Die Rolle der Mutter in der Stieffamilie

Prof. Verena Krähenbühl

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Was häufig nicht beachtet wird: Die Rolle der Mutter, die mit ihren Kindern und einem neuen Partner zusammenlebt, ist deutlich komplexer als diejenige der Mutter in einer Kernfamilie, einflussreich, aber auch gefährdet.

I. Wenn die Kinder die meiste Zeit bei der Mutter leben

Einführung

Bedarf die Rolle der Mutter in der Stieffamilie überhaupt einer ausführlichen Beschreibung? Ist nicht jede Mutter einfach eine Mutter und ihre Rolle von vornherein klar vorgegeben? Für die Stieffamilie trifft dies nicht zu! In der Stieffamilie ist die Position der Mutter anders als in der sogenannten “Kernfamilie”, in der beide Elternteile mit ihren Kinder im gleichen Haushalt und unter einem Dach zusammen wohnen.

Die Position der Mutter in Stieffamilien

In der Stieffamilie, in der die Mutter die meiste Zeit mit den Kindern an einem Ort und in der der Vater der Kinder woanders lebt, ist die Mutter die einzige erwachsene Person, die zu den zwei “Subsystemen” der Stieffamilie gehört – nämlich sowohl zur nunmehr getrennt lebenden Familie als auch zu der neuen Familie mit dem neuen Partner und ihren Kindern. Die Mutter ist in diesem Netzwerk also das entscheidende Bindeglied zwischen den getrennt lebenden Eltern und hat so einen großen Anteil daran, dass sich die Kinder “unter zwei Dächern” gut entwickeln können. Zudem kann sie durch ihre besondere Stellung ihren Kindern und ihrem neuen Partner helfen, eine gute und tragfähige Beziehung untereinander aufzubauen. Eine solche Rolle und Aufgabe bietet der Mutter in der Stieffamilie viele Chancen, bringt aber auch viele Schwierigkeiten mit sich.

Die Mutter gerät aufgrund dieser besonderen Stellung häufig zwischen zwei Stühle und erlebt sich zwischen zwei “Parteien“, wie nachstehende Beispiele zeigen.

  • “Du hast mir nichts zu sagen “, schreit Leon seinen Stiefvater im Zorn an. Stefan, der Stiefvater, hatte seinem Stiefkind befohlen, den Mittagstisch abzuräumen. Stefan ist tief getroffen und beleidigt. Was kann die Mutter, nennen wir sie Lisa, hier tun? Wahrscheinlich wird sie Leon wegen des heftigen Zornausbruchs zurechtweisen. Sie wird ihm erklären, dass sein Stiefvater das Recht habe, ihm in den alltäglichen Dingen Aufgaben zu geben, weil dies so vereinbart sei. Könnte es jedoch sein, dass Leon in Stefans Stimme die Aussage heraus gehört hat, dass nun er, Stefan, in diesem Haus das Sagen habe und an die Stelle von Leons Vater getreten sei? Wie kann Lisa dies aufgreifen? Wenn sie dann auf Stefan zugeht, um ihn aufzurichten, kann dies Leon als Parteinahme gegen sich empfinden.
  • Mike, der Vater des gemeinsamen Kindes Leon, hat am Wochenende bei ihm negativ über seine frühere Frau, Leons Mutter gesprochen. Das belastet Leon. Als er von seinem Vater zurückkommt, erlebt die Mutter einen veränderten Jungen. Leon weicht seiner Mutter aus. Erst nach längerem Nachfragen erfährt sie, was ihn bedrückt. Sie versucht mit ihm zu reden, ihm ihre Sicht der Dinge darzustellen und seine Fragen zu beantworten, um das gegenseitige Vertrauen wieder herzustellen. Sie ist bemüht, Leons Vater nicht als Lügner hinzustellen oder ihn schlecht zu machen. Später am Abend ruft sie Mike an und macht ihm klar, dass er Leon nicht mit Dingen belasten darf, die aus ihrer früheren Partnerschaft herrühren. Mitglieder der Stieffamilie (aber nicht nur sie!) tun gut daran, nicht über abwesende Personen zu sprechen. Getrennt lebende Eltern haben im Besonderen die Aufgabe, genau zu unterscheiden zwischen der Paarebene, die nicht mehr besteht, und der Ebene der Familie, die sie getrennt weiterführen.
  • Lisa wünscht sich, dass Stefan, ihr neuer Partner, mit Leon mehr unternimmt und ihn vor allem mehr beachtet. ”Geh doch mal mit Leon auf den Fußballplatz. Leon möchte so gern auch mal mit dir etwas unternehmen.“ Stefan empfindet diesen Wunsch von Lisa als Kritik und zieht sich zurück. Lisa spürt diesen Rückzug und weiß nicht, wie sie reagieren soll.
  • Der getrennt lebende Vater Mike kommt mit dem Wunsch auf Lisa zu, Leon häufiger bei sich haben zu wollen. Dass Leon wie bisher nur jedes zweite Wochenende bei ihm lebt, ist ihm zu wenig. Lisa dagegen hat zu diesem Zeitpunkt den Eindruck, dass Leon mit der bisherigen Regelung gerade erst Stabilität und Geborgenheit gefunden hat. Wie kann sie die Bedürfnisse beider ”Seiten“ zusammenbringen? Wie soll sie sich verhalten?
  • Als Mike, der getrennt lebende Vater, erfährt, dass Stefan, der neue Partner seiner geschiedenen Frau Lisa, in ihre Wohnung eingezogen ist, reagiert er verstört. Er befürchtet, dass er seinen Platz bei Leon verlieren könnte, wenn nun ein neuer Mann in die Familie kommt. Lisa erzählt: ”Als ich dies spürte, sagte ich zu Mike: ´Der Stefan ist der Stefan, mein neuer Partner. Du kannst dich darauf verlassen: Du bleibst Leons Vater!´ – Ich glaube, das hat ihm gut getan. Aber es genügt nicht, das einmal zu sagen. Ich muss da immer wieder nachhaken und klären. Andererseits muss ich Stefan zureden, dass Leon ein Recht hat, seinen Vater zu sehen. Stefan stört es, dass die Planung unseres Alltags dadurch beeinflusst wird und wir Rücksicht nehmen müssen auf die Zeiten, die für den Besuch von Leon bei seinem Vater reserviert sind. Sehr schnell beginnt dann zwischen diesen Männern ein Konkurrenzverhalten, das mich wiederum herausfordert, Stellung zu nehmen.”

Die Rolle der Mutter

Die Position der Mutter “dazwischen” ist sehr einflussreich. Die Mutter kann zwischen allen Seiten vermitteln, ausgleichen und ihre besondere Stellung für den notwendigen Kontakt untereinander nutzen. Gleichzeitig ist diese Position aber auch belastend, ja manchmal überfordernd. Immer wieder muss die Mutter genau hinschauen, eine Situation analysieren und die Fakten sortieren: Geht es jetzt um eine Entscheidung, die zwischen dem Vater des gemeinsamen Kindes und ihr getroffen werden muss? Dann muss der Stiefvater zurück stehen. Oder geht es um eine Angelegenheit, die die neue Familie betrifft? Dann hat der frühere Partner damit nichts zu tun und muss sich aus der Situation heraushalten.

Die Aufgaben und Herausforderungen in dieser Rolle

Die Mutter steht somit vor der Herausforderung, klar zu unterscheiden und deutliche Grenzen zu setzen, Klarheit hinsichtlich der Aufgaben und Rollen zu schaffen und zugleich die Mitglieder der Stieffamilie miteinander in Kontakt zu bringen. Und bei all dem bleibt die Aufgabe, das Ganze, die oftmals komplizierte Familienkonstellation, im Auge zu behalten.und lebbar zu machen.

Die Gefühlslage von Müttern in Stieffamilien

Vermitteln ist oft ein undankbares Geschäft. Wer achtet schon darauf, wie es der Person geht, die sich zwischen zwei Streithähne stellt oder die versucht, zwei Parteien zusammenzubringen – wie dies die Mutter in der Stieffamilie als ihre Aufgabe wahrnimmt? Wo bleiben ihre Wünsche und Bedürfnisse? Sie versucht, beide Seiten zu verstehen und ihnen viel Sympathie entgegenzubringen. Sie kann die Ängste aufnehmen und wenn nötig auch abbauen. Aber wer nimmt ihre Ängste auf, gerade wenn ihr die Verantwortung verständlicherweise wieder einmal über den Kopf wächst? Die Erfahrung zeigt, dass Selbsthilfegruppen ein Ort sein können, wo sich Mütter Rat und Unterstützung in ihrer Rolle holen können. Falls dies nicht ausreicht, dann sollte sich die Mutter nicht scheuen, fachliche Hilfe anzunehmen im Wissen darum, dass nicht sie es ist, die schwierig ist, sondern dass ihre Situation schwierig ist.

Die gefährliche Macht der Mutter

Die Position der Mutter, die nach allen Seiten hin vermittelt, unterstützt, Hilfe anbietet und klare Regeln anstrebt, ist zugleich auch eine gefährliche Position. Lisa drückt dies so aus: “Ich vermittle zwischen allen und versuche, alle miteinander zu verbinden. Aber ich habe gemerkt, dass ich Mikes Einfluss auch begrenzen kann.” Mütter haben es in der Hand, die als “schwierig” empfundenen Väter auszugrenzen und die Kontakte zwischen ihnen und den Kindern zu unterbinden oder zumindest einzuschränken. Die Gefahr ist groß, dem Bedürfnis nach Ruhe und dem Wunsch, endlich ein neues Leben mit dem neuen Partner zu beginnen, nachzugeben und die Beziehungen zum Vater der Kinder abzubrechen. Dahinter stecken häufig nicht verheilte Verletzungen aus der früheren Partnerschaft. Auch Geld kann eine Rolle spielen. So kann die Unfähigkeit beider Eltern, sich auf eine faire Unterhaltspraxis zu einigen, dazu führen, dass die Mutter die Vater-Kind-Beziehung stört oder sogar abbricht. Die Sehnsucht nach “einfachen” Lösungen ist in solchen Situationen allzu verständlich. Trotzdem: Untersuchungen belegen, dass Kinder die Scheidung ihrer Eltern in aller Regel besser verkraften und sie sich schneller an die Nachscheidungssituation gewöhnen, wenn ihnen die Beziehung zu beiden Elternteilen erhalten bleibt.

II. Wenn die Kinder die meiste Zeit beim Vater leben

In über 90% der Fälle lebt die Mutter nach der Trennung die meiste Zeit mit den Kindern zusammen. Wenn der Vater diese Rolle übernimmt, befindet er sich in einer ähnlichen Situation. Eine zusätzliche Schwierigkeit im Zusammenleben mit allen Beteiligten kann entstehen, wenn er diese wichtige verbindende Rolle zwischen den Kindern und ihrer Mutter, die nur er übernehmen kann, an seine neue Partnerin abgibt, weil er sich vielleicht aufgrund seiner beruflichen Belastung nicht in der Lage fühlt, auch diese Aufgabe wahrzunehmen. Dadurch verwischt er wichtige Grenzen und verhindert klare Regelungen und Zuständigkeiten, die für ein gesundes Aufwachsen der Kinder unverzichtbar sind.

Literatur

  • Verena Krähenbühl, Anneliese Schramm-Geiger, Jutta Brandes-Kessel (2000): Meine Kinder, deine Kinder, unsere Familie. Wie Stieffamilien zusammenfinden. Reinbek.
  • Verena Krähenbühl, Hans Jellouschek, Margarete Kohaus-Jellouschek, Roland Weber (2011): Stieffamilien. Struktur – Entwicklung – Therapie. Freiburg, 7. Auflage.

Autorin

Verena Krähenbühl, Professorin (i.R.) für Sozialarbeitswissenschaft, Evangelische Hochschule Darmstadt. Bis 2010 freiberuflich als Paar-, Familien- und Organisationsberaterin tätig.

Kontakt

Prof. Verena Krähenbühl
Am Falltor 3 A
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Erstellt am 24. Januar 2003, zuletzt geändert am 4. Dezember 2013