlich jünger.

Geschwister

Mehr als die Hälfte der Kinder homosexueller Paare hat ein oder mehr Geschwister, die auch in der Lebensgemeinschaft leben. Sie haben ähnlich häufig Geschwister wie Kinder nicht ehelicher heterosexueller Paare und deutlich seltener als Kinder ehelicher heterosexueller Paare.

Elternschaft

Woher kommen die Kinder? Aus den Daten des Mikrozensus lässt sich nicht ablesen, wodurch die Elternschaft der Kinder begründet worden ist – durch Insemination, Adoption, Pflegschaft oder eine heterosexuelle Beziehung des einen Elternteils. Ebenso bleibt das Ausmaß biologischer und sozialer Elternschaft im Unklaren. Die vorliegenden Studien berichten, dass bislang die meisten Kinder aus vorangegangenen heterosexuellen und zumeist ehelichen Beziehungen stammen. Die Mutter oder der Vater des Kindes ist geschieden, verwitwet oder verheiratet, aber wohnt nicht mehr bei ihrem bzw. seinem einstigen Ehepartner.

Auch in Deutschland hatten bislang etwas mehr als die Hälfte der Kinder bei homosexuellen Paaren einen nicht ledigen Elternteil. Die Mutter oder der Vater des Kindes war geschieden, verwitwet oder verheiratet, wohnte aber nicht mehr bei ihrem bzw. seiner ehemaligen Ehepartner/in. Dagegen lebte knapp die Hälfte der Kinder in Lebensgemeinschaften, in denen beide Partner ledig sind. Hier scheint in den letzten Jahren ein Wandel eingetreten zu sein. Eine eheliche heterosexuelle Lebensgemeinschaft geht immer seltener der Elternschaft homosexueller Frauen und Männer voraus; die Kinder stammen zunehmend aus nicht ehelichen Beziehungen. Die homosexuellen Eltern leben heute überwiegend in einer eingetragenen Partnerschaft.

Ungeachtet dessen dürften viele der Kinder homosexueller Eltern Trennungen und Scheidungen ihrer Eltern miterlebt haben. Und anders als bei Kindern heterosexueller Eltern kommt neben diesen bereits oft problematischen Erfahrungen noch das nicht selten mit Krisen und Konflikten beladene Coming-out des einen Elternteils hinzu, bei dem das Kind jetzt heranwächst. In Deutschland leben Kinder sowohl bei homosexuellen Müttern (90 %) als auch bei homosexuellen Vätern (10 %). In den letzten Jahren sind zwei Väter als Eltern sichtbar seltener geworden. Vor 12 Jahren bildeten noch in fast jeder zweiten Familie zwei Väter die Eltern.

Wohnortgröße

Nach den verschiedenen Studien leben die Kinder eher in größeren Städten. Die Eltern sind häufig schon älter und besitzen vergleichsweise oft einen höheren Bildungsabschluss. Für diese Ergebnisse können jedoch sowohl Stichproben- als auch kumulative Kontexteffekte ausschlaggebend sein, etwa, dass Personen mit höherer Bildung eher in großstädtischen Milieus wohnen, sich wahrscheinlicher zu ihrer sexuellen Identität offen bekennen und in Lebensgemeinschaften leben, in denen die Verantwortung für die Erziehung von Kindern nicht nur übernommen wird, sondern auch im “Schutz” dieser Milieus übernommen werden kann. In Deutschland wohnen Kinder homosexueller Paare überwiegend in Gemeinden bis 50.000 Einwohnern, also in kleineren Gemeinden. Sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von Kindern heterosexueller Paare. Die Kinder verheirateter Eltern leben etwas häufiger in kleineren Gemeinden und etwas seltener in größeren Städten.

Alter der Eltern

Die Kinder gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften haben Eltern, die im Schnitt 41 Jahre alt sind. Die Eltern von Kindern in nicht ehelichen heterosexuellen Lebensgemeinschaften sind mit 38 Jahren im Durchschnitt jünger. Älter sind verheiratete und zusammenlebende Eltern. Sie sind im Schnitt 45 Jahre alt.

Bildung der Eltern

Kinder gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften leben mit Eltern zusammen, die häufiger über einen höheren Schulabschluss verfügen als heterosexuelle Eltern. Eine allgemeine oder fachspezifische Hochschulreife besitzen 49 % der homosexuellen Eltern, 32 % der verheirateten Eltern und 31 % der nichtehelich zusammenlebenden Eltern.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die meisten Ergebnisse zur Organisation von Beruf, Haushalt und Kindererziehung in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften stützen sich auf Lebensgemeinschaften von zwei Frauen mit Kindern. Hingegen sind Untersuchungen über die Aufgabenverteilung in Lebensgemeinschaften von zwei Männern mit Kindern bislang rar. Gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern scheinen die Organisation von Beruf und Haushalt zeitlich und sachlich gleicher zu verteilen als verschiedengeschlechtliche Paare. Die Partner und Partnerinnen nehmen die Aufgaben eher entlang persönlicher Präferenzen und weniger nach geschlechtsspezifischen Rollenverteilungen wahr. Dies gilt wohl auch weit gehend für die Erziehung der Kinder. Allerdings gibt es auch empirische Hinweise auf mehr “traditionale” Muster der Art, dass in Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern der zumeist biologische Elternteil überwiegend die Erziehung des Kindes und Aufgaben im Haushalt übernimmt und der andere Elternteil vor allem erwerbstätig ist.

Wie weit geht also die Selbstdefinition als soziale Mutter oder sozialer Vater, wie verbreitet ist eine gemeinsame und gleichermaßen verteilte Erziehungsverantwortung bei homosexuellen Paaren mit Kindern? Was die amtliche Statistik zur Beantwortung dieser Fragen bislang beitragen kann, sind allenfalls gewisse Vorarbeiten. So fällt auf, dass die Partner und Partnerinnen gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterschiedlich verwirklichen. Bei den meisten Paaren (80 %) sind beide Eltern erwerbstätig. Dies ist häufiger als bei nicht ehelichen heterosexuellen Eltern (71 %) und bei verheirateten Eltern (66 %). Allerdings wachsen auch Kinder homosexueller Eltern in Familien heran, in denen nur ein Elternteil erwerbstätig ist. Diese unterschiedliche Aufgabenwahrnehmung ist in Familien homosexueller Mütter ebenso zu beobachten wie in Familien homosexueller Väter. Und hier unterscheiden sich doch homosexuell orientierte Eltern von heterosexuell orientierten Eltern. Denn in ehelichen, aber auch in nicht ehelichen heterosexuellen Lebensgemeinschaften ist, wenn nur ein Elternteil erwerbstätig ist, es überwiegend der Vater, also der Mann.

2. Künftig mehr gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern?

Unbestritten ist, dass homosexuelle Paare mit Kindern in der Gesellschaft stärker wahrgenommen und immer mehr akzeptiert werden. Ein Beleg dafür ist die zunehmende rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit verschiedengeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Deutschland mit Schweden, Belgien, den Niederlanden und Spanien bei der rechtlichen Gleichstellung gleichzieht. Fragt man nun nach der künftigen Bedeutung homosexueller Paare mit Kindern, so ist zwischen der quantitativen und qualitativen Bedeutung zu unterscheiden.

Ist durch eine Gleichstellung eine Zunahme gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften, auch mit Kindern, zu erwarten? Zunächst ist festzuhalten: Durch eine rechtliche Gleichstellung werden nicht mehr Menschen homosexuell. Rechtliche Reformen und eine weitere gesellschaftliche „Normalisierung“ gegenüber Homosexualität werden jedoch dazu führen, dass sich mehr Menschen zu ihrer sexuellen Orientierung auch öffentlich bekennen. Bestehende Partnerschaften werden vermutlich noch seltener verschwiegen, homosexuelle Frauen und Männer dürften seltener den Weg über eine heterosexuelle Partnerschaft nehmen und stattdessen eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft eingehen. Die in der amtlichen Statistik ausgewiesene Zahl wird sich deshalb der Wirklichkeit zunehmend nähern. Dennoch dürften gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften auch künftig eine vergleichsweise kleine Minderheit bleiben. Ebenso ist bei gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften mit Kindern wohl mit keiner erheblichen Zunahme dieses Familientyps zu rechnen, denn zwei gegenläufige Entwicklungen sind denkbar. Im Zuge einer weiteren öffentlichen und auch rechtlichen Normalisierung dürften sich einerseits mehr gleichgeschlechtliche Paare ihren Wunsch nach Kindern und Elternschaft auch erfüllen. Andererseits werden weniger homosexuelle Frauen und Männer eine heterosexuelle Partnerschaft eingehen und eine Familie gründen. : Ungeachtet davon, ob eine solche Elternschaft nun gewollt oder vor allem gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen versucht, ist es anzunehmen , dass es weniger gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften geben wird, deren Partner/innen und Kinder aus aufgelösten heterosexuellen Beziehungen kommen.

Der Weg zur Elternschaft über eine heterosexuelle Partnerschaft wurde bisher am häufigsten gegangen, und es ist offen, wie oft der direkte Weg über eine homosexuelle Partnerschaft beschritten wird, zumal eine Elternschaft für homosexuelle Frauen und Männer sozial und biologisch grundsätzlich schwieriger ist als für heterosexuelle Frauen und Männer. So sind rechtliche Hürden bei Pflegschaft, Adoption oder künstlicher Befruchtung zu überspringen; es ist ein sozialer, zeitlicher und sachlicher Aufwand erforderlich, der von den meisten heterosexuellen Frauen und Männern nicht in diesem Maße erbracht werden muss. Dies gilt besonders für homosexuelle Männer. Sie unterscheiden sich kaum in ihrem Kinderwunsch von heterosexuellen Männern. Nur jeweils eine Minderheit von ihnen scheint strikt gegen oder für Vaterschaft zu sein, die Mehrheit steht heute wohl ambivalent einer Vaterschaft gegenüber. Doch in den Folgen dieser ambivalenten Haltung unterscheiden sich heterosexuelle und homosexuelle Männer. Diese Ambivalenz führt bei heterosexuellen Männern oft doch noch zur Vaterschaft, bei homosexuellen Männern nicht zuletzt aufgrund der besonderen sozialen und biologischen Hürden eher zur bleibenden Kinderlosigkeit. Es ist deshalb durchaus möglich, dass sich der Anteil gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit Kindern an allen homosexuellen Lebensgemeinschaften sogar eher verringern wird.

3. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern als Ausdruck moderner Partnerschaft und Elternschaft

Anders als die weiterhin eher geringe quantitative Bedeutung homosexueller Paare mit Kindern, dürfte ihre qualitative Bedeutung für Familie im Allgemeinen sein. Homosexuelle Paare dürften in zweierlei Hinsicht für die Familie als soziales System der Gesellschaft bedeutsam sein. Erstens, der Wunsch nach rechtlicher Gleichstellung etwa in Form registrierter Partnerschaft reflektiert nichts anderes als die Bedeutung, die der Einzelne für das Leben des anderen hat. Mit anderen Worten: Mit der rechtlichen Gleichstellung erkennt man die Bedeutung von Primärbeziehungen an. Sie bekräftigt mithin traditionale Vorstellungen von Stabilität und Dauer in Partnerschaft und Familie. Zweitens: Ob man für oder gegen gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern ist, spielt zunächst keine Rolle. Schon die Diskussion über sie und dass in ihrem Verlauf immer mehr homosexuell orientierte Frauen und Männer in die Öffentlichkeit treten und dass in der Gesellschaft wahrgenommen wird, dass sie auch Mütter und Väter sind, wird Elternschaft im Allgemeinen und Vaterschaft und Mutterschaft im Besonderen verändern.

Ein heterosexueller Mann kann Vater werden und Erziehung und Haushalt der Frau überlassen. Ein homosexueller Vater kann das nicht. In Familien mit homosexuellen Eltern spielt das Geschlecht keine Rolle, wenn es darum geht, wer die Brötchen verdient und wer sie schmiert. Der eine Vater ist überwiegend für die Erziehung und den Haushalt zuständig, der andere für das Geldverdienen oder beide übernehmen die jeweiligen Aufgaben in gleichem Umfang. Nicht das Geschlecht bestimmt, sondern die Präferenzen der Eltern entscheiden darüber, wer bei homosexuellen Eltern was macht. Die Präferenzen bei homosexuellen Paaren sind abhängig von persönlichen Vorstellungen, von der Ausbildung des Einzelnen, von den jeweiligen Erwerbsmöglichkeiten und -notwendigkeiten, aber nicht vom Geschlecht. Indem homosexuelle Eltern dies leben und vorleben, tragen sie dazu bei, die soziale Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen zu verwirklichen.

Mutterschaft und Vaterschaft als soziale Sachverhalte

Auf den ersten Blick widersprechen homosexuelle Paare einer dominierenden Kultur der Zweigeschlechtlichkeit, allerdings nur dann, wenn die biologische Klassifikation von Mann und Frau auch soziale Unterscheidungen und Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit, Vaterschaft und Mutterschaft begründet. Doch weder für Partnerschaft noch für Familie ist die biologische Klassifikation zwingend. Die moderne Partnerschaft folgt der Leitdifferenz Liebe mit ihrer Präferenz für eine bestimmte Person, für eine exklusive, intime Sozialbeziehung zu zweit. Männlichkeit und Weiblichkeit, Kraft und Schönheit als geschlechtstypische Merkmale rücken dort in den Hintergrund, wo kochen und ins Büro fahren heute jeder kann, wo Männer- und Frauenrollen sich angleichen. Der Umgang mit Kindern, Nachbarn und Gästen orientiert sich nicht mehr an einer Leitdifferenz von Mann und Frau, sondern beruht auf der souveränen Verständigung des Paares. Auch im Familienleben gibt es Anzeichen für den Abbau derjenigen Asymmetrien, die den Sinn der Unterscheidung von Mann und Frau mit externen Referenzen angereichert haben. Die Primärverantwortung für Einkommen oder die Rollendifferenz beim Erziehen der Kinder befinden sich in Legitimationsschwierigkeiten. Außerdem fallen biologische und soziale Elternschaft zunehmend auseinander, und selbst für Elternschaft kann eine Person genügen. Nach den Grundsätzen einer gelingenden Erziehung brauchen Kinder zumindest eine Person, die sie um ihrer selbst willen liebt, also grundsätzlich weder zwei Personen, noch Vater und Mutter.

Elternschaft, Vaterschaft und Mutterschaft, Männlichkeit und Weiblichkeit interessieren als Erwartungen und Ansprüche, somit als soziale Sachverhalte, die sowohl unabhängig, als auch abhängig von biologischen Vorgaben sind. Doch wie wirken die biologischen Vorgaben, und inwieweit folgen sie dabei entlang der biologischen Unterscheidung von Mann und Frau?
Die Beziehungen zwischen biologischen und sozialen Sachverhalten sind strittig. Die wenigen Ergebnisse aus Studien über gleichgeschlechtliche Paare und homosexuelle Elternschaft lassen Folgendes vermuten: Weder eine androgyne Partnerschaft noch eine solche Elternschaft werden gelebt. Die Gleichheit des biologischen Geschlechtes des Paares, der beiden Eltern schließt asymmetrische Normen entlang von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Vaterschaft und Mutterschaft ein. Warum sollte es auch einem Paar oder Eltern verwehrt werden, sich auf ungleiche Aufgabenteilungen, auf Asymmetrisierungen von Initiativgepflogenheiten, auf traditionale Formen der Außendarstellung zu einigen, gerade weil die Differenz von Mann und Frau zählt und doch nicht zählt. Ein homosexuelles Paar mit Kindern ist dann ein Ort, an dem die Unterscheidung Mann und Frau modern ist, das heißt als Nichtunterscheidung praktiziert werden kann. Fehlten Kindern dann soziale Praktiken und Rituale, die besonders Männern oder Frauen zugeschrieben werden, und unterschieden sie sich dadurch von anderen Kindern, dürfte dieses Anderssein weniger ein Defizit als schlicht nur ein Unterschied sein.

Literatur

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Quelle

Aus: Eggen, B. (2010). Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften ohne und mit Kindern: Soziale Strukturen und künftige Entwicklungen. In: D. Funcke & P. Thorn (Hrsg.): Die gleichgeschlechtliche Familie mit Kindern (S. 37-60). Bielefeld, aktualisiert und gekürzt.

Autoren

Bernd Eggen, Dr. rer. pol., Diplom Soziologe (Univ.) und Diplom Sozialpädagoge (FH), arbeitet seit 1990 an der FamilienForschung Baden-Württemberg des Statistischen Landesamtes. Die derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind: Demografischer Wandel, Wandel der Lebensformen, Formen sozialer Ungleichheit. Eine Übersicht der Veröffentlichungen findet sich hier.

Dorothee Ulrich, Studentin der Sozialwissenschaften Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen in Fulda und Praktikantin in der FamilienForschung Baden-Württemberg des Statistischen Landesamtes.

Kontakt

Dr. Bernd Eggen
Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Familienwissenschaftliche Forschungsstelle,
Sozialwissenschaftliche Analysen
Postfach 106033
70049 Stuttgart
Telefon: 0711-6412953

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Erstellt im Dezember 2015