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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Armut im frühen Grundschulalter. Eine vertiefende Untersuchung zu Lebenssituation, Ressourcen und Bewältigungshandeln von Kindern

Gerda Holz und Susanne Skoluda


Von 1997 bis 2000 führte das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS Frankfurt a. M.) im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt (AWO) eine Untersuchung zur Frage der "Lebenslage und Zukunftschancen von (armen) Kindern und Jugendlichen" durch.

Hauptzielgruppe der 2000 abgeschlossenen Studie waren "Kinder im Vorschulalter". Dazu wurden 1999 knapp 900 sechsjährige Kinder erforscht, um einen umfassenden Einblick in ihre Lebenssituation sowie den Umfang und die Erscheinungsformen von Armut in dieser frühen Lebensphase zu erhalten. Zu den zentralen Ergebnisse zählten:
  • (Kinder-)Armut ist in Deutschland viel verbreiteter, als gemeinhin angenommen wird.
  • (Kinder-)Armut beschränkt sich nicht allein auf unzureichendes Einkommen, sondern führt bei Kindern vor allem zu Entwicklungsdefiziten, Unterversorgung und sozialer Ausgrenzung.
  • Auf der Basis des Lebenslageansatzes können verschiedene kindspezifische Armutsdimensionen erfasst und schon für Sechsjährige empirisch nachgewiesen werden.
  • Armut prägt die kindliche Lebenssituation von Vorschulkindern zwischen Wohlergehen und multipler Deprivation, doch leiden auch Kinder aus nicht-armen Familien durchaus unter vielfältigen Einschränkungen.
  • Die Folgen von Armut müssen frühzeitig und umfassender wahrgenommen und könnten stärker durch ein präventiv wirkendes Hilfesystem aufgefangen werden.
Ausgangspunkt der von 2000 bis 2002 durchgeführten Vertiefungsstudie war, die Kinder - im frühen Grundschulalter - in ihrer Entwicklung zu begleiten und ihre Situation zu erforschen. Die Ergebnisse der mit diesem Bericht abgeschlossenen Untersuchung werden nachfolgend vorgestellt.


Zielsetzung der Vertiefungsstudie "Armut im frühen Grundschulalter"

Im Mittelpunkt der 2. AWO-ISS-Studie stehen die Kinder, bei denen 1999 multidimensionale Benachteiligungen und Entwicklungsdefizite analysiert worden sind. Insgesamt handelt es sich um 185 Kinder aus drei Kontrastgruppen:
  • Typ A: arme Kinder im Wohlergehen
  • Typ B: arme, multipel deprivierte Kinder
  • Typ C: nicht-arme, multipel deprivierte Kinder
Aus diesen Gruppen wurden 27 Kinder - nun im Alter von acht Jahren - ausgewählt und im Rahmen von komplexen Fallanalysen intensiv befragt. Zusätzlich erfolgte eine umfangreiche Befragung der Eltern. Erforscht wurden die aktuelle Lebenssituation der Kinder sowie die Ressourcen und das Bewältigungsverhalten von Kindern und Eltern. Ziel war es, einen möglichst guten Einblick in das Familienleben, die Alltagsgestaltung und das Handeln der Kinder zu erhalten.

Die Vertiefungsstudie stellt damit keine repräsentative Untersuchung zu "Armut und Armutsfolgen im frühen Grundschulalter" dar; vielmehr sollten neue Erkenntnisse gewonnen werden, die vor allem zur Weiterentwicklung der Angebotsstruktur beitragen.


Die Lebenssituation von armen und nicht-armen Kindern im Grundschulalter umfasst Wohlergehen und multiple Deprivation.

Familiäre Armut führt auch bei den achtjährigen Kindern nicht zwangsläufig zu Beeinträchtigungen und Auffälligkeiten. Faktoren, die die potentiell ungünstige Wirkung von Armut abfedern, sind: gutes Familienklima, fördernder Erziehungsstil der Eltern, positive Eltern-Kind-Beziehung, förderndes Umfeld sowie das Vorhandensein möglichst stabiler familiärer und sozialer Netzwerke, kindliche Freundschaften zu Gleichaltrigen, gelingende soziale Integration des Kindes in eigene außerfamiliäre Netzwerke sowie Nutzung von außerfamiliären Entfaltungs- und Erfahrungsräumen (Nachbarschaft, Vereine usw.).

Die Belastung durch Armut zeigt sich darin, dass die betroffenen Kinder häufig in vielen der genannten Faktoren beeinträchtigt sind und sich diese Beeinträchtigungen dann kumulieren.


Chancen für ein möglichst gedeihliches Aufwachsen haben die Kinder auf Dauer nur ohne Armut!

Die Wirkung von Armut auf die Kinder zeigt sich vor allem dann, wenn die Armutssituation andauert. So haben "arme und multipel deprivierte" Kinder im Vergleich zu "nicht-armen und multipel deprivierten" Kindern schlechtere Entwicklungschancen. Sie sind in fast allen Lebenslagen in höherem Maße eingeschränkt.

Die Kinder, die seit 1999 ununterbrochen in Armut leben, stehen in der ständigen Gefahr wachsender Benachteiligung. Ihre Eltern sind im Vergleich zu damals weitaus weniger in der Lage, die Folgen der Armutssituation aufzufangen und nicht an die Kinder weiterzugeben.


Familiäre Armut begrenzt Kinder in allen vier Lebenslagedimensionen und verringert deren Zukunftschancen immer stärker.

Alle armen Kinder weisen materielle Einschränkungen auf. Das Ausmaß der Einschränkungen kann zwar durch die Eltern über eine stark kindorientierte Prioritätensetzung verringert, aber nicht vollständig beseitigt werden. In der kulturellen Dimension zeigen sich Armutsfolgen bei den Schulleistungen. Ebenso können Schulschwierigkeiten der Kinder in den nicht-armen Familien besser bewältigt werden. Im sozialen Bereich zeigen sich bei den armen Grundschulkindern noch verhältnismäßig wenig Einschränkungen. Die deutlichsten Folgen von Armut scheinen sich in dieser Altersphase auf die gesundheitliche Situation niederzuschlagen, denn der größte Teil der armen, aber nur wenige nicht-arme Kinder sind gesundheitlich beeinträchtigt.


Fast alle Grundschulkinder fühlen sich (noch) wohl in Familie und Schule, aber die Schere zwischen Arm und Reich wird größer.

Die meisten Kinder - ob arm oder nicht-arm - geben an, sich in der Schule wohl zu fühlen. Davon weichen auffallend die Kinder der am stärksten belasteten Gruppe ab, die "armen und multipel deprivierten" Kinder.

Die armen Kinder wurden bereits verspätet, das heißt nicht regulär, eingeschult. Sie haben mehr Probleme bei schulischen Leistungen, was auch auf mangelnde deutsche Sprachkenntnisse zurückzuführen ist. Sie werden durch ihre Eltern weniger gefördert. Besonders auffallend ist, dass sie weniger Freunde in der Schule haben und dort stärker von den anderen Kindern ausgegrenzt werden.


Arme Kinder im frühen Grundschulalter nehmen ihre Situation - anders als im Vorschulalter - deutlich wahr.

Sie nehmen ihre belastendere Situation zuerst anhand der schlechteren materiellen Möglichkeiten (z.B. kein Besuch des Schwimmbads oder Kinos, keine Geburtstagsfeiern) und der Wohnsituation wahr (z.B. keine Spielmöglichkeiten zu Hause und damit auch keine Besuche von anderen Kindern, schlechtere Ausstattung der Wohnung, kein eigenes Zimmer). Sie nehmen eine geringere Zuwendung der Eltern wahr. Auch sind die Eltern weniger in den Tagesablauf dieser Kinder eingebunden (z.B. keine gemeinsamen Mahlzeiten, keine Hilfen bei den Schulaufgaben, keine gemeinsamen Familienaktivitäten).


Fast alle Eltern unternehmen vielfältige - aber höchst unterschiedlich erfolgreiche - Anstrengungen, um ihre schwierige Lebenssituation zu bewältigen beziehungsweise zu verbessern.

Dies gelingt den Eltern vor allem dann, wenn sie selbst über zentrale arbeitsmarktrelevante Ressourcen und Kompetenzen verfügen. Positive Faktoren sind:
  • Schul- und Berufsausbildung möglichst beider Elternteile;
  • keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen;
  • ausreichende soziale und kulturelle Kompetenzen;
  • gute Deutschkenntnisse;
  • ein gut ausgebautes Kinderbetreuungssystem oder entsprechend zur Verfügung stehende private Betreuungsmöglichkeiten.
Weiterhin wirkt sich auf eine positive elterliche Bewältigung aus:
  • keine Orientierung der Familie am klassischen Ernährer-/Hausfrauenmodell, statt dessen eine frühe - zumindest stundenweise - Rückkehr der Mutter in ihren Beruf, um den Kontakt zum Arbeitsmarkt zu halten;
  • keine Alleinverantwortung der Mutter für die Familie, sondern gemeinsame Verantwortungsübernahme von Mutter und Vater;
  • Vorhandensein privater Kontakte/Netzwerke, die finanzielle Engpässe, emotionale und pädagogische Belastungen der Eltern mittragen und eine Berufstätigkeit der Mutter erleichtern.
Eltern, die in einer komplexen Belastung leben und das Gefühl haben, die Situation nicht mehr beeinflussen oder bewältigen zu können, geraten in einen Kreislauf der Überbelastung. Das wirkt sich auch belastend auf das Erziehungsverhalten und die Förderung der Kinder aus. Eltern und Kinder entwickeln zum Beispiel nur noch wenig Zukunftsperspektiven und Ziele.


Die sozialen Netzwerke der Familie tragen entscheidend zur Entlastung der Eltern bei und führen zur Reduzierung von Armutsfolgen bei den Kindern.

Stabile, verlässliche Beziehungen und die Sicherheit, auf Unterstützungsleistungen zurückgreifen zu können, tragen wesentlich zur Entlastung der Eltern bei und erleichtern den Weg aus der Armut. Diese Sicherheit fehlt in erster Linie den konstant armen Familien, da bei ihnen ein solches Netzwerk oftmals nicht vorhanden ist.

Die wichtigsten Unterstützungen für die Familien leisten die Großeltern, insbesondere die Großmütter. Die Unterstützungsleistungen umfassen insbesondere:
  • emotionale Unterstützung,
  • alltagspraktische Hilfen,
  • Entlastung bei der Kinderbetreuung sowie
  • finanzielle Zuwendungen und materielle Angebote für die Kinder.


Kinder mit Migrationshintergrund sind höheren Armutsrisiken ausgesetzt

Nicht-deutsche Kinder in belastenden Lebenssituationen sind stärker beeinträchtigt als deutsche Kinder. Die kindlichen Einschränkungen ergeben sich vor allem durch die schlechtere Lebenssituation der Familien (z.B. Wohnsituation, schlechterer Schul- und Berufsabschluss, hohe Arbeitslosigkeit) und dadurch bedingte geringere Entfaltungs- und Entwicklungsräume (z.B. keine Spielmöglichkeiten in der Wohnung, weniger Spielmaterial, wenig schulische Förderung).

Die Lebenssituation der Migrantenfamilien ist allerdings nicht homogen. Entscheidend sind der Armutsfaktor und die soziale Integration der Familien. So leben die nicht-armen Migrantenfamilien eher in Wohngegenden mit Eigentum und vorwiegend deutschen Nachbarn. Die Kinder aus den nicht-armen Familien spielen fast alle mit deutschen und nicht-deutschen Kindern, in diesen Familien werden die Muttersprache der Eltern und Deutsch gesprochen.

Das Leben der Kinder mit Migrationshintergrund scheint zwar nicht so stark durch gemeinsame familiäre Aktivitäten geprägt zu sein (z.B. finden weniger Familienausflüge statt, die Schularbeiten werden kaum gemeinsam gemacht). Gleichzeitig haben die Eltern aber ein wesentlich höheres Interesse an der Schulsituation und dem schulischen Erfolg ihrer Kinder (z.B. besuchten fast 90 Prozent der Migranteneltern, aber nur rund 54 Prozent der deutschen Eltern mehrmals Sprechstunden oder Elternabende).


Jungen und Mädchen reagieren unterschiedlich, erst recht bei Armut

Am stärksten zeigen sich Geschlechterdifferenzierungen in drei Bereichen: Die Selbsteinschätzung der untersuchten Jungen ist insgesamt positiver als die der Mädchen. Sie haben mehr Interesse an sportlichen Aktivitäten und an Mathematik. Auch fühlen sich die Jungen wohler in der Schule. Eine sehr geringe Selbsteinschätzung äußerten die armen Mädchen, was sich vor allem am Faktor "Wohlfühlen in der Schule" nachweisen lässt. Insgesamt geben Mädchen häufiger Beschwerden an, die psychosomatischen Ursprungs sind. Gemeinsame familiäre Aktivitäten von Eltern und Kindern finden in einzelnen Freizeitbereichen (z.B. in den Ferien wegfahren, lesen, zu Hause Geburtstag feiern) häufiger mit den Jungen statt. Auch haben sie häufiger Freunde, mit denen sie sich regelmäßig treffen, und sie dürfen öfter mit anderen Kindern zu Hause spielen.


Professionelle Förderung und Hilfe für die Kinder sind vorhanden, diese zeigen aber deutliche Schwachstellen.

Insgesamt nutzten Kinder wie Eltern nur wenige Förder- oder Hilfeangebote, wobei die armutsbelasteten zahlenmäßig besser versorgt zu sein scheinen. Hier zeigt sich aber eine Konzentration von Hilfen in einigen wenigen Familien, die wiederum nicht unbedingt zu den multipel deprivierten Familien zählen.

Für die Kinder werden solche Förderangebote genutzt, die eher spontan aus der Situation heraus initiiert wurden oder bereits seit der Kindergartenzeit in Anspruch genommen werden. Zusätzliche oder neue Hilfen kamen seit der Einschulung kaum hinzu.

Es deutet sich allgemein eine Unterversorgung von sozialpädagogischen Hilfen für Kinder im frühen Grundschulalter an. Dies kann sowohl die Folge einer sehr defensiven Haltung der Eltern sein als auch auf eine zu geringe Sensibilisierung des Hilfesystems für diese Altersgruppen hinweisen. Sind die Grundschulkinder eine bisher weitgehend übersehene Zielgruppe des Hilfesystems, vor allem der Kinder- und Jugendhilfe?

Die Lebenssituation und die Entwicklungschancen der Kinder werden positiv beeinflusst, wenn Eltern und Kinder so früh wie möglich und auf präventive Wirkung angelegte Förder- respektive Unterstützungsangebote erhalten.

Die Folgen von Armut können durch außerfamiliäre öffentliche Hilfen aufgefangen werden, und zwar dann, wenn diese die sichtbaren Defizite bei den Kindern rasch und umfassend ausgleichen helfen, zur sozialen Integration beitragen sowie das kindliche Selbstwertgefühl, die Kompetenzen und Ressourcen der Kinder stärken. Gleichzeitig muss die Förderung der Kinder gleichermaßen durch kind- und elternbezogene Angebote erfolgen.


Es besteht gesellschaftlicher und politischer Handlungsbedarf.

Es sind nach wie vor zentrale Rahmenbedingungen zur Vermeidung oder Bekämpfung von Armut zu schaffen beziehungsweise umzusetzen. Dazu zählen verstärkte arbeitsmarktfördernde Aktivitäten sowie berufliche Qualifizierungs- und Re-Integrationsmaßnahmen für die Eltern, die soziale Sicherung von neuen Familienmodellen sowie die Einführung einer Grundsicherung für Kinder.

Es besteht gleichzeitig ein hoher Handlungsbedarf im Hilfesystem für Kinder, Eltern und Familien, um den komplexen Entwicklungsbedarfen von Kindern besonders in Armutssituationen gerecht zu werden. Dazu zählen die Umsetzung des Leitprinzips "Prävention statt Reaktion", die enge Vernetzung von Kindertagesstätte, Schule und Jugendhilfe oder die Kooperation von Sozial- und Gesundheitseinrichtungen, der Ausbau und die Qualifizierung von Betreuungsangeboten inner- und außerhalb der Schule sowie der Ausbau von Angeboten für Kinder insgesamt.


Quelle

Aus: G. Holz / S. Skoluda: "Armut im frühen Grundschulalter". Abschlußbericht der vertiefenden Untersuchung zu Lebenssituation, Ressourcen und Bewältigungshandeln von Kindern im Auftrag des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main: ISS-Pontifex 1/2003. ISBN 3-88493-180-6


Autorinnen

Gerda Holz, Dipl.-Politikwissenschaftlerin/Sozialarbeiterin (grad.), stellv. Direktorin des ISS e.V.
Susanne Skoluda, Dipl.-Pädagogin


Den ausführlichen Abschlussbericht dieser Untersuchung finden Sie unter diesem Link:
PDF Holz/Skoluda: Armut im frühen Grundschulalter (PDF-Datei, 54 Seiten, 543 kB)

Weitere Publikationen zu diesem und anderen Projekten finden Sie auf unserer Homepage.


Adresse

Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.
Am Stockborn 5-7
60439 Frankfurt am Main
Tel.: 069/95789-0
Email: gerda.holz@iss-ffm.de
Internet: http://www.iss-ffm.de




Letzte Änderung: 19.03.2004 08:47:22Zum Seitenanfang