Besuchskinder in meiner Familie

Birgitt von Maltzahn

Wer heiratet schon seine Kindergartenliebe? Da das ausgesprochen selten vorkommt, gibt es in jeder Beziehung Erinnerungen an die vorausgegangenen Freundschaften. Das ist ganz normal und oft sogar hilfreich, denn man kann aus den Fehlern gescheiterter Beziehungen ja auch etwas lernen.

Manchmal war die ehemalige Freundin aber die ehemalige Ehefrau oder der Freund der Ex-Ehemann. Angesichts der hohen Scheidungszahlen in der Bundesrepublik ist es heute überhaupt nicht ungewöhnlich, an einen Partner mit “Vorgeschichte” zu geraten. Wenn es nur die gescheiterte Beziehung ist, lässt sich diese Erfahrung bewältigen, sodass sie schließlich in Vergessenheit gerät. Wie man mit seiner Vorgeschichte und der des Partners umgeht, bleibt jedem selbst überlassen.

Sind aber Kinder vorhanden, müssen sich beide Partner der neuen Beziehung damit auseinandersetzen, denn es betrifft ja beide, wie die Kinder integriert werden und wie das Quantum an Zeit und Geld aufgeteilt wird. Die Kinder einer vorangegangenen Ehe sind Fakten, mit der die neue Beziehung umgehen muss, die sie nicht ausblenden kann und vor allem auch nicht sollte. Das ist in gewisser Weise eine Hypothek für die neue Beziehung und neue Familie und kann sie belasten.

Kinder aus einer vorangegangenen Ehe können aber auch eine positive Herausforderung für alle Beteiligten sein. Prinzipiell kann man sagen, dass der größte Gewinn für alle dann möglich ist, wenn die Beziehungen geklärt sind, die Partner ehrlich und offen miteinander umgehen und Verständnis für die Gefühle der anderen zeigen. Besuchskinder, die nur hin und wieder – sei es an Wochenenden oder in den Ferien – in der “zweiten” Familie leben, können das Zusammenspiel der Familienmitglieder bereichern und intensivieren.

Wichtig ist hier vor allem, sich die verschiedenen Rollen aller Beteiligten bewusst zu machen und Verständnis für die jeweiligen Probleme aufzubringen. Es ist etwas ganz anderes, ob eine Nichte bzw. oder ein Patenkind zu Besuch kommt oder die Tochter des Ehemanns aus erster Ehe. Harmonie zwischen allen ist nicht selbstverständlich, aber es ist sicher hilfreich, sich die Chancen in dieser Konstellation bewusst zu machen – anstatt damit zu hadern, dass die Verhältnisse nicht dem Bilderbuchideal vergangener Zeiten entsprechen.

Der Einfachheit halber spreche ich jetzt von “erster” und “zweiter” Familie, ohne damit eine hierarchische Ordnung festzulegen. Im typischen Fall dieser Konstellation hat ein Elternteil bereits eine Beziehung mit Kind(ern) hinter sich und später mit einem anderen Partner eine zweite Familie gegründet.
 

Zum Umgang mit “Besuchskindern”

Die Anwesenheit der ” Besuchskinder ” in der Kernfamilie ist eine Situation, für die es keine Vorbilder gibt. Stiefgeschwister-Modelle gibt es natürlich seit Jahrhunderten, aber diese Form der ” Parallel-Familien ” mit zwei verschiedenen Wohnorten, die (guten) Kontakt zueinander pflegen, ist relativ neu.

Abhängig vom Alter der Kinder und ihrer Vorgeschichte sowie davon, wie dramatisch sie die Trennung der Eltern erlebt haben und wie intensiv die Beziehung zum Elternteil am anderen Ort ist, wird sich auch das Zusammenspiel in der Besuchsfamilie gestalten. Die Besuchskinder bringen ihre Probleme mit, sei es das Leiden am Verlust der vollständigen Familie, sei es der Stress mit dem erziehenden Elternteil (und einem eventuell vorhandenen Stiefelternteil) oder negative Gefühle der neuen Familie gegenüber.

Besuchskinder sind einerseits Gäste in der Familie, sollen aber andererseits das Gefühl bekommen, ” richtige ” Familienmitglieder zu sein. Das ist ein schwieriger Spagat, den die wenigsten Familien leisten können. Denn kaum eine Familie wird es ermöglichen können, einem Besuchskind ein eigenes Zimmer samt Einrichtung zur Verfügung zu stellen. Aber das muss auch gar nicht sein – viel entscheidender ist es, familiäre Geborgenheit zu vermitteln. Denn egal wie gut das Kind an seinem ständigen Wohnort mit materiellen Dingen ausgestattet ist, es wird seine Situation immer mit der der Kinder in der zweiten Familie vergleichen und je nach Charakter mehr oder weniger Neid fühlen – aus was für Gründen auch immer, sei es wegen materieller oder ideeller Dinge. Das ist sicher normal und auch nicht schlimm. Es gibt immer Verhältnisse, auf die Kinder mit Neid schauen – hier die Familie der Freunde, dort Idealbilder im Fernsehen. Es geht den Erwachsenen doch auch so.

Umgekehrt erlebt die ” Gastgeber-Familie ” das Besuchskind als Beobachter von außen. Der zweiten Familie wird unterschwellig immer bewusst sein, dass das Kind seine Erfahrungen und Eindrücke auch weitergibt – egal, ob es Streitigkeiten innerhalb der Familie sind, Neuanschaffungen oder geplante Reisen. Darunter sind Dinge, die der Ex-Partner eigentlich nicht erfahren sollte. Dem Besuchskind gegenüber will man aber auch keine Geheimnisse haben; die Situation soll ja so entspannt und unkompliziert wie möglich sein. Dennoch kommt das Kind ” vom anderen Stern “, der manchmal auch noch Feindesland ist, wenn die Trennung nicht ganz bewältigt wurde.
 

Die Rollen der einzelnen Familienmitglieder

Gehen wir von einem Modell aus, das wohl das häufigste für die Situation ” Besuchskinder ” ist: Der Ehemann hat bereits ein oder mehrere Kinder aus erster Ehe. Er ist geschieden und hat eine zweite Familie mit Kindern gegründet. Die Kinder aus der ersten Ehe leben bei der Mutter und kommen am Wochenende oder in den Ferien zu Besuch.

Für den Vater ist es im Idealfall ein schönes Gefühl, seinen Kindern wieder ein Zuhause vermitteln zu können. Er freut sich, den Kontakt zu den ” Großen ” halten zu können, und ist dank der vorhandenen ” Infrastruktur ” von den Besuchen nicht überfordert. Seine Frau kümmert sich um den Haushalt; er kann die Verantwortung für die Gestaltung der Beziehung zu seinen Kindern aus erster Ehe mit seiner Frau teilen. Schwierig wird es für ihn nur, ein gerechtes Verhalten zu zeigen, also auf jedes Kind einzugehen, Zeit, Liebe, Aufmerksamkeit, Interesse und Materielles gleichmäßig zu verteilen. Dies wird aber in der Regel durch einen relativ großen Altersunterschied zwischen den Kindern erleichtert.

Nicht ganz so einfach ist es für die Frau der zweiten Familie. Sie erlebt den Besuch der ” großen ” Kinder eher als Eindringen in ihre Privatsphäre. Die Kinder erinnern allein durch ihre Existenz ständig an die alte Beziehung und wecken Gefühle wie Eifersucht, Neid, schlechtes Gewissen o. Ä. Dennoch wird sie in der Regel bemüht sein, sich um ein gutes Verhältnis zu kümmern, denn das ist im Interesse der gesamten Familie, nicht zuletzt ihrer eigenen Kinder. Sie erlebt am stärksten den Widerspruch zwischen Gästen und Familienmitgliedern, denn natürlich muss sie die Besuchskinder wie Gäste umsorgen und kann sie nicht so selbstverständlich erziehen und zur Mithilfe auffordern wie die eigenen Kinder. Außerdem muss sie eventuell mit Eifersucht den großen Kindern gegenüber kämpfen, die bereits eine besondere Position im Herzen ihres Mannes haben. Schließlich muss sie ihre Rolle den Besuchskindern gegenüber klären – dass sie nicht gegen sie, sondern mit ihnen ist und für sie einsteht, dass sie sich um ein gutes Verhältnis bemüht und nicht als Konkurrentin zur leiblichen Mutter gesehen werden will.

Das Vorhandensein von Kindern in der zweiten Ehe erleichtert meiner Erfahrung nach das Miteinander sehr. So beschäftigen sich die Kinder gegenseitig und stehen die Besuchskinder nicht zu stark im Focus der Erwachsenen. Außerdem kann gerade auf der emotionalen Ebene viel kompensiert werden. Die kleineren Geschwister können von den größeren Kindern geherzt und geschmust werden, was sie mit den Erwachsenen sicher nicht so unbefangen tun würden. Denn den (Stief-) Geschwistern gegenüber können sie besser Gefühle zeigen, sich freier fühlen. Ferner drücken Kinder in der zweiten Ehe eine gewisse Beständigkeit aus. Einerseits wird damit die Hoffnung der Kinder aus erster Ehe zerstört, der Vater könne wieder zurückkommen, andererseits erleben sie die neue Frau – die Mutter ihrer Stiefgeschwister – aber auch als festen Faktor, der irgendwie doch auch zu ihnen gehört.

Wie gut sich die Stiefgeschwister untereinander verstehen, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen müssen sich die Kinder in ihren jeweiligen Lebensräumen wohl fühlen. Das heißt, die Besuchskinder sollten nicht das Gefühl haben, hin und wieder die heile Welt der neuen Familie beobachten zu dürfen und unter der Woche in einer Teilfamilie leiden zu müssen. Ideal wäre es, wenn einerseits die Besuchskinder gerne kommen und eine Bereicherung ihres Lebens durch die zweite Familie erfahren, aber andererseits genauso gut zu schätzen wissen, was sie an ihrem eigenen Zuhause haben – beispielsweise mehr Ruhe vor jüngeren Geschwistern und das besondere Verhältnis zum erziehenden Elternteil. Das ist eine Gratwanderung, deren Gelingen sehr von den jeweils Beteiligten abhängt – zum Beispiel davon, wie entspannt und selbstverständlich und liebevoll alle miteinander umgehen.

Es sollte auch vermieden werden, die Alltagsfamilie der Besuchskinder zu tabuisieren. Diese sollen nicht das Gefühl bekommen, in zwei nicht kompatiblen Welten zu leben. Selbst wenn die Erwachsenen nicht so freundschaftlich miteinander umgehen können, wie es wünschenswert wäre, sollte für die Kinder nicht der Eindruck einer tiefen Feindschaft entstehen. Wenn es die Besuchskinder wollen, ist es hilfreich, sich von ihrem Alltagsleben erzählen zu lassen: von ihren Freunden, ihren Hobbys, ihrem Schulalltag und vielleicht auch ihren Problemen. Das hängt natürlich sehr vom einzelnen Kind ab – wie gerne es erzählt. Aber die Atmosphäre sollte so sein, dass das Kind Vertrauen hat und spürt, dass die zweite Familie auch dann noch Interesse an seinem Leben hat, wenn es nicht persönlich anwesend ist. Es gibt allerdings auch Kinder, die gerne Geschichten erfinden und sich damit interessant machen wollen oder die Eltern gegeneinander ausspielen. Dann muss man versuchen, hinter die Gründe für ein solches Verhalten zu kommen.

Die Kinder der zweiten Familie erleben den Besuch der Stiefgeschwister im Idealfall als positive Bereicherung ihres Alltags. Da kommen die ” Großen ” mit ihren Themen, ihren Erfahrungen, ihren Kenntnissen, aber auch ihren Problemen. Sie sind Vorbilder im guten wie im schlechten, relativieren vielleicht manche Schulerlebnisse oder Streitigkeiten mit den Eltern und sind willkommene Spielgefährten und Gesellschafter.

Erleichtert wird die Integration der Besuchskinder natürlich durch eine gute räumliche und materielle Ausstattung. Wenn der Besuch zu einem ” Kampf ” um Raum, Zuneigung oder materielle Dinge wird, erschwert dies zwangsläufig das Zusammenleben. Natürlich sollten die ” Hauskinder ” auch kein Theater vorgespielt bekommen, wenn die Besuchskinder da sind. Nur damit die Großen einen guten Eindruck erhalten und gerne wieder kommen, sollte man keine Event-Show abziehen. Es kommt sicher besser an, wenn die Familie mit Zeit und Ideen verschwenderisch ist, gemeinsam Spiele gespielt und Wanderungen unternommen werden, als wenn alle in den großen Konsumrausch verfallen.

Zur ” Ehrlichkeit ” der Verhältnisse gehört auch, zu den Regeln zu stehen, die in der zweiten Familie gelten – auch wenn das Besuchskind da ist. Wenn zum Beispiel in der Familie prinzipiell keine Limonade getrunken wird, sollte sie auch nicht ” zur Feier ” des Besuchskindes auf den Tisch kommen, denn das würden die Kinder der zweiten Familie kaum verstehen. Wegen der Anwesenheit von Besuchskindern soll also einerseits das normale Leben nicht völlig auf den Kopf gestellt werden, damit die Kinder der zweiten Familie nicht den Eindruck bekommen, nicht so wichtig wie erstere zu sein. Andererseits sollen Besuchskinder auch etwas verwöhnt werden und das Gefühl vermittelt bekommen, gerne gesehen zu sein. Dies ist natürlich eine Gratwanderung, vor allem wenn die Besuchskinder nicht regelmäßig kommen. Eifersucht zwischen Geschwistern gehört einfach dazu und wird auch zwischen Stiefgeschwistern nicht zu vermeiden sein. Aber je sicherer sich der Einzelne der Zuneigung und Gefühle der anderen Familienmitglieder sein kann, umso einfacher wird er auch mit der Eifersucht fertig.
 

Autorin

Birgitt von Maltzahn arbeitet als Journalistin und freie Autorin (z.B. ” Die Chancen der offenen Familie “, Piper-Verlag). Sie ist Mutter von zwei Kindern und hin und wieder Gast-Stiefmutter der beiden Kinder ihres Mannes aus erster Ehe, die inzwischen bereits studieren.
 

Kontakt

Birgitt von Maltzahn
Morenastraße 13
81243 München

Erstellt am 6. März 2003, zuletzt geändert am 23. März 2010