Die werdende Mutter

Prof. Dr. Gisela Steins
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Mutter zu werden kann Frauen in unserer modernen Gesellschaft in zahlreiche Konflikte stürzen. Die Konflikte kommen durch Mythen über Mutterschaft zustande, die mit modernen Rollen in der Gesellschaft kollidieren. Frauen selber, aber auch ihre soziale Umgebung kann diese Widersprüche als unlösbar erscheinen lassen. Welche Mythen sind es, die es Frauen mitunter so schwer machen, zufrieden im Beruf und als Mutter zu sein und wie können sie aufgelöst werden?

Besonders aus medizinischer Perspektive hat es in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Fortschritt in modernen Gesellschaften gegeben, was die Versorgung werdender Mütter angeht. Sowohl für die Mutter als auch das Kind ist es ein relativ geringes Risiko geworden, länger an Geburtskomplikationen zu leiden oder gar durch eine Geburt zu sterben.

Psychologisch betrachtet hat sich ebenfalls eine bedeutende Wandlung vollzogen. Badinter (1981) beschreibt, wie sich in den letzten 400 Jahren die Rolle der Mutter von der eher gleichgültigen zur aufopferungsvollen, liebenden Mutter extrem geändert hat. Durch die hohe Kindersterblichkeit hatten Kinder für ihre Eltern eine eher untergeordnete Bedeutung. Sie kamen und gingen und nahmen im Platz ihrer Eltern einen eher untergeordneten Stellenwert ein. In unserer heutigen Zeit werden Kinder durch die Möglichkeit der Verhütung immer häufiger aufgrund einer bewussten Entscheidung zur Welt gebracht. Wir lieben unsere Kinder und hängen an ihnen, weil wir sie als Menschen betrachten, für dessen Start wir eine spezielle Verantwortung tragen.

Geht etwas schief in der Entwicklung des Kindes, dann wird nicht nur von anderen die Mutter mehr als der Vater dafür zur Rechenschaft gezogen, sondern auch sie selbst fühlt sich verantwortlich (Steins 1994). Ich möchte nachfolgend ausführen, wie diese Annahme extrem hoher Verantwortlichkeit für die Entwicklung des Kindes werdende Mütter psychologisch beeinflusst.

Hohe Verantwortlichkeit: Sie beginnt in der Schwangerschaft

In unseren Köpfen hängt das Wohl und Wehe im Leben eines Kindes hauptsächlich von dem Verhalten der Mutter ab. Je kleiner das Kind, desto eher hat die Mutter sein Lebensglück in der Hand. Die Rolle der Mutter wird also hinsichtlich dieses Aspektes als extrem wichtig eingeschätzt, auch wenn Vollzeitmütter in Hinblick auf ihren Status wenig Anerkennung erfahren (vgl. Artikel Mutterbilder).

Die soziale Situation werdender Mütter

Obwohl Schwangerschaft und Geburt natürliche Ereignisse sind, gelten sie mittlerweile als Lebensrisiken. Denn durch das Werden zur Mutter steht in den Köpfen der Menschen in unserer Gesellschaft die wirtschaftliche Unabhängigkeit der schwangeren Frau auf dem Spiel. Kleinere Betriebe können sich Elternzeit oder Elternteilzeit nicht unbedingt leisten; auch für größere Betriebe oder Unternehmen ist die Schwangerschaft einer Frau nicht unbedingt ein wirtschaftlich freudiges Ereignis. Einerseits sollen mehr Kinder geboren werden, andererseits erzeugt eine schwangere, berufstätige Frau jedoch einen gewissen chaotischen Zustand in einem geregelten Arbeitsalltag.

So wird die werdende Mutter bereits im frühen Stadium der Schwangerschaft mit einer Reihe von Widersprüchen konfrontiert, die teilweise nicht aufzulösen sind. Diese Widersprüche sind ihr vertraut: Frauen absolvieren heutzutage in der Regel eine Berufsausbildung und wollen in diesem Beruf auch – zumindest – eine Zeitlang arbeiten. Sie machen während ihrer Schul- und Ausbildungszeit die Erfahrung, dass sie mindestens so gut, wenn nicht sogar besser sind als ihre männlichen Kollegen (Steins 2003). Dennoch sind sie – anders als ihre männlichen Kameraden und Kollegen – häufig schon während ihrer Ausbildungszeit damit beschäftigt, sich zu fragen, wie sie ihre Berufsausübung mit ihrem Wunsch vereinbaren sollen, Mutter zu werden. Dies wird in der Regel als ein Problem empfunden.

Während der Schwangerschaft machen diese Widersprüche vielen Frauen bereits zu schaffen: Mittlerweile gibt es zahlreiche Regeln während der Schwangerschaft zu beachten, angefangen von der Einnahme bestimmter Stoffe idealerweise bereits vor der Schwangerschaft bis zum Imperativ, sich zu schonen, die mit einem beruflichen Alltag kaum mehr zu vereinbaren sind.

Die soziale Umwelt gibt werdenden Müttern ebenfalls sich widersprechende Ratschläge. Interessanterweise fühlen sich bei diesem Thema viele Menschen kompetent und haben eine genaue Meinung zu Fragen der Kindererziehung, Berufsausübung der Mutter oder Verhalten während der Schwangerschaft, die sie gerne als Empfehlung an schwangere Bekannte weitergeben. In manchen Ratgebern für werdende Mütter wird empfohlen, nur noch Situationen aufzusuchen, die gut tun. Das heißt in vielen Fällen jedoch auch, Freundschaften abzubrechen.

Besser wäre es zu akzeptieren, dass es eine Tatsache ist, dass Kinderbekommen gefühlt etwas Privates ist, aber dennoch ein öffentliches Ereignis darstellt, zu dem viele Menschen eine Meinung haben. Hierzu gibt es einige interessante Untersuchungen, die zeigen, dass Meinungen häufig nur ein Spiegelbild unserer persönlichen Bedürfnisse sind. So scheinen Frauen, die selbst noch keine Kinder bekommen haben, besonders detaillierte Vorstellungen über Erziehungsfragen zu haben, während Mütter, die hier bereits Erfahrungen aufweisen, keine so genauen Vorstellungen haben (Herkner 2001).

Die Konfrontation mit den Meinungen anderer über ihre Schwangerschaft sollte idealerweise als soziale Tatsache akzeptiert werden. Keine dieser Meinungen ist wahr oder falsch. Sie zeigen nur, wie die jeweilige Person ihre soziale Umwelt strukturiert. Je eher werdende Mütter hier in einen Diskurs treten und sich in aller Ruhe selber fragen, welche Vorstellungen sie selbst vom Mutterwerden und Muttersein, vom Vaterwerden und Vatersein haben und auf welcher “Beweislage” diese Vorstellungen beruhen, umso eher werden sie selber in der Lage sein, mit den widersprüchlichen Empfehlungen und Vorstellungen anderer Menschen umzugehen.

Dass diese Widersprüche jedoch nicht einfach als eine Tatsache unseres komplexen Lebens hingenommen werden können, sondern zu inneren Konflikten führen, liegt ganz entscheidend an einigen Mythen, die sich um das Mutterbild ranken. Von diesen sollen die wichtigsten ausgeführt werden. Je früher werdende Mütter und Väter diese Mythen hinterfragen, desto eher werden sie mit den Widersprüchen unserer Realität gut leben können.

Mythen über werdende Mütter

Werdende Mütter gelten als besonders sensibel. Dass sie so empfindlich sind, Gelüste entwickeln, nahe am Wasser gebaut haben und psychologisch verändert sind, wird der hormonellen Veränderung zugeschrieben, die eine erfolgreich verlaufende Schwangerschaft kennzeichnet.

Psychologisch betrachtet, gibt es aber auch eine theoretische Perspektive, die erklären könnte, warum diese Sensibilität über ein gesundes Maß hinaus zustande kommen kann. Die Erklärung würde lauten: Die Aufmerksamkeit werdender Mütter wird durch die Empfehlungen der allermeisten Schwangerschaftsratgeber übermäßig nach innen gelenkt. Sie soll sich schonen, die Zeit genießen, in sich hineinhorchen, sich mit dem Kind beschäftigen. Ohne Zweifel kann eine Schwangerschaft ein durchaus befriedigender Zustand sein, er muss allerdings nicht das Ereignis im Leben einer Frau sein, dem sie sich neun Monate lang ausschließlich widmet. Sorge für sich selber zu tragen, zu sehen, dass Körper und Seele beieinander bleiben, sollte ein Aspekt unseres Lebens sein, der nicht an Schwangerschaft gekoppelt ist.

Wenn wir die Aufmerksamkeit übermäßig auf uns selber richten (also selbstaufmerksam sind), bedeutet das zugleich, dass wir unsere Aufmerksamkeit von anderen Dingen abziehen. Möglicherweise ändern schwangere Frauen deshalb manche ihrer Interessen, auch das Interesse an ihrem Beruf. Gleichzeitig mit dieser Lenkung der Konzentration von der Außenwelt nach innen bekommen sie wesentlich mehr von ihrem Körper mit. Dies können auch Signale sein, die sie nicht immer deuten können und sie unnötigerweise besorgt machen.

Fazit: Werdende Mütter gelten vielleicht deshalb als so besonders sensibel, weil sie die Empfehlung, sich um sich selber zu kümmern und sich zu schonen, zu ernst nehmen. Es wird zuviel des Guten betrieben aus Unsicherheit und aus dem Bemühen heraus, alles richtig zu machen. Hohe Verantwortlichkeit legt eben hohe Kontrollierbarkeit nahe.

Mythen über die Rolle der Mutter

Werdende Mütter werden während ihrer Schwangerschaft viel darüber nachdenken, wie sie am besten ihr Kind erziehen. Teilen sie hierbei die Mythen über die Rolle der Mutter, dann wird ihr Handlungsspielraum nach der Geburt eng: Mütter gelten bei vielen Menschen nach wie vor als unersetzlich, insbesondere für kleine Kinder. Wie eine Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1997) gezeigt hat, meinen relativ viele Menschen, dass die Betreuung kleiner Kinder in die Hände der Mütter gehört und dass die Betreuung kleiner Kinder beispielsweise durch eine Kindertagesstätte nicht förderlich für die Entwicklung der Kinder sei (immerhin 63% der Befragten in Westdeutschland).

Viele Frauen sehen deshalb in der Einrichtung der Elternzeit (dem früheren Erziehungsurlaub) eine Alternative. Ein ausgedehnter Erziehungsurlaub – eine Familienphase – kann Frauen jedoch sehr unsicher machen. Sie sind raus aus dem Berufsalltag. Sie können durch den fehlenden sozialen Vergleich und die verloren gegangenen Routinen ihre Kompetenzen nicht mehr richtig einschätzen und laufen bei einem beruflichen Wiedereinstieg Gefahr, unter ihren Möglichkeiten zu bleiben. Dazu kommt, dass die jahrelange Verfügbarkeit für ihr Kind ihre Vorstellungen weiter stützt, dass alles andere der Entwicklung ihres Kindes abträglich sein könnte. Dahinter kann auch eine Rechtfertigung stehen: Wenn eine Mutter relativ viel für die Erziehung ihres Kindes während der ersten Jahre investiert hat, dann wird es schwer fallen einzugestehen, dass es auch anders gegangen wäre.

Liebe zum Beruf und Mutterliebe werden häufig als unvereinbar empfunden. Frauen, die versuchen, beides miteinander zu vereinbaren, erleben deshalb auch häufig innere Konflikte: Nichts wird richtig gemacht, alles nur halb – eine Wahrnehmung, die in der Regel ein Trugschluss ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse hinsichtlich des Wohlbefindens der Kinder in Abhängigkeit von der Berufstätigkeit der Mütter zeigen widersprüchliche Befunde; möglicherweise versucht hier jeder, seine Ansichten mit den passenden Erkenntnissen zu stützen. Die Diskussionen hierzu verlaufen häufig vor einem ideologischen Hintergrund und sind nicht besonders informativ.

Einige wenige Untersuchungen zu den Geschlechtsstereotypen von Kindern, also den Vorurteilen, die Kinder über die typische Frau bzw. den typischen Mann haben, zeigen, dass Kinder von berufstätigen Müttern diese weniger häufig aufweisen (Stainton Rogers/ Stainton Rogers 2001). Kinder, welche die Erfahrung gemacht haben, dass sowohl der Vater als auch die Mutter eine berufliche Tätigkeit ausüben können, haben weniger konventionelle Bilder von dem typischen Mann und der typischen Frau.

Fazit: Letztendlich ist es der Anspruch werdender Mütter an sich selbst und anderer Personen an werdende Mütter, der dazu führt, dass ein Leben, welches das Kind oder die Kinder nicht ausschließlich in den Mittelpunkt setzt, als unzumutbarer Stress und als eine Vernachlässigung des Kindes empfunden wird.

Mythen über Mütter sind deswegen besonders für werdende Mütter interessant, weil es lohnenswert sein kann, während der Schwangerschaft die eigenen Vorstellungen und Einstellungen zum Muttersein zu hinterfragen. Welche Ansprüche haben werdende Mütter an Erziehung, an ihre Rolle als Mutter, an die Rolle des Partners, Freundes oder Ehemanns? Je nachdem, wie diese Ansprüche ausfallen, werden sie das Gefühlsleben der Mutter bereits während der Schwangerschaft und dann ganz besonders nach der Geburt bestimmen.

Ansprüche von Müttern an sich selbst

Die Ansprüche an werdende Mütter sind hoch: Sie sollen gesund leben, sich schonen, ihrem Arbeitgeber nicht auf der Tasche liegen, ganz normal weiter funktionieren. Gleichzeitig werden sie mit der hochverantwortlichen Mutterrolle konfrontiert. Die Ansprüche an Mütter, die sie bald sind, sind ebenfalls hoch – höher als die an Väter.

Einer dieser hohen Ansprüche betrifft die Präsenzfrage. Moderne Mütter machen sich gerade in den ersten Lebensjahren rund um die Uhr verfügbar für ihr Kind. Es herrscht eine stillschweigende Übereinkunft vor, dass nur so ein Urvertrauen hergestellt werden kann. Nehmen wir Theorien hierzu ernst, sollte aber auch die zufrieden stellende, kontinuierliche Beziehung zu anderen Menschen zu diesem Urvertrauen beitragen können. Die Einengung auf das Kind, die werdende Mütter häufig schon während der Schwangerschaft herbeiführen, nimmt ihr viele andere Lebensbereiche, die genauso wichtig für ihre Identität sind.

Ein anderer Anspruch betrifft die emotionale Komponente. Frauen werden durchschnittlich weitaus mehr Eigenschaften zugeschrieben, die sie als besonders sozial und warmherzig beschreiben (Alfermann 1994). Werden Frauen dann noch Mütter, versuchen sie, diese Erwartungen in Bezug auf ihr Kind besonders perfekt umzusetzen. Es ist aber unmöglich, einem Kind gegenüber – auch wenn es das eigene ist – immer warmherzig zu sein. In der Regel entwickeln Menschen negative Gefühle, wenn sie sich nicht so verhalten, wie sie es ihrer Meinung nach eigentlich tun sollten. Je höher der Anspruch ist, desto häufiger sind die Erfahrung des Versagens, negative Emotionen wie Schuld und Scham sowie Verhaltensweisen wie Verleugnung und Verdrängung.

Fazit: Ansprüche an sich als Mutter sollten schon während der Schwangerschaft überprüft werden. Was sind überhaupt die eigenen Ansprüche? Sind sie realistisch? Wie kann ich herausfinden, was wirklich geht und was nicht?

Zusammenfassung

Mutter zu werden, ein natürliches Ereignis, appelliert in modernen Gesellschaften in extremer Weise an die Verantwortlichkeit der Mütter, mehr als an die der Väter. Gleichzeitig erhalten werdende Mütter vor allem aus ihrer sozialen Umwelt widersprüchliche Hinweise darauf, was richtig und was falsch ist. Die Aufgabe, mit einem Kind zu leben, dieses zu erziehen und groß werden zu lassen, kann umso entspannter gelöst werden, je mehr die eigenen Ansprüche auf ihren Realitätsgehalt hin überprüft werden.

Literatur

  • Alfermann, D. (1994). Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Badinter, E. (1981). Die Mutterliebe. München: Piper.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1997). Gleichberechtigung von Frauen und Männern – Wirklichkeit und Einstellungen in der Bevölkerung 1994. Berlin: Kohlhammer.
  • Herkner, W. (2001). Sozialpsychologie. Bern: Huber.
  • Stainton Rogers, W./ Stainton Rogers, R. (2001). The psychology of gender and sexuality. Philadephia: Open University Press Buckingham.
  • Steins, G. (1994). Mutter werden. Die Reaktionen der anderen. Weinheim: Beltz Quadriga.
  • Steins, G. (2003). Identitätsentwicklung. Die Entwicklung von Mädchen zu Frauen und Jungen zu Mädchen. Berlin: Pabst Science Publishers.

Autorin

Dr. Gisela Steins ist Professorin an der:

Universität Duisburg-Essen
Standort Essen
Fachbereich 2
Universitätsstraße 12
45117 Essen

Erstellt am 27. November 2003, zuletzt geändert am 26. September 2013