ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜDie Entwicklung kindlicher Aggression und GewaltMarguerite Dunitz-Scheer und Alexandra Schein Traum und Trauma, irreale und reale GewaltIm folgenden Text geht es um die kindliche und die erwachsene Gewalt, um die Wurzeln der Entstehung von Gewalt in der Entwicklung des Menschen und um unseren Umgang damit.Vordergründig ist Gewalt gewalttätig, böse und übergriffig. Hintergründig ist Gewalt aber auch kreativ (Schöpfung) und destruktiv (Tod) zugleich. Diese Doppelfunktion kennen wir alle aus dem Erleben von Gewalt im Traum. Wir wachen angstvoll, schwitzend, und hilflos, bisweilen aber auch erstaunt über unsere träumerische Kraft und Energie auf. Wir stehen auf, um bewusst oder weniger bewusst im Tagleben Traumen und Träume zu behandeln, zu säen oder zu erleben. Gewalt ist ein häufiges Präsentiersymptom im Zusammenhang mit Not, Mangel und Armut. Sie ist also sozialer, finanzieller oder "nur" emotionaler Natur. Säuglinge und Kleinkinder sind im speziellen Maße von den unmittelbaren Folgen der Gewalt betroffen. Diese stellen einen Risikofaktor für die Entstehung späterer, vor allem emotionaler defizitärer Zustände im Laufe des eigenen Lebens dar. Kinder haben keinen direkten Zugang zu sozialen und therapeutischen Ressourcen. Sie haben auch rechtlich keine wirklichen Interessensvertreter und sind deswegen emotional, sozial und rechtlich benachteiligt. Da sie in einem komplexen und sich multifaktoriell beeinflussenden Wachstums- und Entwicklungsprozess sind, sind die Einflüsse von Gewalt auf ihre körperliche, kognitive und emotionale Entwicklung essentiell. Die Folgen und Auswirkungen von Gewalt sind für Kinder, mehr noch als für Erwachsene, existentiell bedrohlich, da sie ihre Gesamtentwicklung betreffen. Die Entwicklung der affektiven Extroversion in den ersten 6 Monaten: Von der Symbiose zur IndividuationDas Gefühlsrepertoire und Bindungsverhalten des Neugeborenen kennt waches Wohlsein, Unwohlsein, Quengeln, Unlust, Schmerz. Von Aggression im Sinne der böswilligen Absicht einem anderen Menschen Schaden zuzufügen, ist jedoch vor dem Alter der moralischen Entwicklung einer eigenen Richtig/Falsch-Instanz noch keine Spur. Die Entwicklung der kindlichen Aggression beim gesunden Säugling kann also - da wir Autoren und Leser nun einmal Erwachsene sind - nur aus der diadischen (Eltern) oder triadischen (Helfer) Perspektive reflektiert und diskutiert werden.Das primäre Identitätsgefühl des heranwachsenden Säuglings entwickelt sich im kommunikativen Dialog von Gestik und Mimik mit seiner Hauptbezugsperson. Das erste Selbst ist ein im Du der Bezugsperson gespiegeltes Ich, ein: "Ich bin Ich - und - das hat mit Dir zu tun"-Gefühl. Die adäquate und sensible Befriedigung der frühkindlichen Bedürfnisse ist, (meist) durch die Mutter, für die Qualität und Sicherheit dieses Ich - bin - Ich-Gefühls (Urvertrauen) von großer Bedeutung. Der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker D.H. Winnicott spricht dabei von der "nicht ganz"-Erfüllung aller kindlichen Bedürfnis-Äußerungen durch die nicht "ideale", sondern durch die "good enough"-Mutter. Somit von der Notwendigkeit der unvollkommenen Mutter. Das heißt, dass eine klar erkennbare Persönlichkeit der Mutter, mit deutlichen eigenen "Ich-Grenzen" die bessere aber "imperfekte" kommunikative Partnerin des Säuglings ist als eine perfekte, sich allen kindlichen Wünschen ohne eigene Grenzangabe erfüllende Hingebende. Die Mutter muss nämlich eine "auch für sich selbst gute Mutter" sein. Dies kann bedeuten, dass sie dabei situativ eine aus der Perspektive ihres Kindes nicht erfüllende oder frustrierende oder gar "böse" Mutter ist. Der Konflikt der konkurrierenden Bedürfnisse ist für die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit des Kindes notwendig und unverzichtbar. Bei der sogenannten balancierten, harmonischen Mutter-Kind-Beziehung werden die geäußerten kindlichen Bedürfnisse gut und prompt erwidert und erfüllt. Manchmal, absichtlich oder unabsichtlich aus der mütterlichen Sicht, wird und muss das Kind aber auch "frustriert" werden, d.h. in einer einzelnen Situation auch erkennen und lernen müssen, dass die Mutter und das Baby zwei unterschiedliche Objekte sind. Dies können zu dürfen und dürfen zu können ist von zentraler Bedeutung. Heute hört man oft den liberalen Wunsch, dass Eltern "Alles" tun wollen, was ihr Kind will und es niemals frustrieren wollen. Dies entspricht dem demokratischen Menschenbild der nach-68er Elterngeneration, die in der Literatur des englischen Autors von Summerhill, der Antiautoritären Erziehung, Alexander Neill ihre bleibende Beschreibung fand. Eltern erfüllen sich in ihren Kindern unerfüllte Kindheitswünsche. Die Veränderung der politischen Wertesysteme hatte sich nach den 2 Weltkriegen stark verändert. So war es noch in der Zwischenkriegszeit der Wunsch, die Kinder sollten es besser haben, als die Eltern es erlebt hatten. Im Krieg selbst war für solch luxuriöse Erziehungsphantasien verständlicherweise wenig Raum, danach kam - mit dem Wirtschaftaufschwung gekoppelt - die deutliche Devise: "mein Kind soll einmal Alles haben", und "in ihm kann sich meine eigene unterdrückte oder auch nur ungelebte Kindheit ausleben und meine unerfüllten Kindheitsträume erfüllen". Das zweite Lebenshalbjahr - Das Erwachen des SelbstDie "kindliche Unschuld" und die mögliche Entwicklung zum DiktatorAggression entsteht im Betrachter früher als sie entwicklungspsychologisch im Individuum entsteht! Damit ist gemeint, dass ein erwachsener Mensch beim Anschauen eines Babys aggressive Gefühle bei sich verspüren kann, ohne dass ein aggressiver Verhaltensakt des Säuglings direkt geäußert wurde und lange bevor das Baby selbst solche Gefühle entwickelt hat.Rund um den 6. - 8. Lebensmonat des Säuglings folgt nach dem "Ich bin bei Dir Ich"-Gefühl das neue und faszinierende Gefühl des "ich bin ich und bin unabhängig von Dir", die sogenannte Individuation. Diese wird vom Kind stolz und triumphierend als neuer Entwicklungsschritt gefeiert. Im glücklich betrachtenden Auge der Mutter ist - so findet das Kind anfangs - uneingeschränkte Bewunderung, Liebe und Anerkennung! Unmittelbar danach kommt es aber rasch zur intuitiven elterlichen Erkenntnis, dass dem expandierenden kindlichen "Ich" ein deutliches elterliches "Du" entgegengestellt werden muss. Mit zunehmender Primärsprache und dem Emittieren von Lauten und Tönen (Lautieren) wird durch Nachahmung und Wiederholung die Dingwelt mit Worten und somit Bedeutung besetzt. Die benannten und externen Objekte, so auch die Mutter, der Vater und die Geschwister, werden gleichzeitig zur Sprachentwicklung auch symbolisch und abstrakt in der Vorstellung des Kindes "internalisiert", d.h. es gibt sie, auch wenn der nun bereits krabbelnde Säugling sie nicht unmittelbar sieht. Die geistige und motorische Exploration ist der Entwicklungsmotor des Kindes in dieser Phase. Die Antwort des Umfeldes in dieser Phase ist eine Teilung der vom Kind entdeckten Welt in Falsch- und Richtig-Werte. Immer differenzierter und raffinierter werden die Richtig-Falsch-Tests zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson. Durch Anerkennung oder Ablehnung im Gesichtsausdruck der Mutter lernen die Kinder die Bedeutung der Welt kennen. Echte Wut oder ein humorvolles Schmunzeln in dieser Phase ist ein unterschiedlich häufig vorgelebtes Gefühl der Betreuungsperson, wenn das Kind die ihm gesetzten Grenzen von Raum und Zeit nicht anerkennt. In frühen Eltern-Kind-Interaktionen ist direkte Aggression vor dem 2. Lebensjahr etwas Seltenes. Der außenstehende Beobachter berichtet jedoch, in einem viel früheren Alter, über das Entstehen aggressiver Gefühle bei sich während dem Betrachten von Situationen, in welcher es der Pflegeperson nicht gelingt, adäquat auf geäußerte kindliche Signale einzugehen (z. B. Mutter wickelt das Kind, welches eindeutig Hungersignale sendet) oder interpretiert neutrale expansive kindliche Signale als Aggression (z. B. geballtes Fäustchen als Wut). Antizipative KommunikationMit etwa 6 Monaten beginnt das Baby die Fähigkeit zu entdecken, durch sein Verhalten und eigene selbst gesteuerte Manipulation seines Verhaltens unterschiedliche Reaktionen bei den Anderen auslösen zu können.Beispiel: Kind hebt seine Ärmchen, um hinaus gehoben zu werden. Oder Kind wirft absichtlich seinen Schnuller raus, um ihn von der Mutter wieder zugesteckt zu bekommen. Die absichtsvolle aktive Steuerung kindlicher Ausdrucksweisen ist geboren. Mit dieser ersten Manipulationsgabe ausgestattet, beginnt das Kind situativ lustvoll zu experimentieren, welches Verhalten von ihm welche elterliche Reaktion hervorruft. Freude und Stolz begleiten es! Bei den Eltern wird dabei aber nicht nur Freude und Stolz empfunden. Sie sind erstmals mehr oder minder lustvolle "Opfer" dieser Manipulationsgabe! Je nach emotionaler Verfügbarkeit und eigener psychischer Befindlichkeit geht die fast unerschöpfliche kindliche Explorations-Energie, bereits in den ersten Monaten oft an oder über die elterlichen emotionalen und körperlichen Energie Ressourcen. Alleinerziehende Eltern kommen rascher an diese Grenzen. Im lustigen und fröhlichen Mutter-Kind-Dialog entsteht erstmals eine Einseitigkeit. Die Energiebilanz zwischen Baby und Bezugsperson ist nicht mehr, wie in den ersten Lebenswochen, schwingend und flexibel, das Energiegefälle kippt nun zugunsten des Kindes. Auf elterlicher Seite entwickeln sich Erschöpfung, Verwunderung, Konfliktgefühle; weil die eigenen Grenzen der Befindlichkeit nicht erkannt, geschweige respektiert werden. Sie bleiben erstmals verwundert, später erschöpft, später verletzt stehen. Es entsteht Aggression in der Übertragung. Das Entstehen von aggressiven Gefühlen beim Erwachsenen, bei Nichtakzeptanz und Nichtverstehen der situativen Botschaft des Kindes, beginnt. Gleichzeitig werden diese elterlichen aggressiven Gefühle von Schuldgefühlen begleitet, Ambivalenz ist in dieser Phase an der Tagesordnung. Bei extremer Fortsetzung dieser einseitigen Herrschaft durch die kindlichen Bedürfnisse wird das Kind jedoch zum Diktator. Dies stellt das häufigste Problem in der heutigen kinderärztlichen Sprechstunde dar. Erschöpfte und verzweifelte Eltern bringen 1 - 2jährige "Monster" herein, entzückende Kinder aus der Sicht des externen Betrachters, aber unbarmherzige, kompromisslose Monster für ihre Eltern. Die Kinder wecken ihre Eltern 20mal jede Nacht, bekommen bei jeglicher Frustration Anfälle, in welchen ihnen selbst der Atem wegbleibt und können sich "auf Knopfdruck" bis in die Bewusstlosigkeit hineinsteigern. Unter sozialem Druck wie Lärmbelästigung in einer kleinen Wohnung oder gefürchteter Kritik von Anderen im Kaufhaus geben die Eltern immer häufiger nach. Das zweite Lebensjahr: ExplorationDas Baby ist nun 1 - 2 Jahre alt. Sein Selbstgefühl weiß, dass es "Ich" ist. Seine explorativen Kräfte erweitern seinen Lebensradius Tag für Tag. Seine Bindungsbedürfnisse steuern die Näheregulation mit der/n verfügbaren Bezugsperson/en. Ein schwingendes und flexibles Gleichgewicht zwischen Exploration und Nähe entsteht mehr oder weniger. Extroversion und Introversion kindlicher Gefühle und Verhaltensweisen befinden sich in einem adaptiven Prozess der Kommunikation mit anderen Personen. Das "Ich" entwickelt sich und seine Repräsentation in seinem individuell sehr unterschiedlichen sozialen Umfeld. Das Kind erlernt Nähe und Distanz, Erlaubt und Nicht erlaubt, Gut und Böse. Es kann sein gesamtes Umfeld in "Ja"- und "Nein"-Dinge einteilen und freut sich darüber.In diese Zeit fällt auch das aktive Lernen der triadischen Kommunikation. Der anfangs nur in der Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Dyade kommunizierende Säugling erlebt und erlernt nun die Triade. Er erfährt, dass das Elternpaar auch "paarig" mit ihm kommunizieren kann und dass dies anders verläuft, als wenn beide einzeln mit ihm sprechen. Diese Phase ist für das Erlernen der sozialen Spielregeln von Autorität und Liberalität in unterschiedlichen sozialen Welten des Kindes von großer Wichtigkeit. So erlernt das Kind, dass im Wohnzimmer, am Spielplatz, bei den Großeltern etc. andere Verhaltensregeln gelten als in seinem Kinderzimmer. Es moduliert bewusst sein extrovertiertes und introvertiertes Verhaltensrepertoire je nach Möglichkeit und Lust, kennt aber noch keine "Aggression" in der "erwachsenen" Form. Extrovertiertes Verhalten, motorisch expansives Verhalten, wird in diesem Lebensalter oftmals mit Aggression verwechselt. Im Gegenzug wird oft Introversion mit Genügsamkeit und Bravsein verwechselt. So gelten motorisch aktive und expansive Kleinkinder als potentiell "schlimm", was bei kleinen Buben anfangs noch als positiv "echt jungenhaft", aber mit zunehmender Stärke als zunehmend bedrohlich, ja potentiell kriminell, erlebt und benannt wird. Schlimme Buben werden am Spielplatz von den Müttern von braven Buben gemieden, sie vereinsamen sozial bereits lang vor dem Kindergarteneintritt. "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern..." heißt es im Lied! Das Image der Mütter der motorisch expansiven Buben ist bereits im Alter von 2 Jahren meist denkbar schlecht; ihr Selbstwert wird als Versagerin immer niedriger: Repressive Erziehungsansätze und Bestrafungsrituale beginnen, in der Hoffnung, die keimende Aggression zu unterdrücken! Nun beginnt das anfänglich noch moralisch wertneutrale expansive kindliche Verhalten zunehmend ins Negative und Böse abzugleiten. Das fehl- und unverstandene Kleinkind gerät in seinem Kommunikationsbedürfnis zu seinen Bezugspersonen in eine Defizitsituation, aus welcher es sich kaum noch erholen kann. Der Teufelskreis beginnt: Motorische Expansion und Manipulationslust, elterliche Repression und soziale Ausgrenzung, kindliche Frustration und Aggression oder emotionaler Rückzug nach Innen, Introversion. Das dritte Lebensjahr: Entstehung des "moralischen Ich"Moral ist das Bewusstsein von Gut und Böse und das bewusste Manipulieren mit diesen Instanzen. Die Entwicklung der Moral als symbolisch abstrakte Intelligenzleistung ist die Geburtsstunde der kindlichen Aggression im erwachsenen Sinne des Wortes! Dies bedingt, dass Gut und Böse akzeptiert oder experimentell manipuliert werden können. Je intelligenter und experimentell aktiver das Kind, desto raffinierter wird es mit dem eigenen Erproben der neuen moralischen Instanz umgehen."Was passiert wenn...ich den Blumentopf umschmeiße?"Auch hier ist wieder eine klare, prompte und transparente Kommunikation elterlicher Antworten auf die verbal oder non-verbal gestellten kindlichen Fragen gefragt! Die Liebe zum Kind wird in dieser Phase auf eine neue, vom Kind aktiv gesteuerte Probe gestellt. "Liebst Du mich genauso, wenn...?" Die Fähigkeit, mit extrovertiertem Handeln, z.B. Umhauen des Blumentopfs oder Schlagen des Nachbarkindes soziale Stimulation und Aktion herbeizuzaubern, wird nun lustvoll erlebt und erprobt. Es ist also eher die kindliche explorative Lust, die Aggression beim Gegenüber entwickelt, als seine Unlust oder gar böse Absicht! Es gibt drei Hauptformen elterlichen Fehlhandelns in dieser Phase:
Kindergarten: Extroversion versus Gewalt als Kommunikations-AusdrucksformNun beginnt das kindliche Verhalten neuen, extra-familiären sozialen Werteinschätzungen gegenüber standhalten zu müssen. Der motorisch expansive Junge im Kindergarten ist subjektiv und objektiv gehandikapt. Es gibt nie genug Raum, Lärmtoleranz, Austobe-Möglichkeit für seinen größeren Lebensmotor.Kommt zur Hypermotorik noch eine Impulskontrollstörung (niedere Schwelle für affektive Äußerungen und Schwierigkeit bei der sensorischen Integration) und/oder eine verkürzte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdauer dazu, ist die "hyperkinetische" Trias perfekt und der "Außenseiter" geboren! Das soziale System Kindergarten und später Schule schiebt die "Schuld" dafür ins Elternhaus; diese, da die Probleme erst mit der Integration ins neue soziale System begonnen haben, schieben die "Schuld" zurück! Das Kleinkind bleibt im Urwald wachsender Theorien und Hypothesen über wechselseitige familiäre und soziale Unzulänglichkeiten auf der Strecke und beginnt aktiv zu leiden, d. h. emotional "echt böse" zu werden als emotionaler Mechanismus der Defizitkompensation. Der Aggressions-Supressions-Repressions-Kreislauf beginnt, das Selbstwertgefühl sinkt. Die Kinder fühlen sich in dieser Phase immer "im falschen Film". Es wird andauernd an ihnen herumgenörgelt, kritisiert, gemahnt, geschimpft. Sie sind nie "richtig", sie fühlen sich immer "verkehrt", ungeliebt, ungewünscht, einfach nie in Ordnung. Und anders als alle anderen. In diesem Alter ist bereits eine deutliche "Ichstörung" da. Mütter dieser Kinder sprechen vom "herrischen Ich-Menschen", die Kinder seien egozentrisch, un-einfühlsam, rücksichtslos. Die Einfühlung an traurige Gefühle bei nahestehenden Menschen passiert bei diesen Kindern anders, von außen betrachtet scheinbar gar nicht. Die Gefühlslage erscheint oft von der affektiven Aktualität der Situation getrennt; so lachen sie, wenn es traurig ist und sind misslaunig, wenn alle fröhlich sind. Dies führt wiederum zu vielen Fehlinterpretationen und Missverständnissen und verhindert weiters soziales Lernen und soziale Anpassung. Die Kinder berichten, entweder keine Freunde oder unselektiv viele Freunde zu haben. Als Stärke, wenn auch bisweilen störend, wird ihre intuitive Spontaneität und ihre hohe psychosoziale Intelligenz gesehen. Ihre Kommentare sind gefürchtet, weil unangepasst, aber oftmals wahr. Das Schulalter: Martyrium oder DabeiseinWenn keine positiven korrigierenden Erlebnisse und Selbstwert-Erfahrungen gemacht werden, kommt es im Schulalter zunehmend zu sozialer Vereinsamung, Kasper-Rolle, Außenseitertum, Imitation von bewunderten TV- und "falschen" Helden, im Wunsch nach Selbstwerthebung und zur Glorifizierung körperlicher Gewalt. Sie sind häufig kognitiv und stimulativ unterfordert und erfinden in kreativer Weise Dummheiten, nur damit etwas passiert. Nicht Bosheit ist ihr primärer Motor, sondern Unruhe und Stimulationshunger.Das Kind, wenn es keine Spielpartner findet, sucht sich Gewaltpartner. Lieber Raufen, vielleicht sogar der Stärkste sein, als keine Freunde haben. Die Hackregeln am Schulhof sind brutal, aber klar. Macht hat der Stärkste. Der gewalttätige Prügelknabe wird gefürchtet, bewundert, auch abgewertet, findet aber immer wieder Kollegen, die ihr eigenes Selbstwertgefühl mit dem Schmuck eines Starken heben möchten. Andere Werte wie kindliche Intelligenz, Witz, verbale Schlagfertigkeit, Gruppengeist, Einfühlung und Kreativität können auch zu Führerrollen in der Gemeinschaft führen, unterliegen aber im Grundschulalter in der Regel dem Diktat der Kraft und Stärke. Gerade über diese Werte sollte zu Hause wie auch im Klassenverband gesprochen werden. Die erwünschten Eigenschaften der Führungskräfte sollen diskutiert werden. Demokratische Gemeinschaften sind meist für alle Beteiligten lustvoller, beliebter und vor allem bei den Erwachsenen sozial akzeptierter als gewalttätige "Gang"bildungen und Diktaturen von Subgruppen. Beim Säugling und heranwachsenden Kleinkind sind die Eltern für klare Grenzen und Ich-Du-Strukturen in der Erziehung verantwortlich. In der Schule muss der Lehrer diese Autoritätsrolle übernehmen und den Eltern die "Liebe" zu Hause überlassen. Lehrer wie Ärzte sind auch "normale" Menschen. Die Häufigkeit psychopathologischer Persönlichkeiten in übergriffige, zwanghafte, kontrollierende, hilflose und pervers gestörte Bindungsmuster ist möglicherweise erhöht, psychiatrische Erkrankungen sind unter ihnen genauso verbreitet wie in jeder Normalpopulation; aufgrund von Burnout-Phänomenen und individueller Überlastung sogar teilweise vermehrt. Dadurch ist die emotionale Reserve, als Autoritätsperson mit schwierigen Kindern geduldig und ausgewogen umzugehen, stark vermindert. Hier ist eine klare und rechtzeitige Meldung betroffener Eltern über Gewalttätigkeit in der Schule ihrer Kinder notwendig und gefragt, um Eskalationen im Schulzimmer zu vermeiden oder wieder zu reduzieren. Die Hilflosigkeit mancher Lehrpersonen, mit dem gesellschaftlich viel diskutierten Gewaltthema konstruktiv umzugehen, erstaunt angesichts der Vielzahl professioneller Helfer wie Beratungslehrer, Supervisoren, Schulpsychologen etc. Leider wird deren Einschaltung in vielen Schulen jedoch oft noch als Makel erlebt und lange vermieden. AusblickDie Gewaltspirale, einmal entstanden, kann jedoch nur und ausschließlich von einer ihr klar entgegentretenden Kraft neutralisiert werden. Dazu sind wir alle, Eltern wie Helfer, zum Schutze und zur Reifung unserer Kinder aufgefordert.Offene Kommunikation in der interdisziplinären Zusammenarbeit bei Klienten in der frühen Kindheit ist zu fördern und zu fordern. Gerade in der Kommunikation von gewaltbesetzten Geschichten oder Fakten kommt es meist zu Missverständnissen und zu verdeckter oder indirekter Kommunikation. Grund dafür mag auf der bewussten Ebene das Leugnenwollen peinlicher, bedrohlicher oder unangenehmer Inhalte sein. Was nicht sein darf, ist nicht. Der "reine" Helfer will sich nicht beschmutzen. Auf einer unbewussten Ebene wird in der therapeutischen Arbeit mit dem gewalttätigen (Täter-) Kind oder dem traumatisierten (Opfer-) Kind beim Helfer oftmals ein eigenes frühkindliches Trauma mobilisiert. Manchmal gehen diese eigenen Traumata des Helfers auf mehr generationale Geschichten und "Skripts" in der eigenen Familie zurück. Weil Trauma weh tut, wird und muss vermieden und verleugnet werden. "Das Böse" wird möglichst außen gesucht und verdächtigt. Deshalb sind Kommunikations-Missverständnisse und systemische Eskalationen von Gerüchten und Fehlinformationen bei Umgang mit Gewalt normal und an der Tagesordnung. Allgemein gilt, je früher eine therapeutische Intervention erfolgt, ob in medizinischer, emotionaler und/oder sozialer Hinsicht, desto mehr arbeiten wir in Richtung Prävention. Je früher Prävention erfolgen kann, desto mehr kann mittels verschiedenster Interventionen gegen die Gewaltentwicklung im Allgemeinen und im Speziellen getan werden. Die Differentialdiagnose zwischen kindlicher Gewalt versus kindlich expressivem Verhalten oder einer expressiven Verhaltensstörung ist wichtig, da bereits in der richtigen oder mangelhaften Diagnose Wurzeln weiterer destruktiver Entwicklungsverläufe liegen können, welche, wenn erkannt, im Entstehen effektiv und wirksam behandelt werden können. Autorinnen
Univ.-Prof. Dr. Marguerite Dunitz-Scheer ist Kinderfachärztin und Psychotherapeutin. Sie leitet die Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie in der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz (Österreich) | ||
Letzte Änderung: 19.03.2004 10:27:03 |