Allein erziehende Väter

Dr. Michael Matzner

“Fassungslos darüber, wie wir allein zurecht kommen”. So beantwortet der 45-jährige Peter B. die Frage nach der Reaktion seiner Mitmenschen auf die Tatsache, dass er seit der Scheidung vor fünf Jahren seine drei Kinder allein erzieht. Peter B. ist einer der ca. 220.000 allein erziehenden Väter mit minderjährigen Kindern in Deutschland. Die Zahl dieser so genannten Vaterfamilien ist, trotz der Mütterzentriertheit mancher Familiengerichte, aufgrund der wachsenden Scheidungshäufigkeit in den letzten Jahren gewachsen. Ungefähr drei von vier allein erziehenden Vätern sind geschieden bzw. leben von ihrer Frau getrennt, ca. 15% sind verwitwet, und nur relativ wenige sind ledig. Auch wenn viele allein erziehende Väter und Mütter zumindest bis zum In-Kraft-Treten der Reform des Kindschaftsrechts im Jahre 1998 auch allein sorgeberechtigt waren bzw. immer noch sind, ist das Kriterium der Sorgeberechtigung keine notwendige Voraussetzung für das allein Erziehen. Des Weiteren bedeutet allein Erziehen auch nicht unbedingt allein stehend zu sein, auch wenn dies bei vielen allein erziehenden Vätern und noch mehr bei Müttern der Fall ist. Unter einem allein erziehenden Vater versteht man also einen Vater, der mit seinen Kindern in einem Haushalt zusammenlebt und hauptverantwortlich für deren Betreuung und Erziehung ist, während die Mutter nicht (mehr) Angehörige dieser Haushaltsgemeinschaft ist.

Allein erziehende Väter sind die am schnellsten wachsende Familienform

Allein erziehende Väter sind in den vergangenen Jahrhunderten, im Gegensatz zu allein erziehenden Müttern, wohl eher eine Ausnahme gewesen, und zwar trotz der häufigen Todesfälle von Müttern im Wochenbett. Meistens wurden die Väter eher zum allein stehenden als zum allein erziehenden Elternteil, da sich meistens weibliche Familienangehörige um die Kinder kümmerten. Außerdem heirateten die meisten Väter bald wieder. Bis zu Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren ca. 90 bis 93% aller Familien sogenannte “vollständige” oder “Zweielternfamilien” mit Vater, Mutter und Kindern. So gab es beispielsweise im Jahr 1972 ca. 8,1 Millionen Zweielternfamilien (92,1%) und nur ca. 701.000 Einelternfamilien (7,9%) mit minderjährigen Kindern, davon wiederum 87.000 mit einem allein erziehenden Vater.

In den letzten dreißig Jahren ist die Zahl und der Anteil von Einelternfamilien in Deutschland kontinuierlich gestiegen, wenn auch nicht so stark, wie dies Pressemeldungen und Diskussionen in der Öffentlichkeit immer wieder suggerieren. Nach wie vor wächst die überwiegende Mehrheit der Kinder (ca. 80%) mit beiden leiblichen Elternteilen gemeinsam auf. Trotzdem gab es im April 1999 mittlerweile 1,95 Millionen Einelternfamilien (20,9% aller Familien) mit minderjährigen Kindern, davon waren 312.000 Familien mit allein erziehendem Vater (16,0% der Einelternfamilien). Nach der amtlichen Statistik waren von diesen 312.000 allein erziehenden Vätern 119.000 ledig, 47.000 verheiratet-getrennt lebend, 32.000 verwitwet und 114.000 geschieden. Die tatsächliche Zahl allein erziehender Väter und auch Mütter ist jedoch aufgrund der statistischen Miterfassung von Haushalten nicht ehelicher Lebensgemeinschaften, die dann als ledige Alleinerziehende auftauchen, niedriger anzusetzen, ohne dass eine präzise Zahl genannt werden könnte. Eine Schätzung des Autors kommt auf ca. 220.000 allein erziehende Väter mit minderjährigen Kindern für das Jahr 1999.
 

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Obwohl die Einelternfamilie mit allein erziehendem Vater die am stärksten wachsende Familienform der letzten Jahrzehnte darstellt, verfügen wir in Deutschland bisher über vergleichsweise wenig wissenschaftlich abgesicherte Informationen über diese Gruppe.

Sabine Stiehler (2000) führte Intensivinterviews mit 20 ostdeutschen allein erziehenden Vätern, von denen 17 geschieden waren. Als Ziel ihrer Studie nennt sie die Entdeckung der Variationen, in denen allein erziehende Väter ihr Leben führen und ihren Alltag sowie das “kritische Lebensereignis” Scheidung bewältigen. Für die Mehrzahl der von ihr befragten Väter war die Übernahme der Alleinerzieherschaft überwiegend eine Reaktion auf das Verhalten der Frau, welche die Beziehung beendete. Die Autorin traf überwiegend den “verlassenen Mann” an, der sich durch das Verlassen werden erstmals in seiner ganzen Persönlichkeit bedroht fühlt. “Die Auswertung der Bewältigungsversuche ergibt, dass die Übernahme der allein erziehenden Vaterschaft die Möglichkeit bot, die alltägliche Handlungsfähigkeit zu erhalten. Die Einelternschaft ermöglicht, sowohl von sich selbst abgelenkt wie auch sozial integriert zu sein. Der Verbleib der Kinder im Haushalt gewährleistete, dass nicht die ganze Welt ‘aus den Fugen’ geriet. Wenigstens das in der Ehe wie häufig auch in der familialen Sozialisation erworbene und praktizierte ‘mütterliche’ Verhalten konnte nach oder besser ‘trotz’ Trennung oder Scheidung fortgesetzt werden”.

Von den 20 befragten Vätern waren 19 erwerbstätig und mussten damit Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Fast alle sahen sich als “Exoten”, wurden öfters “bewundert” und erfuhren vielfältige Unterstützung durch ihre Herkunftsfamilie und Freunde. Nahezu alle allein erziehenden Väter strebten kurz- oder auch längerfristig eine neue Partnerschaft oder gar Ehe an.

Die Erforschung ihrer Lebensführung ergab zwei Muster einer eher “traditionellen” bzw. einer eher “modernen” Lebensführung. Die traditionell orientierten allein erziehenden Väter führten ihr Familien- und Berufsleben zeitlich sehr strukturiert und geplant. Sie bezogen sich stark auf ihre Herkunftsfamilie und entwickelten eher selten neue soziale Kontakte. Möglichst schnell strebten sie an, eine neue Frau und Mutter für ihre Kinder zu finden. Die Kinder und sie selbst hatten oft keinen oder nur geringen Kontakt zur geschiedenen Frau. Die eher “modernen” allein erziehenden Väter hatten zwar grundsätzlich auch den Wunsch nach einer neuen Partnerschaft; allerdings wollten sie sich mehr Zeit lassen oder gar ein “neues Leben” beginnen, notfalls auch ohne Partnerin. Im Alltag waren sie, insbesondere was die Gestaltung des Familienlebens betrifft, flexibler, offener und spontaner und ließen sich öfters auf neue soziale Beziehungen ein. Häufiger als die “Traditionellen” hielten sie bzw. ihre Kinder Kontakt zur geschiedenen Partnerin.
 

Ergebnisse einer Untersuchung zur Lebenslage allein erziehender Väter

Michael Matzner führte im Jahr 1996 eine empirische Untersuchung zur Lebenslage allein erziehender Väter und ihrer Familien durch. Damit sollten für die in Deutschland noch viel zu wenig erforschte Familienform vor allem Informationen über deren Entstehung und die Lebenssituation von allein erziehenden Vätern und ihren Kindern als Grundlage für weitere vertiefte Forschungen gewonnen werden. Die Erhebung geschah mittels einer schriftlichen Befragung, an der im Jahr 1996 66 allein erziehende Väter im gesamten Bundesgebiet teilnahmen. Von den Befragten waren 39 geschieden, 12 verheiratet-getrennt lebend, 13 verwitwet und 2 ledig.

Mit Sicherheit kann festgestellt werden, dass es den allein erziehenden Vater nicht gibt. Aufgrund verschiedenster Einflüsse und Lebensbedingungen stellen sich die konkreten Lebenslagen äußerst unterschiedlich dar. Wenn man trotzdem versucht, den “typischen” allein erziehenden Vater aus den erhobenen Daten zu formen, findet man nur drei wesentliche Merkmale, die für zwei Drittel aller befragten Väter gleichzeitig zutreffen. Fast zwei Drittel sind geschieden bzw. verheiratet-getrennt lebend, erwerbstätig und leben allein mit ihren Kindern im Haushalt.

Ansonsten bietet die Gruppe der Vaterfamilien bzw. der allein erziehenden Väter ein recht buntes Bild verschiedenster Lebenslagen, was das Zustandekommen und die Struktur der Familie, die soziale Herkunft, die wirtschaftliche Lage, die Bewältigung des Alltags, die Vereinbarung von Familie und Beruf, die sozialen Kontakte sowie das Selbstverständnis der Väter betrifft. Bei der Anzahl und dem Alter der Kinder existierte in der Untersuchungsgruppe eine größere Vielfalt als es manchmal erwartet wird. Überraschend war das Ergebnis, dass ein ganz erheblicher Teil der Väter zum allein Erziehenden wurde, als die Kinder noch sehr klein waren. In knapp zwei Dritteln der Familien lebten mindestens zwei Kinder.

Die Lebensform Vaterfamilie stellt für viele Betroffene nicht nur eine Übergangsphase dar, sondern ist häufig auf längere Zeit angelegt, wenn auch oft unbeabsichtigt. So war fast die Hälfte der Väter zum Zeitpunkt der Befragung schon vier Jahre und länger allein erziehend. Nur wenige Väter lebten mit den Kindern und einer neuen Partnerin im gemeinsamen Haushalt zusammen.

Unter den allein erziehenden Vätern sind alle Bildungs- und Berufsgruppen zu finden, vom Angelernten bis zum Akademiker – nicht zuletzt deswegen, weil die Situation allein erziehend, nicht nur im Fall der Verwitwung, Väter und Kinder eher “trifft” als dass sie eine frei wählbare Option wäre. Auch wenn durch die Ergebnisse bestätigt wurde, dass allein erziehende Väter in der Regel aufgrund ihrer Vollzeiterwerbstätigkeit über günstigere materielle Bedingungen als allein erziehende Mütter verfügen, darf nicht darüber hinweggesehen werden, dass auch die Väter ein relativ großes Risiko haben, arbeitslos zu werden. Immerhin ein gutes Viertel der Familien lebte in Armutsnähe oder Armut. Dazu trugen oft auch die fehlenden Unterhaltsleistungen der Mütter bei. Nur jede fünfte Mutter zahlte Unterhalt für ihre Kinder. Jeder dritte Vater gab an, finanzielle Probleme zu haben.

Das Motiv für die Lebensform Vaterfamilie ist in der Regel beziehungsorientiert. Die große Mehrheit der nicht verwitweten Väter antworteten, dass das Zusammenleben mit dem Kind von ihnen gewünscht wurde. Allerdings kam es nach Ansicht der Väter nur in etwas mehr als der Hälfte aller abgeschlossenen Sorgerechtsverfahren zur einer tatsächlichen Einvernehmlichkeit zwischen den Eltern. Bei einem Drittel der betroffenen Vaterfamilien wirkt der Konflikt zwischen den Eltern noch zum Zeitpunkt der Befragung, teilweise nach mehreren Jahren der Trennung, so stark, dass die Väter dies als schwerwiegende Belastung ihrer Familie bewerteten. In den strittigen Fällen bekam die Mehrzahl der Väter nach eigener Aussage deswegen das Sorgerecht, weil die Antrag stellende Mutter ein wesentliches “Handicap” in Form von Alkoholkrankheit, psychischer Krankheit oder mangelnder Bindung zum Kind aufwies. Väter haben es in der Regel noch immer schwer, das Sorgerecht zu bekommen, wenn die “Erziehungsfähigkeit” der Mutter nach Auffassung von Jugendamt und Familiengericht nicht eingeschränkt ist und sie selbst das Sorgerecht haben möchte.

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse sowie der Erkenntnisse anderer Studien kann davon ausgegangen werden, dass Kinder von allein erziehenden Vätern im Durchschnitt häufigeren und intensiveren Kontakt mit dem anderen Elternteil haben als im umgekehrten Fall, d.h. wenn die Kinder bei ihren Müttern leben. Vor der Trennung bzw. Scheidung der Eltern verbrachten die Kinder, aufgrund der Vollzeiterwerbstätigkeit der Väter, in der Regel mehr Zeit mit ihren Müttern. Deswegen wird es einem allein erziehenden Vater, auch im Falle einer Ablehnung der Mutter-Kind-Kontakte, oft viel schwerer fallen, eine Kontaktverhinderung bzw. -verminderung zwischen Mutter und Kind zu legitimieren – so wie dies im umgekehrten Fall nicht selten allein erziehende Mütter mit dem Argument tun, der Vater habe sich doch früher auch nicht für das Kind interessiert bzw. engagiert.
 

Probleme und Belastungen

Die Untersuchung bestätigte Forschungserkenntnisse, wonach die Situation des Übergangs in die neue Lebensform, unabhängig vom Geschlecht des allein erziehenden Elternteils, in der Regel von vielfältigen Problemen und Belastungen geprägt ist. Die Hauptprobleme bzw. -belastungen der betroffenen Väter zu Beginn ihrer Alleinerzieherschaft waren die Vereinbarkeit von Vollzeitberufstätigkeit und Vaterrolle, weiterbestehende Konflikte mit der Mutter des Kindes sowie die Gefahr der Isolation, insbesondere dann, wenn der Vater keine neue Partnerin findet. Über die Hälfte der Betroffenen sehen im Fehlen einer Partnerin eine schwerwiegende Belastung ihrer gegenwärtigen Situation. Die Mehrzahl der Väter mit neuer Partnerin war mit der gegenwärtigen Lebenssituation zufrieden. Für die Väter ohne neue Partnerin galt dies nur für ein knappes Drittel. Die Lebensform Vaterfamilie ist für die Mehrheit der Väter kein erwünschter Dauerzustand. Und zwar insbesondere dann, wenn der Vater noch keine neue Partnerin gefunden hat, unabhängig davon, ob diese mit Vater und Kindern im Haushalt zusammenlebt oder nicht.

Der Mehrzahl der Väter gelingt es, sich mit den Kindern in der neuen Lebensform einzuleben und nach einer mehr oder weniger problematischen Übergangsphase die Situation innerhalb der Vaterfamilien zu konsolidieren und den Anforderungen von Kindererziehung und -betreuung und Haushalt gerecht zu werden. Allerdings sind viele der Väter, zum Teil noch nach mehreren Jahren, durch Faktoren belastet, die außerhalb ihrer Familie liegen, aber in diese hinein wirken. Hier werden vor allem die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Vaterrolle, Konflikte mit der ehemaligen Frau/Partnerin sowie finanzielle Probleme genannt.
 

Reaktionen des sozialen Umfeldes

Anfängliche Zweifel im sozialen Umfeld gehen häufig im Laufe der Zeit zurück. So erfuhren nicht wenige Väter zu Beginn ihrer neuen Rolle Kritik, Zweifel oder negative Reaktionen durch Personen ihres sozialen Umfeldes, insbesondere durch Nachbarn und überraschenderweise auch häufiger durch die eigenen Eltern. Über positive Reaktionen ihrer Mitmenschen können vier von fünf Vätern berichten. Es fällt auf, dass viele Väter insbesondere “die Frauen” immer wieder nannten. Viele Väter wurden von ihnen gelobt, manchmal gar “bewundert”. Allerdings kritisierten zwei Drittel der befragten Väter, dass allein erziehende Väter in der Öffentlichkeit “gar nicht” oder “kaum” wahrgenommen würden. Viele sahen sich als Exoten oder “schillernde Besonderheit”. Aufgrund einer fehlenden Lobby würde ihre Familienform auch kein Thema der Familienpolitik sein. So meint der 39-jährige Jürgen G.: “Die allein erziehenden Mütter konnten sich bereits eine größere Lobby verschaffen. Männer werden oft eher zu Konkurrenz erzogen, kommunizieren daher weniger, schließen sich (noch) schlechter zusammen, haben weniger Mitleidsvorteil, lassen sich suggerieren, allein zurecht zu kommen und stehen noch am Anfang der auch für sie nötigen Emanzipation”.

Bei nicht seltener Unterstützung des beruflichen und privaten Umfeldes konnte die Mehrzahl der Väter die Anforderungen ihrer neuen Rolle offensichtlich erfüllen. Dabei scheint es von Vorteil zu sein, dass sich ein großer Teil der Väter schon vor der Zeit ihrer Alleinerzieherschaft in hohem Maße im Haushalt sowie bei der Kinderbetreuung engagierte.
 

Vater-Kind-Beziehung

Wir wissen allerdings nicht, ob ein Zusammenhang zwischen der hohen Familienaktivität dieser Väter während ihrer Ehe und ihrem späteren Status als allein Erziehendem besteht. Sind allein erziehende Väter während ihrer Ehe überdurchschnittlich aktive Väter gewesen? Weil die Lebensform Vaterfamilie Väter und Kinder eher “trifft”, als dass sie sich freiwillig dafür entscheiden könnten, spricht einiges dafür, dass sich diese Väter bei ihrer Beteiligung an der Familienarbeit während der Ehe nicht sehr von den mit Frau und Kindern zusammenlebenden Vätern unterscheiden.

Die befragten Väter bewältigten die Anforderungen des Haushalts sehr oft gemeinsam mit den Kindern bzw. weiteren Personen. Sie nutzten die Hilfe Dritter bzw. von Institutionen bei der Betreuung der Kinder. Innerhalb der eigenen vier Wände wurde die Betreuung hauptsächlich vom Vater allein wahrgenommen. Der großen Mehrheit der Väter kam dabei zugute, dass ihre Kollegen und Vorgesetzten, soweit möglich, die familiäre Situation bei der Arbeitsorganisation berücksichtigten. Trotzdem fiel jedem zweiten Vater die Doppelrolle als Alleinerziehender und Vollzeiterwerbstätiger eher schwer.

Eine zentrale Erkenntnis ergab sich bei der Beschreibung der Vater-Kind-Beziehung durch die Väter. Drei Viertel der befragten Väter berichten von einer Veränderung in Richtung einer sehr positiven, zunehmend gefühlsbetonten Vater-Kind-Beziehung. Dies ist aus der Sicht der Väter insgesamt ein wesentliches Merkmal des Wandels im Vater-Kind-Verhältnis beim Wechsel von der “vollständigen” Familie zur Vaterfamilie. Manche Väter sind der Meinung, dass sich Kinder und Vater gegenseitig “neu” kennen lernen. Viele Väter verspüren ein gewachsenes gegenseitiges Vertrauen, eine engere Bindung zwischen Vater und Kind. Sie schätzen jetzt mehr die miteinander verbrachte Zeit. Daneben wurden noch weitere Aspekte des allein Erziehens, wie beispielsweise die Entscheidungsautonomie im Alltag oder die Möglichkeit das Kind unabhängig von den Vorstellungen eines Partners zu erziehen positiv hervorgehoben.

Trotzdem bleibt die Gesamtbewertung der Lebenslage auch bei den “zufriedenen” Vätern oft von Ambivalenzen geprägt. So hatte über die Hälfte der Väter nicht das Gefühl, in einer normalen Familie zu leben. Viele Väter gingen davon aus, dass ihren Kindern die Mutter fehlt.
 

Ausblick

Die Reaktionen des sozialen Umfeldes auf die allein erziehenden Väter sowie in nicht wenigen Fällen deren eigenes Selbstverständnis zeigen, dass die Rolle des allein erziehenden Vaters in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht im Sinne einer “Normalbiographie” etabliert ist. Dies weist mit darauf hin, dass die Chancen der Familientätigkeit von Vätern, sei es als allein Erziehender, als Vater im Erziehungsurlaub oder als berufstätiger Vater, innerhalb unserer Gesellschaft sowie von vielen Vätern selbst unterschätzt wird. In diesem Zusammenhang ist es dann auch plausibel, dass vermutlich (es existieren dazu keine amtlichen Zahlen) relativ wenige Väter im Falle einer Trennung oder Scheidung die Aufgabe der Betreuung und Erziehung der Kinder für sich beanspruchen. Wenn sie dies doch tun, hatten sie bisher in der Regel nur dann eine gute Chance, wenn Jugendamt und Familiengericht die Mutter als “nicht erziehungsfähig” beurteilten, bzw. die Mutter diesem Anliegen zustimmte. All dies gilt noch einmal verstärkt im Falle von Kleinkindern. Deren eigener Wunsch hat eine noch geringere Bedeutung als derjenige älterer Kinder. Die so genannte tender years doctrine, also die gesellschaftlich weit verbreitete Überzeugung, dass Frauen von Natur aus (Klein-)Kinder besser betreuen könnten, wirkt hier zusätzlich in die Entscheidung mancher Familiengerichte mit ein. Ob sich seit der Reform des Kindschaftsrechtes im Jahre 1998 hier bereits erste positive Entwicklungen ergeben haben, vermag der Autor nicht zu sagen.
 

Literatur

  • Matzner, M. (1998). Vaterschaft heute. Klischees und soziale Wirklichkeit. Frankfurt/New York: Campus.
  • Stiehler, S. (2000). Alleinerziehende Väter. Sozialisation und Lebensführung. Weinheim und München: Juventa.
  • Matzner, M. (2007): Alleinerziehende Väter – eine schnell wachsende Familienform. In: Mühling, T:/Rost, H. (Hrsg.): Väter im Blickpunkt. Perspektiven der Familienforschung. Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich, S. 225-242.
  • Matzner, M. (2011): Alleinerziehende Väter. In: Ehlert, G./Funk, H./Stecklina, G. (Hrsg.): Wörterbuch Gender und Soziale Arbeit. Weinheim: Juventa, S. 28

Autor

Dr. Michael Matzner, Erziehungswissenschaftler und Soziologe,
Aktuelle Buchpublikationen: Handbuch Migration und Bildung, Handbuch Jungen-Pädagogik, Handbuch Mädchen-Pädagogik, Soziale Arbeit mit Jungen und Männern
 

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Michael Matzner
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Erstellt am 22. August 2001, zuletzt geändert am 25. Februar 2015