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Der Begriff "Kids" ist in der deutschen Umgangssprache tendenziell negativ besetzt. Wortverbindungen wie Crash-Kids, Monster-Kids, Ghetto-Kids usw. sind recht gebräuchlich und rücken eher problematische Zuschreibungen ins Blickfeld. Der Begriff Monster-Kids, vor nicht allzu langer Zeit als Aufmacher des SPIEGEL zu zweifelhafter Ehre gekommen, fasst all diese Etikettierungen in einer undifferenzierten Oberkategorie zusammen. Mit den in den verschiedenen "Bindestrich-Kids" versammelten Kategorisierungen werden Heranwachsende etikettierend beschrieben, die vor allem durch problematische Verhaltensweisen auffallen, also Autos knacken und mit diesen illegal in der Weltgeschichte herumrasen, ganze Straßenzüge terrorisieren oder aber ihr schulisches Umfeld in Angst und Schrecken versetzen. Es handelt sich dabei um zumeist ältere Kinder - daher die Bezeichnung "Kids" -, die durch Verhaltensweisen auffallen, welche in der herrschenden Vorstellung eher von "ausgewachsenen" Jugendlichen erwartet und diesen, freilich in engen Grenzen, gewissermaßen auch zugestanden werden, wenngleich es auch bei Jugendlichen sich letzten Endes um Abweichung handelt. Wenn nun aber Zehn-, Elf- oder Dreizehnjährige durch jugendlich-abweichendes Verhalten Aufmerksamkeit erregen, herrscht allgemein Verwunderung und häufig Ratlosigkeit, bei Eltern und Lehrern, Sozialarbeitern und Polizisten, Politikern und Pädagogen gleichermaßen. Was also ist genau gemeint, wenn in Pädagogik und Sozialwissenschaften von Kids die Rede ist? Welche Besonderheiten sind charakteristisch für Kids? Was führt dazu, dass Kids eher problematisch sind? Und: Stimmt das überhaupt oder steckt da mehr dahinter? Kids - eine erste BegriffsbestimmungMit dem Begriff Kids werden ältere Kinder und jüngere Jugendliche im Alter zwischen 9 und 14 Jahren bezeichnet. Gemeint sind also junge Menschen am Übergang zwischen Kindes- und Jugendalter. Dieser Übergang ist weniger durch eine allmähliche, relativ geschützte Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen, sondern vielmehr durch ein vergleichsweise abruptes und biografisch vorverlagertes Hereinbrechen jugendlicher Entwicklungsaufgaben und Verhaltensweisen gekennzeichnet. Kids verhalten sich gewissermaßen zu jugendlich. Hierfür werden verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht.Kids sind ein Großstadtphänomen. Das Aufwachsen in der Großstadt bringt schon Kinder mit Lebens- und Erfahrungswelten in Berührung, die nach traditionellem Verständnis Jugendlichen und Erwachsenen vorbehalten sind. Dieses Eindringen führt dazu, dass Kids frühzeitig Orientierungen und Verhaltensweisen entwickeln bzw. an den Tag legen, die weniger für Kinder als für Jugendliche typisch sind. Sozialwissenschaftlich gewendet mündete diese Feststellung in der These, dass für einen Teil der Großstadtkinder die Jugendphase als Entwicklungsabschnitt heute früher beginnt, ihre Kindheit hingegen nicht mehr dem traditionellen Muster entspricht (vgl. bspw. Böhnisch 1993, Deinet 1987). Die wenige Forschung sowie Erfahrungen aus der Praxis der offenen Kinder- und Jugendarbeit zeigten zudem, dass Kids sehr häufig aus benachteiligten, Problem belasteten Familien bzw. Milieus stammten. Kids sind also auch ein Unterschichtphänomen. Damit stand einerseits fest, "...dass es natürlich auch 12- und 13-jährige Großstadtkinder gibt, die von ihrem Verhalten her eher der traditionellen Beschreibung älterer Kinder entsprechen" (Deinet 1987, S. 36). Andererseits wurde eine Reihe von Faktoren identifiziert, die das eher jugendliche (problematische) Verhalten von Kindern dieses Alters erklären konnten. Aufgrund ihrer benachteiligten Lebenssituation sehen sich diese Heranwachsenden recht früh mit Anforderungen konfrontiert, von denen andere Kinder noch nichts, oder jedenfalls nicht viel, wissen. Hiermit gehen Lernprozesse einher, die nicht automatisch in problematische Orientierungen und Verhaltensweisen münden müssen. Dass die Gefahr abweichenden Verhaltens jedoch besteht und welche sozialen Faktoren und Sozialisationserfahrungen im Falle einer solchen Entwicklung Gefährdungspotenzial besitzen, hat Helmut Fend zu Beginn der 90er Jahre materialreich herausgearbeitet (vgl. Fend 1992). Gewissermaßen aus der Draufsicht sind diesen Diskussionssträngen zwei zentrale, empirisch fundierte Thesen immanent: Zum einen scheint das Aufwachsen in einem urbanen Umfeld wesentliche Bedingung zu sein dafür, dass ältere Kinder eher jugendlich geprägte Orientierungs- und Verhaltensmuster entwickeln und sich so recht früh zu "untypischen Jugendlichen" mausern. Andererseits scheinen diese ihre Orientierungs- und Verhaltensweisen durch ein gewisses Devianzpotenzial belastet. Zumindest wird die Gefahr gesehen, dass Kids aufgrund ihres sozialen Hintergrundes und den diesen kennzeichnenden Belastungen (benachteiligte Wohnquartiere, enge Wohnungen, fehlende Freizeitmöglichkeiten, geringe soziale Kontrolle, tendenzieller Mangel an Behütetsein etc.) dazu gezwungen sind, das Leben früher eigenständig in die Hand zu nehmen und dabei sozial auffällig werden. Vergesellschaftung von Lebensphasen - Aufwachsen in einer postmodernen GesellschaftAufgrund des Einwirkens einer Reihe spezifischer sozialer Faktoren auf das Aufwachsen von Kindern in unserer Gesellschaft gerät das biografische Regime von früher Kindheit, mittlerer Kindheit, später Kindheit, Jugend etc. gewissermaßen durcheinander. Jugend setzt zumindest bei einem Teil der Heranwachsenden heute scheinbar früher ein. Dieses Phänomen der Verlagerung bzw. Ausdehnung von biografischen Entwicklungsabschnitten ist den Sozialwissenschaften gerade mit Blick auf die Jugendphase gut bekannt. Als Lebensphase, in der junge Menschen den Übergang in das Erwachsenenalter zu bewerkstelligen haben, ist Jugend durch eine Reihe von Entwicklungsaufgaben und Statuspassagen definiert. Diese unterliegen aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen biografischen Verschiebungen, was eine eindeutige Abgrenzung des Jugend- vom Erwachsenenalter erschwert. So sind viele junge Menschen heute im dritten Lebensjahrzehnt noch nicht ökonomisch selbständig, da sie sich noch in der Ausbildung befinden. Gleichzeitig wird 24-Jährigen niemand ernsthaft die Autonomie ihrer Lebensführung streitig machen. Und die Gründung einer Familie zum Maßstab für das Erwachsensein zu nehmen, wird heutzutage auch nicht wirklich allen Ernstes passieren. Im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen spricht man von einer Verlängerung und vom Zerfasern der Jugendphase an ihrem "oberen Ende".Für die Altersgruppe der Kids wird nunmehr davon ausgegangen, dass die Jugendphase früher einsetzt, sich vorverlagert hat und gewissermaßen an ihrem Beginn, ihrem "unteren Ende", zerfasert. Das bedeutet auch, dass der Jugendphase zuzurechnende Entwicklungsanforderungen (zumindest teilweise) früher in das Leben der Heranwachsenden eintreten und von diesen bewältigt werden müssen. In den der klassischen Definition von Kids zu Grunde liegenden Annahmen und Bedingungsfaktoren wird dies sichtbar: die spezifische Situation sozial benachteiligter Kinder sowie das urbane Umfeld sorgen dafür, dass diese Kinder - wie beschrieben - mit Einflüssen und Anforderungen konfrontiert werden, die schließlich Verhaltensweisen und Orientierungen erfordern bzw. provozieren, die gemeinhin Jugendlichen zugerechnet oder zugestanden werden. Geborgenheit und Schutz durch den Status des Kindes sind also für diese Heranwachsenden ganz offensichtlich nicht mehr in vollem Umfange gegeben. Der Schutz- und Schonraum "Kindheit" ist in ihrem Falle porös geworden. Damit jedoch sind gesellschaftliche Entwicklungen angesprochen, deren Einfluss umfassend ist, was wiederum die Frage aufwirft, ob die Beschleunigung der psychosozialen Entwicklung heute nicht eine eher normale Entwicklungstatsache, zumindest bei älteren Kindern aus städtisch geprägten Regionen, und weniger ein "Kennzeichen" von Kindern aus Unterschichtfamilien darstellt. Für diese These gibt es vielfältige Gründe. Die Lebens- und Erfahrungsbereiche haben sich in unserer Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten für nahezu alle Kinder ausdifferenziert und vervielfältigt. Man denke nur an den Konsumbereich, der Kindern bereits sehr früh nicht nur offen steht mit seinen beinahe unerschöpflichen Möglichkeiten - mal abgesehen vom Taschengeld -, sondern von ihnen auch verlangt sich zu entscheiden, Trends zu erkennen, die begrenzten eigenen Mittel richtig einzusetzen etc., also recht früh zum souveränen Konsumenten zu werden. Ein anderes Beispiel sind die Medien und damit die stete Präsenz von Nachrichten und Meldungen, die Kinder auch mit den Problemen dieser Welt konfrontieren. In der Schule sehen sie sich recht früh einem individuellen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Probleme der Arbeitswelt "fallen" vermittelt durch die Eltern in die Familien "ein". Freizeit ist aufgrund von Angebotsdichte, Anforderungen und Erwartungen gleichermaßen zu planende Zeit - heute Ballettunterricht, morgen Treffen mit Lisa und Franz, übermorgen der Englischkurs etc. Auch Kinder werden heute zu schon Managern ihrer Lebensführung, wenn auch mit tatkräftiger und unerlässlicher Unterstützung ihrer Eltern. Was in der 12. Shell-Jugendstudie im Jahre 1997 für die Jugendphase festgestellt wurde, nämlich dass die Krise der Erwerbsgesellschaft die Jugend erreicht habe und daher von einem Schutzraum Jugend immer weniger die Rede sein kann (vgl. Jugendwerk der Deutschen Shell 1997; auch der Artikel von Heiner Keupp im "Online-Familienhandbuch"), trifft tendenziell auch für die mittlere und vor allem die späte Kindheit zu. "Ein Moratorium im Sinne eines abgegrenzten Sozialraumes 'Kindheit' kann angesichts dieser Entwicklung und aufgrund der deshalb gestiegenen Komplexität moderner Sozialisationsanforderungen nur noch als begrenzt wirksam angesehen werden. [...] In der Folge kommt es in vielen Bereichen zu einem Einbrechen jugendlicher Entwicklungsanforderungen und -aufgaben in das späte Kindesalter" (Drößler 2002, S. 54f.). Dieter Baacke spricht in diesem Zusammenhang von der "Vergesellschaftung der Kindheit" (vgl. Baacke 1998). Zudem stehen älteren Kindern und jüngeren Jugendlichen die Möglichkeiten und Verheißungen der modernen Jugendkultur zumindest in urbanen Regionen ja tatsächlich in vielen Bereichen offen und werden dementsprechend auch von ihnen genutzt. Vom Leben zwischen den Stühlen - wer sind Kids?Neun- bis Vierzehnjährige können so ziemlich alles verkörpern: verspielte Jungs, die im Indianerlook auf Bäume klettern, genauso wie den lederbejackten "grünen Hering", der sich morgens vor der Schule in betont coolem Gestus die erste Zigarette des Tages reinzieht; tuschelnde Mädchen, denen ihre Pferdeleidenschaft über alles geht, genauso wie jene Dreizehnjährigen, die perfekt gestylt am Abend den Diskotempel in der Vorstadt unsicher machen. Ihnen allen ist jedoch gemeinsam, dass das, was sie tun, oftmals noch nicht oder nicht mehr richtig zu ihnen passen will - weder Indianerkostüm noch Minirock - oder vielleicht doch?Zugegeben: es fällt mittlerweile sehr schwer, sich einen dreizehn- oder vierzehnjährigen Jungen vorzustellen, der Cowboy und Gendarm spielt. Genauso wenig werden wir heute über ein dreizehnjähriges Girlie staunen, das mehr Gemeinsamkeiten mit Madonna als mit Wendy hat. Dennoch befinden sich Kids in einem psychischen und sozialen Dilemma. Sie leben in einem Zwischenstatus zwischen Kind und Jugendlichem. "Ein Status, der gekennzeichnet ist durch ein Nebeneinander jugendlicher und kindlicher Interessen und Bedürfnisse, und der sich andererseits durch ein soziokulturelles Vakuum auszeichnet, da die Kids noch nicht als Jugendliche, aber eben auch nicht mehr als Kinder angesehen werden" (Drößler 2002, S. 55). Das bedeutet, dass das typische Stereotyp vom Kind, seinem Status und den damit verbundenen Rechten, Pflichten, Interessen, Rollen usw. abgelöst wird durch den Status des Jugendlichen mit neuen Rechten, Pflichten, Interessen usf. Dieser Übergang vollzieht sich mehr oder weniger zeitgleich auf verschiedenen Ebenen:
Übergang bedeutet dabei, dass die Heranwachsenden sich zwar nicht mehr im soziokulturellen Status eines Kindes sich befinden, geschweige denn sehen, aber auch noch nicht in vollem Umfange den eines Jugendlichen erworben haben bzw. zugestanden bekommen. Kennzeichnend ist also für dieses Alter eine soziokulturelle Statusinkonsistenz. Aus der soziokulturellen Perspektive kann diese Inkonsistenz recht anschaulich anhand der Familie illustriert werden. Nehmen wir das Beispiel Disco: In der Regel geschieht der Einstieg in dieses jugendkulturelle Betätigungsfeld zwischen 12 und 13 Jahren. Viele Kids - insbesondere in urbanen Regionen - haben den biografischen Fixpunkt bereits mit 12 Jahren hinter sich gelassen. Aus ihrer Sicht ist das sicherlich auch völlig in Ordnung. Es ist jedoch anzunehmen, dass diesem Schritt in der Regel einige Diskussionen mit den Eltern voraus gegangen sind. Argumente wurden angeführt: "Dafür bist Du noch zu jung." oder auch "Ich habe das in Deinem Alter noch lange nicht gedurft." seitens der Eltern und "Die anderen sind auch da.", "Ich darf dort aber schon hin" oder "Ich bin kein Kind mehr" seitens der Heranwachsenden. Ein anderes Beispiel wäre der erste Kinobesuch mit Freunden - ohne Begleitung von Erwachsenen. Ganz gleich ob Kino- oder Discobesuch, Bekleidungskauf, das abendliche Wegbleiben usw.; deutlich wird das komplizierte Geflecht aus Status- und Rollenzuschreibungen und den damit konnotierten Handlungsspielräumen, Interessen und Bedürfnissen, welches sich zu verändern beginnt und neu zwischen den Generationen ausgehandelt werden muss. Das Kind sieht sich nicht mehr (durchgehend) als Kind, sondern hat in erster Linie seine (neuen) Interessen und die wachsenden Möglichkeiten ihrer Befriedigung im Blick, während die Eltern diesbezüglich einen ganz anderen Standpunkt vertreten. Das hat sicherlich weniger mit überkommenen Vorstellungen zu tun, wenngleich diese durchaus auch eine Rolle spielen und auch - mitunter als Totschlagargument - ins Feld geführt werden. Eher ist es wohl die Sorge um das Kind, die Eltern zu einer "vorsichtigeren" Einschätzung der Situation gelangen lässt. Zugegeben: Das hier gezeichnete Bild mag überspitzt erscheinen, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Heranwachsende zwischen 9 und 14 Jahren hier als Kids bezeichnet werden. Ein elfjähriger Junge oder ein zehnjähriges Mädchen mögen sich wie ein Jugendlicher, eine Jugendliche verhalten, sich so geben und möglicherweise im eigenen Selbstbild die jugendlichen Anteile bevorzugen. Dennoch wird man ihnen nur schwerlich den Status eines oder einer Jugendlichen zugestehen. Trotz des immer früheren Eintretens der körperlichen Reifung (für die letzten hundert Jahre bspw. sehr schön: Mitterauer 1986) und trotz aller psychosozialen Akzeleration: Kinder in diesem Alter werden immer als Kinder angesehen werden. Nichtsdestotrotz bleibt der Befund, dass jugendtypische Anforderungen, Interessen, Bedürfnisse, Orientierungen und Verhaltensweisen charakteristisch sind für eine große Gruppe älterer Kinder bzw. jüngerer Jugendlicher. Wie jedoch fühlen sich die Heranwachsenden selbst damit, wie gehen sie um mit dieser Situation und was passiert eigentlich am Übergang von der Kindheit zur Jugend "mit" den Heranwachsenden? Kids haben nicht nur "Probleme" mit ihrer Umwelt, die nur noch nicht "geschnallt" hat, dass man "erwachsen" geworden ist. Der Übergang vom Status eines Kindes in den eines Jugendlichen ist auch für sie selbst mit vielfältigen Veränderungen und Unsicherheiten verbunden. Denn sie sind bei aller Vehemenz, mit der sie ihr Selbstbild als Jugendliche mitunter vertreten, durchaus noch nicht immer und auf allen Gebieten so weit, dass sie als Jugendliche durchgehen könnten. Das Leben als Jugendlicher hält neben seinen Verheißungen nämlich eine Reihe von Anforderungen bereit, für deren Bewältigung ihnen die geeigneten Handlungsstrategien noch fehlen. Bevor jedoch auf die Ebene des mehr oder minder konkreten Verhaltens und die dahinter liegenden Motive und Bedingungen eingegangen wird, soll ein kurzer Blick auf entwicklungspsychologische Einschätzungen zur Altersphase am Ende der Kindheit geworfen werden. Kids in der EntwicklungspsychologieEinen soziokulturell und damit auch psychosozial bestimmten Lebensabschnitt oder Zwischenstatus "Kids" kennt die Entwicklungspsychologie in dieser Form nicht. Aus ihrem Blickwinkel befinden sich Kids am Übergang zwischen dem letzten Entwicklungsabschnitt der Kindheit und der Pubertät, die kennzeichnend ist für das physische, psychische und soziale Entwicklungsgeschehen der Jugendphase. Die Betrachtung der Vorpubertät steht denn auch im Mittelpunkt der entwicklungspsychologischen Auseinandersetzung mit diesem Alter. Ohne tatsächlich schon in die Pubertät eingetreten zu sein, kündigen sich bei älteren Kindern die ersten Vorboten dieses Entwicklungsabschnittes an und beginnen Selbstwahrnehmung, Auftreten und Verhalten der Kids zu beeinflussen bzw. schon zu verändern, wobei das Kindliche keinesfalls abgelegt, das Jugendliche hingegen ebenso wenig als bestimmend angesehen werden kann bzw. als Persönlichkeitsmerkmal durch das Umfeld der Heranwachsenden angesehen wird. Dies spiegelt sich auch in den Bezeichnungen wider, die der Volksmund für dieses Alter parat hat. Aus Mädchen werden "Backfische", Jungen kommen in die "Flegeljahre".Nach Auffassung der klassischen Entwicklungspsychologie ist das Alter der Vorpubertät in erster Linie gekennzeichnet durch eine Phase der psychischen Destabilisierung. Das Reden von den "Flegeljahren" verleiht dieser Erkenntnis sinnfälligen Ausdruck und macht gleichzeitig auf die sozialen Folgen dieser Gewichtsverlagerung aufmerksam. Die nunmehr einsetzenden körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen im Leben der Heranwachsenden bringen das kindliche Gleichgewicht mehr und mehr aus der Balance, konfrontieren die jungen Menschen mit Entwicklungstatsachen, für deren Bewältigung ihnen noch (!) nicht die geeigneten Mittel und Wege zur Verfügung stehen. In ihrem Inneren fühlen sich die Jungen und Mädchen hin und her gerissen zwischen dem Vertrauten und dem Neuen, noch Unscharfen und Beängstigenden, nichtsdestoweniger jedoch auch Reizvollen. Sie lavieren zwischen "Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt". Aus der Perspektive ihrer Umwelt erscheint ihr Verhalten labil, schwankend zwischen schwer zu bändigender Hyperaktivität und scheinbar passiver Verträumtheit. Für Remplein befinden sich Mädchen zwischen 10 und 13 Jahren in dieser Phase psychischer Destabilisierung, für Jungen ist sie zwischen 12 und 14 Jahren charakteristisch. Mädchen verhalten sich launisch und albern, begegnen ihrer Umwelt, insbesondere Erwachsenen kratzbürstig und ablehnend. Jungen sind aufbegehrend, verhalten sich ungebärdig und grob. Generell ist für Heranwachsende dieses Alters nach Remplein kennzeichnend, dass sie zu "negativen und extremen Verhaltensweisen [neigen]: Aufbegehren, Jähzorn, Trotz, Auflehnung, Widersetzlichkeit, Opposition, Gleichgültigkeit, Ablehnung, Lieblosigkeit, Reibereien, Isolierung" (Remplein, 1954, S. 213). In der Schule häufen sich die Probleme: die Leistungen lassen (rapide) nach, die Konzentrationsfähigkeit bricht ein, man ist zerstreut, döst, kichert, schwatzt oder träumt und verhält sich Lehrern gegenüber aufsässig und vorlaut. Aus klassisch entwicklungspsychologischer Sicht zeigt sich in diesen Entwicklungen ein Abbau kindlicher Orientierungen, Einstellungen und Verhaltensweisen, was zwangsläufig zur psychischen Destabilisierung führen muss. Diese Phase mündet schließlich in den Aufbau neuer, erwachsener Haltungen und Handlungen, wenn die Heranwachsenden nach Abschluss des "zweiten Trotzalters" (vgl. ebd., S. 212 ff.) die für das Jugend- und Erwachsenenalter typische Fähigkeit der bewussten Distanzierung gegenüber sich selbst und dem eigenen Verhalten sowie der Umwelt erworben haben. Dieses klassische, an den negativen Ausformungen menschlicher Entwicklung ausgerichtete Bild der psychischen Entwicklung hat in der modernen Entwicklungspsychologie keinen Bestand. Sie geht vielmehr davon aus, dass die Vorpubertät bestimmt ist durch einen Abschnitt relativer Stabilisierung und kontinuierlicher Entwicklung. Zwar nimmt in diesem Alter die Unsicherheit bei Rollen und Status der Heranwachsenden zu. Jedoch wird nicht von einer gravierenden Labilisierung in Verhalten und Seelenleben der älteren Kinder ausgegangen. Helmut Fend kam in einer Zusammenschau von Forschungsdaten zu dem Schluss, dass das Alter zwischen 12 und 14 Jahren eher durch eine Festigung der individuellen Selbstwahrnehmung und Selbstzufriedenheit gekennzeichnet ist. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. In Auswertung der eigenen empirischen Ergebnisse zeigt sich nach Fend für Mädchen ab dem 13. Lebensjahr eine Destabilisierung emotionaler Selbstkontrolle und ein Abnehmen der individuellen Selbstakzeptanz; bei Jungen ist diese Entwicklung erst mit ca. zwei Jahren Verzögerung zu beobachten (vgl. ders. 1992). In engem Zusammenhang damit ist die Annahme zu sehen, dass für das beginnende Jugendalter eine wachsende Zuwendung zur eigenen Person, ein "Ausleuchten" und "Kennenlernen" des sich verändernden Wesens von Innen charakteristisch und in den Augen der klassischen Entwicklungspsychologie mitverantwortlich ist für die Unausgeglichenheit des Verhaltens junger Menschen in diesem Alter. Eine gesteigerte Hinwendung zur eigenen Persönlichkeit findet sich auch in den Ergebnissen der wenigen empirischen Untersuchungen zum Übergang von der Kindheit in die Jugendphase wieder, allerdings wiederum mit deutlichen Unterschieden bei Jungen und Mädchen. "Während es bei Jungen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren nur zu einer leichten Steigerung der Innenwendung kommt - hier erfolgt der 'Sprung' mit 16 Jahren -, nimmt die Blickwendung auf die eigene Persönlichkeit bei den Mädchen vom 12. Lebensjahr an wesentlich stärker und kontinuierlich zu. Die Mädchen weisen diesbezüglich mit vierzehn Jahren ein (weiter steigendes) Niveau vor, das die Jungen erst mit 16 erreichen. Offenbar betreiben die Mädchen das Studium der eigenen Persönlichkeit nicht nur früher, sondern auch intensiver als es die Jungen tun" (Drößler 2002, S. 60). Und auch mit Blick auf die Schule muss konstatiert werden, dass es, wie von der klassischen Entwicklungspsychologie postuliert, zu einer Krise kommt im Verhältnis zwischen Schule und Heranwachsenden (vgl. bspw. Büchner/ Krüger 1996; Fend 1992). Eine biografische PerspektiveAufgrund der Nähe der Kids zum Jugendalter wurde in der biografischen Jugendforschung ausgehend von den Entwicklungsaufgaben der Jugendphase (siehe oben) ein Modell entwickelt, welches den Statusübergang von der Kindheit zur Jugendphase anhand dreier Ebenen von Verselbständigung beschreibt. Dies sind:
Verlauf und Ergebnis dieser Prozesse werden von Faktoren wie Wohnort, soziale und geografische Herkunft, Geschlecht, besuchte Schulform, sozialer Status, Alter usw. beeinflusst (vgl. Kötters/ Krüger/ Brake 1996). Die Nähe zu den Entwicklungsaufgaben der Jugendphase ist unverkennbar, sie werfen gewissermaßen ihre Schatten voraus. Die Kids beginnen langsam, die ersten Anzeichen dieses neuen Entwicklungsabschnittes zu erkennen und sich damit auseinander zu setzen. Nichtsdestoweniger sind die Veränderungen unausweichlich und gerade für ihre Umwelt mitunter irritierend und mitunter auch beunruhigend. Schlaglichtartig sollen anhand der zwei wesentlichsten Lebensbereiche diese Veränderungen nachgezeichnet werden. FamilieDie sicherlich gravierendsten Wandlungen vollziehen sich aus der Sicht der Eltern im Verhältnis zwischen ihnen und ihren heranwachsenden Kindern. Die Kinder befanden sich bislang in einem vollständigen und von beiden Seiten akzeptierten Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Eltern, das alle Aspekte des Zusammenlebens umfasste (vgl. Baacke 1998). Dieses materielle, emotionale und soziale Abhängigkeitsverhältnis ist unter anderem dadurch geprägt, dass Eltern in allen Dingen einen großen, steuernden und kontrollierenden Einfluss auf das Leben ihrer Kinder ausüben. Dieser Einfluss beginnt nun in vielerlei Hinsicht langsam aber stetig zu schwinden.Die soziale und emotionale Position der Eltern relativiert sich - unter anderem unter dem wachsenden Einfluss Gleichaltriger auf die Lebensgestaltung und die sozialen Orientierungen der Heranwachsenden. Davon ist auch ihre Autorität betroffen, was bedeutet, dass ihr Urteil und ihre Ansichten im Vergleich zu früher immer seltener "einfach so" übernommen, sondern vielmehr vor dem Hintergrund eigener Ansichten und Vorstellungen reflektiert, diskutiert, modifiziert und bisweilen auch zurückgewiesen werden. Helmut Fend hat in seiner Studie "Vom Kind zum Jugendlichen" eine Reihe von Tatbeständen empirisch herausgearbeitet, die den Qualitätsumschwung in der Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern recht anschaulich werden lassen. Im Alter zwischen 12 und 14 Jahren geben immer weniger Heranwachsende an sich zuhause wohl zu fühlen. Gleichzeitig verringert sich die Bedeutung des elterlichen Stützsystems für die jungen Menschen. Mädchen fühlen sich dabei etwas weniger wohl, wohingegen für Jungen Eltern als soziale und emotionale Ressource stärker an Bedeutung verlieren. Das Zurücktreten des elterlichen Stützsystems zeigt sich auch daran, dass die Eltern ihrer Rolle als Ansprechpartner für die Heranwachsenden zunehmend verlustig gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder mit persönlichen Problemen (zuerst) zu ihnen kommen, sinkt bei den Mädchen von ca. 50% (12 Jahre) auf ca. 35% (14 Jahre) und von ca. 70% auf ca. 50% bei den Jungen. Büchner/ Fuhs kommen zu ganz ähnlichen Ergebnissen: "Während die Eltern bei den 10-jährigen Befragten noch hohe Priorität als Ansprechpartner bei Problemen und Sorgen haben, verändert sich die Prioritätensetzung kontinuierlich mit zunehmenden Alter und kehrt sich bei den 15-jährigen um: in diesem Alter sind es vermehrt die Freunde und Freundinnen, die bei Problemen und Sorgen zu Rate gezogen werden" (dies. 1996, S. 163). Allerdings weisen die Autoren im Gegensatz zu Fend auch darauf hin, dass die Themen von einiger Bedeutung sind dafür, ob Eltern als Ansprechpartner gesucht werden oder nicht. So ist deren Meinung in Sachen Jugendkultur erwartungsgemäß wenig gefragt, wogegen sie bei der Suche nach individueller Orientierung oder dem Entwurf von Lebensplänen nach wie vor, Väter wie Mütter, hoch geschätzt sind. Dennoch scheint die emotionale Distanz zwischen Kindern und Eltern im Vergleich zu den zurückliegenden Jahren größer zu werden. "Die Offenheit der Kinder ihren Eltern gegenüber sinkt besonders bei der Diskussion persönlicher Probleme. [...] Daneben nehmen Heranwachsende ein gesteigertes Kontrollbedürfnis der Eltern wahr, das auch von Beobachtungen der Unsicherheit, was Eltern nun verlangen sollen, begleitet ist. Das Verantwortungsbewusstsein der Eltern kollidiert mit den Wünschen nach mehr Selbständigkeit bei den Kindern" (Fend 1992, S. 100). Das Verlangen nach mehr Selbständigkeit führt auch zu einer Verlagerung von Konflikten zwischen den Eltern und ihren Kindern. Während die Themen Schule oder Mithilfe im Haushalt biografisch "unabhängige" Dauerbrenner bei den Meinungsverschiedenheiten repräsentieren, verlagern sich andere Konfliktanlässe im Übergang zwischen Kindheit und Jugend von Fragen der Kleidung oder von individuellen Kaufwünschen hin zu unterschiedlichen Ansichten beim Ausgehen oder der Wahl von Freunden und Bekannten. Insgesamt jedoch ist diese Phase nicht von einem wachsenden Ausmaß an Konflikten zwischen Eltern und Kindern gekennzeichnet. Die mit dem zunehmenden Selbständigkeitsstreben einher gehenden Distanzierungsprozesse sind in diesem Alter noch "nicht von einem rapiden Anstieg der Konfliktpunkte zu Hause begleitet" (Fend 1992, S. 98). Hinzu kommt, "dass die abnehmende Familien-/ Elternorientierung der Kinder und jungen Jugendlichen in diesem Alter (noch) nicht in einer Weise gegen elterliche Normen und Normensetzungen gerichtet ist, die in größerem Umfang zu Ärger und Streit in den Familien führt" (Büchner/ Fuhs 1996, S. 166). Der Wandel in den familiären Beziehungen ist also noch begrenzt. Insbesondere muss betont werden, dass mit diesen Veränderungen wie auch mit denen in der kommenden Jugendphase nicht automatisch eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern verbunden ist. Der Lernprozess betrifft, wenn man so will, beide Seiten und die Jugend- und Familienforschung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass Eltern und Kinder über ihre Ansichten und Bedürfnisse diskutierten, nach Kompromissen suchen, Standpunkte, Freiräume und Grenzen aushandeln (Stichwort: Verhandlungshaushalt). Trotz alledem haben die jungen Menschen aber mit einer unumkehrbaren Verschiebung ihrer sozialen und emotionalen Beziehungen begonnen, die Rolle und Bedeutung der Eltern relativiert. Soziale Bezüge werden mehr und mehr außerhalb der Familie gesucht und aufgebaut. Neben der für die Eltern schmerzlichen Erfahrung, dass sie nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens ihrer Kinder stehen, beinhalten diese Veränderungen für die Heranwachsenden selbst ein steigendes Maß an Verantwortung und Verantwortungsübernahme: "Gerade die Übergangssituation von der vertrauten Kinderkultur zu einer faszinierenden, aber nicht unübersichtlichen Jugend- und Erwachsenenkultur bedeutet eine schwierige Gratwanderung. Auf der einen Seite sind [die Heranwachsenden] mit vernunftbetonten Ratschlägen der Eltern konfrontiert, die mit dem Blick auf die Zukunft auf Gefahren hinweisen, die bei einer falschen Orientierung drohen. Auf der anderen Seite müssen sie erkennen, dass mit dem Ende der Kindheit auch das Ende der elterlichen Haftung gekommen ist" (Fuhs 1998, S.135). GleichaltrigeKontakte und Aktivitäten mit Gleichaltrigen sind nichts Neues im (Zusammen-)Leben von Kindern und Eltern. Allerdings verändern sich Charakter, Bedeutung, Konstituierung und Aufrechterhaltung von Gleichaltrigenkontakten mit zunehmendem Alter. "Während [die Kinder] im jüngeren Alter, mit 6 oder 7 Jahren, ihre Spielkameraden häufig unter Anleitung und Ermunterung von Eltern finden, die auch die Räume für die Spiele bereit stellen und, soweit es geht, beobachtend und überwachend in die Spiele eingreifen, greifen die 10-Jährigen räumlich weiter aus und regeln zunehmend selbst, mit wem sie Beziehungen eingehen" (Baacke 1998, S. 330f.). Ältere Kinder suchen sich ihre Freunde zunehmend selbständig aus - die Schule aber auch andere (zunächst organisierte) Kontaktbörsen liefern die Möglichkeiten hierfür - und gestalten diese Kontakte auch zunehmend nach eigenen Interessen und Vorlieben. Dabei entziehen sie sich bewusst dem Einfluss und der Kontrolle von Erwachsenen, insbesondere der Eltern, was, neben den richtigen oder falschen Freunden, nicht selten in Streitereien endet. Dieser Zuwachs an Bedeutung und der Wandel in der Qualität von Gleichaltrigenbeziehungen wurden bereits im vorangegangenen Abschnitt deutlich.Aus biografischer Perspektive wirft hier die jugendspezifische Entwicklungsaufgabe der Ablösung von der Herkunftsfamilie ihre Schatten voraus. Tatsächlich jedoch kann in diesem Alter noch nicht von Ablösung die Rede sein - zu wichtig ist das familiäre Beziehungs- und Unterstützungsgeflecht für das Aufwachsen und die individuelle Entwicklung, und zwar in jeder Hinsicht. Mit der Intensivierung außerfamilialer Beziehungen allerdings organisieren die Kinder ihre sozialen Kontakte um, erschließen sich neue Dimensionen für soziales und personales Wachstum. Im mehr und mehr selbst organisierten und gestalteten Umgang mit anderen Gleichaltrigen machen die Kinder wichtige soziale und emotionale Erfahrungen. Die bedeutendste ist sicherlich die der gewissermaßen erworbenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Clique von Freunden. In der Familie stehen Fragen des Status und der Zugehörigkeit nicht zur Diskussion. Anders in einer Gleichaltrigengruppe: Hier muss das Kind Zugehörigkeit und Status "verdienen" und "rechtfertigen", muss sich selbst Anerkennung verschaffen. Zudem müssen die Heranwachsenden die Beziehungen innerhalb ihrer Gruppe oder Clique selbständig regeln. Neben Zugehörigkeit und Status und der Erfahrung, dass es nicht immer gelingt "in eine (attraktive) Clique hinein zu kommen", lernen die Kinder hier in der Auseinandersetzung mit ihren Freunden ein gruppenspezifisches Normen- und Regelsystem zu schaffen. Hierbei machen die Kinder die Erfahrung, "dass außerhalb von Familie und Schule andere Regeln und Anforderungen wirksam sind. Dies wendet den Blick von partikularistischen hin zu universalistischeren, mehr generalisierenden Handlungsorientierungen, die für ein Überleben in der Gesellschaft unbedingt erforderlich sind. Insofern repräsentiert die Gleichaltrigengruppe aufgrund der in ihr möglichen und nötigen sozialen Erfahrungen die wichtigste Sozialisationsinstanz neben Familie und Schule" (Drößler 2002, S. 66). Nicht mehr Kind, noch nicht Jugendlicher - von der Ambivalenz des Lebens und ErlebensDie Feststellung, dass jugendtypische Anforderungen, Interessen, Bedürfnisse, Orientierungen und Verhaltensweisen charakteristisch sind für eine große Gruppe älterer Kinder bzw. jüngerer Jugendlicher, und die damit einher gehende soziokulturelle Statusinkonsistenz hat freilich Auswirkungen auf das Erleben und das Verhalten der Betroffenen. Konkret sehen sie sich vor die Aufgabe gestellt, ihre jugendlichen Anteile auszuleben, obwohl sie "richtiges jugendliches Fühlen und Handeln" noch nicht beherrschen. Und auf der anderen Seite sind da freilich nach wie vor kindliche Interessen und Neigungen, die unabhängig vom mehr und mehr als jugendlich empfundenen Selbstbild nach Befriedigung verlangen. Kids sind daher häufig unstet und widersprüchlich in ihrem Handeln und ihren Orientierungen, was in entscheidendem Maße mit ihrem tatsächlichen psychosozialen Entwicklungsstand zusammen hängt.Diese ambivalente Verquickung von soziokulturellem Stausübergang und individuellem psychosozialen Entwicklungsgeschehen lässt sich vortrefflich am Beispiel der Gleichaltrigengruppe skizzieren. Das Sozialisationsfeld der Gleichaltrigengruppe verweist neben der Vielfalt der sich hier stellenden Entwicklungschancen und Entwicklungsanforderungen auch auf eine Erweiterung des Lebensbereichs von älteren Kindern in die Sphären von Jugend- und Erwachsenenkultur hinein. Gruppen und Cliquen sind für die Heranwachsenden auch - und möglicherweise in erster Linie - Informationsbörse und Bühne für Moden und Trends, die sich in ihrem Charakter mehr und mehr von denen der Kinderkultur verabschieden. Und insofern verändern sich im Alter zwischen 10 und 14 Jahren nicht nur Form und Qualität von Gesellungen, sondern auch und vor allem die mit diesen neuen Gesellungsformen verbundenen Interessen und Erwartungen. Für die Kids avanciert die Freundesgruppe oder Clique zum zentralen Lebensbereich. Aber in diesem Alter tauchen im Zusammenspiel mit anderen Gleichaltrigen auch Anforderungen auf, die den Selbstansprüchen der Kids - nämlich schon Jugendliche zu sein - einerseits entgegenkommen und von ihnen ja selbst hervorgebracht werden. Andererseits "passt diese Jacke" nicht immer, kann sie leicht zu groß werden, was bedeutet, dass die Kids auch leicht überfordert werden können. "Olli, ein Bürschlein von 12 Jahren, im Gesicht aber schon wesentlich älter (harte Züge), kommt im Gefolge von drei ungefähr gleichaltrigen Jungen herein. Sie suchen jemanden. Olli immer voran und die anderen hinterher. [...] Durch das Geschrei im Tischtennisraum werde ich 'hinzu gerufen'. Olli hat sich vor einem etwa 12-jährigen Jungen, der auf einer Bank sitzt, aufgebaut. Er fuchtelt mit den Armen herum und schlägt auch hin und wieder zu. Olli droht, schimpft und schreit mit Ausdrücken und Gebärden, wie sie die älteren Jugendlichen haben. Auch die anderen drei pöbeln den Sitzenden an und treten ihn auf üble Weise. [...] Mehrere Wochen später während der Disco: In einem Nebenraum machen wir wieder ein Angebot für die Jüngeren, da drei Stunden Disco vielen zu langweilig ist. Auf einem großen Tisch mit Pappauflage können sie aus allen möglichen Pappschachteln, Kartons, Dosen usw. eine Stadt bauen. Olli kommt auch; diesmal ist er alleine. Er geht in den Bastelraum und ich denke nur: was wird er jetzt wieder anstellen? Doch es passiert nichts. Nach einer guten halben Stunde kommt er zu mir und fragt mich, ob ich dünne Holzstäbchen habe. 'Wofür brauchst du die denn?' frage ich etwas unsicher. Er braucht sie für einen Fernsehturm, den er gerade gebaut hat" (Deinet 1987, S. 12f.).In diesem Beispiel wird das psychosoziale Erleben der Statusinkonsistenz zwischen Kind und Jugendlichem recht gut sichtbar. Als offensichtlicher Anführer einer Gruppe von hier drei Gleichaltrigen, die scheinbar ein "Hühnchen zu rupfen hatte", tritt Olli mit übertriebener jugendlicher Härte auf. Einige Tage später, Olli ist ohne seine Kumpels in die Disco (!) gekommen, interessiert ihn nicht etwa das Geschehen auf der Tanzfläche. Er verschwindet im Bastelzimmer und baut einen Fernsehturm; etwas das eher dem Verhalten eines Kindes entspricht. Ein solches Benehmen kann sich Olli in seiner Clique nicht erlauben. Es wäre verheerend für seinen Status in der Gruppe und nicht zuletzt für sein soziales Selbst, würde er sich hier ganz offen mit solcherlei Kinderkram abgeben. Allein und unbeobachtet jedoch kann sich Olli seinen nach wie vor vorhandenen kindlichen Bedürfnissen hingeben und diese ausleben, und das Ergebnis zeigt, dass er das auch mit großen Interesse getan hat. Dieses scheinbar Inkonsistente in Ollis Verhalten, das Schwanken zwischen übertriebenem Jugendlich-Sein und kindischer Bastelei, ist typisch für Kids. Ihr Bestreben als Jugendliche zu gelten wird von ihrer Umwelt nicht selten nicht zur Kenntnis genommen, amüsiert relativiert oder gar brüsk zurück gewiesen. Übertrieben jugendliches Verhalten soll dem entgegen wirken, das Gegenteil beweisen. Insbesondere Jungen tun sich in dieser Beziehung hervor. Dies erzeugt eine Situation, die durch den sozialen Druck, sich als Jugendlicher immer wieder beweisen zu müssen, gekennzeichnet ist. In nicht unerheblichem Ausmaß wird dieser Druck durch die Heranwachsenden selbst erzeugt, wenn man vor sich und seines Gleichen eben nicht mehr Kind sein darf, sondern cool und jugendlich sein muss. Man kann es sich nicht leisten "kindlich" zu sein, da die Folgen für das Ansehen der Clique wie für den oder die Einzelne katastrophal wären: der eben erst "erarbeitete" Status wäre dahin. Dabei darf bei aller Problemhaftigkeit nicht übersehen werden, dass sich hierin die tatsächlich vorhandenen jugendlichen Anteile der sich entwickelnden Persönlichkeit entfalten. Für die Heranwachsenden ist diese Situation jedoch nicht unproblematisch. Das vehemente Streben nach Jugendlichkeit führt freilich nicht zu einem quasi automatischen Verschwinden der kindlichen Anteile. Aufgrund ihres Alters und ihres psychosozialen Entwicklungsstandes treffen Kids oft auf Situationen, die sie überfordern, ihnen die Grenzen ihres Handlungsrepertoires und schließlich auch ihrer psychosozialen Ressourcen aufzeigen. Dann brechen sich die kindlichen Anteile Bahn, ist da wieder das Kind, das seinen Schonraum benötigt, sozialer Geborgenheit und emotionaler Zuwendung bedarf. In diesem Kontext ist auch das Verhalten von Olli zu sehen. Seine Bastelei während der Disco zeigt ganz deutlich die Bedeutung, die seine kindlichen Interessen für diesen sonst so toughen Jungen haben. Neben der Tatsache, dass Olli hier nach wie vor bestehenden Neigungen nachgeht, kann dieses Verhalten also auch als Verschnaufpause gelesen werden. Olli beschäftigt sich nicht bloß mit Dingen, die ihm bisher großen Spaß gemacht haben und offenbar nach wie vor Spaß machen. Vor allem kann Olli hier Beschäftigungen nachgehen, die ihm vertraut sind. Und er kann in einer Form persönliche Befriedigung und Bestätigung erfahren, wie es ihm in anderen Kontexten immer weniger möglich ist. Die soziokulturelle Statusinkonsistenz zwischen Kind- und Jugendlichsein spiegelt sich auf der psychosozialen Ebene mithin wider in einem "Dilemma zwischen der mehr und mehr herein brechenden und ja auch selbst gesuchten jugendlichen Norm und den noch vorhandenen starken, aber nun heimlichen oder zu verheimlichenden kindlichen Neigungen und Wünschen" (Drößler 2002, S. 67). Dies ist ein Grund für das Unstete im Verhalten und Auftreten von Kids, ein Ausdruck des Nicht-mehr-Kind- aber/ und Noch-nicht-Jugendlicher-Seins. Zwischen Wollen und Können - Jungen und MädchenDas Reden von der Vor-Pubertät macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam. Am Ende der Kindheit entdecken die Heranwachsenden ihr Interesse am anderen Geschlecht (neu). Haben Jungen ihre Zeit bislang vorwiegend mit Jungen und Mädchen vorwiegend mit Mädchen verbracht - in der Psychoanalyse nennt man den Abschnitt der mittleren Kindheit deshalb Latenzphase -, erwacht nunmehr zusehends das Interesse am anderen Geschlecht und damit auch der Wunsch, mit Heranwachsenden des jeweils anderen Geschlechts Kontakt aufzunehmen. Dabei geht es nicht (mehr) darum, neue "Spielkameraden" oder "Spielkameradinnen" zu finden. Das Interesse gilt vielmehr der emotionalen und nicht zuletzt der sexuellen Dimension solcher Kontakte. Und mithin betreten die Heranwachsenden auch hier wiederum Neuland, was bedeutet, dass Mittel und Wege erst gefunden werden müssen, einen Kontakt zum anderen Geschlecht herzustellen und zu pflegen, der den "Kinderschuhen" entwachsen ist.Damit wird klar, dass auch hier große Unsicherheit herrscht. "Alles, was sie tun, scheint den Charakter des Uneigentlichen zu haben, des 'Nicht-Mehr', aber auch des 'Noch-Nicht'. Sie haben Freundschaften mit dem anderen Geschlecht, verleugnen diese aber gleichzeitig, sie nähern sich an, ziehen sich aber gleichzeitig zurück, sie necken einander, fassen einander an, ohne damit schon einen Sinn verbinden zu wollen. Alles soll einen spielerischen Charakter haben, wenngleich vieles schon mit der Möglichkeit des Ernstes getan wird. Nirgends ist dies wohl schöner zu beobachten als bei den Gruppenbegegnungen in Schwimmbädern und Freiluftbädern" (Fend 1992, S. 4). Das hier sehr schön beschriebene Missverhältnis zwischen Wollen und Können erzeugt bei Erwachsenen nicht selten "weises Schmunzeln", Verwunderung und Kopfschütteln. Weises Schmunzeln, weil man als erwachsener Beobachter freilich genau (und besser) weiß, worum es eigentlich geht, wenn ein paar Jungen im Schwimmbad eine Gruppe von Mädchen mit "Bomben" belegen; Verwunderung, wenn man sieht, wie diese sich das nicht nur gefallen lassen, sondern offenbar auch Gefallen daran finden; und Kopfschütteln, wenn die Jungen den Zeitpunkt verpassen, an dem die Mädels genug haben, sie also nicht mehr beeindrucken, sondern sich von nun an vielmehr als Kindsköpfe zu blamieren beginnen. Die gegenseitige Kontaktaufnahme ist schwierig unter veränderten Bedingungen und mit anderen "Hintergedanken", für beide Seiten. Erfahrungen müssen erst gesammelt werden. Und bis dahin "bedient" man sich bekannter, eben "kindlicher" Verhaltensweisen oder greift auf solche zurück, die man bei Jugendlichen abgeschaut, aber eben nicht vollends durchschaut hat. Daher das Uneigentliche und bei Jungen oftmals Grobe. Ein weiteres Beispiel soll dies illustrieren. "Noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Disco. Ungefähr zwanzig 12- bis 14-jährige Mädchen und Jungen warten schon ungeduldig vor der Tür. Die Mädchen haben sich zurecht gemacht und sehen älter aus; die Jungen tragen modische Jeans und Lederjacken, obwohl einige noch nicht ganz reinzupassen scheinen. Die meisten Wartenden rauchen kräftig. Ein paar Jungen tun sich durch gezielte Anmache hervor: Sie rufen den in einer Gruppe zusammen stehenden Mädchen Sprüche, sexuelle Andeutungen, Ausdrücke und Schimpfwörter zu. Die Mädchen antworten auf die gleiche Weise. Sie stacheln sich gegenseitig so weit an, dass einige Jungen kurz mal zu den Mädchen rüber springen und sie schubsen. Zwei Jungen werden noch dreister und fassen einige Mädchen an Busen und Po, worauf diese feste schlagen und treten. Vollkommen aufgeregt stürmen die Wartenden schließlich ins Haus" (Deinet 1987, S. 14).Die Unsicherheit im Umgang mit Vertreterinnen und Vertretern des anderen Geschlechts wird in dieser Beschreibung ebenso erkennbar wie die Art ihrer Bewältigung. Das "Aufgerüschtsein" der Mädchen ebenso wie die ausgesuchte Kleidung der Jungen demonstrieren die mit der Disco als geselligem Ereignis verbundene Bedeutung und gleichzeitig das individuelle Interesse an einem möglichst attraktiven, aber eben auch jugendlichen Erscheinungsbild. Der Umgang miteinander steht in scheinbarem Gegensatz dazu. Mädchen und Jungen beharken sich regelrecht, und zwar aus sicherer Distanz und aus der Geborgenheit gleichgeschlechtlicher Gruppenkonstellationen heraus. Zwei der Jungen wagen sich im doppelten Wortsinn besonders weit vor: sie verlassen für einen Moment den Schutz der Gruppe, suchen die Nähe zu den Mädchen, behandeln diese freilich sehr ungehörig und kassieren ihre verdiente Abreibung, bevor sie zu den Altersgenossen zurückkehren. Aber: auch wenn sie sich ganz offensichtlich und zu Recht blamiert haben, sie haben sich mehr getraut als die anderen Jungs, waren besonders mutig und sind sicherlich stolz auf ihre Aktion. Und wer weiß, vielleicht nehmen ihnen die Mädchen das mehr als dreiste Gegrapsche nicht einmal besonders übel. "Was [also] Jugendlichen und Erwachsenen als plumpes, wenn nicht gar kindisches Imponiergehabe erscheinen mag, ist zunächst nichts anderes als ein Versuch, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu kommen. [..] Das 'Plumpe' und 'Kindische' am beschriebenen Verhalten deutet also auch darauf hin, dass die Jungen und Mädchen irgendwie versuchen, ihre Unsicherheit im Umgang mit dem anderen Geschlecht in den Griff zu bekommen" (Drößler 2002, S. 69). Soweit diese Unsicherheit im Umgang miteinander für beide Seiten besteht und mit aus Sicht der Erwachsenen gleichermaßen eher untauglichen Mitteln zu kaschieren bzw. zu überbrücken gesucht wird, so sehr fällt das Benehmen der Jungen negativ auf. Dies hat mehrere Ursachen. Mit Blick auf das Geschlechterverhältnis sehen sich Jungen in diesem Alter auf der einen Seite mit einem über weite Strecken nicht vorhandenen Interesse der gleichaltrigen Mädchen an ihnen konfrontiert. Verantwortlich dafür ist die Tatsache, dass Mädchen in ihrer psychosozialen und körperlichen Entwicklung in diesem Alter weiter fortgeschritten sind als Jungen. In sexueller Hinsicht interessieren sie sich für ältere Jugendliche, was die männlichen Kids durchaus sensibel wahrnehmen. Ein anderer - und entscheidenderer - Punkt jedoch ist, dass Jungen in diesem Alter kaum ein unter den gleichaltrigen männlichen Freunden anerkanntes Interesse am Zusammensein mit Mädchen zeigen können. Man gibt sich nicht mit "Weibern" ab. (Über-)betont "männliches" Gehabe kann dann das Gesicht wahren helfen, trägt aber sicherlich entscheidend dazu bei, dass Mädchen sich eher von ihnen abwenden. Ihr Verhalten macht aber auch deutlich, wie hilflos sich die Jungen in dieser für sie ambivalenten Situation fühlen. Dass ihnen keine tauglichen Strategien für den Umgang mit dem anderen Geschlecht zur Verfügung stehen, hat auch damit zu tun, dass Jungen nach wie vor nach einem Muster erzogen und sozialisiert werden, in dem trotz Emanzipation und gender mainstreaming ein traditionelles Verständnis von Männlichkeit und von der männlichen Rolle dominiert (vgl. Böhnisch/ Winter 1993, Tillmann 1992). Verstärkt wird dies noch dadurch, dass in der Erwerbsgesellschaft nach wie vor und - trotz gegenteiliger politischer Bekundungen und Bemühungen - mit scheinbar wieder steigender Tendenz vor allem Väter die "Ernährerrolle" besetzen, also über Berufstätigkeit das Einkommen der Familie sichern. Damit einher geht nicht nur eine (erneute) Verfestigung traditioneller Rollenwahrnehmungen, sondern auch die - mittlerweile viel beschworene - Abwesenheit der Väter im erzieherischen Alltag, womit auch das Wahrnehmen einer in vielfältiger Hinsicht wichtigen Vorbildfunktion schwierig wird. Und nicht zuletzt ist das System der öffentlichen Erziehung über weite Strecken durch das Fehlen von Männern gekennzeichnet, was wiederum dazu führt, dass männliche Kinder und Jugendliche kaum die Möglichkeit haben, am "Vorbild Mann" zu lernen, was eben auch und vor allem Auswirkungen hat auf die Vermittlung von an Gleichberechtigung, Respekt und gegenseitigem Verständnis ausgerichteten Umgangsweisen zwischen den Geschlechtern bzw. die Entwicklung entsprechender Wert- und Normvorstellungen. Zusammenfassung und KonsequenzenKids, so die erste Begriffsbestimmung eingangs dieses Aufsatzes, sind ältere Kinder bzw. jüngere Jugendliche zwischen 9 bis 10 und 14 Jahren, die in ihren Orientierungen und Verhaltensweisen eher Jugendlichen ähneln. Dies hat damit zu tun, dass diese Heranwachsenden recht früh mit eher jugendtypischen Gelegenheiten und Anreizen, aber auch Anforderungen zu tun bekommen, was dazu führt, dass ihre Kindheit in einigen Bereichen früher endet, die Jugendphase ebenso früher in ihr Leben eintritt. Das wiederum resultiert wesentlich aus einer durch soziale Benachteiligung gekennzeichnete Aufwachsenssituation - Familie, Wohnumfeld, Schule etc. Es handelt sich also um untypische und noch dazu um prinzipiell problematische, vielleicht gar gefährdete Heranwachsende mit untypischen Lebensläufen. Aber, um zur letzten der Eingangsfragen zurück zu kommen, stimmt das überhaupt noch?Ja und Nein. Wir haben auf den vergangenen Seiten eine Gruppe junger Menschen kennen gelernt, die wie alle Altersgruppen in unserer Gesellschaft mit umfassenden sozialen, kulturellen und ökonomischen Veränderungen konfrontiert ist und mit den Chancen und Risiken dieses permanenten Wandels umgehen lernen muss. Das bedeutet, dass älteren Kindern bzw. jüngeren Jugendlichen heute Lebensbereiche zugänglich gemacht werden bzw. zugänglich sind, die früher (erst) älteren Jugendlichen offen gestanden haben. Dieser Wandel betrifft alle "Kids". Mit ihm einher gehen "freilich vielfältige Anforderungen, die - entsprechend früher - erkannt und bewältigt werden müssen. Somit kann neben der Annahme, dass die gesellschaftlichen Bedingungen die Trennung zwischen Kindheit und Jugend haben unscharf werden lassen, die These [formuliert] werden, dass frühe Teilhabe an Konsum, Medien, Jugendkultur, die Vorverlagerung vielfältiger Entwicklungsanforderungen im Ergebnis eine umfassende strukturelle Veränderung menschlicher Biografie- und Entwicklungsverläufe darstellen" (Drößler 2002, S. 58). Jugendliches Verhalten von Noch-Nicht-Jugendlichen ist also bis zu einem gewissen Grade normal. Andererseits hängt die Art und Weise, wie die an der Schwelle von der Kindheit zur Jugend wartenden Aufgaben bewältigt und die Statusinkonsistenz zwischen Kind und Jugendlichem erlebt und verarbeitet werden können, freilich in hohem Maße vom sozialen Umfeld, dem Bildungsniveau, dem Vorhandensein sozialen und kulturellen Kapitals auf Seiten der Eltern und Kinder ab. Der Widerspruch bzw. die Inkonsistenz zwischen dem Status eines Kindes und dem eines Jugendlichen, die gleichzeitige Aktualität beider Statuskonfigurationen kann leichter verarbeitet und bewältigt werden, wenn sich die Heranwachsenden auch über andere als "übertrieben jugendliche" Verhaltensweisen identifizieren und beweisen können. Hierfür braucht es Fähigkeiten und Kompetenzen bei den Kindern, Möglichkeiten der Beschäftigung und der Identifikation. Dafür braucht es Plätze, Orte die Kids offen stehen. Der Mangel an Gelegenheiten zur Gesellung und zur altersgerechten Beschäftigung - auch etwas, das eng mit der sozialen Situation zusammen hängt - war ein wesentlicher Hinweis, der zur "Entdeckung" der Kids führte. Ältere Kinder werden von traditionell-kindgerechten Angebote nicht mehr erreicht. Sie interessieren sich nicht mehr wirklich für die hergebrachten Aktivitäten bspw. der Kinderarbeit, werden aber in jenen für Jugendliche nicht wirklich berücksichtigt, geschweige denn von diesen dort geduldet. Und Spielplätze sind für Kinder da, und an jenen Orten, an denen sich die Jugendlichen versammeln, haben pickelige Teenies nichts zu suchen. Dabei ist das Problem der Räume und Orte eines, das nicht nur Kids betrifft. In unserer hochgradig durchrationalisierten und funktionalisierten räumlichen Umwelt, insbesondere in Städten, werden offene Räume mit multivalentem Aufforderungscharakter und der Möglichkeit zur individuellen Aneignung, also Besetzung und (Um-)Deutung, immer seltener. Selbst in ausgewiesenen Wohngebieten werden Kinder außerhalb der Spielplätze heute mitunter nicht mehr geduldet. Für Kids jedoch stellt dies ein besonderes Problem dar, denn sie beginnen neben ihrem sozialen auch ihren räumlichen Handlungsbereich auszudehnen. Und insofern haben Räume für sie eine doppelt wichtige Bedeutung: als Erfahrungsräume für Neues und als "Spielräume", in denen sie ihren Interessen und Neigungen nachgehen können, und das manchmal ohne Aufsicht und vor allem ohne Kinder. Kids bedürfen des Weiteren einer Umwelt, die sensibel ist für die scheinbar schwankenden Interessen und Bedürfnisse, die den "aufstrebenden Jugendlichen" ihren Raum lässt jugendlich zu sein und dann mit Zuwendung und Geborgenheit zur Verfügung steht, wenn dies verlangt oder nötig wird. Hierunter fällt freilich auch die "stillschweigende Akzeptanz" scheinbar widersprüchlicher Interessen: nichts ist beleidigender als einem jungen Menschen, der eben an Coolheit kaum noch zu übertreffen war, sein zwei Augenblicke später erwachendes Interesse an der "alten" Legokiste als kindisch vorzuhalten und gegen die Coolness auszuspielen. Und schließlich spielt die Geschlechterperspektive eine wichtige Rolle. Die biologischen und psychosozialen Entwicklungswege von Jungen und Mädchen verlaufen verschieden und werden in unterschiedlichem Tempo zurückgelegt. Dies zu wissen und zu bedenken ist von besonderer Bedeutung. Es beginnt bei Räumen und Plätzen, die nicht selten für Jungen geplant und gebaut sind: Bolzplätze, Basketballkörbe, Halfpipe, Tischtennisplatten, die vielleicht noch als neutral durchgehen, über den Vorwurf, dass Jugendarbeit Jungenarbeit sei, bis hin zu den geschilderten Verhaltensweisen, in denen sich zweifellos jungenhafter Übermut gepaart mit einer gehörigen Portion Unsicherheit Ausdruck verschaffen. Umso bedeutsamer ist es, den heranwachsenden Jungen recht früh klar zu machen, dass sie den Mädchen mit Achtung und Verständnis gegenüber zu treten haben. Dies ist freilich eine Aufgabe, die nicht auf das hier behandelte Alter beschränkt bleiben darf. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass in diesem Alter Mädchen für Jungen und Jungen für Mädchen zu etwas anderem werden, als sie es bisher waren, ist der Zeitpunkt günstig und wichtig, den Grundstein zu legen für einen respektvollen Umgang miteinander. Literatur
Baacke, D. (1991): Die 13- bis 18jährigen. Einführung in die Probleme des Jugendalters, 5. Aufl., Weinheim und Basel AutorThomas Drößler ist Diplom-Pädagoge und Projektleiter des Sächsischen Landesmodellprojekts "Qualitätsentwicklung und -steuerung in den erzieherischen Hilfen" bei der Arbeitsstelle für Praxisberatung, Forschung und Entwicklung e. V. (apfe) der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. Adresse
Thomas Drößler | ||
Letzte Änderung: 10.11.2004 11:06:20 |