Die Wassergeburt

Cornelia Enning
Enning Cornelia

Das Wasser lindert nicht nur Wehenschmerzen, sondern dient als Temperaturregulator der Atmung und Sauerstoffversorgung des Kindes. In der Schwerelosigkeit des Wassers kann sich das Baby leicht selbst aus den Geburtswegen herausdrehen und an die mütterliche Brust zurück schwimmen. Vor allem die Sehfähigkeit unter Wasser hilft dem Neugeborenen bei der Orientierung, wenn der “Erste Augenblick” schon vor der Körpergeburt gelingt. Wasser wirkt dabei wie eine Lupe.

Seit den 70er Jahren nutzen Hebammen und Ärzte die Wirkung des Wassers in der Geburtshilfe. Erstaunliche Beobachtungen führten zu neuen medizinischen Erkenntnissen über das “Geburtsbiotop” (Kühnel 1990, S. 13) und die Fähigkeiten eines Kindes, seine Geburt selbst zu steuern. Für die Frau kann eine Entbindung durch die Schmerzlinderung und Blutungsvermeidung mittels Wasser sicherer werden: “Sowohl die Schmerzlinderung für die Mutter wie auch die Stress-Reduzierung für das Kind sind nicht auf Einzelfälle beschränkt, sondern generelle Merkmale einer Wassergeburt” (Enning 2000, S. 9).

Frauenfreundliche Methoden wie Akupunktur, Obertonmusik, Reflexzonenmassage oder Bachblütentherapie sind mit dem “weiblichen Element Wasser” gut kombinierbar. Dammrisse werden seltener, weil das Wasser vernarbte Damm- und Kaiserschnitte weich und elastisch macht. Wenn die Mutter ihre Wehen im Wasser verarbeitet, profitieren besonders die großen Babys mit über 4000g Geburtsgewicht von einem sich weitenden Beckenraum. Babys in Beckenendlage haben durch die Wassergeburt die Chance, ganz normal geboren zu werden. Der Einsatz von Wasser in der Geburtshilfe kann also die Zahl der Risiko-Geburten erheblich senken (Enning 1995, S. 34). Folgerichtig übernehmen heute fast alle Kliniken die Wassergeburtshilfe.

Selbstverständlich bietet das physikalische Medium “Wasser” andere Geburtsbedingungen als das der Erde. In die Luft geborene Babys müssen sofort atmen, ihre Lungen werden plötzlich entfaltet und gedehnt. Bei der Wassergeburt dagegen hat das Baby Zeit, seine Lungenbläschen vom Lungenwasser zu entleeren und beim ersten Luftkontakt langsam und vorsichtig zu atmen. Wassergeburtsbabys atmen also später und unregelmäßiger. Der Blutkreislauf kann sich langsamer umstellen, und die Stresshormone werden dadurch niedrig gehalten.

Von solch günstigen Startbedingungen wird ein “Wasserbaby” sein ganzes Leben profitieren, denn es wird mutiger sein als seine Altersgenossen, in den ersten fünf Lebensmonaten schneller an Gewicht zunehmen und ein stabiles Atem- und Immunsystem ausbilden. Viele “moderne Kinderkrankheiten” wie exessives Schreien, Drei-Monatskoliken oder asthmatische Erkrankungen werden bei zunehmender Wassergeburtsrate seltener auftreten (Eltern-Initiative Wasserbabies e.V. 2000, S. 8).

Die fehlende Schwerkraft im Wasser ermöglicht einer gebärenden Frau, daß sie ohne Hilfe ihr Kind selbst in Empfang nehmen kann. Da es im Wasser nicht hinunterfallen kann, wird es darin schweben, bis es selbst zur Mutter zurückpaddelt (siehe Enning, Lehrvideo “Sanfte Geburt – Wassergeburt Fabio”). Doch schon wenn das Baby bis zur Hüfte geboren ist, hat es den ersten Blickkontakt zu seiner Mutter aufgenommen. Das ist der schönste “Augen-Blick” für jede Wasserbaby-Mutter, denn die Zwiesprache mit ihrem Baby kann nun beginnen.

Zu diesem überwältigenden Bonding-Erlebnis führt eine fachkundige Wassergeburts-Vorbereitung. In Kursen und Hebammensprechstunden werden die Eltern nicht nur mit den physikalischen Bedingungen des Wassers und seiner Funktion als Temperaturträger, sondern auch mit den biologischen Bedingungen zur Auslösung der Geburtsreflexe vertraut gemacht. Das Kind hat schon vor der Geburt an das Fruchtwasser adaptierte Reflexe ausgebildet, die bei einer Wassergeburt in der richtigen Folge zum Einsatz kommen können. Dazu gebraucht es seine Sinne wie den Gleichgewichtssinn, den Orientierungssinn und den Tastsinn. Ein Baby, das während des Verlassens der Geburtswege von seiner Mutter berührt wird, dreht sich folgerichtig mit dem Gesicht zu ihr und nimmt Blickkontakt auf.

In der Geburtsvorbereitung lernen die Eltern, welche Verhaltensweisen dem Kind maximale Eigenbeteiligung an der Geburtsarbeit ermöglichen. So sollten z.B. große Babys mithelfen dürfen und mit der Vollendung der Geburtspirale ihrer Mutter die Wehenarbeit erleichtern. Dazu wird sich das Kind mit den Füßen an der Gebärmutterwand abstoßen und der Mutter das Pressen ersparen (Enning, Lehrvideo “Sanfte Geburt – Wassergeburt Lars”). Je weniger eine Frau ihr Baby herauspressen muß, desto weniger Verletzungen wird sie selbst davontragen. Das Management des minimalen Druckes in der Austreibungsphase war bis zur Zeit der programmierten Geburtshilfe immer Bestandteil der Hebammenkunde. Danach sollte die Gebärende ihr Kind loslassen können. Wasser hilft hier, weil es den Pressdrang mindert.

Geburtsvorbereitung zur Wassergeburt

“Ich fühlte mich während der Geburt zusammen mit meinem Kind wie in einem magischen Kreis. Dieser heilige Kreis war vom Wasser wie von einer bergenden Schutzhülle umgeben” (Ernst 1997, S.9).

Eine Wassergeburt ist also niemals ein spontaner Einfall der Mutter, weil sie vor den Schmerzen einer Geburt Angst hat. Vielmehr planen die Eltern meist lange vor dem Entbindungstermin, wie sie ihrem Baby mit einer Wassergeburt die besten Startchancen ermöglichen. Einige Eltern bereiten sich im Wasser auf die Geburt vor, sie trainieren den Kreislauf beim Aquafit oder entspannen sich beim Aquawellness oder Watsu.

Hebammen bieten darüber hinaus auch die Aufklärung über den Geburtsvorgang bei einer Wassergeburt an, damit die Mutter entscheiden kann, in welcher Phase sie das Wasser zu welchem Zwecke nutzen will. So können die Eröffnungswehen im Wasser stressfreier verlaufen, weil sich Frauen mit niedriger Stress-Schwelle in warmem Wasser leichter entspannen. Hebammen erkennen schon in der Vorsorge, welche Symptome einer stressbesetzten Schwangerschaft auf die Anwendung von Wassertherapien warten und beraten entsprechend bei der Wahl der geburtsvorbereitenden Kurse.

In der Übergangsphase sinkt durch kühles Wasser das Schmerzempfinden der Mutter, sie und das Kind profitieren von einer verkürzten Dauer dieser anstrengenden Phase. Hebammen werden deshalb vor allem Erstgebärenden zur Nutzung des Wassers raten.

In der Austreibungsphase nutzen die meisten Frauen das Wasser, um Dammverletzungen zu vermeiden oder/und um dem Kind die Chance der Eigenarbeit zu geben. Besonders große Babys oder mütterliche Narben im Gebärkanal profitieren jetzt vom Wassereinsatz. Die sinnvollste Kombination mit Wasser scheint die aufrechte Gebärhaltung zu sein, da hier der Druck für Mutter und Kind am geringsten ist. Allerdings müssen Gebärbecken und GeburtshelferInnen diese Position zulassen (Erkennungsmerkmal: Seil/Tuch über einem ausreichend großen Becken).

Wochenbett nach Wassergeburt

Auch das Wochenbett gestaltet sich nach einer Wassergeburt anders als nach einer Landgeburt. Der geringere Blutverlust macht die Mutter schneller fit. Aber auch der geringere Wochenfluß ist für viele Frauen eine angenehme Begleiterscheinung. Je kühler das Wasser bei der Geburt ist, desto schneller hört die Blutung nach der Geburt auf. Bereits am 5. Tag stehen Wasserbaby-Mütter wieder im Schwimmbad, weil der Wochenfluß versiegt ist. Die “Wasserhebamme” kennt viele Tipps und Tricks, wie man mit Wasser die Rückbildung beschleunigen kann. Sie wird im Wochenbett vom ersten Tag an Wasser zur Wundheilung bei Dammverletzungen empfehlen, aber auch die stärkeren Nachwehen einer Wassergeburt mit Bädern behandeln (Simile-Gesetz). Selbst Probleme beim Milcheinschuß sind mit Wassertherapien behandelbar.

Weitere Informationen

Eine Liste von Wasserhebammen finden Sie bei www.hebinfo.de oder erfragen Sie beim Verband der Freien Hebammen.

Die Berufsvereinigung “Bundesverband für AquaPädagogik” (BvAP), die Cornelia Enning mitbegründete, verknüpft die “Eltern-Initiative Wasserbabies e.V.” ebenso wie FreiberuflerInnen aus dem medizinischen Bereich mit den deutschen und internationalen Schwimmschulen.

Frau Enning verfügt auch über eine große Videothek mit Aufnahmen von Wassergeburten, von “Geburtsreflexen im Wasser”, von “Ozean-Geburten” in natürlichen Gewässern, von “Delphin-Geburten” und tauchenden Wasserbabys, die die Geburtsvorbereitung für Wassergeburts-Eltern ebenso wie die wissenschaftliche Forschung zur Wassergeburtshilfe bereichern.
 

Literatur

  • Eltern-Initiative Wasserbabies e.V.: Wasserbaby-Post Spezial: “Babyschwimmen”. Mühlacker 2000
  • Enning, C.: Erlebnis Wassergeburt. Köln: vgs 1995
  • Enning, C.: Wassergeburt – Der sanfte Weg. Köln: vgs 2000
  • Ernst, J.U.: Wehgeschrei und Hallelujah! Geburtsgeschichten (zu beziehen über J.U. Ernst, Bayernstr. 12, 79100 Freiburg)
  • Kühnel, S.: Plädoyer für ein ökologisches Modell in der Geburtshilfe. HebammenInfo 1/1990
  • Melchert, U.: Schwangerenschwimmen, Rückbildungsschwimmen, Babyschwimmen. Stuttgart: Hippokrates, 2. Aufl. 2001

Autorin

Cornelia Enning leitet seit 1975 eine Hebammenpraxis für Haus-/Wassergeburtshilfe. Als freie Hebamme mit Psychologie- und Pädagogikstudium begleitet sie seit über zwanzig Jahren Wassergeburten. Als Autorin veröffentlichte C. Enning neben Fachbeiträgen und publizistischen Artikeln mehrere Bücher zur Wassergeburt und dem “Frühen Babyschwimmen” in Deutschland wie im Ausland.
 

Kontakt

Cornelia Enning

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Keplerstraße 16
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Erstellt am 12. Juni 2001, zuletzt geändert am 25. September 2014