Psychisches Befinden nach einer Fehl- oder Totgeburt

Prof. Dr. Anke Rohde
Arhode

 

 

 

 

Der Verlust eines Kindes stellt in der Regel für die betroffenen Eltern und besonders für die Frauen eine erhebliche psychische Belastung dar.

Einfluss durch die Vorgeschichte

Fehlgeburten werden von den betroffenen Frauen und Männern unterschiedlich verarbeitet. Bereits die erste Fehlgeburt im Leben einer Frau kann sehr belastend sein, auch wenn dies von medizinischer Seite häufig noch kein Grund zur Besorgnis darstellt. Das betroffene Paar muss aber einen Weg finden, sich von seinen Gedanken und Plänen in Bezug auf das Kind, die sich mit Eintritt einer Schwangerschaft entwickeln, wieder zu verabschieden.

Beeinflusst sind diese Gedanken und Pläne sicherlich von der Länge und Intensität des Kinderwunsches. Ist die Schwangerschaft lange ersehnt oder Ergebnis einer Sterilitätsbehandlung, ist die Enttäuschung oft besonders groß.

Auch spielt es eine Rolle, ob die Schwangerschaft geplant oder ungeplant eingetreten ist. Bei ungeplanten Schwangerschaften findet häufig eine intensive Auseinandersetzung statt, ob die Schwangerschaft fortgesetzt oder abgebrochen werden soll. Kommt es dann zu einer Fehl- oder Totgeburt, verspüren die Frauen möglicherweise Schuldgefühle, als hätten sie durch ihre anfängliche Ablehnung die Fehl- oder Totgeburt mit verursacht. Auch kann es besonders schmerzlich sein, das Kind zu verlieren, für das man sich so “bewusst” entschieden hat.

Sind bereits mehrere Fehlgeburten aufgetreten, ist die seelische Belastung für die Betroffenen sehr ausgeprägt. Nicht selten stellen die Frauen dann ihren Körper und ihre Fortpflanzungsfähigkeiten generell in Frage, aber auch Männer zweifeln häufig an ihrem “Erbgut”. Auch Schwangerschaftsabbrüche in der Vorgeschichte (unabhängig vom Grund) können gerade in dieser Situation Schuldgefühle verstärkt hervorbringen.

Durch die heute üblichen pränatalen diagnostischen Maßnahmen (wie etwa hochauflösender Ultraschall mit Möglichkeit der Geschlechtsbestimmung, Erstellung von “Fotos” des Kindes etc.) wird bereits sehr früh in der Schwangerschaft die gefühlsmäßige Beziehung zum Kind gefördert, was den Verlust unter Umständen sehr viel schwerer machen kann.

In unserer Arbeit mit Betroffenen nach Fehl- oder Totgeburten ist deutlich geworden, dass die Stärke der Trauer nicht unbedingt von der Schwangerschaftswoche abhängt, sondern vielmehr von den Gedanken und Wünschen, die mit diesem Kind verbunden sind.

Die Diagnose

Der Zeitpunkt der Diagnose wird häufig als Schock erlebt. Dies kann sich auch schon bei drohender Fehl- oder Totgeburt ankündigen. Viele Frauen und Männer erleben diese Zeit wie in einem “Nebel” oder einer “Betäubung” , so als würde ein Film ablaufen, der mit ihnen selbst nichts zu tun hat.

Anschließend können sich Gefühle wie Traurigkeit, Verzweiflung, Ängste und Ärger einstellen und auch abwechseln. Vielen Frauen macht dieses “Wechselbad” der Gefühle besonders zu schaffen. Mit “Verrücktwerden” hat dies jedoch nichts zu tun. Diese Gefühle zeigen, dass ein einschneidendes Lebensereignis eingetroffen ist, dessen Bewältigung eine Menge Kraft erfordert.

Die Kürettage/Geburt

Nach einer Fehlgeburt oder einem intrauterinen Kindstod bis zur 12. Schwangerschaftswoche wird meist eine Kürettage (Ausschabung) bei der Frau vorgenommen, die unter Vollnarkose durchgeführt wird. Meist schließen sich zwei bis drei Tage Klinikaufenthalt an.

Nach der 12. bis 14. Schwangerschaftswoche müssen die betroffenen Frauen bei intrauterinem Kindstod (unabhängig von der Ursache) den ganzen Prozess einer Geburt durchmachen, meist unter dem Einsatz wehenauslösender Mittel. Diese Geburt kann Stunden bis Tage dauern; die von den Frauen oftmals gewünschte Entbindung per Kaiserschnitt wird wegen der damit verbundenen erhöhten Risiken für die Frau in der Regel nicht durchgeführt. Das Warten auf die Wehen und die Geburt und auch der Gedanke, Geburtsschmerzen ohne die Aussicht auf ein lebendes Kind durchstehen zu müssen, werden von den meisten Frauen als besonders belastend empfunden.

Wieder zu Hause

Eltern, die ein “noch nicht geborenes Kind” verlieren, erleben eine längere Zeit der Trauer und benötigen ihre Zeit, um damit fertig zu werden. Die psychischen Reaktionen nach einer Fehlgeburt oder Totgeburt können sehr unterschiedlich sein und unterschiedlich lang andauern.

Nach dem Klinikaufenthalt wieder das Zuhause zu betreten, das die Frau vor ein paar Tagen noch als Schwangere verlassen hat, ist für viele Betroffene ein schwieriger und sehr emotionaler Moment. Es wird hier besonders deutlich, dass viele Planungen und Wünsche, wie z.B. Einrichten des Kinderzimmers, plötzlich ihren Sinn verloren haben. Vielen kommt die Wohnung/das Haus leerer vor als jemals zuvor. Jeder braucht seine Zeit, um wieder zur Normalität zu finden. Das gemeinsame Sprechen des Paares über das Geschehene oder auch das Reden mit anderen kann eine Hilfe für den Umgang mit dem Verlust sein.

Was hilft?

Hilfreich bei der Bewältigung des Verlust können folgende Aspekte sein: Bei der Aufnahme in die Klinik und bei den weiteren Maßnahmen ist die Anwesenheit des Kindesvaters oder einer anderen engen Bezugsperson wünschenswert, wenn dies als Entlastung und nicht als Belastung erlebt werden kann.

Wir empfehlen dem betroffenen Paar bei einer späten Fehlgeburt oder einer Totgeburt, vom Kind Abschied zu nehmen (z.B. durch Ansehen und Halten des Kindes, Mitnahme von Fotos und Fußabdruck) und dem Kind einen Platz in der Familie zu geben (z.B. durch Namensgebung, Segnung, eventuell individuelle Bestattung). Wir möchten dazu ermutigen, sich dem Schmerz dieser Situation zu stellen. Nach unserer Erfahrung kann dies helfen, die Trauer zu lindern und langfristig den Umgang mit dem Verlust zu erleichtern. Auch ist es gut, mit eventuell vorhandenen Geschwistern über dieses Erlebnis zu sprechen und für Fragen der Kinder offen zu sein – natürlich eingestellt auf Alter und Verständnisfähigkeit.

Familienangehörige sollten dem betroffenen Paar Zeit lassen für ihre Trauer. Als wenig hilfreich werden Sätze erlebt wie “Ihr seid noch jung, schaut nach vorne” oder “Am besten ist es, sofort wieder schwanger zu werden, dann ist alles vergessen” .

Viele Betroffene erleben es auch als entlastend, mit anderen Eltern zu sprechen, die Ähnliches erlebt haben. So etwas ist beispielsweise möglich durch Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe. Bei länger dauernden depressiven Reaktionen kann eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll werden.

Unser Angebot

In vielen (Universitäts-)Frauenkliniken gibt es die Möglichkeit, sich im Bereich Gynäkologische Psychosomatik durch eine Psychologin/ Psychotherapeutin beraten bzw. begleiten zu lassen. Bei stationären Patienten erfolgt die Anmeldung über die Station. Ambulante Patienten können sich selbst zur Terminabsprache im Sekretariat der Gynäkologischen Psychosomatik melden. Für eine ambulante Vorstellung ist ein Überweisungs- bzw. Berechtigungsschein des behandelnden Gynäkologen erforderlich.

Literatur

Lohtrop, Hannah. Gute Hoffnung – jähes Ende. Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern

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Autorin

Prof. Dr. med. Anke Rohde
Universitätsklinikum Bonn
Gynäkologische Psychosomatik
Sigmund-Freud-Str. 25
53105 Bonn

Tel.: 0228/287-4737

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Erstellt am 22. Juni 2001, zuletzt geändert am 1. April 2010