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Kinder brauchen Grenzen

Erstellt am 11. März 2003, zuletzt geändert am 15. März 2010

Beate Weymann

Was sind Grenzen?

Unter einer Grenze versteht man einen bestimmten Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. Dieser Endpunkt darf nicht überschritten werden. Wer sich nicht daran hält, muss mit Folgen (Konsequenzen, Sanktionen) rechnen.

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Kinder Grenzen kennen lernen. Eine gewisse Hartnäckigkeit, dass die Grenze eingehalten wird, ist wichtig. Dies beinhaltet auch, dass Grenzüberschreitungen geahndet werden, denn sonst wären die Grenzen ja nur Lippenbekenntnisse. Sanktionen bei Grenzüberschreitungen betonen die Grenze und machen die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit noch mal deutlich. Mit Sanktionen sind aber keinesfalls psychische oder physische Gewalt gemeint!!

Das Motto ist also: Vorher wird angekündigt, wie weit das Kind gehen darf, wo eine Grenze gesetzt wird, an welcher Stelle die Freiheit aufhört. Grenzen müssen ganz klar und vorhersehbar gesetzt werden. Sinnvolle Regeln sollten unmissverständlich formuliert sein. Es nützt niemandem, wenn gewisse Erwartungen der Familie unausgesprochen existieren. Wird sich nicht an die Vereinbarung gehalten, dann muss das Kind spüren, dass es etwas Verbotenes getan hat. Es ist das Ziel, dem Kind verständlich zu machen, dass man für Fehler Verantwortung übernehmen muss und zur Wiedergutmachung aufgefordert ist.

Beispiele für Grenzen: Um 17.30 Uhr muss das Kind zuhause sein. Oder: Nur am Wochenende darf der Fernseher eingeschaltet werden. Niemandem ist es erlaubt, dazwischen zu reden. Das Kleinkind darf nicht den Hof verlassen. Sagt die Mutter “Nein” , dann stellt das eine Grenze dar (der Wunsch des Kindes wird somit nicht erfüllt, das Thema ist vom Tisch!).

Weshalb sind Grenzen ungeheuer wichtig?

Ob Grenzen notwendig sind oder nicht – dieses ist unter Fachleuten heutzutage kein Thema mehr. Niemand sagt mehr, dass ausschließlich die totale Freiheit eine optimale Entwicklung gewährleistet. Zwischen den Extremen: Zucht- und Ordnung-Methoden der Urgroßeltern einerseits und den antiautoritären Idealen der 68er-Elterngeneration andererseits wird heute ein Mittelweg als am geeignetsten angesehen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Mittelweg zwischen Autorität und Laisser-faire tatsächlich ein goldener ist.

Diana Baumrind, eine hoch geschätzte Entwicklungspsychologin aus Berkeley in Kalifornien kam nach jahrelangen Forschungen zu folgenden Ergebnissen: Die selbstbewusstesten und kontrolliertesten, zufriedendsten, unternehmungslustigsten und unabhängigsten Kinder entwickelten sich bei einer Erziehung, die sowohl klare Grenzen beinhaltete, auf der anderen Seite aber auch eine besondere menschliche Wärme anbot. Ein Familienklima, das sich durch große Offenheit, Wärme und Liebevollsein auszeichnet, erleichtert Kindern das Grenzenbefolgen ungemein.

Da die Welt für das Kind voller Aufregungen und Geheimnisse steckt, unüberschaubar erscheint (und ist), braucht es Grenzen und Orientierung, um sich zurecht zu finden. Grenzen verschaffen Kindern eine Möglichkeit, sich sinnvoll zu orientieren.

Erspart man dem Kind dieses, so läuft es zwangsläufig gegen Mauern und stößt sich den Kopf, was vermieden hätte werden können. Das Leben selbst hält Grenzen bereit. Es ist also unrealistisch, dem Kind vorzumachen, dass alles und jedes machbar ist. Selbst wenn die Eltern und Großeltern immer so springen würden, wie das Kind es wünscht, wäre es unausweichlich, dass irgendwann eine Grenze auftaucht.

Beispiele: Die Erzieherin im Kindergarten widmet sich allen Kindern, nicht nur einem – und auch diesem nur so, wie sie es pädagogisch für richtig hält (erfüllt dem Kind eben nicht jeden Wunsch). Wer meint, dass einem als Fußgänger/Radfahrer die Straße gehört, wird sehr bald vom Gegenteil schmerzlich überzeugt. Jeder Schüler hat Erfahrung damit, dass man oft nicht die Zensur / die Beurteilung bekommt, die man sich vorgestellt hat. Es ist schwierig, einen Arbeitsplatz in einer bestimmten Firma / Behörde zu bekommen. Man wird nicht unbedingt so geboren und ausgestattet, wie man sich das ausgesucht hätte (Größe, Gesundheit, Intelligenz, Begabungen, Talente usw.). Anhand dieser paar Beispiele sieht man bereits, dass Grenzen zum Leben gehören und nicht zu leugnen sind.

Es gibt verschiedene Arten von Grenzen – dieses wurde eben auch deutlich: Einerseits setzen einem andere Personen und Institutionen Grenzen (Erzieherin, Lehrerin, der Partner, Schule, Firma, Behörde usw.), andererseits die Umwelt: Die Straße ist nun mal für Autos v.a. da; das Freibad hat im Herbst bereits geschlossen; wenn der Staat eine bestimmte Währung neu einführt, kann man sich dem nur fügen; falls auf dem Flughafen gestreikt wird, muss man Verspätungen oder Flugausfälle hinnehmen; ist eine Busfahrt ausgebucht, so kann man sich nur noch umorientieren.

Nicht zu vernachlässigen sind an dieser Stelle die Grenzen, die einem die eigene Persönlichkeit setzt: Man spielt nicht Gitarre wie Santana, dichtet nicht wie Goethe oder profaner: Die Geduld lässt sehr zu wünschen übrig; ohne 9 Stunden Schlaf ist man nicht leistungsfähig; die Handschrift bleibt trotz intensiver Übung ein Gekritzel.

Wenn also die Umwelt sowieso genügend Grenzen bereithält, warum soll man dann zuhause den Kindern vermitteln, es gäbe keine? Hieran sieht man, dass das Verwöhnen nicht vorteilhaft ist. Als viel angemessener erscheint es daher, die Kinder schon frühzeitig an Grenzen zu gewöhnen. In dem Falle fällt es ihnen leichter, mit den Menschen und der Welt auszukommen. Ansonsten würden sie bei jeder Grenze verwundert sein, sich beschweren und gegen sie ankämpfen. Motto: Zuhause ging alles. Warum jetzt bloß nicht? Das kann doch nicht sein!! Dieses wäre für die Kinder und die Mitmenschen, die das mit ansehen, peinlich. Es lohnt sich, Kindern einen anderen Weg aufzuzeigen. Grenzen- und schrankenlose Freiheit kann es nicht geben – dieses wird zunehmend akzeptiert.

Kindern sollte auch gegen ihren Willen Grenzen deutlich gemacht werden. Schließlich sind sie noch nicht in der Lage, von einer übergeordneten Sichtweise aus das Ganze zu betrachten.

Beispiel: Ein Kind möchte lange aufbleiben. Es denkt nicht daran, dass es den nächsten Morgen nicht ausgeschlafen hat, nicht aufstehen möchte, kann; dass es unkonzentriert und unfallanfällig ist. Oder: Ein Kleinkind ist bestrebt, die Welt zu erkunden. Es weiß ja nicht, wie gefährlich eine Steckdose oder das eingeschaltete Bügeleisen ist. Ein Jugendlicher möchte mit seiner schnellen Mofa imponieren. Ihm sind die Konsequenzen (dass die Fahrerlaubnis erlischt, dass keine Versicherung aufkommt bei einem Unfall, wenn die Mofa bauartlich verändert wurde = getunt wurde) gar nicht bewusst.

Je älter und reifer das Kind, desto besser erkennt es den Sinn und Zweck hinter Regeln, Geboten, Verboten und Grenzen. Sie merken, dass das Zusammenleben besser gelingt und mehr Freude macht, falls sich alle an gewisse Regeln und Grenzen halten.

Beispiele: Es begreift, dass man ausgeschlafen sein muss, wenn man den nächsten Tag fit und leistungsfähig sein möchte. Das Kind sieht ein, dass Feuer schnell gefährlich werden kann und deshalb erhöhte Umsicht nötig ist. Den Sinn von sozialen Regeln vermag es zu erkennen: jemanden ausreden lassen, zuhören können, Rücksicht nehmen, Kompromisse aushandeln, usw..

Zusammenfassung

Es sollte nicht versäumt werden, Kindern klare Grenzen aufzuzeigen. Grenzen stellen eine sinnvolle Orientierungsmöglichkeit für Kinder dar. Grenzüberschreitungen sollten geahndet werden, um die Bedeutung einer Grenze auch auf diese Weise zu betonen. Auf das richtige Verhältnis zum Fehlverhalten ist unbedingt zu achten. Konsequenz ist sehr wichtig, d.h. dem gleichen Verhalten des Kindes muss die gleiche Reaktion des Erziehungsberechtigten folgen. Das Ziel besteht darin, dass das Kind Verantwortung für sein Handeln (seine Fehler) übernimmt. Die Erziehung gelingt am besten, wenn außer dem Grenzensetzen ausreichend (viel) Zuwendung, Zeit und Liebe eingebracht wird.

Literatur

Prof. Dr. Peter Struck: Erziehung für das Leben, Südwest Verlag, München, 2001

Knaurs großer Erziehungsratgeber, Weltbild GmbH, Augsburg, 2002

Annemarie Pfeifer: Erziehen mit Leibe und Konsequenz, Oncken Verlag, Wuppertal u. Kassel, 2000

Beate Weymann-Reichardt: Kindern klare Grenzen setzen, Südwest-Verlag, München, 2003

Autorin

Beate Weymann, Diplom-Sozialpädagogin
Angestellte des Landes Niedersachsen
Schulstr. 2
D – 37586 Dassel