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Wie können Rituale Übergänge begleiten?

Erstellt am 11. Februar 2010, zuletzt geändert am 5. März 2010

Michael Schnabel

 Foto: Michael Schnabel

Inhalt


1. Was ist ein Ritual?

2. Elemente eines Rituals

3. Strukturen der Übergangsrituale

4. Übergangsrituale in Schulen

5. Schulen auf dem Weg zum Ritual?

„Ich möchte auch einen Schulranzen haben. Ihr müsst mir einen Schulranzen kaufen …“ So bedrängt Jakob Tag für Tag am Ende des Kindergartenjahres seine Eltern. Obwohl er noch ein Jahr den Kindergarten besuchen wird, ist es sein größter Wunsch, einen Schulranzen zu bekommen. „Es ist doch völlig sinnlos ein Jahr vor dem Schuleintritt eine Schultasche zu kaufen“, ist die Überzeugung seiner Eltern. Aber dem unaufhörlichen Drängen gibt die Großmutter nach und kauft einen Schulranzen (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/haushaltfinanzen/produktkunde/was-eltern-beim-schulranzenkauf-beachten-sollten). Voller Stolz zeigt er jedem seinen Schulranzen.

„Jetzt bin ich ein Schulkind (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/schule/schulfahigkeitschulreife/ihr-kind-auf-dem-wege-zum-schulkind-so-fordern-sie-seine-entwicklung-wahrend-der-kindergartenzeit-und-nach-der-einschulung). Mit dem Schulranzen auf dem Rücken sieht jeder, dass ich in die Schule gehe.“ Vielleicht sind dies die treibenden Gedanken für den Wunsch nach einem Schulranzen? Vielleicht erkennt manches Kind am Schulranzen, wie wichtig im Leben der Eintritt in die Schule (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/archiv/endlich-schulkind) ist?

Wendepunkte und Übergänge (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/archiv/achtung-ubergang-wie-der-wechsel-vom-kindergarten-in-die-schule-gelingt) im menschlichen Leben brauchen Symbole und Rituale (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/erziehungsbereiche/moralische-und-religiose-erziehung/rituale-in-familien-ihre-schwierigkeiten-und-chancen), damit sie erfolgreich in die Persönlichkeitsentwicklung (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/kindheitsforschung/schulkindalter/die-entwicklung-von-kindern-zwischen-dem-6-und-dem-10-lebensjahr-forschungsbefunde) eingebunden werden können. Sie sollen ein Scheitern verhindern. So die Überzeugung von Generationen und Kulturen seit Jahrtausenden. Aber es gab und gibt auch Kritik und Ablehnung. Gerade in Deutschland bläst ein kräftiger Wind den Traditionen, Ritualen (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/erziehungsbereiche/moralische-und-religiose-erziehung/wie-familien-rituale-gestalten-konnen) und Bräuchen (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/erziehungsbereiche/moralische-und-religiose-erziehung/rund-ums-osternest-brauche-in-der-osterzeit) ins Gesicht. Einmal deshalb, weil in der Hitlerdiktatur die Rituale missbraucht wurden und zum anderen, weil die Studentenrevolte in den 1960er Jahren mit allem überkommen „Muff“ aufräumen wollte. Auch viele pädagogische Aussagen haben in diesem Gefolge Traditionen, Rituale und kulturelle Formen verteufelt.

1. Was ist ein Ritual?

Trotz der Ablehnung, trotz der Skepsis und trotz schlechter Erfahrungen können alle Erwachsenen bei einer Befragung aus dem Stand heraus eine ganze Litanei von Riten (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/erziehungsbereiche/moralische-und-religiose-erziehung/rituale-in-familien-mussen-neu-belebt-werden) hersagen. Meistens werden genannt: Weihnachten, Ostereier suchen, Martinsfeier, Nikolausfeier, Taufe, Hochzeit, Beerdigung, Geburtstag, Namenstagsfeier, Muttertag, Tischgebet, Gute-Nacht-Geschichten, Sprüche der Oma.[1] Eigenartigerweise fällt den spontan Befragten kein Ritual und keine Feierlichkeit aus der Schule ein.

Worin bestehen Gemeinsamkeiten bei diesen Anlässen? Welche Strukturen können ausfindig gemacht werden? Was sind die unverzichtbaren Elemente eines Rituals?

Zunächst ein Versuch der Klarstellung zu den Ausdrücken “Ritus” und “Ritual”. Die meisten Veröffentlichungen sehen beide Begriffe als gleichbedeutend an, beispielsweise die „Brockhaus Enzyklopädie“, das „Lexikon für Theologie und Kirche“ und das Handwörterbuch “Religion in Geschichte und Gegenwart” behandeln “Ritus” und “Ritual” als gleiches Stichwort.[2] Der Autor des Beitrags “Ritual” im Soziologie-Lexikon – Weis, K. – besteht auf der Unterscheidung von Ritual und Ritus. Demnach sind “Rituale” Handlungen, die das Verhalten typisieren und vereinfachen wollen, beispielsweise das Ritual der Begrüßung. “Auch rituelle Handlungen, also Riten, bestehen immer aus einer Kombination ritualisierter Ausdrucksweisen. Riten sollen aber eine Situation gestaltend verarbeiten, Bindungen schaffen, Kontakte zur Umwelt und zum Jenseits herstellen. Übergänge und Veränderungen bewältigen, Interaktionsabbrüche (z.B. Tod) und andere menschliche Krisen verarbeiten. Hier sind an erster Stelle die Übergangsriten (…) zu nennen.”[3]

Der Vollständigkeit halber sei noch auf einen Aspekt des Ausdrucks “Ritus” verwiesen: Ritus bezeichnet die Gesamtheit der zeremoniellen Handlungen einer Glaubensgemeinschaft: “In spezieller Weise wird das Wort gebraucht von der Gesamtheit der gottesdienstlichen Gebräuche einer bestimmten Kirche: es meint dabei nicht nur den Zeremonienapparat, sondern die ganze Lebensordnung einer christlichen Gemeinde in ihrer Eigenart, die ja gerade in ihren gottesdienstlichen Bräuchen zutage tritt.”[4] Nach diesen Unterscheidungen soll der Ausdruck “Ritus” mehr den religiösen Charakter herausheben, wobei “Ritual” eher eine regelmäßig vollzogene alltägliche Handlung sei.

Und noch eine Abgrenzung ist erforderlich: Die Unterscheidung zwischen Ritual und Gewohnheit. An einem Beispiel wird das augenfällig: Großvater schneidet immer mit dem Taschenmesser den Brotlaib an. Aber zuvor macht er mit dem Messer drei Kreuzzeichen auf den Boden des Brotes. Das Brotanschneiden mit dem Taschenmesser ist Großvaters Gewohnheit, aber das Bekreuzigen des Brotes ist ein Ritual. Denn die Kreuzzeichen machen deutlich, dass durch diese Zeremonie das Brot gesegnet werden solle. Wahrscheinlich in der Überzeugung: Mit Gottes Hilfe und Beistand wird dieses Brot allen Kraft schenken und zum Segen gereichen.

Kurzum: Eine Gewohnheit ist meist ein regelmäßig vollzogenes Handlungsmuster – ein Ritual ist ebenfalls ein regelmäßig vollzogenes Handlungsmuster, das sich deutlich durch eine Sinndimension auszeichnet.

2. Elemente eines Rituals

Nach diesen Abgrenzungen sollen mehrere Charakteristika einem Ritual Konturen geben.

Ein Ritual ist immer eine sichtbare und erlebbare Handlung. Es ist ein beobachtbares Tun und ein bestimmtes Handeln eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Es braucht unbedingt eine Zeichenhandlung. Wer also nur besinnlich dasitzt und meditiert, vollzieht noch kein Ritual.

Neben den beobachtbaren Praktiken gehört zu einem Ritual die regelmäßige Wiederholung nach festgelegtem Muster. Zuweilen wird gefordert, dass ein Ritual immer eine bestimmte Dramaturgie besitzen solle.

Ein unverzichtbares Element zur Charakterisierung eines Rituals ist seine Sinndimension. Ein schematisches Handeln, das keinen tieferen Sinn erkennen lässt, ist eine Gewohnheit und wird nicht dem Anspruch eines Rituals gerecht. Mehrere Autoren bezeichnen daher ein Ritual auch als Symbolhandlung.[5] Damit ist gemeint, diese Handlung weist über sich hinaus und enthält rational nicht erklärbare Elemente. “Rituale spiegeln die Mythen eines Volkes und ihren Glauben wider. Die religiösen Mythen beantworten auf sehr unterschiedliche Weise die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, welche Bilder des Göttlichen wir verwenden und welchen Sinn wir unserem Leben geben. Rituale sind Praxis der Mythen, ihre Umsetzung in praktische Handlungen.”[6]

Rituale geben der Religiosität (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/kindliche-entwicklung/entwicklung-einzelner-fahigkeiten/religiose-und-moralische-entwicklung-im-kindes-und-jugendalter) und der persönlichen Spiritualität ein markantes Gesicht. Sie sind keine religiösen Phantastereien, vielmehr erden sie geradezu das religiöse Leben.[7]

3. Strukturen der Übergangsrituale

Der Mensch ist bei seiner Geburt biologisch und psychisch ein unfertiges Wesen. Er ist daher im hohen Maße auf Entwicklung hin angelegt. Diese Ausgangslage enthält viele Chancen und Vorzüge. Andererseits verlangen Entwicklungsschritte (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/kindheitsforschung/schulkindalter/die-entwicklung-von-kindern-zwischen-dem-6-und-dem-10-lebensjahr-forschungsbefunde) auch Abschiede von bisherigen Gewohnheiten und Verhaltensmustern – und Einstiege in neue Lebensräume mit neuen Aufgaben und Anforderungen. Dies fällt nicht immer leicht. Solche Anforderungen brauchen Kraft, Mut und Konzentration. Entwicklungsschritte und Übergänge sind mit emotionalen Belastungen, Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Daher ist es eine Kulturleistung der Menschheit, dass einschneidende Übergänge im Leben eines Menschen mit Riten abgesichert wurden. Riten sind in ihrer ursprünglichen Form immer Übergangsrituale. Der französische Forscher Arnold van Gennep beschrieb Übergangsrituale aus unterschiedlichen Kulturen und konnte deren Strukturen herausarbeiten.[8] Demnach bestehen alle Übergangsrituale aus folgenden drei Elementen:

  1. Ablöse-Rituale
  2. Schwellen-Rituale
  3. Angliederungsrituale

Viktor Turner führte die Forschungen von A. van Gennep weiter und zeigte die Komplexität der Prozesse im Schwellenzustand zwischen Ablösung und Angliederung auf.[9]

Nun zu den Schritten eines Übergangsrituals. Äußerst anschaulich sind Übergangsrituale bei den Naturvölkern ausgeprägt. Das Beispiel des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen, wie es von den Aborigenes berichtet wird, zeigt die drei Schritte eines Übergangsrituals überzeugend. So rauben die Männer des Dorfes die Jugendlichen von ihren Müttern – ein ausdrucksstarker Abschied von der Kindheit. Daraufhin verbringen diese angehenden Erwachsenen mehrere Tage im Wald, um das Überleben bei extremen Anforderungen zu lernen. Nach dieser Prüfungszeit werden sie von den Männern des Dorfes abgeholt und feierlich als Erwachsene aufgenommen.

Man muss sich nicht in weite Ferne begeben, um dieses Muster des Übergangs zu finden: Eine gelungene Abiturfeier, ein Abschied aus der Grundschule, der Abschluss der Schulausbildung weisen in der Regel ähnliche Strukturen auf. Ein Rückblick soll vom bisherigen Lebensabschnitt ablösen. Eine Vorschau auf die Zukunft stimmt auf die neuen Anforderungen ein. Dazwischen liegt eine Zeit des Wartens, der Reflexion und vielleicht auch der Besinnung.

Die Auseinandersetzung mit Übergängen darf sich nicht nur auf einschneidende Ereignisse, auf Passagen von einem Lebensabschnitt zu einer neuen Lebensphase beschränken, denn Übergänge sind alltäglich. Sie verlangen Tag für Tag Mut und Kraft. Wer morgens die Wohnung verlässt, bewältigt einen Übergang: Er bewegt sich von drinnen nach draußen und überschreitet dabei die Türschwelle. Meistens nicht bewusst, aber doch äußerst entscheidend: Denn wer an der Türschwelle schon stolpert, hat den ganzen Tag vermasselt. Kinder nehmen Abschied von ihren Eltern, wenn sie sich auf den Schulweg (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/schule/familie-und-schule/sicher-ist-sicher-so-bereiten-sie-ihr-kind-auf-den-schulweg-vor) machen. Jeder Schultag ist für Kinder ein Übergang von der Freizeit in die strukturierte Schulzeit. Dazwischen liegt für viele Kinder eine stressreiche Busfahrt. Früher haben Eltern – und manche tun es heute noch – diesen täglichen Übergang von der Familie in die Schule mit mehreren Ritualen begleitet: z.B. mit einem Kreuzzeichen und einem Segen, wenn das Kind die Wohnung verlässt; einem Spritzer Weihwasser auf den Weg; Abschiedskuss und gute Wünsche.

Wenn solche Rituale in den Familien heute ausbleiben, sollten dann nicht die Schulen den Beginn des Tages mit Riten einleiten?

Besonders markante Übergänge für das Schulkind sind der Wochenbeginn und das Wochenende – und vor allem der Übertritt von einer Klasse in die nächste. Pädagogen/innen und Lehrer/innen wissen aus Erfahrung, dass diese gewöhnlichen Übergänge oftmals mit viel Anspannung, Unruhe, Angst und Beklemmung verbunden sind. Wenn jedoch solche Übergänge beachtet und genutzt werden, so können sie Kreativität, Motivation, Reflexion und Verinnerlichung steigern.

Jeder neue Abschnitt verlangt zum Teil ganz neue Verhaltensweisen, eine Neuorganisation des Alltags und völlig neue Rollenanforderungen. Wie erleben Kinder und Erwachsene solche Passagen des Lebens? Welche psychischen Prozesse begleitet ein Durchgangsstadium? Wie stark sind die Belastungen für die Beteiligten?

Sind Übergänge im Leben mehr ein Drama oder ein fröhliches Vergnügen?

In manchen Überlegungen werden Übergänge im Leben eines Menschen mehr als Drama zwischen Geburt und Tod gesehen. Dabei verdichten sich Ereignisse, denn der Mensch verharrt vor einer Grenze und muss eine Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt überschreiten. Erfahrungen von Geburt und Tod werden aktualisiert. Mustergültig wird solche Dramatik in ursprünglichen Taufriten deutlich: Der Täufling soll sein bisheriges Leben begraben, daher wird er im Wasser untergetaucht. Dann erhebt er sich wieder aus dem Wasser und tritt in ein neues Leben ein, in die Gemeinschaft der Christen. Viele deutende Zeichen veranschaulichen den neuen Lebensabschnitt; z.B. die Taufkerze, das Taufkleid, die Salbung.

Kennzeichnet solche Dramatik, Schwere und Tiefgründigkeit das Erleben der Kinder in Übergangssituationen? Vielleicht zum Teil! Meistens ist ein derartiges Ereignis für Kinder völlig anders: Übergänge können für Kinder eine spielerische Herausforderung, ein amüsantes Ereignis oder eine fröhliche Begebenheit sein.

Wer Kinder genau beobachtet, der erlebt mit welcher unbeschwerten Leichtigkeit Kinder Übergänge nehmen: Wer Kinder im Freispiel beobachtet ist erstaunt, wie oft sie die Rollen bedenkenlos wechseln können. “Jetzt bin ich der Kapitän”, sagt der fünfjährige Felix. Bald darauf schlüpft er in die Rolle des Vaters, um dann gleich wieder Polizist zu sein und vielleicht nach einigen Minuten ist er der Hund seines Freundes.

Kinder seien angeblich begeisterte Grenzgänger. Sie lieben es dazwischen zu hängen. Also noch nicht drüben zu sein, aber schon auf der Grenze zu stehen: Wie zum Beispiel auf einer Mauer oder auf einem Gartenzaun zu sitzen, um hinüber und herüber schauen zu können, meint ein Schriftsteller. Weiterhin führt er aus: Im Übergang steckt die größte Freiheit. Übergänge sind Orte und Situationen voller Kreativität, Spannung, Einfallsreichtum und Produktivität. Im Übergang bündeln sich höchste Dynamik und größte Genialität. Rituale steigern noch diese Chancen und können die Energien und Kräfte produktiv lenken.

Schnabel_Übergangsriten (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/wp-content/uploads/2010/02/Schnabel_Übergangsriten NULL.jpg)

Die Grafik zeigt die einzelnen Phasen und Prozesse der Übergangsrituale. Die Vorgänge während des Schwellenzustandes können sehr unterschiedlich erfahren werden. Während viele Rituale aufzeigen, dass Menschen bei einem Übergang die Situation zwischen den Passagen als „Fall in ein Loch“ erleben, gibt es auch Übergänge, die als Hochgefühl – als „Aufzug zum Gipfel“ – empfunden werden.

4. Übergangsrituale in Schulen

Die Schulzeit ist in der Regel deutlich strukturiert und somit ergeben sich viele Durchgänge, Übergänge und Passagen; beispielsweise der Wochenbeginn und das Wochenende, der tägliche Schulbeginn und das Schulende, der Beginn der Pause, der Stundenwechsel. Solche Übergänge brauchen gebührende Beachtung, wenn sie nicht zu Engpässen und Blockaden werden sollen. Werden sie jedoch mit Ritualen umgeben und feierlich gestaltet, so setzen sie Kraft, Mut und Schaffensfreude frei. Jedoch die bewusste Gestaltung von alltäglichen Übergängen, Stundenwechsel und Veränderungen steht in den Schulen noch in den ersten Anfängen. Es gibt sie aber schon – die ersten Versuche dazu!

Die gravierenden Einschnitte im Schulleben der Kinder, wie der Beginn und das Ende der Schullaufbahn oder der Beginn und das Ende eines Schuljahres werden in allen Schulen in einem gewissen Umfang zelebriert. Jörg Zirfas schildert und analysiert die Einschulungsfeier einer reformpädagogischen Grundschule.[10] Die Ritualelemente einer derartigen Feier sollen die Transformation des Kindes vom Kindergartenkind zum Schulkind (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/archiv/endlich-schulkind) gelingen helfen. Die einzelnen Teilschritte sind durch folgenden Verlauf charakterisiert:

  1. Versammlung der Eltern mit ihren Kindern auf dem Schulhof. Eltern und Kinder nehmen erste Annäherungsversuche auf. Es entstehen Gespräche und erste Kontakte.
  2. Einlass ins Schulgebäude: Die Eltern und ihre Kinder werden aufgefordert sich in die Turnhalle zu begeben. Dort ist bereits alles vorbereitet für die Feier der Einschulung.
  3. Die Schulleiterin eröffnet die Feier und begrüßt alle Teilnehmer/innen.
  4. Für die musikalische Umrahmung sorgen ältere Kinder – die Stammgruppenkinder. „Guten Morgen, guten Morgen. Wir winken uns zu…“ Das Lied ermuntert zum Mitmachen. Ebenso die weiteren Lieder und Verse.
  5. Die Bedeutung des Tages für Eltern und Kinder wird in den Reden der anwesenden Prominenz herausgehoben.
  6. Das entscheidende Ereignis für die Kinder: die Zuteilung zur Klassenlehrerin. Die Lehrerinnen stellen sich kurz vor und anschließend rufen sie die Namen derjenigen Kinder auf, die mit ihnen in den jeweiligen Klassenraum ziehen sollen. Die Eltern bleiben in der Turnhalle zurück und erhalten weitere Informationen vom Schulvertreter, Elternvertreter, Vorsitzenden des Fördervereins und der Schulleiterin.
  7. Die Schuleintrittsfeier wird abgerundet mit einem gemeinsamen Frühstück der Eltern, Kinder und Lehrerinnen auf dem Pausenhof.

Die geschilderte Einschulungsfeier zeigt mustergültig die unterschiedlichen Elemente eines Übergangsrituals. Das zwanglose Treffen und das muntere Treiben auf dem Schulhof haben noch den Charakter einer unbeschwerten Kindheit. Dann folgen Elemente der Wandlung zum Schulkind: Ruhiges Sitzen in der Turnhalle, Zuhören bei den Reden, Mitmachen bei den Liedern. Höhepunkt und volle Konzentration bei der „heiligen Handlung“ der Eingliederung in eine Klasse durch den Aufruf des Namens und das Hinzutreten zu den Mitschüler/innen. In der Klasse werden die Kinder in die ersten Regeln des Schülerdaseins eingeführt. Das gemeinsame Frühstück unterstreicht nochmals die Festlichkeit des Tages – ist aber zugleich auch Andeutung für die regelmäßigen Pausen im Schulbetrieb.

Nicht jeder Übergang und nicht jeder Wechsel in der Schule ist so einschneidend wie der Schuleintritt (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/archiv/achtung-ubergang-wie-der-wechsel-vom-kindergarten-in-die-schule-gelingt) und kann mit derart vielfältigen Ritualelementen ausgestattet werden. Aber auch alltägliche Passagen stecken voller Energie, die durch Rituale produktiv gelenkt werden kann. Eine Chance für Kinder und Lehrer/innen!

5. Schulen auf dem Weg zum Ritual?

Die Epoche der Ablehnung und Verketzerung von Bräuchen und Ritualen ist vorbei. Der gesellschaftliche Trend, Traditionen abzulehnen, ist überwunden. Ganz im Gegenteil: Es ist in vielen Dörfern und Städten eine neue Fest- und Feierkultur zu beobachten, die alte Bräuche, Feste und Rituale wieder aufgreift und äußerst bemüht ist, sie in ihrer Ursprünglichkeit zu begehen. Natürlich können sich auch die Schulen  diesen neuen Lebenserfahrungen nicht verschließen: Denn Schule und Unterricht sind verpflichtet gesellschaftliche Trends und Strömungen aufzugreifen und mitzugestalten, wenn sie nicht völlig realitätsfern werden wollen.

Übrigens eine rituallose Zeit gab es auch in der Epoche der Kritik und Ablehnung von Ritualen nicht, weil ohne geformte und konstante Verhaltensmuster eine Gemeinschaft nicht existieren kann. Ohne Formen und feste Verhaltensmuster wäre das Schulleben immer der Gefahr ausgesetzt im Chaos zu versinken. Neuerdings ist ein deutlicher Wandel im Umgang mit Ritualen an Schulen erkennbar: Denn, wenn Rituale nur geduldet werden, werden sie verkürzt, verkümmert und bruchstückhaft vollzogen und somit in ihrer Wirkung reduziert. Ganz anders, wenn sich Schulen bemühen, Rituale aufzugreifen und bewusst zu pflegen. Veröffentlichungen  und Veranstaltungen in der Lehrerausbildung sind deutliche Hinweise: Rituale finden in Schulen wieder Beachtung. Sie werden bewusst eingesetzt und gepflegt.

Anmerkungen


[1] Vgl. Basle, B.; Maar, N.: Alte Rituale – Neue Rituale. Geborgenheit und Halt im Familienalltag, Freiburg Basel Wien 1999, S. 11.

[2] Vgl. Kasper, W. u.a. (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche, 8. Bd. Freiburg Basel Rom Wien 1999, Sp. 1210; Betz, H.-D. u. a. (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 7, Tübingen 2004, Sp. 547.

[3] Weis, K.: Ritual, in: Reinhold, G. (Hrsg.): Soziologie-Lexikon, München Wien 1997, S. 538 f.

[4] Berger, R.: Neues Pastoralliturgisches Handlexikon, Freiburg Basel Wien 1999, S. 450.

[5] Kaiser, A.: 1000 Rituale für die Grundschule, Hohengehren 2000.

[6] Kaiser, M.: Rituale – Quellen der Kraft, München 2005, S. 19.

[7] Vgl. Grün, A.: Geborgenheit finden – Rituale feiern. Wege zu mehr Lebensfreude, Stuttgart 1997.

[8] Vgl. Gennep, A. van: Übergangsriten, Frankfurt New York 1999.

[9] Vgl. Turner, V.: Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur, Frankfurt a. M. 2005/5.

[10] Vgl. Zirfas, J.: Die Inszenierung einer schulischen Familie. Zur Einschulungsfeier einer reformpädagogischen Grundschule, in: Wolf, C. u. a.: Bildung im Ritual. Schule Familie, Jugend, Medien; Wiesbaden 2004, S. 23-69.

Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D – 80797 München

Tel.: 089/99825-1929

E-Mail: Michael Schnabel (Michael NULL.Schnabel null@null ifp NULL.bayern NULL.de)