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Ist die “Antiautoritäre Erziehung” out?

Erstellt am 15. März 2005, zuletzt geändert am 13. Juni 2012

Michael Schnabel

Die wilden 60er Jahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1945) erbrachten die Menschen in Deutschland eine kaum vorstellbare Aufbauleistung. Mehr noch: Kaum waren die Schäden des Krieges beseitigt, so erblühte die Bundesrepublik zu einem Wirtschaftswunderland.

Doch Anfang der 60er Jahre äußerte sich darüber Unbehagen und kritische Einwände gab es auf Seiten der Intellektuellen. Die Fixierung auf wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand verhinderten eine geistige und moralische Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus und den Folgen des Krieges. So gelang – gemäß den gesellschaftskritischen Analysen – eine radikale Abkehr von den autoritären Strukturen nicht und die Chance eines geistigen Neuanfangs wurde durch eine einseitige materielle Ausrichtung unterbunden.

Diese Gesellschaftskritik wurde Ende der 60er Jahre von der Studentenbewegung radikalisiert und durch Demonstrationen in der Öffentlichkeit ausgetragen. Alle Autoritäten wurden als fragwürdig eingestuft und einer kritischen Analyse unterzogen. Dies betraf auch ganz besonders die Erziehungsinstitutionen. Unter dem Motto der “Antiautoritären Erziehung” wurden bisherige Erziehungskonzepte abgelehnt und neue Prinzipien formuliert.

Was meint “antiautoritäre Erziehung” ?

“Die antiautoritäre Erziehungskonzeption versteht sich als Reaktion auf herkömmliche Erziehungsstile, denen vorgeworfen wird, durch repressive Erziehung die Kinder zu dressieren, ihre Triebwünsche zu unterdrücken und damit den autoritären Charakter (Adorno), die entfremdete Persönlichkeit zu entwickeln. … Zentrale Erziehungsziele der antiautoritären Erziehung sind die freie Entfaltung der Persönlichkeit des Kindes, die Förderung seiner psychischen Unabhängigkeit, die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und die Unterstützung seiner Konflikt- und Kritikfähigkeit. Dies soll dadurch geschehen, dass der Bedürfnisbefriedigung und den Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder kaum Einschränkungen gesetzt werden, die Übermacht des Pädagogen abgebaut wird und die Kinder durch Selbstbestimmung ihre Bedürfnisse regulieren.” (1)

Die philosophischen Wurzeln dieser antiautoritären Erziehung liegen bei Rousseau, der das Kind als gelungenes Geschöpf Gottes sieht, das durch Menschenhand verdorben werde. Rousseau und seine Nachfolger bekennen sich zur Natur des Kindes und folgern daraus das Prinzip des Gewähren- und Wachsenlassens und das Prinzip der kindlichen Selbstregulation. Sie kämpfen für das Recht des Kindes auf Glück und Freiheit und folgern daraus die Befriedigung aller Wünsche und Bedürfnisse der Kinder.

Beispielhaft verwirklicht wurden die Prinzipien der antiautoritären Erziehung in der Erziehungseinrichtung “Summerhill” in England. Der Leiter dieser Einrichtung Alexander S. Neill beschrieb anschaulich das Konzept und die Praxis dieser Erziehung in seinem Buch: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. (2)

Die Proklamation der antiautoritären Erziehung in den 60er Jahren verstand sich auch als Kampfansage gegenüber der bisher vorherrschenden “Autoritären Erziehung” . Autoritäre Erziehung ist gekennzeichnet von totaler Über- und Unterordnung. Die Erzieher bzw. die Eltern sind kraft ihrer Autorität zur Lenkung und Machtausübung gegenüber den Kindern befugt und verpflichtet. Der Erziehungsstil wird geprägt von Befehlen, Anordnungen und Regeln, an welche sich die Kinder bedingungslos halten müssen. “Nun, mach endlich die Hausaufgaben!” “Sofort müssen die Kleider gewechselt werden!” “Wehe denen, die die Anweisungen nicht einhalten!” Dies sind solche autoritären Erziehungsanordnungen.

Häufig werden Disziplin und Unterordnung mit Drohungen und Bestrafungen durchgesetzt. Kinder dürfen nicht selbst entscheiden, sondern die Erziehungspersonen treffen über ihre Köpfe hinweg Entscheidungen. Gehorsam ist die höchste Pflicht der Kinder. “Du wirst Schreiner und übernimmst den Betrieb!” war früher eine Erwartung und ein Befehl der Eltern. Diese Erziehung führt zum autoritären Charakter und Kadavergehorsam, so der Vorwurf der antiautoritären Richtung.

Landläufig wird die antiautoritäre Erziehung als bedenkenloses Gewährenlassen und als zügelloses Verhalten bei den Kindern gesehen. Kinder, die mit den Füssen auf einem Klavier herumtrampeln, einem Erwachsenen die Zunge hinstrecken, oder sich mutwillig in Dreckpfützen werfen, sind angeblich Beispiele für das Ergebnis aus einer antiautoritären Erziehung. Dabei wird antiautoritäre Erziehung meist mit “Laissez-faire-Erziehung” gleichgesetzt.

Ist die antiautoritäre Erziehung bemüht, den Kindern möglichst große Freiräume zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu gewähren, so ist die laissez-faire-Erziehung völlig gleichgültig dem gegenüber, wie sich die Kinder verhalten und was aus ihnen werden solle. Ein Anliegen, die Kinder fördern zu wollen oder für die Entwicklung der Kinder günstige Voraussetzungen zu schaffen, ist nicht erkennbar. Mehr noch: Die Sorge des Erziehers ist darauf gerichtet, keinerlei Einfluss auf die Kinder zu nehmen, um sie nicht in eine unangemessene Richtung zu drängen. Dem Kind soll grenzenlose Freiheit ermöglicht werden und jedes noch so zügellose Verhalten wird akzeptiert.

Die Schilderungen von Alexander S. Neill zur Praxis der antiautoritären Erziehung zeigen, dass in seinem Internat die Gespräche mit den Kindern und das Bemühen, das Verhalten der Kinder zu verstehen, einen hohen Stellenwert einnehmen. Letztendlich wollte er die Kinder nicht zu einem bestimmten Verhalten drängen, sondern sie überzeugen. Nicht immer ist in der Praxis dieses Konzept so umgesetzt worden, vielmehr pervertierte die antiautoritäre Erziehung oft zu einer laissez-faire-Erziehung.

Ist heute die antiautoritäre Erziehung out?

Die Frage nach der richtigen Erziehung ist eine Dauerdebatte um die Entscheidung, wie viel Führung bzw. Zwang ist in der Kindererziehung nötig und wie viel Freiheit soll den Kindern eingeräumt werden. Wer lange genug diese Debatte verfolgt, wird erkennen, dass die Meinungen von starker Lenkung hin zu möglichst großer Freiheit in gewissen Abständen wechseln.

Die Begeisterung an der antiautoritären Erziehung ist bereits seit den 70er Jahren im Schwinden. Immer mehr wurde deutlich, dass Kinder ein gewisses Maß an Führung brauchen. Laut einer Umfrage des Spiegel sind Ende der 90er Jahre die meisten Eltern der Meinung, dass in den letzten zehn Jahren die Kinder eher zu liberal erzogen wurden: “79 Prozent der Deutschen meinen, dass Kinder in den letzten zehn Jahren ´eher zu liberal´ erzogen worden seien. Nur ganze 5 Prozent sind der Ansicht, die Erziehung sei im vergangenen Jahrzehnt ´zu streng´ gewesen. Vorbei sind offenbar die Zeiten, als die Kinder noch tun mussten, was sie wollten.” (3)

Wenn sich die Ansicht der Eltern zur Frage, ob Lenkung in der Erziehung nötig sei, geändert hat, so bedeutet dies nicht, dass Eltern entsprechend handeln. Dass auch heute noch viele Eltern Schwierigkeiten haben, ein angemessenes Maß an Lenkung zu finden, zeigen die vielen Publikationen und das große Interesse am Thema “Grenzen setzen in der Erziehung”.

Quellen

(1) Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit, Frankfurt a. M. 2002/5, S. 44.

(2) Neill, A. S.: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung, Hamburg 1969

(3) Pötzl, N. F.: Zurück zur Härte? In: Spiegel spezial: Erziehung, schwere Last, 1997, S. 16.

Literatur

Ludwig, P. (Hrsg.): Summerhill – Antiautoritäre Erziehung heute. Ist die freie Erziehung wirklich gescheitert? Weinheim Basel 1997.

Stephan, A.: Erziehen – aber wie? Erziehen kann man Lernen, Landau 2002.

Struck, P.: Erziehung für das Leben. Kinder für die Zukunft stark machen, München 2001/2.

Weber, E.: Autorität im Wandel. Autoritäre, antiautoritäre und emanzipatorische Erziehung, Donauwörth 1974

Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am

Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München

E-Mail: Michael Schnabel (Schnabel NULL.Michele null@null web NULL.de)