Mit Kindern neue Erlebniswelten der Zeit aufsuchen
Erstellt am 13. März 2007,
Michael Schnabel

Die Zeit: ein Tyrann, eine Glücksfee oder ein Phantom?
Die Zeit verfolgt jeden Menschen auf Schritt und Tritt. Auch Kinder sind unzertrennlich an die Zeit gekettet. Ohne Zeit könnte niemand leben. Daher scheint es überlebenswichtig, an der Uhr oder am Handy ablesen zu können, wo die Zeit gerade steht. Aber nicht nur Erwachsenen stehen unentwegt vor der Aufgabe, die Zeit sinnvoll zu verwenden auch die Kinder sind dem Zeitdiktat ausgesetzt. Sie müssen lernen, dass die Zeit wertvoll ist, dass man sie nicht verschwenden oder vertrödeln darf. Vereinbarte Zeitpunkte sollen eingehalten werden. Und vor allem darf man anderen die Zeit nicht stehlen. Bereits in der Schule kommt es darauf an, Aufgaben in einem festgelegten Zeitabschnitt zu erledigen. So wird die Zeit zum Zuchtmeister der Lebensführung und Maßlatte für Leistungen. Mehr noch: Sie wurde in unserem Kulturkreis zu einem unerbittlichen Tyrannen des Erfolgs.
“Neben der schwarzen Zeit gibt es auch die bunte Zeit” , meint ein Fünfjähriger in einem Gespräch über die Zeit. Vor allem für Erwachsene hat die Freizeit ein freundliches und heiteres Gesicht. Sie ist frei vom Diktat der Arbeit, von Pflichten und Aufgaben. In der Freizeit hat man Zeit für Ruhe und Muße. Sie kann für Erholung, Zerstreuung und Entspannung genutzt werden.
Neben der Freizeit und Arbeitszeit gibt es noch Festzeiten. Sie gehören zwar auch zur Freizeit, sind aber zusätzlich mit vorgegebenem Sinn und Feiern ausgefüllt. Solche Tage können Erfüllung, innere Einkehr und Glück dem Menschen bedeuten, wenn der Sinngehalt solcher Feste diese Erfahrungen zelebriert. Ist dann die Zeit eine Glücksfee, die uns die schönen Seiten des Lebens entgegenhält?
Und dann gibt es noch den verwegenen Gedanken: Zeit existiere gar nicht. Sie ist eine Erfindung der Menschen. Bereits 450 vor Christus behauptet der griechische Philosoph Zenon: Zeit sei nur in den Vorstellungen der Menschen vorhanden. Die Zeit bleibe immer gleich, nur die Dinge um uns ändern sich, daher entstand die Vorstellung vom Fluss der Zeit. In eine ähnliche Richtung gehen die Gedanken des Soziologen Norbert Elias: Die Zeit sei das Verhältnis, das Menschen zu den Ereignissen haben, die ihnen begegnen (1).
Drei Ansichten über die Zeit! Sie lockern eingefahrene Vorstellungen vom Verlauf der Sekunden, Minuten und Stunden auf. Sie geben den Blick frei und motivieren, Zeit vielgestaltig und bilderreich zu sehen. Vor allem Kleinkinder begegnen der Zeit noch unbeschwert und unvoreingenommen. Sie können für ihre Eltern zum Fremdenführer durch unentdeckte Zeitlandschaften werden.
Sich auf urtümliche Anschauungen über die Zeit einlassen
Erwachsene haben in der Regel ein festgezurrtes Zeitschema im Kopf: Das Wort “Zeit” ruft sofort ein Bild der Uhr auf mit vielen Terminen, Pflichten und Planungen. Dieses Muster ist so einzementiert, dass ein solches Gefängnis kaum frische Luft für freie Ansichten und ungezwungenes Handeln zulässt. Warum auch, wenn sich alle Welt nach dem Takt der Uhren richtet?
Wer jedoch neue Erlebniswelten der Zeit auskundschaften möchte, der muss sich auf die sorglosen und urtümlichen Anschauungen der Kleinkinder einlassen und ein entsprechendes Zeitgefühl einüben. Mehr noch: Er muss lernen von der akribischen Stunden- und Minutenplanung abzukommen und Zeit vergeuden wollen. Eine anspruchsvolle und anstrengende Aufgabe! Ein Versuch, der von Erlebnisreichtum und Zufriedenheit begleitet sein kann. Es kommt aber noch besser: Der Glückforscher M. Csikszentmihalyi meint, nicht der Lebensplan, der wie eine Fahrkarte strukturiert ist, führt zum Glück, sondern die Offenheit für spontane Überraschungen und die Konzentration auf das gegenwärtige Geschehen (2). Also: Wer die Zeit vergisst und sich vom gegenwärtigen Geschehen in Bann nehmen lässt, der ist auf der Straße zum Glück.
Im Zeitlupenseminar – einem Trainingsangebot um die Langsamkeit zu erlernen – brauchen die Teilnehmer/innen mehrere Tage bis sie sich aus dem eingefahrenen Zeitgefängnis heraustrauen. Denn die abweichenden Anschauungen und die neuen Verhaltensweisen unterscheiden sich so gewaltig, wie der durchorganisierte Tagesablauf eines Großstadtmenschen im Vergleich zum Zeitempfinden eines Naturmenschen im Urwald. Während der Großstadtbewohner seinen Tag genau nach der Uhr plant und möglicherweise eine Liste mit Terminen anlegt, verlässt sich der Bewohner des Urwaldes auf eine Vielzahl von Beobachtungen und Erfahrungen. Seine urtümliche Zeitorientierung ist viel komplexer, subtiler und variationsreicher: Hinweise auf Veränderungen gibt die Sonne, der Gesang der Vögel, das Verhalten der Tiere, die Sichtweite, das Verhalten der Beutetiere und vieles mehr.
Wenn die Unterschiede im Zeitverständnis so gewaltig sind, gelingt es dann Erwachsenen überhaupt die Welt der kindlichen Zeitvorstellungen zu verstehen? Ist die Kluft nicht unüberwindlich? Eltern haben bei dieser Expedition viele Vorteile, Erleichterungen und eine umfangreiche natürliche Mitgift. Denn normalerweise besitzen Eltern eine hohe Sensibilität, um auf ihr Kind eingehen zu können und sie haben eine innere Uhr, die sich an den Bedürfnissen der Kinder ausrichtet. Also sind sie gut gerüstet, um die Erlebniswelt der kindlichen Zeit auskundschaften zu können.
Der junge Psychiater Hector musste den ganzen Globus umrunden, um bei den Eskimos, bei den Mönchen in China und in vielen anderen Gegenden der Welt die unterschiedlichsten Vorstellungen über die Zeit kennen zu lernen (3). Eltern müssen sich nur ganz bewusst ins Kinderzimmer begeben und versuchen, sich auf die Vorstellungswelt ihres Kindes einzulassen. Und auf der Stelle sind sie mitten in einer anspruchsvollen und erlebnisreichen Expedition des Bilderreichtums von Zeit.
Neue Zeiten kennen und auskosten lernen
Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern werden dazu gezwungen, oft ungewohnte und meist auch unbequeme Zeitpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Mehr noch: Sie werden geradezu gefesselt, um sich neuen Zeitabschnitten zu öffnen. Beispielsweise, wenn der Säugling nachts um zwölf Uhr oder morgens um drei Uhr Hunger hat, dann schreit er so lange, bis die Mutter ihn stillt. Oder, wenn ein Kind krank im Bett liegt und nachts nicht schlafen kann, so bleibt die Mutter oder der Vater bei ihm und erzählt Geschichten. Schrecken Kinder nachts auf, weil sie schlecht geträumt haben, so werden sie von den Eltern getröstet. “Wenn nur einmal am Wochenende meine Kinder nicht schon um sechs Uhr morgens auf der Matte wären und wir gemütlich ausschlafen könnten” , klagen Eltern von früh aufstehenden Kindern.
Die Beispiele zeigen: Kinder zwingen ihren Eltern neue Zeitpunkte auf, Kinder fesseln Eltern an ungewohnte Zeiteinheiten. Muss dies immer mühevoll, lästig und verdrießlich sein? Mitnichten! Beim Tandem-Fallschrimspringen wird der unerfahrene Springer auch an den Routinier gefesselt, damit ein Unfall verhindert werde und der Neuling den freien Flug in vollen Zügen genießen kann. Bei solchem Flug steigert sich noch das Erlebnis, sobald die Angst geschwunden ist: Alle Sorgen und der graue Alttag sind vergessen, nur noch ein Hochgefühl des Fliegens und der gesteigerten Wahrnehmung ist vorhanden (4). In ähnlicher Weise bringen die ungewöhnlichen Zeitpunkte und Zeitabschnitte, die Kinder abverlangen, neue Erlebnismöglichkeiten und nie gekannte Erfahrungen: Vielleicht wird manchen Eltern erstmals bewusst welch tolles Konzert die Vögel im Sommer anstimmen, bevor die Sonne aufgeht. Eine heilsame Gelegenheit, um die feinstofflichen Energien aufzunehmen, die sich beim Aufgehen der Sonne übers Land ergießen. Oder, wer achtet schon auf die wohltuende Ruhe, die sich nach Mitternacht einstellt? Die Erlebnisse und Erfahrungen zu ungewohnter Stunde können noch tief greifender werden, wie Eltern berichten: “Wenn nach längerer Wache mitten in der Nacht mein Kind endlich eingeschlafen ist, dann beobachte ich es noch sehr lange, achte auf seine Bewegungen und fühle seine Ruhe, dabei verspüre ich eine tiefe Verbundenheit. Ein unbeschreibliches Erlebnis!” Ein völlig neuartiges Zeitgefühl: Alles ringsherum ist bedeutungslos, die Anstrengungen sind vergessen, nur die Gegenwart wird in höchster Gelassenheit und Konzentration aufgenommen (5).
Natürlich sind Eltern auch gerädert, wenn sie einen Großteil der Nacht bei ihrem Kind wach bleiben mussten. Kinder demonstrieren dann oft eine weitere unkonventionelle Zeiteinteilung: Sie holen den versäumten Schlaf am Tage nach. Eine Einladung an die Eltern: Mit dem Kind zusammen einen Mittagsschlaf zu machen, um zu probieren, ob diese Praxis zur eigenen Erholung und Entspannung beiträgt.
Die heilsame Langsamkeit der Kleinkinder
“Sie werden diese Tage Ihr ganzes Leben lang niemals vergessen.” So das Versprechen einer Ausschreibung für ein Seminar der Langsamkeit. Angesprochen werden in erster Linie überarbeitete und gestresste Menschen, aber auch alle, die dem Alltagstrott entfliehen möchten, finden in diesem Seminar eine völlig neue Beziehung zum Zeitverlauf und zum Leben insgesamt. Welche Übungen krempeln das einschichtige und öde Zeitempfinden um? Es sind Handlungen im Zeitlupentempo! Beispielsweise soll der Weg vom Speiseraum zur Toilette, der ca. 15 Meter beträgt, in zwanzig Minuten zurückgelegt werden. Oder: Bei jedem Atemzug solle nur ein Wort gesprochen werden!
Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern werden bei solchen Versprechungen schmunzeln, denn sie denken an die vielen Übungseinheiten, die kostenlos von ihren Kindern fürs Training der Langsamkeit geboten werden. Wer beispielsweise mit einem eineinhalbjährigen Kind im nahe gelegenen Geschäft Semmeln fürs Frühstück holen möchte und dem Explorationsverhalten seines Kindes freien Lauf lässt, der braucht für diese Wegstrecke, die er üblicherweise in fünf Minuten zurücklegt, zwanzig oder sogar dreißig Minuten. Ebenso wird das Gespür für die Langsamkeit geschärft, wenn man beim Wickeln eines zehn Monate alten Säuglings auf dessen Spielereien eingeht. Nicht zu reden vom Trödeln und den Verzögerungstaktiken der Kleinkinder, wenn sie sich anziehen sollten. Die genannten Fälle sind nur Kostproben der Übungseinheiten, die Kinder für ihre Eltern Tag für Tag bereithalten, damit sie ein Feeling für Langsamkeit entwickeln können.
Wenn Eltern ganz bewusst die Spielereien ihrer Kinder verfolgen und sich anstecken lassen von der Gemächlichkeit und Behutsamkeit des kindlichen Agierens, dann zeigen sich neue Farben und Erlebnisspielräume beim Verstreichen der Zeit. Vor allem die Kleinkinder sind es, die ihre Eltern und Betreuungspersonen zur Langsamkeit anleiten. Nachdem der Kleine gerade das Gehen gelernt hat, möchte er jetzt auch die Strecke zum Bus zu Fuß gehen. Das geht nur im Schneckentempo! Geduld, Einfühlung und Entdeckerfreude brauchen die Eltern auch, wenn sie mit einem Kleinkind ein Einkaufszentrum besuchen. Dort gibt es unendlich viele Dinge, die ein Kleinkind faszinieren. Oft werden sogar Gegenstände, Schautafeln, Kübel und Abstellmöglichkeiten, die man bisher völlig übersehen hatte, für das Kind zum außergewöhnlichen Untersuchungsobjekt. Damit das ungebremste Interesse an Plüschtieren, Bausteinen oder Modellautos nicht im Kaufrausch endet, sollten Eltern mit Ihrem Kind das Einkaufszentrum manchmal nur zum “Anschauen” besuchen und nichts kaufen. Diese Regel muss schon vor dem Besuch dem Kind vorgeschlagen und erklärt werden. Wenn sich Eltern für solche Expeditionen Zeit nehmen, erwerben sie dadurch eine Fülle an Erfahrungsmöglichkeiten, zu denen sie durch ihre Kinder gedrängt werden.
Wer auf den Geschmack gekommen ist, der kann noch mehr tun, um alle Facetten der Langsamkeit auskosten zu können. Es lassen sich Übungen erfinden, die ganz bewusst Langsamkeit und Geduld der Eltern auf die Spitze treiben. Beispielsweise, wie wäre es, absichtlich einen Bus oder eine U-Bahn vorbei zu lassen, um auf die nächste U-Bahn warten zu müssen? Oder das Trödeln beim Anziehen des Kindes laufen zu lassen. Wenn dann Mutter und Kind völlig zu spät bei der Geburtstagsparty des Freundes eintreffen, dann wird sich zeigen, wie ein Kind mit dieser misslichen Lage umgeht. Oder vielleicht ist es für ihr Kind gar nicht peinlich? Eine Lehrstunde für Eltern, um Ansichten ihrer Kinder kennen zu lernen.
Langsamkeit bei Kindern zulassen, beobachten und auskosten bietet den Eltern viele Lernchancen, öffnet den Blick auf ungewöhnliche Zeitanschauungen und führt zu neuen Erfahrungen und Einsichten. Es kommt noch besser: Das bewusste Einlassen auf die Langsamkeit trägt entscheidend zum Erwerb humaner Kompetenzen bei, denn folgende Tatsache kristallisiert sich unverkennbar heraus: Langsamkeit ist die Basis für Genussfähigkeit (6). Es beginnt schon beim Essen und Trinken, denn die Geschmacksnerven brauchen Zeit, um den Geschmacksreichtum eines guten Essens und eines vorzüglichen Weines wahrnehmen zu können. Diese Erfahrung einer behutsamen Auseinandersetzung weitet sich auf alle Lebensbereiche aus bis hin zum Genuss von Kunst und Poesie.
Das Training der Langsamkeit überrascht noch mehr: Alle genannten Übungen und Experimente steigern die Sensibilität füreinander und führen zu einem einfühlsamen Miteinander: Denn Zwischenmenschlichkeit braucht Langsamkeit (7). Der Zeitforscher K. A. Geißler sieht in der Schnelllebigkeit und Hektik in unserem Leben die Ursache für die Vereinsamung vieler Menschen, denn das Gefühl der Nähe und gegenseitiges Vertrauen brauchen Behutsamkeit und Langsamkeit, um sich entwickeln und festigen zu können.
Die Positive Spielzeit
Die positiven Wirkungen und der heilsame Einfluss gezielter Hinwendung zum Kind und das geduldige Eingehen aufs Kind wurden in Untersuchungen zur Positiven Spielzeit bestätigt (8). Wenn sich Eltern bewusst für eines ihrer Kinder – auch für ältere Kinder – Zeit nehmen und sich täglich 30 Minuten dafür reservieren, um mit ihm zu spielen, so werden die Beziehung intensiviert und neue Formen der Kommunikation entwickelt. Diese Spielpraxis zwischen Mutter bzw. Vater und Kind ist so prägend, dass sogar Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern dadurch abgebaut werden können. Die Erfahrungen mit der Positiven Spielzeit machen deutlich, dass soziale Beziehungen nicht im Eiltempo gelingen können. Denn nur wenn ausreichend Zeit füreinander reserviert wird, können Beziehungen vertieft und Verhaltensweisen verändert werden.
Damit die Positive Spielzeit ihre therapeutischen Wirkungen entfalten kann, müssen von den Eltern folgende Anweisungen eingehalten werden: Die Spielzeit ist ausschließlich für ein Kind reserviert. Nur mit diesem Kind sollten sich die Eltern beschäftigen. Sie schenken ihrem Kind die volle Aufmerksamkeit und lassen sich nicht ablenken. Es muss peinlich darauf geachtet werden, dass Störungen durch Telefonate und durch andere Personen oder Verpflichtungen ausgeschaltet werden. Die Eltern gehen auf die Wünsche und Forderungen des Kindes ein. Die Positive Spielzeit kann nur gelingen, wenn eine entspannte und angenehme Atmosphäre herrscht und jeder Zeit- und Leistungsdruck außen vor bleibt.
Die Bedingungen und Vorschriften für die Positive Spielzeit schaffen Raum für intensive Begegnungen zwischen Eltern und Kind. Solche Begegnungen öffnen die Erfahrungsmöglichkeiten füreinander, sie lassen den anderen im neuen Licht erscheinen, zeigen neue Seiten seiner Persönlichkeit und lassen freundschaftliche Eindrücke zurück. Das Grundprinzip der beschriebenen Positiven Spielzeit ist: Sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen, um sich voll und ganz auf den anderen einlasen zu können. Es muss nicht immer das gemeinsame Spiel sein, das die genannten Wirkungen aufweist, auch die oben geschilderten alltäglichen Situationen, die bewusst im Zeithaben verbraucht werden, sind ebenso ertragreich.
Die produktive Langeweile
Ein ungemütliches, nervendes und unerträgliches Zeitareal, mit dem Eltern und Kinder häufig konfrontiert werden, ist die Langeweile. “Entweder ist man dann total lätschig. Oder man wird vor Langeweile hektisch und blöd und kann sich selber nicht leiden.” So äußert sich eine Gruppe von Kindern über die Langeweile (9). Wenn Kinder jammern “Mir ist es sooo langweilig!” dann ist dies für viele Eltern wie ein Nadelstich mit der Mahnung “Kinder brauchen jetzt dringend einen Zeitvertreib.” Die Reaktionen der Eltern sind vielfältig und meist nicht sehr hilfreich: “Lass mich in Ruhe, ich brauche jetzt einige Minuten zum Ausspannen.” “Da komm her! Ich geb’ dir jetzt zehn Euro, so kannst dir etwas kaufen.” “Mach erst deine Hausaufgaben fertig, dann spielen wir miteinander.” Dies sind alles Versuche, die Langeweile zu verscheuchen und die Kinder für Neues zu begeistern.
Auch wenn Langeweile für Kinder und meist auch für Erwachsene schwer erträglich ist, richtet sie keinen Schaden an und blockiert nicht Einfallsreichtum und Kreativität. Ganz im Gegenteil: Langeweile ist ein sehr sinnvolles Durchgangsgefühl, das zu neuen Interessen und zu einer neuen Lebendigkeit führt (10). Daher müssen Eltern nicht hektisch reagieren und Aktionismus an den Tag legen, wenn ihre Kinder Langeweile beklagen. Vielmehr besteht die interessante Gelegenheit, die Öde und innere Wüste der Langeweile näher auszukundschaften. Einige Fragen zur Langeweile lassen diesen Schaukelzustand zwischen der Hinwendung zur Innen- und Außenwelt des Kindes erträglicher erscheinen:
- Wie spürst du die Langeweile?
- Was macht die Langeweile mit dir?
- Wie fühlt sich die Langeweile an?
- Woher kam die Langeweile?
- Warum ist dir langweilig?
Die beiden letzten Fragen können den Ausgangspunkt und die Ursachen der Langeweile deutlich machen. Beispielsweise stellt sich oft Langeweile ein, wenn Kinder sehr intensiv gespielt oder sich mit einer Aufgabe konzentriert beschäftigt haben. Eine sehr nützliche und erfüllende Langeweile, weil sie Energien für neuen Schwung sammelt.
Kinder klagen zuweilen auch über Langeweile, wenn sie müde und erschöpft sind. “Ich hab jetzt die Legos herausgenommen, den Baukasten ausgeräumt, das Steckspiel aufgestellt und meine Malsachen ausgepackt. Nun ist mir langweilig.” Auch ein Überangebot an Spiel- und Beschäftigungsmöglichkeiten kann bei Kindern der Grund für das Aufkommen von Langweile sein. “Ich weiß nicht, was ich jetzt spielen soll?” diese Frage ist ein Anzeichen von Unentschlossenheit, die oft durch zu große Wahlmöglichkeiten ausgelöst wird. Der passive Konsum ist wenig geeignet triste Stimmungen zu vertreiben und Energien für spannende und einfallsreiche Beschäftigungen zu sammeln (11).
Die Erlaubnis zum Fernsehen oder die Beschäftigung mit Computerspielen ist meist nur vorübergehend geeignet, Langeweile zu verdrängen.
Wenn sich bei Kindern äußerst häufig und in kurzen Zeitabständen Langeweile einstellt, so könnte darin auch ein Signal zu sehen sein, das die Kinder von einer Beschäftigung in die andere purzeln und ihre Eigeninitiative und ihr Ideenreichtum schon erlahmt sind.
Die Vielzahl der Ursachen für Langeweile verweist darauf, dass zunächst ein Gespräch über die Langeweile die entscheidenden Hinweise geben kann. Auch dann muss nicht sofort Abhilfe geboten werden, weil in der Langeweile viele Chancen zur Kreativität liegen. Langeweile ist sozusagen die Brunnenstube für Ideenreichtum und Phantasie. Schon Kinder haben dazu reichlich Erfahrungen, wie ihre Erzählungen zeigen: “Wenn einem so schrecklich langweilig war, dass man es kaum noch aushält, und wenn man nicht einmal fernsehen durfte, dann denkt man irgendwann einmal ganz lange nach. Bis einem was einfällt. Dann ist man plötzlich ganz glücklich und aufgeregt und will gar nicht mehr mit dem Spielen aufhören. Und man ist total stolz auf sich, weil einem so was Tolles eingefallen ist. Oft kommen super Spiele heraus, die wir noch ganz oft spielen. Wenn man aus lauter Langweile was bastelt, wird das komischerweise besonders schön.” (12)
Mit Kindern das Land der Zeiten durchqueren
Die vom Takt der Uhren durchtrainierten Erwachsenen versuchen in immer kleineren Schritten die Zeit zu planen und schnüren dadurch das Korsett der Zeiteinteilung zunehmend enger. Dies nimmt manchmal solche Ausmaße an, dass einige folgende Überzeugung proklamieren: „Jede Minute und jede Sekunde im Leben muss verantwortungsvoll genutzt werden!“ Dabei wird übersehen, dass die wertvollsten Momente im Leben missachtet werden. Schlimmer noch: Die Fähigkeit zur Muße, zum Genießenkönnen und zur Erholung gehen verloren. Kurzum: Lebensfreude und Glück geraten aus dem Blick.
Kleinkinder mit Ihrer Spontaneität und Spielfreude bleiben davon verschont. Sie stoßen ihre Eltern auf ungewöhnliche und interessante Aspekte der Zeit. Auch wenn es zuweilen anstrengend und beschwerlich ist, sich mit der Langsamkeit oder der Langeweile von Kindern anzufreunden, sich auf deren Explorationsverhalten und Ideenreichtum einzulassen, so öffnen diese Übergangsbeschwerden den Eltern neue Lebensaspekte und kreative Handlungsmuster. Eine erfüllende Lebensbereicherung!
Quellen
(1) Vgl. Elias, N.: Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II, Frankfurt 2000.
(2) Vgl. Csikszentmihalyi, M.: Flow – der Weg zum Glück, Freiburg 2006.
(3) Vgl. Lelord, F.: Hector und die Entdeckung der Zeit, München Zürich 2006/3
(4) Vgl. Csikszentmihalyi, M.: Flow – der Weg zum Glück, Freiburg 2006.
(5) Vgl. Csikszentmihalyi, M.: Lebe gut! Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen, Stuttgart 1999.
(6) Vgl. Röthlein, B.: Anleitung zur Langsamkeit. Ruhiger und glücklicher leben, München Zürich 2005.
(7) Vgl. Geißler, K.H.: Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben, Freiburg Basel Wien 2001.
(8) Vgl. Lauth, G. W.; Heubeck, B.: Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES), Göttingen 2006.
(9) Vgl. Bischoff, A.; Lexikon der Erziehungsirrtümer. Von Autorität bis Zähneputzen, Frankfurt a. M. 2005.
(10) Kast, V.: Vom Interesse und dem Sinn der Langeweile, München 2003.
(11) Vgl. Csikszentmihalyi, M.: Lebe gut! Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen, Stuttgart 1999.
(12) Bischoff, A.; Lexikon der Erziehungsirrtümer. Von Autorität bis Zähneputzen, Frankfurt a. M. 2005, S. 207.
Autor
Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D – 80797 München
Tel.: 089/99825-1929
E-Mail: Michael Schnabel



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