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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Mit den Augen der Kinder - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen

Christina Luef      Foto: Christina Luef


Wie Kinder das Aufwachsen in der Familie erleben

Die Veränderungen der familialen Lebensformen und Lebensverhältnisse im Zuge des gesellschaftlichen Wandels wirken sich auf alle Mitglieder der Familie aus, also auch auf die Kinder. Für die Kindheitsforschung bedeutet das, Kinder als eigenständige Subjekte wahrzunehmen. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat unter der Leitung des Soziologen Christian Alt eine Erhebung durchgeführt, die das Aufwachsen von Kindern in Deutschland aus Perspektive der Kinder untersucht. Die Ergebnisse der ersten von drei Erhebungswellen des Kinderpanels wurden in zwei Bänden veröffentlicht und geben einen Überblick über die Ausgangsbedingungen der psychosozialen Entwicklung von Kindern. Der erste Teil befasst sich mit der Lebenswelt der Kinder in der Familie. Bei der ersten Befragungswelle im Herbst 2002 wurden 2.190 Müttern befragt, wobei etwa die Hälfte davon Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren hatte, sowie die andere Hälfte Kinder zwischen acht und neun Jahren. Die jüngere Kindergruppe wurde indirekt über die Mütter befragt, die ältere Gruppe selbst sowie die Väter optional interviewt.

Ein großes Familiennetz, gute familiale Beziehungen sowie regelmäßige Interaktionen und gemeinsame Aktivitäten sind wichtige Ressourcen für die psychosoziale Entwicklung von Kindern. Das Aufwachsen in einer Kernfamilie mit verheirateten Eltern scheint für Kinder am günstigsten zu sein, da sie dort in ein großes Familiennetzwerk eingebunden sind und über die meisten positiven Beziehungen zu anderen Familienmitgliedern verfügen. Gemeinsame Aktivitäten mit dem Kind werden den Ergebnissen der Studie zufolge am häufigsten mit einer Teilzeit beschäftigten Mutter gesetzt. Ausschlaggebend für die Qualität der Beziehungen im kindlichen Familiennetzwerk ist auch die finanzielle Lebenssituation der Familie.

Wohlbefinden in der Familie

Anhand der Mutter-Kind-Beziehung wurde die elterliche Wahrnehmung des Familienalltags mit der kindlichen verglichen. Die höchste Übereinstimmung wurde bei der Frage beobachtet, wie gerne man mit der eigenen Familie zusammen ist. Die Erhebung zeigt aber vor allem, dass es Unterschiede in der Sichtweise von Kindern und Müttern gibt. Einen Streit bzw. Konflikt scheinen 8- bis 9-jährige Kinder in geringerem Maß wahrzunehmen als ihre Mütter, oder zumindest weniger darüber zu berichten. Gründe dafür können beispielsweise in der unterschiedlichen Interpretation von Streit liegen. Kinder erinnern sich generell weniger an Auseinandersetzungen und wenn, dann liegen sie weiter in der Vergangenheit zurück. Auch bei der Frage, ob sie Spaß in der Familie hätten, äußerten sich die Kinder weitaus positiver als die Mütter.

Eine zentrale Forderung der neueren Kindheitsforschung ist es, Kinder aufgrund der unterschiedlichen Sichtweise von Eltern und Kindern als Personen mit eigenem Recht anzuerkennen, um ihrer Eigenart und Eigenwelt genügend Raum zu geben. Zu berücksichtigen ist beispielsweise auch, dass womöglich die einseitige Abhängigkeit der Kinder von den Eltern das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit verstärkt.

Geschwister auf ewig

Die meiste Zeit verbringen Kinder mit ihrer Mutter, gefolgt von den Geschwistern, dem Vater und schließlich der Gruppe der Gleichaltrigen. Deshalb nehmen Geschwisterbeziehungen eine wichtige Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation von Kindern ein. Geschwister wirken aufeinander, sie beeinflussen die Entwicklung des jeweils anderen. Und sie sind unkündbar und die längsten sozialen Beziehungen im Leben von Menschen.

Die Untersuchung ergab, dass die Mehrheit der Kinder mit Geschwistern aufwächst. Nur jedes fünfte der 6- bis 9-Jährigen bleibt ein Einzelkind. Einzelkinder wachsen dreimal so oft bei allein erziehenden Eltern auf und doppelt so oft bei Eltern, die nicht verheiratet sind. Geschwisterkinder finden sich vor allem in traditionellen Familien mit verheirateten Eltern, in denen die Mutter vergleichsweise selten erwerbstätig ist. 40 % der Mütter mit einem Kind sind berufstätig, 20 % der Mütter mit mehreren Kindern Voll- oder Teilzeit berufstätig. Familien mit mehreren Kindern sind einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als Familien mit einem Einzelkind.

Kinder bewerten die Beziehung zu den Geschwistern als sehr gut, wenn auch nicht ganz so gut wie zu den Eltern. Mit Geschwistern des eigenen Geschlechts verstehen sich Kinder besser als mit gegengeschlechtlichen Geschwistern.

Insgesamt hat die Befragung gezeigt, dass sich Einzelkinder kaum weniger wohl in ihren Familien fühlen als Geschwisterkinder und auch nicht schlechter in Freundschaftskreisen und in der Schule integriert sind. Für die psychosoziale Entwicklung könnten der Altersabstand zwischen den Geschwistern und die Qualität der Geschwisterbeziehung relevant sein, kann aus der Untersuchung der Schluss gezogen werden. Diese Annahme sollten die Daten der zweiten und dritten Welle belegen.

Positives Selbstbild vorhanden

So gut wie alle befragten 8- bis 9-jährigen Kinder haben ein positives Bild von sich selbst und bezeichnen sich selbst auch als meist gut gelaunt sowie sozial und kognitiv sehr aufgeschlossen. Die soziale Einbindung des Kindes im Freundeskreis wird von der Bildung der Mutter beeinflusst, nicht aber von der Bildung des Vaters, ergab die Studie. Ein positives Selbstbild ist in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Hier ist die Unterstützung in der Schule als auch in der Familie besonders wichtig. Auch scheint sich die Möglichkeit, zu Hause mit anderen Kindern spielen zu können, für die Integration im Freundeskreis positiv auszuwirken. Über drei Viertel der 8- bis 9-Jährigen räumen aber auch ein, manchmal traurig zu sein und etwa die Hälfte fühlt sich hin und wieder alleine.

Wenn Kinder aggressiv werden

Der Zusammenhang aggressiver Neigungen von Kindern mit anderen Faktoren war ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt. Kinder, die emotional extrem auffallen (z. B. übertriebene Wut, Ängstlichkeit oder Traurigkeit), sind gefährdet, später einmal Schwierigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen zu bekommen und z. B. deviant zu werden, also von der Norm abzuweichen. Für die Vorbeugung solcher Entwicklungen sollten die Emotionen vermehrt ins Blickfeld gerückt werden. Der Studie zufolge zeigen ein gutes Viertel der 5- bis 6-Jährigen und etwa ein Fünftel der 8- bis 9-Jährigen Tendenzen zu Wut, Launenhaftigkeit oder Aggressivität. Auch motorische Unruhe sowie Unsicherheit, Ängstlichkeit, Trauer und Einsamkeit von Kindern werden in beträchtlichem Umfang genannt.

Das aggressive Verhalten der Vorschulkinder wird aber nur leicht von einigen Faktoren der sozialen Umwelt beeinflusst (kinderreiche Familien, Stieffamilien, weniger Bildung der Eltern oder aggressive Erziehungsformen). Bei den 8- bis 9-jährigen Grundschulkindern ist die Aggressivität in Westdeutschland und in ländlichen Gebieten etwas höher als in Ostdeutschland oder in Städten. Höher ist das Aggressionspotenzial auch bei Kindern weniger gebildeter Eltern, in größeren Haushalten lebend, mit Migrationshintergrund, bei schlechterem Familienklima oder bei aggressiven Emotionen der Eltern, etc. Ein weiterer Risikofaktor für erhöhte Aggressivität bei Kindern ist das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft, ergab die Erhebung.

Ob es sich bei den Kindern mit aggressiven Neigungen um eine Risikogruppe handelt oder um eine entwicklungsbedingte Phase bestimmter Auffälligkeiten, werden die Daten der folgenden Untersuchungswellen zeigen.

Aufwachsen zwischen Freunden und Institutionen

Neben der Familie kommt im Leben von Kindern auch außerfamilialen Beziehungen eine bedeutende Rolle zu. Kindern ist wichtig, nicht nur Spielkameraden, sondern vor allem gute Freunde zu haben. In der Schule wird ein Großteil der sozialen Kontakte geschlossen, die wiederum für das Wohlbefinden in der Schule ausschlaggebend sind. Die Betreuungslage für Kinder im Vorschulalter und nach der Schule ist ein weiterer Schwerpunkt im zweiten Teil des Kinderpanels des Deutschen Jugendinstituts (DJI).

Die sozialen Netzwerke von Kindern und ihre Betreuung außerhalb der Familie sowie das Wohlbefinden in der Schule sind Gegenstand des zweiten Teils des DJI-Kinderpanels. Besonders die Sichtweise der Kinder stand dabei im Blickfeld der Forschung. Berücksichtigt wurden des weiteren soziale und regionale Aspekte, geschlechtsspezifische Unterschiede sowie der kulturelle Hintergrund der Kinder.

Vier gute Freunde

Die befragten Acht- bis Neunjährigen haben im Schnitt vier gute Freunde. Etwa 10 % der Kinder haben keinen guten Freund. Ein Drittel der Kinder wünscht sich mehr Spielgefährten, wobei Jungen diesen Wunsch etwas häufiger äußern als Mädchen. Ein guter Freund zählt allerdings mehr als ein Spielgefährte: neun von zehn Kindern ohne enge Freundschaft wünschen sich eine solche. Die Erhebung zeigte auch, dass Mädchen und Burschen Freunde des gleichen Geschlechts bevorzugen. In der Schule wird etwa die Hälfte der Freundschaften geschlossen. Schulfreundschaften sind auch für das Wohlfühlen in der Schule wichtig.

Kinder mit vielen Freunden haben ein positives Selbstbild und bezeichnen sie sich selbst als aufgeschlossener als weniger integrierte Kinder. Bei den Mädchen fällt auf, dass sie doppelt so oft keine guten Freundinnen haben, wenn sie aus Haushalten mit niedrigem Einkommen kommen. Die Familienform und die Anzahl der Geschwister scheinen keine Rolle bei der Größe des Freundschaftskreises zu spielen. Der kulturelle Hintergrund hat zwar keinen Einfluss auf die Anzahl der Freunde, aber Kinder aus Migrantenfamilien haben doppelt so oft keinen guten Freund wie Kinder aus deutschen Familien.

Gibt es einmal Ärger mit Freunden, so benutzen Jungen nach eigenen Angaben zwar selten, aber häufiger als Mädchen aggressive Strategien. Mädchen suchen bei Ärger mit der Freundin eher das Gespräch mit anschließender Versöhnung.

Betreuung - eine Frage der Lage

Die Betreuungssituation der Kinder im Vorschulalter ist im Großen und Ganzen zufrieden stellend. Der Anteil der Fünf- bis Sechsjährigen, die in Deutschland einen Kindergarten besuchen, beträgt 96 %. Ganztags werden 27 % der Kinder betreut, 73 % haben den Nachmittag frei. Allerdings spielt beim Besuch eines Kindergartens die soziale und wirtschaftliche Lage der Region eine Rolle: Die Hälfte der Kinder, die keinen Kindergarten besucht, lebt in einer belasteten Region. Knapp zwei Drittel derselben Altersgruppe ohne Kindergarteneinbindung kommen aus niedrigen sozialen Schichten. Vorwiegend sind Familien betroffen, in denen beide Elternteile keinem Erwerb nachgehen.

Eine Ganztagsbetreuung im Kindergarten kommt vermehrt in Großstädten, bei niedrigen sozialen Schichten und in belasteten Regionen vor. In Ostdeutschland gehen drei Viertel der Kinder in eine Ganztagsbetreuung, während in Westdeutschland ein gleich großer Anteil den Kindergarten halbtags besucht.

Die Beurteilung der Kindergärten durch die Mütter fällt generell gut bis sehr gut aus. Ein Drittel der befragten Mütter beurteilt die Kindergärten jedoch schlechter. Beanstandet werden besonders das pädagogisches Konzept und die Zusammensetzung der Kindergruppen.

Nach dem Kindergarten werden 60 % bis 70 % der Kinder neben ihren Eltern zusätzlich von anderen Personengruppen betreut. Großeltern übernehmen einen großen Teil der privaten Zusatzbetreuung, vor allem innerhalb der Mittelschicht. Familien mit hohem Status nehmen oft auch bezahlte Zusatzbetreuung in Anspruch.

In urbanen Zentren sind verhältnismäßig viele Alleinerziehende und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern zu finden. Vergleichsweise hoch ist hier auch der Anteil an Ganztageseinrichtungen. Die Familie steht in sozial und wirtschaftlich belasteten Regionen weniger für die Betreuung zur Verfügung. Auch fehlt es an Nachbarschaftshilfe oder anderen Personen, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Zusätzliche Belastungsfaktoren für Kinder in diesen Regionen sind Lärm und Abgase sowie weniger und unsichere Spielplätze.

Eine Art "Idealbild" zeigt sich dagegen in Regionen zwischen urbanen Zentren und ländlichen Gebieten. Hier wird in der Regel Halbtagsbetreuung angeboten. Die Mütter sind nicht oder Teilzeit beschäftigt und Großeltern übernehmen weitaus mehr Betreuungsarbeit als im städtischen Raum. Für das Aufwachsen der Kinder gibt es optimale Rahmenbedingungen.

In Westdeutschland besuchen knapp 80 % der Acht- bis Neunjährigen die Halbtagsschule, im Osten ein gutes Drittel. Auch bei der Betreuungssituation nach der Schule wird ein Ost-West-Gefälle sichtbar. Während in Westdeutschland 20 % der Schüler nach der Halbtagsschule institutionell betreut werden, sind es im Osten über 70 %. Sogar bei Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern gehen im Westen zwei Drittel der Kinder in eine Halbtagsschule. Diese bedeutet einen täglichen Spagat für alle Beteiligten. Der ländliche Bereich ist im Westen generell mit Ganztagsbetreuung unterversorgt.

Gemischte Gefühle in der Schule

Die hohen Erwartungen der Eltern und auch Kinder an die Schullaufbahn können leicht zu Problemen und Konflikten führen. Die Befürchtung, dass die Schule dadurch zu einem Familienproblem werden könnte, wird vom Kinderpanel nicht bestätigt. Für die meisten Familien stellt die Schule kein dauerhaftes und schwerwiegendes Konfliktpotenzial dar.

Die Eltern der Acht- bis Neunjährigen scheinen weitgehend mit den Schulleistungen ihrer Kinder zufrieden zu sein und übermitteln dies auch gut. Auch die Kinder fühlen sich in der Schule wohl und kommen mit den Lehrerinnen und Lehrern gut aus. Der Unterricht stellt kein Problem dar, bei etwa 15 % ist die Schul- und Leistungsangst jedoch ernst zu nehmen. Zwischen Mädchen und Jungen bzw. zwischen West- und Ostdeutschland sind keine Unterschiede erkennbar.

44 % der Acht- bis Neunjährigen haben Angst, in der Schule Fehler zu machen - in Familien aus niedrigeren sozialen Schichten etwas höher als in statushöheren Familien. Aber auch Langeweile macht sich in der Schule breit: 26 % der Kinder gaben an, Burschen mehr als Mädchen, dass sie sich langweilen.

Die Schule kann auch zu Mehrfachbelastungen führen. 15 % der 8- bis 9-jährigen weisen nach Wahrnehmung der Mütter mindestens zwei Belastungssymptome auf wie Kopf- und Bauchschmerzen, Angst vor dem Lehrpersonal oder Aufregung im Unterricht. Bei 62 % der Kinder sind keine derartigen Belastungen erkennbar. Es zeigen sich keine geschlechtsspezifischen, dafür aber schichtspezifische Unterschiede. Unter der Gruppe von Kindern, die von ihren Müttern als mehrfach belastet beschrieben werden, sind Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten mit 22 % überproportional vertreten.

Literatur

Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen.
Band 1: Aufwachsen in Familien.
Band 2: Aufwachsen zwischen Freunden.
VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2005. ISBN 3-8100-4097-5

Kontakt

Christian Alt, Deutsches Jugendinstitut (DJI)
E-Mail: Dr. Christian Alt
Internet: www.dji.de


Quelle

Dieser Artikel erschien in beziehungsweise, Ausgabe 17 + 18/2005.

Mit freundlicher Genehmigung durch:

Österreichisches Institut für Familienforschung
Gonzagagasse 19/8
A - 1010 Wien
Website: http://www.oif.ac.at




Letzte Änderung: 07.02.2008 13:36:33Zum Seitenanfang