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Braucht eine Familie einen Familienrat?

Erstellt am 9. August 2005, zuletzt geändert am 11. Juni 2012

Michael Schnabel      
 Foto: Michael Schnabel

Nein, er ist höchst überflüssig, wenn der Vater alles im Alleingang entscheidet und autoritär bestimmt, wie die Familie lebt und was Eltern und Kinder miteinander unternehmen sollen. “Dieses Wochenende müssen wir Tante Frieda besuchen. Gleich nach dem Mittagessen fahren wir alle zusammen los. Und ich möchte, dass ihr besonders höflich und freundlich zur Tante Frida seid!” So oder ähnlich legten Väter in früheren Zeiten fest, was die ganze Familie unternehmen wird. In der heutigen Zeit undenkbar!

“Lisa was möchtest du morgen am Sonntag machen? Was gefällt dir am besten? Welche Wünsche hast du? Sollen wir wieder in den Märchenwald fahren? Oder möchtest vielleicht zum Ponyhof und mit einem Pferd reiten? Oder vielleicht hast du Lust zur Sommerrodelbahn zu fahren, damit wir zusammen den Berg heruntersausen? Wie wäre es mit einer kleinen Schiffsrundfahrt auf einen See?” So bettelt die Mutter ihre fünfjährige Tochter um eine Entscheidung, damit sie noch alles rechtzeitig zum Sonntagsausflug vorbereiten kann.

Zwei Erziehungsstrategien – zwei Irrwege! Autoritäre Entscheidungen gehen von den Vorstellungen des Familienvorstandes aus und kümmern sich nicht darum, ob die anderen Familienmitglieder einverstanden sind und ob ihnen die Vorschläge Spaß machen. Nicht minder daneben ist es, wenn sich Entscheidungen und Unternehmungen nur an den Wünschen und Vorstellungen der Kinder ausrichten. Die Kinder sind meist überfordert, aus vielen Vorschlägen eine Auswahl zu treffen und die Eltern werden missmutig, wenn sich alles nach den Wünschen der Kinder richten muss. Auf Dauer kann das Zusammenleben in Familien nur gelingen, wenn Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen aller Familienmitglieder beachtet werden und bei Meinungsverschiedenheiten ein Ausgleich gefunden wird. Damit die Erwartungen der Kinder und der Eltern zu ihrem Recht kommen und die Ansprüche und Wünsche aller berücksichtigt und einbezogen werden können, entwickelte Rudolf Dreikurs den “Familienrat” (1).

Die Erfindung von Rudolf Dreikurs: der Familienrat

In vielen Veröffentlichungen legte der Pädagoge und Individualpsychologe Rudolf Dreikurs die Grundprinzipien einer humanen und demokratischen Erziehung dar. Die Beziehungen zwischen Eltern (Lehrer/innen) und Kindern sollten von gegenseitigem Respekt, von Achtung und Toleranz getragen sein. Jeder ist in der Familie für sich selbst und für die Gemeinschaft verantwortlich. In der Praxis können diese Prinzipien in einem Familienrat eingelöst und umgesetzt werden. Dreikurs definierte den Familienrat wie folgt: Ein Familienrat ist “eine Gruppe von Menschen, die zusammenleben, ob sie nun miteinender verwandt sind oder nicht. Die Gruppe sollte sich planmäßig treffen und nach Regeln vorgehen, auf die man sich vorher geeinigt hat. Die Versammlung sollte ein offenes Forum sein, in dem alle Familienmitglieder sprechen können, ohne unterbrochen zu werden, und in dem sie die Freiheit haben, sich auszudrücken, wie sie wollen, ohne Furcht vor irgendwelchen Konsequenzen und ohne Rücksicht auf Alter oder Stellung. Die Beratungen werden nur dann mit einer Entscheidung abgeschlossen, wenn alle anwesenden Mitglieder zustimmen, das heißt zu einem gemeinsamen Einverständnis kommen” (2).

Der skizzierte Familienrat ist ein Instrument, um in Familien die unterschiedlichen Interessen artikulieren und verhandeln zu können. Solche Beratungen sind Voraussetzung für gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Eltern und Kindern. Zugleich können im Familienrat aufkommende Konflikte entschärft und Krisen bearbeitet werden.

Regeln und Prinzipien eines Familienrates

In der zitierten Definition eines Familienrates sind in konzentrierter Form alle wesentlichen Regeln bereits angesprochen, damit jedoch die Umsetzung dieses Vorhabens ohne Risiken gelingen kann, müssen die pauschalen Vorgaben noch genauer gefasst und veranschaulicht werden. Hier folgen detaillierte Angaben zur Teilnahme, Durchführung und Protokollierung des Familienrates:

Teilnehmen sollen am Familienrat alle Menschen, die in einer Wohngemeinschaft zusammenleben. Wenn auch in der Regel Eltern und Kinder in einer eigenen Wohnung leben, so gibt es zum Teil auch Familien, bei denen Großeltern, Tanten, Vettern oder auch Kusinen leben. Alle, die in einer derart erweiterten Familie leben, sind gleichberechtigte Teilnehmer/innen am Familienrat. Die Teilnahme am Familienrat ist bis zu einem gewissen Grad verpflichtend. Selbstverständlich wird keiner zur Teilnahme gezwungen, aber an die Beschlüsse des Familienrates müssen sich alle halten.

Ein effektiver Familienrat braucht eine regelmäßige Durchführung. Gleich bei der Einführung des Familienrates sollte beschlossen werden, wie häufig er einberufen wird. Dreikurs schlägt vor, den Familienrat jede Woche tagen zu lassen, denn die Beschlüsse aus dem Familienrat sollten wenigstens bis zum nächsten Treffen gelten. Bei einer wöchentlichen Tagung kann ein problematischer Beschluss bald wieder verändert werden. Wenn ein bestimmter Wochentag und eine konkrete Uhrzeit festgelegt werden, so ist der Familienrat bald eine etablierte Einrichtung und alle Teilnehmer reservieren sich automatisch diesen Termin.

Die Beratungen im Familienrat müssen nicht hochoffiziell wie in einem Parlament erfolgen, sondern können in lockerer Atmosphäre beim gemeinsamen Teetrinken oder in einer Kaffeerunde durchgeführt werden. Aber gerade deswegen sind mehrere Regeln erforderlich, damit sich das Treffen nicht in eine Quasselrunde verwandelt:

  • Zu allererst braucht der Familienrat eine Leitung. Sie sollte in einem bestimmten Turnus wechseln. Auch Kinder im Schulalter können die Leitung übernehmen.
  • Weiterhin braucht die Beratung eine Tagesordnung. In der einfachsten Form kann sie aus zwei Punkten bestehen: Alte Probleme und neue Probleme.
  • Die Ergebnisse jeder Beratung werden in einem Protokoll festgehalten. Eine ertragreiche und erbauliche Form sind Einträge in ein dickleibiges Heft, in das Notizen aus den Sitzungen mehrerer Jahre Platz finden. In dieser Familienbiografie können die Beschlüsse aus zurückliegenden Monaten nachgelesen werden. Nach vielen Jahren liest manches Familienmitglied mit Erstauen und Freude, was einmal besprochen und entschieden wurde.

Nach der Beschreibung der Hauptelemente eines Familienrates braucht man noch einige Verfahrens- und Gesprächsregeln:

  • Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin darf ohne Unterbrechung seine Anliegen vortragen. “Ausreden lassen und den Sprecher bzw. die Sprecherin nicht unterbrechen” , ist eine äußerst wichtige Regel. Der Leiter bzw. die Leiterin des Familienrates sollte mit größter Sorgfalt auf Einhaltung dieser Regel achten.
  • Alle Entscheidungen sollen einstimmig gefällt werden. Wenn jedoch ein sehr komplexes Thema aufgetischt wird, so muss meist zum Einholen der nötigen Informationen die Entscheidung vertagt werden.
  • Der Familienrat ist ein offenes Forum, in dem alle Themen diskutiert werden dürfen. Einschränkungen oder Zensur der Themen gibt es nicht.
  • Im Familienrat besteht uneingeschränkte Freiheit in den Äußerungen. Es wird keiner getadelt, wenn er ungehobelt, provozierend oder emotionsgeladen seine Ansichten vorbringt.
  • Im Familienrat sollen bei jedem Treffen auch erfreuliche Ereignisse mitgeteilt werden, beispielsweise eine bestandene Prüfung, eine gute Note in der Schulaufgabe, eine Höhergruppierung, ein Sieg der Fußballmannschaft des Sohnes und vieles mehr.

Mit diesen Regeln ist ein brauchbarer Rahmen zur Durchführung des Familienrates abgesteckt. Erst die konkreten Beratungen werden zeigen, ob in jeder Familie alle Regeln erforderlich sind und ob zusätzlich neue Verfahrensweisen eingeführt werden sollten. Berichte aus Familien machen deutlich, ein Familienrat braucht anfangs eine gewisse Experimentierphase und oftmals stellen sich nach einigen Beratungen Krisen bei der Umsetzung ein, die jedoch bald überwunden werden.

Was kann ein Familienrat erreichen?

Rudolf Dreikurs spricht in seiner Veröffentlichung viele Vorteile und Chancen an, die durch einen Familienrat eröffnet werden. Insgesamt gesehen wächst durch den Familienrat eine kooperative Familienatmosphäre, die zu einer größeren Harmonie der Familienmitglieder untereinander führt. “Solch eine Atmosphäre ist charakteristisch für eine Familie, in der Kinder und Erwachsene sich gegenseitig mit Respekt behandeln, in der jede Person Selbstachtung und ein Gefühl des eigenen Wertes hat. Obwohl einige Familienmitglieder größer, einige älter und einige klüger sind als andere, behandeln sie einander als gleichwertige Menschen, von denen jeder einen wertvollen Beitrag leisten kann” (3).

Neben der Verbesserung des Familienklimas bringt ein Familienrat größere Effektivität bei der Erledigung der anfallenden Hausarbeiten und Kompetenzzuwachs in der Kommunikationsfähigkeit. Beratungen und Beschlüsse im Familienrat machen deutlich, wie viele und welche Hausarbeiten erledigt werden müssen und zugleich werden diese Arbeiten schneller, einfacher und wirksamer erledigt, wenn die Verantwortung gleichwertig verteilt wird. “Wenn der Familienrat gut funktioniert, wird die Arbeit ohne Nörgelei getan, und die Familienmitglieder finden wieder Freude in der Gemeinschaft. Allmählich fühlen sich alle Mitglieder für die Erledigung der häuslichen Pflichten zuständig. Unangenehme Aufgaben werden im Wechsel erledigt, so dass sie nicht dauernd an einem Familienmitglied hängen. Die Zänkerei hört auf, der Umgangston wird freundlicher” (4).

Weiterhin ist der Familienrat für alle Beteiligten geradezu ein Trainingsprogramm zur Qualitätssteigerung der Kommunikation. Denn nur wer seine Anliegen und seine Veränderungsvorschläge überzeugend und mit durchschlagenden Argumenten vorbringen kann, der wird Erfolg haben. Weiterhin ist erforderlich, Informationen klar und prägnant vorzutragen. Mehr noch: Nicht nur die sachlichen Gesichtspunkte werden zunehmend geschickter vorgetragen, die Diskussionen und der Erfahrungsaustausch gewinnen auch an Tiefe und Betroffenheit. “Wenn der Familienrat funktioniert, erübrigt sich nutzloses Reden weitgehend. Es ist nicht mehr notwendig zu ermahnen, sich zu beklagen, zu nörgeln, zu zanken, zu drohen. Statt dessen kann man sich freundlich unterhalten und Gedanken austauschen, wie es unter Gleichwertigen sein sollte. In einem Klima gegenseitigen Respekts können die Kinder es riskieren, von ihren Erlebnissen zu berichten, auch wenn sie dabei einmal nicht im besten Licht erscheinen. Mit der gegenseitigen Achtung wächst auch der Mut, unvollkommen zu sein, bei Eltern wie bei Kindern” (5). Wenn es im Familienrat gelingt, offen und ehrlich über alle Angelegenheiten zu reden, so werden sich Eltern und Kinder immer mehr verstehen und der Familienrat kann zu einem Begegnungsort der Teilnehmer/innen werden. Vor allem, wenn der Familienrat mit Kindern im Kleinkind- und Grundschulalter regelmäßig praktiziert wird, ist die Gefahr, dass der Gesprächsfaden zwischen Jugendlichen und Eltern abreißt, äußerst gering. Denn gerade für Jugendliche ist der Gesprächskontakt zu den Eltern äußerst wichtig, damit sie eventuelle Gefährdungen und Krisen bewältigen können.

Quellen

(1) Dreikurs, R.; Gould, S.; Corsini, R. J.: Familienrat. Der Weg zu einem glücklichen Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern, Stuttgart 2003.

(2) Ebd. S. 23

(3) Ebd. S. 15.

(4) Ebd. S. 44.

(5) Ebd. S. 44.

Literatur

Diekmeyer, U.: Das Familienbuch: mit Kindern glücklich leben, Ravensburg 1997.

Dreikurs, R.; Soltz, V.: Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir zeitgemäß? Stuttgart 2004.

Gordon, T.: Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind, Hamburg 2000.

Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am

Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München

E-Mail: Michael Schnabel (Schnabel NULL.Michele null@null web NULL.de)