ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜDer Einfluss von Geschwistern auf die Entwicklung von Kindern und JugendlichenChristine Schmid ![]() Symmetrie und Asymmetrie in verschiedenen Beziehungen Nähe in verschiedenen Beziehungen Unfreiwilligkeit der Beziehung und Konflikte Kinder und Jugendliche wachsen in einem Netzwerk von sozialen Beziehungen auf, die zum Teil unterschiedliche Funktionen für die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung erfüllen. Geschwisterbeziehungen bilden einen wichtigen Bestandteil des sozialen Netzwerkes von Kindern und Jugendlichen. Für jüngere Geschwister besteht die Geschwisterbeziehung von Geburt an und nur etwa jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik Deutschland wächst ganz ohne Geschwister auf (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2002, S. 124). Im Folgenden wird auf die Besonderheit von Geschwisterbeziehungen im Vergleich zu anderen Beziehungen sowie auf die möglichen Folgen eingegangen, die sich dadurch für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ergeben. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Beziehungen zu den Eltern, zu Geschwistern und zu Gleichaltrigen lassen sich am besten anhand der drei Dimensionen Symmetrie/Asymmetrie, Nähe/Distanz und Freiwilligkeit/Unfreiwilligkeit der Beziehung beschreiben (de Hart, 1999). Symmetrie und Asymmetrie in verschiedenen BeziehungenSymmetrische Beziehungen sind durch ein Machtgleichgewicht und weitgehend gleich weit entwickelte Fähigkeiten und Kompetenzen der Beziehungspartner gekennzeichnet. Asymmetrie in Beziehungen ist dann gegeben, wenn ein Macht- oder Kompetenzunterschied zwischen den Beziehungspartnern besteht. Am stärksten durch Asymmetrie gekennzeichnet ist die Eltern-Kind-Beziehung, am wenigsten asymmetrisch sind Gleichaltrigen-, Freundschafts- und Partnerschaftsbeziehungen. Geschwisterbeziehungen liegen zwischen diesen beiden Polen, sie sind weniger asymmetrisch als die Beziehungen zu Erwachsenen, aber asymmetrischer als die Beziehungen zu Gleichaltrigen.In Geschwisterbeziehungen kommen sowohl symmetrische als auch asymmetrische Aspekte zum Tragen. Die symmetrischen Aspekte bestehen im vertrauensvollen Umgang der Kinder untereinander, im kooperativen Spiel und im Bewältigen gemeinsamer Probleme. Strukturell bilden Kinder gegenüber ihren Eltern eine Einheit (Rollensymmetrie), die sich beispielsweise in der Geschwistersolidarität ausdrückt (von Salisch, 1993). Die asymmetrischen Aspekte sind vor allem mit der Geschwisterposition (älteres oder jüngeres Geschwister) sowie mit den Altersabständen und den damit einher gehenden Entwicklungsunterschieden zwischen den älteren und den jüngeren Geschwistern verbunden. Die Asymmetrie von Geschwisterbeziehungen nimmt im Laufe der Entwicklung von der frühen Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter ab (Buhrmester, 1992). Ursache dafür sind die bei gleich bleibendem Altersabstand im Laufe der Zeit immer weniger ins Gewicht fallenden Entwicklungsunterschiede zwischen älteren und jüngeren Geschwistern. Studien, in denen die Interaktionen von Vorschul- und Schulkindern im Labor oder in deren natürlichem Umfeld zu Hause beobachtet wurden, zeigen, dass asymmetrisches Rollenverhalten unter Geschwistern sehr viel häufiger vorkommt als unter befreundeten Gleichaltrigen. Neben der eher gleichrangigen Rolle von Spielgefährten übernehmen ältere Geschwister häufig die Rolle der Bestimmenden, Lehrenden und Helfenden. Die jüngeren Geschwister ordnen sich diesen Verhaltensweisen nicht nur unter, sondern fordern sie auch heraus. Den Geschlechtsrollenstereotypen entsprechend, sind es häufiger ältere Schwestern als ältere Brüder, die lehrende, betreuende und helfende Rollen übernehmen. Ältere Brüder verhalten sich gegenüber ihren jüngeren Geschwistern stärker kompetitiv (Brody & Stoneman, 1995). Die Bedeutung von symmetrischen und asymmetrischen Interaktionen für die kindliche EntwicklungEntwicklungstheoretiker wie Piaget, Sullivan und Youniss (z.B. Youniss, 1994) argumentieren, dass von symmetrischen Beziehungen besondere Impulse für die soziale und die kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ausgehen. In symmetrischen Beziehungen wie der Gleichaltrigenbeziehung besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass zwei Interaktionspartner die Lösung für ein Problem gemeinsam (ko-konstruktiv) erarbeiten. Der Prozess der Ko-Konstruktion erfordert kognitive Eigenleistungen und soziale Fähigkeiten, die in asymmetrischen Beziehungen nicht in gleicher Weise zum Tragen kommen. In asymmetrischen Beziehungen wie der Eltern-Kind-Beziehung wird die gemeinsame Interaktion stärker durch den kompetenteren Interaktionspartner reguliert und die weniger kompetenten Interaktionspartner neigen dazu, die Vorstellungen der kompetenteren zu übernehmen, ohne sie kognitiv zu durchdringen.Andere Theoretiker, wie diejenigen, die in der Tradition Vygotskys stehen, nehmen an, dass Entwicklungsimpulse eher von Interaktionen mit kompetenteren Interaktionspartnern ausgehen (z.B. Rogoff, 1990). Kompetentere Interaktionspartner sind besser in der Lage, die gemeinsamen Interaktionen zu strukturieren und dabei Wissen und Fertigkeiten zu transferieren als gleich kompetente Interaktionspartner. Eine wichtige Rolle spielt in Vygotskys Ansatz das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung. Dieses definiert die Differenz zwischen dem Entwicklungsstand, den ein Kind aktiv und selbständig zum Ausdruck bringen kann, und den Fertigkeiten und Kompetenzen, die sich in gemeinsamen Interaktionen mit kompetenteren Interaktionspartnern zeigen. Gemäß der Theorie Vygotskys werden neu zu erlernende Fertigkeiten und neues Wissen zunächst auf der sozialen Ebene aktiviert, bevor sie vom Individuum internalisiert werden. Konsequenzen für Lernprozesse in GeschwisterbeziehungenIn einem Überblick über Studien zum kooperativen Lernen (Azmitia & Perlmutter, 1989) hat sich gezeigt, dass es für einen weniger kompetenten Interaktionspartner in der Regel vorteilhafter ist, mit einem kompetenteren Interaktionspartner zu kooperieren als mit einem gleich kompetenten. Allerdings führt die Interaktion mit einem kompetenteren Interaktionspartner nur dann zum Erfolg, wenn dieser die Steuerung des kooperativen Prozesses auch wirklich übernimmt. Unter bestimmten Umständen können aber auch von einem gleich kompetenten Interaktionspartner positive Entwicklungsimpulse ausgehen, nämlich dann, wenn es durch die Interaktion zu einem kognitiven Konflikt bei den Beteiligten kommt.Bezieht man die Ergebnisse der Untersuchungen zum kooperativen Lernen auf Geschwisterbeziehungen, so wäre zu erwarten, dass in erster Linie von den kompetenteren älteren Geschwistern positive Impulse ausgehen. Die Geschwisterbeziehung würde somit vor allem für die jüngeren Geschwister einen Lernkontext darstellen, und zwar einen Lernkontext, der umso effektiver wäre, je größer der Altersabstand und damit der Entwicklungsvorsprung der älteren Geschwister gegenüber den jüngeren ist. Außerdem dürfte die Bereitschaft der älteren Geschwister, in den gemeinsamen Interaktionen lehrende, helfende und betreuende Funktionen zu übernehmen, eine Rolle spielen. Nicht ausgeschlossen ist darüber hinaus, dass auch von den jüngeren Geschwistern zwar geringere, aber ebenfalls positive Effekte auf die soziale und kognitive Entwicklung der älteren Geschwister ausgehen können. Forschungsbefunde zu GeschwisterinteraktionenIn experimentellen Studien mit Geschwistern konnte gezeigt werden, dass das Niveau der Kooperation in gemeinsamen Interaktionen mit einem älteren Geschwister höher liegt als das Niveau, das ein jüngeres Geschwister allein erzielt und auch höher als das Niveau, das ein älteres Geschwister zusammen mit einem jüngeren Geschwister erreicht. Das Ergebnis wurde als Beleg dafür interpretiert, dass ältere Geschwister in der Lage sind, die Zone der nächsten Entwicklung von jüngeren Geschwistern zu aktivieren (McGillicuddy-de Lisi, 1993).In Untersuchungen zum Einfluss kooperativer Geschwisterinteraktionen auf das Lösen kognitiver Aufgaben hatten allein arbeitende Kinder mit älteren Brüdern bessere Lösungsstrategien zur Verfügung als allein arbeitende Kinder mit älteren Schwestern. Bei Kindern, die Hilfe durch ihre älteren Geschwister erhielten, erwies sich nur die Hilfe durch ältere Schwestern als fördernd. Während ältere Schwestern effektive Lehrerinnen für jüngere Geschwister zu sein scheinen, wirken ältere Brüder offenbar allein durch ihr kompetitives Verhalten stimulierend auf die kognitive Entwicklung der jüngeren Geschwister. Ältere Schwestern gaben in der Kooperationssituation häufiger Erklärungen und Rückmeldungen an die jüngeren Geschwister als ältere Brüder und die jüngeren Geschwister akzeptierten die Hilfe der älteren Schwestern eher als die der älteren Brüder. Als besonders effektiv erwiesen sich die Instruktionen älterer Geschwister mit größerem Altersabstand (4 Jahre im Vergleich zu 2 Jahren), und auch hier wieder besonders die der älteren Schwestern. Mütter erklärten in den Kooperationssituationen im Vergleich zu den älteren Geschwistern mehr und gaben häufiger Rückmeldungen an die jüngeren Geschwister und die jüngeren Geschwister zeigten stärker Hilfe suchendes und akzeptierendes Verhalten gegenüber den Müttern als gegenüber den älteren Geschwistern. Allerdings war dieses Verhalten der Mütter abhängig vom Geschlecht des älteren Geschwisters. Es trat eher auf, wenn das ältere Geschwister männlich war, als wenn es weiblich war. Interpretiert wurde dieser Befund dahingehend, dass Mütter beim Vorhandensein einer älteren Tochter einen Teil ihrer helfenden Funktion offenbar auf diese übertragen und die Tochter lernt, diese Funktion kompetent zu erfüllen. Die dadurch entstehenden Verhaltensweisen werden derart verinnerlicht, dass sie sich in den Kooperationssituationen auch unabhängig von der Anwesenheit der Mutter oder des älteren Geschwisters zeigten (Cicirelli, 1975; 1976). In einer Untersuchung auf der Grundlage einer isländischen Stichprobe (Alter 7 bis 15 Jahre) zeigten Kinder und Jugendliche mit einer älteren Schwester mit großem Altersabstand (mindestens 3 Jahre) sowohl höhere kognitive als auch höhere sozialkognitive Entwicklungsniveaus im Vergleich zu Kindern mit einem älteren Geschwister mit geringem Altersabstand (unter 3 Jahren). Kinder mit einem älteren Bruder mit großem Altersabstand, Einzelkinder und älteste Kinder lagen zwischen diesen beiden Gruppen (Schmid & Keller, 1998). In Untersuchungen zur Entwicklung des Verständnisses von Gefühlen und Handlungen anderer bei jüngeren Kindern erwiesen sich sowohl Kinder mit einem älteren Geschwister, noch mehr aber Kinder mit mehreren älteren Geschwistern als weiter entwickelt als Kinder ohne ältere Geschwister. Von jüngeren Geschwistern ging kein entwicklungsfördernder Effekt aus (Ruffman u. a., 1998). Die Bedeutung von lehrendem Verhalten für die kindliche EntwicklungEs scheint so als würden jüngere Geschwister eher vom älteren lernen als umgekehrt. Erwächst jüngeren Geschwistern dadurch ein Entwicklungsvorteil gegenüber anderen Kindern? Oder anders gefragt: Hängt die Geschwisterposition (älteres, mittleres, jüngstes Kind) mit dem sozialen und kognitiven Entwicklungsniveau von Kindern und Jugendlichen zusammen? In einem Überblick zu dieser Frage wurden höchst inkonsistente Befunde berichtet, es scheint keine klare Antwort zu geben (Cicirelli, 1978).Ein Schlaglicht auf die Komplexität des Phänomens wirft das in den 70er Jahren von Zajonc und Markus (1975) entwickelte so genannte "Konfluenzmodell". Dem Modell liegt die Annahme zugrunde, dass sich die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes in Abhängigkeit vom intellektuellen Niveau der gesamten Familie entwickeln. Das intellektuelle Niveau der Familie setzt sich dabei aus den individuellen Niveaus der einzelnen Familienmitglieder zusammen und variiert demnach mit der Anzahl der Kinder (je mehr Kinder, umso niedriger das Niveau) und mit deren Altersabständen (große Altersabstände wirken sich positiv aus). Bei Annahme durchschnittlicher Altersabstände ergibt sich ein mit der Geschwisterposition sinkendes intellektuelles Niveau. Im Einzelfall kann sich jedoch bei Vorliegen von überdurchschnittlichen Altersabständen das durchschnittliche Familienniveau auch für das jüngere Geschwister günstiger gestalten. Bei der Überprüfung des Modells traten zwei Unregelmäßigkeiten auf, die mit den Annahmen nicht übereinstimmten: Einzelkinder und jüngste Kinder wiesen niedrigere intellektuelle Fähigkeitsniveaus auf als erwartet. Erklärt wurden diese Unregelmäßigkeiten durch die zusätzliche Annahme eines Lehreffekts ("teaching effect"). Lehrendes Verhalten trägt demnach zur Strukturierung der sozialen und kognitiven Fähigkeiten bei. Einzelkindern und jüngsten Kinder fehlt die Möglichkeit, solches Verhalten gegenüber jüngeren Geschwistern auszuüben. Nähe in verschiedenen BeziehungenBeziehungen bilden nicht nur Kontexte der Entwicklung, die je nach der Struktur der Beziehung unterschiedliche Funktionen erfüllen, sie dienen auch als Ressource, auf die bei Informationsbedarf und bei Problemen zurückgegriffen werden kann (Hartup, 1985). In einer Untersuchung, die Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren einbezog, gaben etwa 10 Prozent der Befragten an, dass sie sich bei Problemen oder Schwierigkeiten mit sich selbst oder mit anderen am ehesten an ein Geschwister wenden würden (Fend, 1998). Geschwister verbringen in der frühen Kindheit häufig mehr Zeit miteinander als mit den Eltern oder mit Gleichaltrigen (Dunn, 1983). Dadurch entwickelt sich eine enge Bindung und große Vertrautheit. Ab dem Schulalter wird dann zunehmend mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbracht. Zu Beginn des Grundschulalters schätzen Kinder die Nähe zu ihren Eltern noch als höher ein als die zu Freunden und zu Geschwistern. Etwa ab der 5. Klasse nimmt im Zuge der Ablösung aus dem Elternhaus sowohl die Nähe zu den Eltern als auch die zu den Geschwistern ab, die Nähe zu den Freunden dagegen nimmt zu (Buhrmester, 1992).Nähe und Vertrautheit als entwicklungsrelevante AspekteStudien zur kooperativen Bearbeitung von Aufgaben zeigen, dass befreundete Gleichaltrige besser zusammenarbeiten als Gleichaltrige, die sich nicht kennen (Azmitia & Perlmutter, 1989). Eine schon länger bestehende Beziehung sorgt offenbar dafür, dass der in einer Kooperationssituation notwendige Verständigungsprozess zügig und effektiv verläuft. Geschwister haben eine Interaktionsgeschichte, die noch länger ist als die von befreundeten Gleichaltrigen, sie kennen ihre jeweiligen Stärken und Schwächen sehr gut. Tatsächlich erzielen Kinder in experimentell angelegten Untersuchungen unter der Anleitung eines älteren Geschwisters bessere Ergebnisse als unter der Anleitung eines fremden älteren Kindes (Azmitia & Hesser, 1993).Die emotionale Qualität von GeschwisterbeziehungenInwieweit Geschwisterbeziehungen einen Lernkontext für Kinder und Jugendliche bilden, hängt neben der beschriebenen kognitiven Qualität auch von der emotionalen Beschaffenheit der Beziehung ab. In einer emotional positiv getönten Geschwisterbeziehung dürfte die Vertrautheit mit den Stärken und Schwächen des anderen ausgeprägter und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von positiven asymmetrischen (lehren, helfen, betreuen) wie symmetrischen Verhaltensweisen (kooperieren) höher sein. Die emotionale Qualität der Geschwisterbeziehung hängt sowohl von der Geschwisterkonstellation als auch vom Erziehungsverhalten der Eltern und den Temperamentsunterschieden der Kinder ab.Die Intimität von Geschwisterbeziehungen ist größer in weiblichen Konstellationen im Vergleich zu männlichen oder gemischtgeschlechtlichen. Zwei weibliche Geschwister verbringen außerdem mehr Zeit miteinander und fühlen sich ihrem Geschwister ähnlicher. Intimität und Zuneigung werden eher gegenüber älteren Schwestern als gegenüber älteren Brüdern empfunden und entsprechend werden von älteren Schwestern mehr prosoziale Verhaltensweisen berichtet. Die Intimität von Geschwisterbeziehungen ist darüber hinaus bei geringen Altersabständen (weniger als 4 Jahre) größer als bei größeren Altersabständen (4 Jahre und mehr), allerdings treten dann auch häufiger Konflikte und Rivalitäten auf. Zuneigung gegenüber dem Geschwister wird deshalb häufiger bei größeren Altersabständen berichtet und entsprechend treten bei größeren Altersabständen auch häufiger prosoziale Verhaltensweisen auf. Schließlich wird die Geschwisterbeziehung von jüngeren und älteren Geschwistern unterschiedlich wahrgenommen: Jüngere Geschwister empfinden mehr Intimität in der Geschwisterbeziehung als ältere Geschwister und ältere Geschwister berichten häufiger Konflikte als jüngere Geschwister (Buhrmester & Furman, 1990). Temperamentsunterschiede zwischen den Geschwistern fördern das Auftreten von Konflikten. Dabei scheint es entscheidend zu sein, welches der beiden Geschwister das "schwierigere" Temperament hat. Ein schwieriges Temperament zeichnet sich durch niedrige Ausdauer und Beharrlichkeit, durch ein hohes Aktivitätsniveau und den starken Ausdruck von Frustrationen und Wut aus. Ein verständnisvolles, anpassungsfähigeres älteres Geschwister kann im Falle eines schwierigen jüngeren Geschwisters für Ausgleich sorgen. Dies scheint umgekehrt einem jüngeren Geschwister mit einem schwierigen älteren Geschwister nicht zu gelingen (Brody, 1998). Positive Verhaltensweisen der Eltern gegenüber den Kindern fördern positives Verhalten in der Geschwisterbeziehung. Insbesondere Gespräche der Mutter mit ihrem älteren Kind über die Bedürfnisse und Gefühle des jüngeren Geschwisters hängen positiv mit der Zuwendung zusammen, die das ältere Geschwister auf das jüngere richtet (Brody, 1998). Bis zu einem gewissen Grad ist es aufgrund der verschiedenen Bedürfnislagen unterschiedlich weit entwickelter Kinder unerlässlich, dass die Eltern den jüngeren Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken als den älteren. Eltern, die ihre Kinder über dieses notwendige Maß hinaus ungleich behandeln, fördern jedoch Rivalitäten unter den Geschwistern, wodurch es zu Verhaltensproblemen kommen kann (Dunn, 1992). Eine Ungleichbehandlung der Kinder entsteht häufig im Kontext elterlicher Beziehungsprobleme, die sich sowohl auf indirekte Weise als auch auf direktem Wege negativ auf die Geschwisterbeziehung auswirken können. Bei Beziehungsproblemen der Eltern oder auch bei gesundheitlichen Problemen eines Elternteils können ältere Geschwister jedoch auch eine puffernde Funktion für das Wohlbefinden und die Entwicklung des jüngeren Geschwisters haben (Brody, 1998). In Fällen, in denen Eltern ihre Betreuungsfunktion nur unvollständig wahrnehmen, wird diese Rolle nicht selten von einem älteren Geschwister übernommen. Bei hohem zeitlichem Aufwand kann sich dies für das ältere Geschwister negativ auf dessen Schulnoten auswirken (Brody, 2004). Unfreiwilligkeit der Beziehung und KonflikteDie dritte Dimension, anhand der sich Geschwisterbeziehungen von anderen Beziehungen unterscheiden, betrifft die Freiwilligkeit der Beziehung. Gleichaltrigenbeziehungen variieren im Grad der Freiwilligkeit; es gibt Gleichaltrigenbeziehungen, die durch institutionelle Kontexte wie die Schule oder Sportvereine mitgetragen werden, andere, wie enge Freundschaften, sind in der Regel selbst gewählt. Geschwister kann man sich nicht aussuchen, in Geschwisterbeziehungen wird man hineingeboren. Dieser Umstand sorgt dafür, dass in Geschwisterbeziehungen Persönlichkeiten aufeinander treffen, die sehr verschieden sein können.Zusätzlich führen die Phänomene der De-Identifikation (vgl. Kasten, 1994) und der nicht geteilten Umwelt (vgl. Dunn & Plomin, 1996) dazu, dass sich Geschwister selten in gleicher Weise entwickeln. Geschwister sind sich sehr viel unähnlicher als vor dem Hintergrund von durchschnittlich 50 Prozent gleicher Gene angenommen werden könnte. Offenbar sorgt die Rivalität in Geschwisterbeziehungen dafür, dass jedes Geschwister seine Eigenheiten entwickelt und versucht, eine "ökologische Nische" innerhalb der Familie zu besetzen. Nicht nur die Rivalität der Geschwister, auch deren unterschiedliche Persönlichkeiten tragen zu einem höheren Konfliktniveau in Geschwisterbeziehungen im Vergleich zu anderen sozialen Beziehungen bei. Da Geschwisterbeziehung außerdem unabhängig vom Wollen und Handeln der beteiligten Personen fortbestehen, sind sie durch die offene Austragung von Konflikten weniger gefährdet als beispielsweise Freundschaftsbeziehung. Die Untersuchungen zum sozialen Netzwerk von Kindern und Jugendlichen zeigen, dass Geschwisterbeziehungen während des Grundschulalters ein sehr viel höheres Konfliktniveau aufweisen als alle anderen sozialen Beziehungen. Mit abnehmender Intensität der Geschwisterbeziehung im Jugendalter nehmen jedoch auch die Konflikte ab. Im frühen Erwachsenenalter liegen die Konflikte in den Geschwisterbeziehungen etwa auf demselben Niveau wie in den Eltern-Kind- und den ersten Partnerschaftsbeziehungen, jedoch immer noch höher als in den gleichgeschlechtlichen Freundschaftsbeziehungen (Buhrmester, 1992). Rolle von Konflikten für die soziale und kognitive EntwicklungKonflikte in der Geschwisterbeziehung bilden nicht einfach nur den Gegenpol zu Nähe und enger Bindung, vielmehr geht häufig beides miteinander einher. Je intensiver die Geschwisterbeziehung ist, desto häufiger treten Konflikte auf. Konflikte in Geschwisterbeziehungen entfalten dabei eine ganz eigene Qualität für die soziale und kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Studien zur Entwicklung des Verständnisses von Gefühlen und Handlungsweisen anderer haben gezeigt, dass sowohl kooperatives Spielen als auch der Umgang mit Konflikten entsprechende Fähigkeiten fördert (Dunn, 1999).Konflikte in Geschwisterbeziehungen führen, im Gegensatz zu Konflikten in Freundschaftsbeziehungen, dazu, dass häufiger, statt seltener, Argumente ausgetauscht werden. In Studien, in denen die Qualität von Geschwisterbeziehungen mit der von Freundschaftsbeziehungen verglichen wurde, pflegten Kinder, die häufiger Konflikte mit ihren Geschwistern austrugen, positivere Freundschaftsbeziehungen. Offenbar lernen Kinder in der Geschwisterbeziehung Konfliktlösungsstrategien, die es ihnen erleichtern, Freundschaftsbeziehungen aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Studien, die zeigen, dass Konflikte in der Geschwisterbeziehung anders gelöst werden als in Freundschaftsbeziehungen, nämlich seltener durch Aushandlung und Kompromiss und häufiger über dominantes Durchsetzen, durch Rückzug und durch das Heranziehen der Hilfe Dritter (vor allem die der Mutter) (deHart, 1999). Zudem ist noch weitgehend ungeklärt, ob das Erlernen von Konfliktlösungsstrategien direkt durch die Interaktion mit dem Geschwister erfolgt, oder ob nicht vielmehr das häufigere Eingreifen und Streitschlichten der Mutter eine Rolle spielt. Die Mutter neigt in solchen Situationen dazu, den Kindern Verhaltensweisen und soziale Regeln zu erklären (Dunn u. a., 1991; Ruffman u. a., 1998). ResümeeDie Geschwisterbeziehung bildet aufgrund ihrer besonderen Struktur für Kinder und Jugendliche einen Lernkontext, der ganz eigene Qualitäten aufweist. Die Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche in der Geschwisterbeziehung machen, differieren dabei erheblich in Abhängigkeit von der Geschwisterposition, also der Frage, ob man ein älteres oder ein jüngeres Geschwister (oder beides) hat, sowie in Abhängigkeit von den Altersabständen. Größere Altersabstände wirken sich positiv auf die kognitive Qualität der Geschwisterbeziehung aus (Cicirelli, 1994).Neben der Geschwisterposition und den Altersabständen, spielt auch die emotionale Qualität der Geschwisterbeziehung eine Rolle, denn von dieser hängt es ab, wie häufig und auf welche Art (unterstützend oder antagonistisch) die Geschwister miteinander interagieren. Die emotionale Qualität der Geschwisterbeziehung wird ebenfalls durch die Geschwisterposition und die Altersabstände beeinflusst, vor allem aber auch durch die Geschlechterkonstellation, durch das Temperament der Kinder und durch das elterliche Verhalten. Die in Geschwisterbeziehungen erworbenen Fähigkeiten und Verhaltensweisen können Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Das zeigt beispielsweise die Untersuchung von Toman (2002), in der dargelegt wird, wie Verhaltensweisen, die auf die eigene Geschwisterkonstellation zurückzuführen sind, später in der Partnerschaftsbeziehung aufs Neue zum Tragen kommen. Dies wird auch in den Untersuchungen von Cicirelli (vgl. Cicirelli, 1994) deutlich, in denen die Geschwisterbeziehung als ein Band beschrieben wird, das ein Leben lang besteht und auch noch im hohen Alter wichtige, unterstützende Funktionen haben kann. Literatur
Azmitia, M., & Hesser, J. (1993). Why siblings are important agents of cognitive development: A comparison of siblings and peers. Child Development, 64, 430-444. Autorin
Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogik der Universität Potsdam und hat dort vor kurzem promoviert. Adresse
Universität Potsdam | ||
Letzte Änderung: 13.10.2004 11:30:56 |