Du lebst in einer Stieffamilie

Lieselotte Wilk, Isabella Knall, Renate Riedler-Singer und Martina Gschwandtner

Kinder leben nach der Trennung ihrer Eltern oder dem Tod eines Elternteiles oft entweder bei ihrer Mutter oder ihrem Vater. Wenn die leiblichen Eltern dann neue Partner kennen lernen, ändert sich für die Kinder erneut das komplette Familiengefüge. Dieser Artikel richtet sich direkt an ältere Kinder und beschreibt, wie unterschiedlich sie die neue Situation in ihren Familien erleben. Dabei werden die Sorgen und Nöte der Kinder ernst genommen und Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Was heißt schon Stieffamilie…

Immer mehr Kinder leben in einer Familie wie deiner, nämlich einer Stieffamilie. Das sind solche Familien, in denen die Kinder mit einem leiblichen Elternteil (das ist die Mutter, die dich zur Welt gebracht hat, oder der Vater, von dem du abstammst) und einem Stiefelternteil (ein neuer Partner deines Vaters oder deiner Mutter) zusammenleben.

Stieffamilien entstehen deshalb heute recht häufig, weil sich Erwachsene öfter als früher trennen und beschließen, nicht mehr zusammenzuleben. Anschließend finden einer oder beide Elternteile neue Partner, mit denen sie nun zusammensein wollen. Dadurch bekommst du als Kind einen Stiefvater, eine Stiefmutter oder beides.

Die meisten Kinder verbringen den Großteil der Zeit in der neuen Familie ihrer Mutter, weil diese sie gesetzlich vertritt, pflegt und erzieht. Es gibt aber auch Kinder, die beim Vater bleiben. Das bedeutet, dass meist die Mutter für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder zuständig ist. Die Kinder, die auch mit ihrem zweiten Elternteil (das ist meist ihr Vater) Kontakt haben, leben auch von Zeit zu Zeit mit diesem oder mit seiner neuen Familie zusammen. Manche Erwachsene bezeichnen diese Familie als “Besuchsfamilie” , weil die Kinder hier nicht so viel Zeit verbringen. Beide Familien sind für die Kinder wichtig und werden als Stieffamilien bezeichnet.

Hast du nun eine neue Familie durch deine Mutter oder durch deinen Vater und hast du zu beiden Elternteilen Kontakt, so gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie du deine Familie siehst. Du kannst sie als zwei Familien, in denen du abwechselnd lebst, betrachten oder als eine große neue Familie.

So eine Familie wie deine hat einige Besonderheiten, die in diesem Text dargestellt werden. Nicht jede davon muss auf dich ganz so zutreffen. Wie es dir in deiner Familie geht, hängt stark davon ab, wie du mit diesen Besonderheiten zurechtkommst. Dieser Artikel soll dir einige Hinweise geben, was dir dabei helfen kann.

Deine leiblichen Eltern leben nicht zusammen

Dass du heute nicht mit deinen beiden leiblichen Elternteilen zusammenlebst, liegt daran, dass einer von beiden gestorben ist oder dass die Eltern sich getrennt haben. Möglicherweise weißt du noch genau, warum und wie das passiert ist. Es kann aber auch sein, dass du dich gar nicht mehr daran erinnern kannst oder dich immer noch nach den Gründen fragst. Die Trennung war die Entscheidung deiner Eltern, mit der du nichts zu tun hattest. Sie allein haben beschlossen, nicht mehr zusammen zu leben. Sie versuchten jedoch, es so gut wie möglich für dich zu richten.

Wenn Eltern sich trennen, ist das für Kinder immer schlimm. Vielleicht sehnst auch du dich nach der Zeit zurück, als ihr noch alle zusammen gelebt habt. Manche Kinder geben den Wunsch nicht auf, dass beide leiblichen Eltern wieder zusammen kommen. Dieser Wunsch ist zwar verständlich, wird aber nicht in Erfüllung gehen. Hört ein Kind nicht auf, sich an diesen Wunsch zu klammern, wird es ihm schwer fallen, mit seinem Stiefelternteil gut zurecht zu kommen und sich in seiner neuen Familie zuhause zu fühlen.

Folgendes kann es dir leichter machen, mit der Trennung deiner Eltern umzugehen:

  • Daran, dass deine leiblichen Eltern sich getrennt haben, trägst du keine Schuld. Möglicherweise ist es für dich immer noch wichtig zu erfahren, warum deine leiblichen Eltern nicht zusammen sind. Sei beharrlich, wenn du es wissen willst.
  • Auch wenn du dir diese ursprüngliche Familie wieder zurückwünscht, wird sich das nicht erfüllen lassen. Halte also nicht an diesem Wunsch weiterhin fest.
  • Es ist möglicherweise nicht einfach für dich, mit dieser Entscheidung deiner Eltern zu leben. Vielleicht ist dir alles zu schnell gegangen. Du möchtest die Umstellung nicht wahrhaben, bist wütend oder traurig und willst dich mit deinen Sorgen verstanden fühlen. Anfangs geht es vielen Kindern in deiner Situation so. Auch du brauchst Zeit, bis du in deiner neuen Familie die Vorteile erkennen kannst. Das ist ganz normal.
  • Es ist wichtig für dich, zu wissen, wie deine Eltern vor Gericht die Angelegenheiten, die dich betreffen, geregelt haben. Frag danach, wenn du es nicht genau weißt. So hast du auch die Chance, das, was für dich daran nicht passt, anzusprechen und gemeinsam mit deinen Eltern zu ändern.

Du hast vermutlich einige Zeit mit nur einem Elternteil zusammengelebt

Als deine leiblichen Eltern nicht mehr zusammen waren und du noch keine Stiefeltern hattest, warst du wahrscheinlich eine zeitlang mit nur einem Elternteil zusammen und hast den zweiten besucht.

Dieses Zusammenleben mit einem Elternteil alleine bedeutet für die meisten Kinder, dass sie eine ganz besondere Stellung einnehmen: Sie sind der wichtigste Mensch für den Elternteil. Das ist eine ziemlich große Verantwortung für ein Kind, weil der Erwachsene viele Dinge, die ihn beschäftigen (z.B. was gekauft werden soll, wie der Urlaub verbracht werden soll, was ihn bei der Arbeit belastet) mit ihm bespricht. Natürlich stellen sich die beiden zusammen lebenden Personen ganz besonders aufeinander ein und fühlen sich eng miteinander verbunden. Als Kind übernimmst du dabei eigentlich Aufgaben, die ein Erwachsener erfüllen sollte. Diese Zeit war für dich sehr wichtig, aber auch anstrengend.

Durch das Hinzukommen eines neuen Partners deines Elternteils änderte sich nun deine Stellung in der Familie. Du kannst ein wenig Verantwortung wieder an einen Erwachsenen abgeben. Besonders jene Kinder, die sich sehr bemüht haben, dass es dem Elternteil, mit dem sie alleine zusammenlebten, gut geht, haben es jetzt wieder viel leichter. Das bedeutet aber nicht, dass sie an Wichtigkeit verlieren, sondern nur, dass sie nicht mehr Aufgaben übernehmen müssen, die sie sogar überfordern können. Auch der neue Partner deines Elternteils kann Teile dieser Aufgaben übernehmen, und du kannst dich dann von diesen befreit fühlen.

Folgendes soll es dir leichter machen, mit den Veränderungen durch die Stieffamiliengründung umzugehen:

  • In der Zeit mit einem Elternteil alleine hast du möglicherweise Aufgaben erfüllt, die sonst Erwachsenen zukommen. Auch wenn du heute vielleicht das Gefühl hast, nicht mehr so gebraucht zu werden, bist du für deinen Elternteil noch genau so wichtig wie damals.

Ein neuer Erwachsener ist in dein Leben gekommen

Einer deiner leiblichen Elternteile ist jetzt wieder mit einem Partner zusammen. Diese Person ist nicht irgendein Erwachsener für dich, sondern jemand, der dein Leben mitbestimmt. Anfangs ist dieser für alle Kinder, die in einer solchen Situation sind wie du, jemand, den man nicht kennt. Dies ist vermutlich für dich schwierig. Dein Stiefelternteil hat ebenso wie jede andere Person, der du nahe stehst, Seiten, mit denen du zurechtkommst, und solche Seiten, die du nicht so gerne hast. So erleben zum Beispiel manche Kinder einerseits ihren Stiefvater als jemanden, der sehr lustig sein kann, viel mit ihnen unternimmt und überall hilft. Nicht so gerne sehen sie andererseits am Stiefvater, dass sich dieser zu viel in ihr Leben einmischt, streng, ungerecht oder launenhaft ist.

Kinder erleben ihre Stiefeltern sehr verschieden. Für manche ist der Stiefelternteil vorwiegend der Partner des leiblichen Elternteils, für manche ein Freizeitkamerad. Andere wiederum sehen ihn als einen wichtigen Gesprächspartner oder einen guten Freund. Es kann aber auch sein, dass der Stiefelternteil für das Kind ein zweiter Vater oder eine zweite Mutter, aber auch ein Ersatzvater oder eine Ersatzmutter ist.

Es braucht viel Zeit, bis du und dein Stiefelternteil einander kennen und euch verstehen lernt. Vielleicht findest du deinen Stiefelternteil von Anfang an sympathisch. Dann wird es dir leichter fallen, ihn zu akzeptieren und Ratschläge und Erziehungsversuche von ihm anzunehmen.

Es kann aber auch sein, dass du sein Verhalten gar nicht leiden kannst. Wenn dies der Fall ist, wird es für dich schwieriger sein, mit ihm zu leben.

Vielleicht hast du im Grunde nichts gegen den neuen Stiefelternteil und lehnst diesen dennoch ab, weil du möchtest, dass deine leiblichen Eltern wieder zusammenkommen.

Wie du siehst, ist es normal, dass es dir entweder ein wenig schwerer fällt, dich mit deinem Stiefelternteil anzufreunden, oder aber, dass es dir ein bisschen leichter gelingt.

Folgendes soll es dir leichter machen, mit deinem Stiefelternteil zurechtzukommen und miteinander gut zu leben:

  • Es gibt nun eine neue wichtige Person in deinem Leben, und du solltest versuchen, mit dieser auszukommen. Lass dir Zeit, sie kennen zu lernen.
  • Du brauchst deinen Stiefelternteil nicht von vorneherein mögen, aber du musst ihn als neues Familienmitglied sehen.
  • Es ist durchaus normal, dass du an deinem Stiefelternteil, wie an jeder Person, manche Seiten magst und dich andere nerven.
  • Wenn du Schwierigkeiten damit hast, wie sich dein Stiefelternteil dir gegenüber verhält, so ist es wichtig, dass du das in deiner Familie sagst, und ihr das in Ruhe besprecht.
  • Durch deinen neuen Stiefelternteil hast du die Möglichkeit, Neues kennenzulernen, Hobbys und Interessen zu teilen. Versuche, diese Möglichkeit zu nützen.

Ein neues Familienleben entwickelt sich

Seit du mit deinem leiblichen Elternteil und deinem Stiefelternteil zusammenlebst, ist um dich eine neue Familie entstanden. Alltägliche Dinge, wie die Zeit füreinander, Unternehmungen und die Wohnsituation ändern sich und müssen miteinander ausgemacht werden. Das bedeutet, dass du auf einiges verzichten und manches teilen musst. Dabei ist es wichtig, dass die Interessen aller, also auch deine, berücksichtigt werden. Es kann sein, dass es dir in der ersten Zeit nicht so leicht fällt, deine neue Familie zu sehen, wie sie jetzt ist, und du dich in dieser kaum zurechtfindest. Auf jeden Fall haben Kinder Erwartungen an ihre neue Familie: geliebt zu werden, sich sicher zu fühlen, Hilfe zu erhalten und umsorgt zu werden. Solche Erwartungen sind bei allen Familien zu finden, und es ist in deiner Familie ebenso wie in jeder anderen Aufgabe der Erwachsenen, diese Erwartungen der Kinder zu erfüllen.

Dein leiblicher Elternteil hat möglicherweise durch die neue Partnerschaft nicht mehr so viel Zeit für dich wie früher. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dich dieser nicht mehr so lieb hat wie zuvor. Es ist einfach nur eine weitere wichtige Person in das Leben deiner Mutter oder aber auch deines Vaters getreten.

Ob du dich in deiner Familie wohl fühlen kannst, hängt wesentlich davon ab, wie du und dein Stiefelternteil zurecht kommen. Ist es euch gelungen, euch näher zu kommen, so wird es dir leichter fallen, dich in deiner neuen Familie wohl zu fühlen. Es kann aber auch sein, dass du und dein Stiefvater euch überhaupt nicht versteht, was dazu führen wird, dass es in deiner Familie immer wieder zu Streitereien kommt.

Nun gibt es auch Kinder, bei denen sich die Familie nicht nur durch den Stiefelternteil verändert, sondern sich noch zusätzlich durch Geschwister erweitert. Es kann sein, dass dein Stiefelternteil selbst leibliche Kinder hat oder aber, dass die beiden (Elternteil und Stiefelternteil) ein gemeinsames Kind bekommen. So hast du auf einmal neue Geschwister, und es ist durchaus normal, dass diese neue Situation dir Angst macht. Möglicherweise bist du auf dieses Kind eifersüchtig. Doch es kann auch sein, dass du dich über dein Geschwister freust oder dass es dir gefällt, nun mit mehreren Kindern zusammen zu sein.

Einige Kinder finden sich in ihren neuen Familien sehr rasch zurecht, andere wiederum brauchen etwas länger, um mit der ungewohnten Situation umzugehen.

Folgendes soll es dir leichter machen, dich in deiner Familie wohl zu fühlen:

  • Weil einer deiner Elternteile jemand wichtigen für sein Leben gefunden hat, bedeutet das nicht, dass du ihn nun “verlierst” . Du hast vielmehr eine neue Familie mit einem zusätzlichen Erwachsenen gewonnen.
  • Du hast das Recht, dein neues Familienleben mitzugestalten. Damit alle sich wohl fühlen können, ist es wichtig, eigene Wünsche und Ängste den anderen mitzuteilen.
  • Wenn du das Gefühl hast, dass einer der Erwachsenen nun zu wenig Zeit für dich hat, dann sag ihm das. Vereinbart gemeinsam Zeiten, wo ihr alleine etwas macht.
  • Neue Geschwister können dein Leben abwechslungsreich machen. Zusätzliche Geschwister bedeuten nicht immer nur “teilen” und ein “sich einschränken” müssen. Von älteren Geschwistern kannst du viel lernen, Gleichaltrige sind Verbündete und gute Kumpel, und jüngere Geschwister brauchen deine Unterstützung.

Einer deiner leiblichen Eltern lebt nicht mit dir zusammen

Kinder können die Situation, in der du bist, nämlich dass einer der leiblichen Elternteile nicht mit ihnen zusammen wohnt, sehr unterschiedlich erleben. Manche Kinder kennen diesen anderen Elternteil gar nicht, da sie noch sehr klein waren, als ihre Eltern auseinander gingen, und sie diesen Elternteil dann nie mehr gesehen haben. Einige von diesen vermissen ihn kaum oder gar nicht, für sie ist der Stiefelternteil zum “richtigen” Vater oder zur “richtigen” Mutter geworden. Andere Kinder aber finden es unfair von ihrem zweiten Elternteil, dass er sich überhaupt nicht für sie interessiert, sie möchten mehr von ihm wissen oder ihn kennenlernen. Für die meisten Kinder nämlich ist es wichtig, dass sie beiden leiblichen Elternteilen etwas bedeuten, da sie ja ihre Kinder sind. Hat das Kind das Gefühl, dass es einem Elternteil gleichgültig ist, so ist es oft sehr enttäuscht, mitunter auch traurig oder wütend.

Ist es einem Kind möglich, seinen außerhalb lebenden Elternteil regelmäßig zu treffen und mit diesem beisammen zu sein, so genießen die meisten Kinder diese Zeit. Es wird viel gemeinsam unternommen, und die Kinder haben das Gefühl, dass auch dieser Elternteil für sie da ist und sie ihm wichtig sind. Den meisten Kindern ist die Zeit, die sie mit diesem Elternteil verbringen, zu kurz, sie möchten öfters und länger zusammen sein. Aber die Wohnentfernung, der Beruf des Elternteiles, die Schule des Kindes oder die eigenen Freizeitaktivitäten machen dies nicht möglich.

Für die meisten Kinder ist das Zusammensein mit ihrem zweiten Elternteil einfach schön. Wenn ein Elternteil den anderen aber ständig kritisiert und ihn schlecht macht, wenn es von einem über den anderen ausgefragt wird, oder wenn es in Konflikte hineingezogen wird, ist das schlimm. Auch, wenn Versprechungen, insbesondere über Treffen, nicht eingehalten werden, oder wenn das Kind das Gefühl hat, dass der Elternteil eigentlich keine Zeit übrig hat und das durch Geschenke wettmachen will, wird sich ein Kind nicht so daran freuen können, wenn es mit dem außerhalb lebenden Elternteil zusammen ist.

Auch wenn du als Kind das Recht auf die Zeit und das Beisammensein mit deinem zweiten leiblichen Elternteil hast, bedeutet dies nicht, dass er dir allein gehört. Dieser muss und wird sein eigenes Leben führen. Findet er möglicherweise einen neuen Partner und lebt vielleicht auch mit dessen Kindern zusammen, kann dies dazu führen, dass du fürchtest, nicht mehr wichtig zu sein und deinen Elternteil nicht mehr ganz für dich zu haben. Diese Angst ist verständlich, und es wird sich vielleicht wirklich manches verändern. Vielleicht findest du aber in dem neuen Partner deines Elternteils jemanden, der dich versteht und mit dem du verschiedenes unternehmen kannst.

Folgendes soll dir dabei helfen, damit zurechtzukommen, dass einer deiner leiblichen Elternteile nicht mehr mit dir zusammenlebt:

  • Auch wenn du keinen Kontakt zu deinem zweiten Elternteil hast, kann es für dich wichtig sein, zu wissen, wer er ist und wie er lebt. Das wird vielleicht der Elternteil, mit dem du zusammen lebst, (oder eine Tante, ein Onkel oder deine Großeltern) wissen.
  • Wenn du in Kontakt mit deinem außerhalb lebenden Elternteil stehst, solltest du die gemeinsame Zeit dazu nutzen, mit ihm etwas zu unternehmen. Konflikte zwischen deinen Eltern sollten das Zusammensein nicht belasten. Am besten, du hältst dich heraus, versuchst nicht, zu vermitteln oder die Botschaften zwischen deinen Eltern hin und her zu tragen. Wenn sie sich etwas zu sagen haben, müssen sie das selber tun.
  • Auch wenn dir die gemeinsam mit deinem zweiten Elternteil verbrachte Zeit zu kurz vorkommt, macht jedenfalls das Beste daraus. Möglicherweise gibt es auch einen Weg, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Überlege gemeinsam mit deinen Eltern, wie das möglich sein könnte.

Du hast meist zwei Familien und mehrere Elternpersonen

Wenn du abwechselnd in zwei verschiedenen Familien lebst, ist das nicht ganz leicht für dich. Jede Familie entwickelt ihre eigenen Gewohnheiten, hat eigene Regeln dafür, was erlaubt und was verboten ist und was von Kindern erwartet wird. Du musst einmal lernen, welche Regeln wo gelten, und musst dich dann immer umstellen, wenn du von einer Familie wieder in die andere kommst. Zudem wird es dir nicht immer einsichtig sein, warum etwas hier erlaubt und dort verboten ist. Auch wenn es dir möglich ist, die jeweiligen Regeln mit auszuverhandeln, wirst du dich neu anpassen müssen, um in den beiden Familien gut zurechtzukommen.

In zwei Familien zu leben bringt aber auch eine Reihe von Vorteilen. So können zum Beispiel Geburtstage zweimal gefeiert werden. Du hast die Möglichkeit, Unterschiedliches kennenzulernen und auszuprobieren. Du siehst vielleicht mehrere Formen, wie mit Konflikten gut umgegangen werden kann, oder du lernst verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung kennen.

Die meisten Kinder, die so wie du in einer Stieffamilie leben, fühlen sich meist beiden Familien der leiblichen Eltern zugehörig und akzeptieren, dass sie mehr als zwei Elternteile haben. Erwachsenen fällt es jedoch häufig schwer, sich vorzustellen, wie Kinder mit dieser Situation zurechtkommen. Kinder aber lösen das Problem meist so, dass sie den einzelnen Elternteilen jeweils bestimmte Aufgaben zuteilen und dass jeder auf eine andere Art und Weise für sie bedeutend und wichtig ist. Ausschlaggebend für das Kind dabei ist, dass alle Erwachsenen damit einverstanden sind und dem Kind erlauben, dass es alle Elternteile so gern haben kann und darf wie es möchte.

Aber auch Kindern selbst fällt es manchmal schwer, alle Elternteile gleichzeitig zu mögen. Manchen erscheint es wie ein Verrat an ihren leiblichen Eltern, wenn sie ihren Stiefvater toll finden oder ihre Stiefmutter als eine liebe, sympathische Frau erleben. Einen Stiefelternteil auch mögen, heißt nicht, den leiblichen Elternteil deshalb weniger gern zu haben. Kinder haben aber häufig Angst, dass dies von ihrem leiblichen Elternteil so aufgefasst wird, und fürchten, ihn damit zu verletzen. Dann ist es schwierig zu zeigen, was du denkst und fühlst.

Kinder sind mitunter auch zwischen ihren leiblichen Elternteilen hin- und hergerissen, und das ist für ein Kind sehr schlimm. Es weiß dann nicht, mit wem es sprechen kann, ob es zu einem Elternteil halten muss oder ob es beide gern haben und beiden vertrauen kann. Dies wird insbesondere dann der Fall sein, wenn ein Elternteil nicht will, dass es mit dem anderen beisammen ist, wenn einer den anderen schlecht macht, oder wenn das Kind für einen Elternteil und gegen den anderen Partei ergreifen soll. Für ein Kind sind eben alle Elternteile wichtig, und es möchte vielleicht alle um sich haben.

Folgendes soll dir dabei helfen, mit zwei Familien und mit mehreren Elternpersonen zu leben:

  • Wenn du gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Familien lebst, musst du dich auf die jeweiligen Erwartungen einlassen. Du konntest dir deine Familien nicht aussuchen, hole dir aber in jeder Familie das, was dir in ihr besonders gefällt.
  • Kindern steht es zu, von allen Elternpersonen Zuwendung, Zeit und Fürsorge zu bekommen und jedem eine bestimmte Rolle in seinem Leben zuzuteilen. Manchmal ist es schwierig, das durchzusetzen, und es wird notwendig sein, darüber zu sprechen.
  • Es darf nicht von dir verlangt werden, dass du dich für einen Elternteil und gegen einen anderen entscheiden musst. Du darfst alle Elternteile gern haben, wenn sie für dich wichtig sind, selbst wenn es Erwachsenen schwer fällt, das auch so zu verstehen.

Quelle

Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen (Hrsg.): Du lebst in einer Stieffamilie. Einige Anregungen und Hilfestellungen, wie du mit den Besonderheiten deiner Familie am besten umgehen kannst. Wien: Selbstverlag 2001, S. 8-28

Weitere Informationen

Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen
Abteilung V/7
Franz Josefs-Kai 51
A – 1010 Wien

Tel.: 01/71100-3330
 

Erstellt am 18. Dezember 2001, zuletzt geändert am 8. März 2010