Die Exfrau führt Regie

Eva Walitzek-Schmidtko

Die Zeiten, in denen Menschen zusammen lebten, bis sie vom Tod geschieden wurden, sind längst passé. Die meisten Erwachsenen haben bereits eine oder mehrere Beziehungen durchlebt, wenn sie eine neue Beziehung eingehen. Im Zeitalter der Lebensabschnittspartnerschaften hat fast jede/r eine/n Expartner/in – oder ist selbst eine/r.

Ist der neue Partner Vater, spielt die Expartnerin in der neuen Beziehung jedoch eine besondere Rolle. Denn die Gemeinsamkeiten bestehen dann nicht nur aus Erinnerungen, Erfahrungen, Fotos und gemeinsamen Bekannten. Durch Kinder und Unterhaltsverpflichtungen bleiben die Partner – teilweise lebenslang – miteinander verbunden; die Exfrau behält dadurch noch lange Einfluss auf das Leben des Mannes und seiner neuen Partnerin. Und auch gerichtliche Auseinandersetzungen tragen dazu bei, dass die Exfrau in der neuen Beziehung stets präsent ist, quasi wie ein böser Geist über der Beziehung schwebt. Doch die meisten Zweitfrauen ahnen nicht, wie weit der Schatten der Vorgängerin reicht.

Wie die Exfrau den Umgang des Mannes mit seinen Kindern prägt

Der Kontakt des Vaters zu seinen Kindern beschränkt sich – trotz des inzwischen üblichen gemeinsamen Sorgerechts – häufig auf (gelegentliche) Besuche am Wochenende oder in den Ferien. Die meisten Kinder leben nach der Scheidung bei ihrer Mutter. Das bedeutet, dass die Mutter in Alltagsfragen entscheidet, also auch bestimmt, wann die Kinder den Vater besuchen, wann – gelegentlich auch wohin – sie mit ihm in Urlaub fahren und wann wer mit wem welche Feste feiert. Auch die neue Frau ist davon betroffen: Will sie ihre Wochenenden und ihren Urlaub nicht ohne ihren Partner verbringen, muss sie sich nicht nur nach den Ferien der Kinder, sondern auch nach den Wünschen der Vorgängerin richten. Für Zweitfrauen, die selbst (noch) keine Kinder haben, bedeutet dies eine große Umstellung – und eine Einschränkung der Spontaneität.

Dass die Mütter in puncto Besuchsregelung keineswegs so kooperativ und zuverlässig sind, wie es vor allem auch im Interesse der Kinder wünschenswert wäre, macht es noch schwieriger, die Belange aller Beteiligten unter einen Hut zu bringen. Nicht selten werden Besuchspläne in letzter Minute umgeworfen – das Kind kommt am Besuchswochenende nicht, obwohl Vater und Stiefmutter extra seinetwegen zu Hause geblieben sind, oder der Vater ist plötzlich als Babysitter gefragt. Um ihre Kinder überhaupt zu sehen, lassen sich Väter oft auf diese Planänderungen ein. Von der neuen Frau an seiner Seite wird erwartet, dass sie dies ebenfalls tut. Dass ausgerechnet ihre Vorgängerin in ihrem Leben Regie führt und ihre Aktivitäten mitbestimmt, können die Frauen oft nur schwer ertragen. Sie fühlen sich den Launen der Vorgängerin ohnmächtig ausgesetzt. Hier kann es hilfreich sein, Terminabsprachen schriftlich zu treffen und, zumindest vorübergehend, nur in Notfällen davon abzuweichen.

Die Kinder selbst bringen bei jedem Besuch jedes Mal ein Stück ihrer Mutter und damit ein Stück Vergangenheit in die neue Beziehung: Schließlich sind sie es, die den Partner noch an die Vorgängerin binden. Oft erinnern Charakter und/oder Aussehen an die Mutter; in jedem Fall wird das Verhalten der Kinder durch die Mutter, durch ihre Erziehung und ihre Einstellung beeinflusst.

Viele Zweitfrauen bemühen sich um ein gutes Verhältnis zu ihren Stiefkindern und kümmern sich intensiv um sie. Lehnen die Kinder die neue Frau an der Seite ihres Vaters trotzdem ab, argwöhnen viele Frauen, dass die Mutter die Kinder aufhetzt. Tatsächlich missbrauchen manche Mütter ihre Kinder, um ihrem Expartner und seiner neuen Partnerin das Leben schwer zu machen. Doch oft solidarisieren sich die Kinder freiwillig mit ihrer Mutter gegen die neue Partnerin. Sie wünschen sich teilweise auch Jahre nach der Trennung noch, dass ihre Eltern wieder zusammen kommen – manche sprechen es offen aus. Die Zweitfrauen fühlen sich zurückgesetzt und ausgenutzt, gerade weil sie oft sehr viel für die Kinder tun und ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückstellen – und machen die Exfrau und ihren Einfluss auf die Kinder dafür verantwortlich.
 

Finanzielle Belastungen

Auch die Unterhaltszahlungen belasten die neue Familie erheblich. Wie weit die finanziellen Verpflichtungen gehen, wie lange sie bestehen und wie sehr sie ihr ganzes Leben beeinflussen, merken die Frauen erst allmählich. Der Kindesunterhalt steht in der Regel außer Frage; den Ehegattenunterhalt betrachten viele als Schikane. Dass ihre Vorgängerin gar nicht oder nur halbtags arbeiten muss, obwohl die Kinder schon “aus dem Gröbsten raus sind” , empfinden die Zweitfrauen als ungerecht – vor allem, weil sie selbst bei der Verteilung des Unterhalts auch dann nicht berücksichtigt werden, wenn sie ein jüngeres Kind mit ihrem Partner haben.

Der Unterhaltsanspruch der ersten Familie schränkt den finanziellen Spielraum der neuen Familie empfindlich ein. In der Regel reicht das Gehalt des Mannes nicht, um zwei Familien zu ernähren – der Lebensstandard sinkt drastisch. Geldsorgen führen häufig zum Streit und können eine Partnerschaft erheblich belasten. Außerdem werden die Lebensplanungen der neuen Familie durch die Unterhaltszahlungen massiv beeinflusst.

So ist die finanzielle Situation extrem unsicher: Ob und wie viel Ehegattenunterhalt der Mann zahlen muss, hängt auch von der Expartnerin und ihrem Goodwill ab. Arbeitet sie, muss er weniger oder gar nichts zahlen. Verliert sie ihren Job oder kann oder will sie aus anderen Gründen nicht mehr arbeiten, wird der Exmann zur Kasse gebeten. Größere Anschaffungen wie der Kauf eines Hauses sind nur möglich, wenn die Zweitfrau genug verdient, um sie zu finanzieren.

Auch über berufliche und persönliche Veränderungen entscheidet die Exfrau indirekt mit. Ihre Unterhaltsansprüche können einen geplanten beruflichen Neuanfang und andere Zukunftspläne des Mannes und/oder seiner neuen Partnerin erschweren oder verhindern. Denn oft ist die neue Familie auf das Einkommen der Zweitfrau angewiesen.

Ein unterhaltspflichtiger Mann muss auch dann den festgesetzten Unterhalt zahlen, wenn er eine neue, schlechter bezahlte Stelle annimmt oder sich selbständig macht (und dadurch zunächst weniger verdient). Er darf auch seine Arbeitszeit nicht ohne weiteres reduzieren oder Erziehungsurlaub nehmen, um ein Kind aus der neuen Beziehung zu betreuen.

Auch die Zweitfrau kann aus finanziellen Gründen meist nicht aufhören zu arbeiten, wenn sie ein Kind bekommt. Kinderbetreuung und Beruf sind hierzulande immer noch schwer zu vereinbaren. Und so müssen manche Zweitfrauen aus finanziellen Gründen auf eigene Kinder verzichten oder können sich nur ein Kind leisten, auch wenn sie sich eigentlich eine größere Familie gewünscht haben.

Nicht nur Unterhaltszahlungen an die erste Familie beeinflussen die Familienplanung der zweiten: Oft will der Mann kein Kind mehr, weil er schon Vater ist oder weil er noch immer darunter leidet, dass er seine Kinder nur noch selten oder überhaupt nicht mehr sehen kann. Manche Zweitfrauen werden trotz aller Bemühungen nicht schwanger. Dabei ist ihr Kinderwunsch oft besonders groß. Viele Zweitfrauen wünschen sich auch deshalb ein Kind von ihrem Mann, weil ein Kind die Zusammengehörigkeit festigt oder weil es ihnen das Gefühl gibt, mit der Mutter seiner Kinder gleichwertig zu sein. Bekommt sie kein Kind, verstärkt sich das Gefühl, hinter der ersten Frau zurückstehen und verzichten zu müssen.
 

Folgen jahrelanger gerichtlicher Auseinandersetzungen

Ungewollte Kinderlosigkeit hat viele Ursachen – Stress kann eine sein. Auch die Auseinandersetzungen mit der Exfrau sorgen in manchen Beziehungen für Dauerstress. Eine unglückliche Beziehung endet nämlich nur selten mit einer glücklichen Scheidung. Mitunter wird der Ehekrieg jahre- oder gar jahrzehntelang vor Gericht und durch Anwälte fortgesetzt. Mal streiten die Expartner dabei um die Kinder, häufiger um Unterhalt.

Die Zweitfrauen werden, obwohl sie nicht direkt betroffen sind, in den juristischen Schlagabtausch hineingezogen: Sie sind die Gesprächspartnerinnen ihres Mannes, juristische Beraterinnen und seelischer “Mülleimer” . Hat der Partner die Trennung noch nicht überwunden, leidet er darunter, dass er seine Kinder nicht mehr sieht, oder fordert die Exfrau mal wieder mehr Unterhalt, drehen sich fast alle Gespräche um die Exfrau, ihr Verhalten und ihre Forderungen. Und so manche Zweitfrau hat das Gefühl, dass die Vorgängerin wirklich mit am Tisch sitzt.

Die Prozesse gehen oft durch mehrere Instanzen und dauern mitunter mehr als ein Jahr. Der Ausgang ist ungewiss – und damit auch, welche finanziellen Belastungen auf die Familie zukommen. Die Angst, Unterhalt nachzahlen zu müssen, schwebt in der meist sehr angespannten finanziellen Situation wie ein Damoklesschwert über der Familie und über den Frauen, die sich über die materielle Zukunft der Familie oft große Sorgen machen.

Der Rat, Distanz zu wahren und die Probleme des Partners nicht als die eigenen zu betrachten, ist zwar richtig. Doch angesichts leerer Haushaltskassen und ständiger Anfeindungen gelingt es kaum, ihn zu beherzigen. Im Gegenteil: Weil ihr Partner der Hauptbetroffene ist, versuchen die Zweitfrauen, ihn zu trösten, ihn aufzubauen und ihm bei der Bewältigung der Scheidungsfolgen zu helfen. Sie wollen ihrem Mann beweisen, dass sie die richtige Partnerin für ihn sind – ganz anders als seine Exfrau, die ihn abzockt und/oder aus dem Leben seiner Kinder drängt. Aus diesem Grund unterdrücken Frauen manchmal vorhandene Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten – und lassen zu, dass die Exfrau auch ihre Persönlichkeit beeinflusst.

Viele Frauen konzentrieren sich ganz auf die Gefühle des Partners und vernachlässigen ihre eigenen. Sie stellen ihre Ängste und Sorgen zurück, obwohl sie unter den endlosen Prozessen ebenso oder gar noch mehr leiden wie ihr Mann. Vor allem empfinden es die Frauen als sehr ungerecht, dass sie selbst bei der Verteilung des Unterhalts nicht oder nur zweitrangig berücksichtigt werden. Dies gibt ihnen das Gefühl, eine Frau zweiter Klasse zu sein; manche Frauen macht die juristische Benachteiligung sogar krank.

Die Expartnerin gilt als Ursache dieser Benachteiligung; dass sie nur von den bestehenden Gesetzen profitiert, wird übersehen. Überhaupt besteht die Gefahr, dass die Expartnerin als Sündenbock herhalten muss: So manche Missstimmung wird gar nicht als Beziehungsproblem erkannt, sondern der Exfrau, ihren Forderungen und Störmanövern “in die Schuhe geschoben” . Die Vergangenheit nimmt so viel Raum ein, dass für die neue Beziehung nur wenig Zeit und Kraft bleibt.

Weil es so viele Schwierigkeiten mit der Exfrau, den Kindern und Anwälten gibt, versuchen Paare oft, zusätzliche Konflikte zu vermeiden. In der angespannten Situation können schon kleine Differenzen zu großen Auseinandersetzungen eskalieren. Daher werden Probleme häufig unter den Teppich gekehrt und kommen mitunter erst ans Tageslicht, wenn es fast zu spät ist. Nicht wenige Beziehungen scheitern; viele Paare werden jedoch gerade durch die Schwierigkeiten von außen und den gemeinsamen Hass auf die Exfrau zusammengeschweißt.

Das ist anders, wenn die Expartner nach der Trennung Freunde bleiben. Dann gibt es in der Regel weder Streit ums Geld noch um die Kinder. Doch wenn die Expartner sich allzu gut verstehen, müssen sich die Zweitfrauen damit abfinden, dass die Vorgängerin als “beste Freundin” eine besondere Position einnimmt und viel Zeit im Leben des Mannes beansprucht. So manche Zweitfrau hat dann das Gefühl, ihren Partner mit der Vorgängerin teilen zu müssen, weil er immer zur Stelle ist, wenn sie nach ihm ruft. Es ist nicht leicht zu ertragen, wenn die Exfrau sich durch ständige Anrufe oder Besuche in das Leben der neuen Familie drängt. Wärmen die beiden immer wieder Erinnerungen an alte Zeiten auf, feiern Feste wie Weihnachten gemeinsam oder besprechen sogar ihre Probleme miteinander, ist die neue Partnerin ausgeschlossen und fühlt sich wie das fünfte Rad am Wagen. Die fehlende Distanz zwischen den Expartnern nervt die Zweitfrauen und macht ihnen Angst. Sie befürchten, dass das alte Paar wieder zusammenfinden könnte.
 

Mit dem Schatten der verstorbenen Frau leben

Tote Frauen beeinflussen das Leben Nachfolgerinnen zwar nicht aktiv. Doch auch sie können sehr präsent sein und eine wichtige Rolle im eben der neuen Frau einnehmen. Ist die Exfrau gestorben, war das Ende der Beziehung weder geplant noch erwünscht. So manche Zweitfrau befürchtet dann, dass ihr Mann eigentlich noch lieber mit ihrer Vorgängerin zusammen wäre.

Die tote Frau und Mutter bekommt im Nachhinein oft einen Heiligenschein, Die neue Partnerin hat das Gefühl, einem Idol nachzueifern – ohne Chance, es je zu erreichen. Anders als Zweitfrauen, deren Partner geschieden ist, können diese Frauen oft nicht einmal Kritik an ihrer Vorgängerin üben oder ihre negativen Gefühle äußern. Etwas Schlechtes über eine Tote zu sagen, gilt als verwerflich. Freunde und nahe Verwandte vermitteln der neuen Partnerin zudem oft das Gefühl, ein Eindringling zu sein.
 

Die Zweitfrau als “Ehebrecherin”

Frauen, die eine Beziehung zu einem (noch nicht geschiedenen) Vater beginnen, werden vom Umfeld nicht mit offenen Armen aufgenommen. Die Exfrau behält auch nach der Trennung ihren Platz in der Familie, im Bekannten- und Freundeskreis. Die Zweiten werden immer wieder mit ihrer Vorgängerin konfrontiert – auf Bildern, durch Erzählungen, aber direkt auch bei gemeinsamen Feiern.

Sind die Expartner nach der Trennung verfeindet, geraten Verwandte und Freunde oft in einen Solidaritätskonflikt. Die Sympathie der (weiblichen) Bekannten gilt eher der Exfrau; die Neue hat es als Außenstehende schwer. Zudem ist das Klischee von der Zweiten als” Biest “und” Ehebrecherin “eine schwere Hypothek. Vor allem wenn die Zweite dem Klischee entsprechend jünger und attraktiver als ihre Vorgängerin ist, wird ihr oft unterstellt, dass sie der Trennungsgrund war. Manche Exfrauen verbreiten sogar bewusst das Gerücht, dass ihre Nachfolgerin die Ehe zerstört hat, und sorgen so dafür, dass die neue Partnerin von Bekannten und Verwandten geschnitten wird. Nicht selten verliert der Mann alle seine Freunde, muss sich das neue Paar einen neuen Bekanntenkreis aufbauen. Dies kann eine Bürde sein, ist jedoch auch eine Chance für einen Neubeginn.

Eine Belastung sollten Frauen von Anfang an vermeiden: Sie sollten nicht in die Wohnung ziehen, in der der Partner bereits mit der Vorgängerin gelebt hat. Die Erinnerung an die erste Frau und an die erste Beziehung sitzt im alten Heim in allen Ecken. Ihre Anwesenheit ist – wie in dem von Alfred Hitchcock verfilmten Roman Rebecca von Daphne du Maurier – überall zu spüren. Vor allem die Kinder wehren sich in der gewohnten Umgebung gegen jede Veränderung; sie möchten, dass alles so bleibt wie zu den Zeiten, als ihre Eltern noch zusammen lebten. Die Zweite hat dann das Gefühl, das Leben ihrer Vorgängerin weiterführen zu müssen.
 

Literatur

  • Früh, Doris: Im Schatten der Ersten. Partnerschaft mit einem geschiedenen Mann. München 2002
  • Roedenbeck, Maja: Du bist nicht meine erste Liebe. Zwanzig Frauen und Männer erzählen vom Umgang mit den Expartnern. Berlin 2004
  • Walitzek-Schmidtko, Eva: Die Zweite. Von den Schwierigkeiten, einen Mann mit Kind zu lieben. Reinbek 1008

Autorin

Eva Walitzek-Schmidtko ist Journalistin und Autorin von Sachbüchern.
 

Kontakt

Eva Walitzek-Schmidtko
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Erstellt am 28. Oktober 2004, zuletzt geändert am 16. Februar 2010