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1 Geschlechtsrollenstereotype - was ist das eigentlich?Der Pädagoge Joachim Heinrich Campe hat 1789 an seine Tochter geschrieben: "... Gott selbst hat gewollt, und die ganze Verfassung der menschlichen Gesellschaften auf Erden, so weit wir sie kennen, ist darnach zugeschnitten, daß nicht das Weib, sondern der Mann das Haupt sein sollte. Dazu gab der Schöpfer dem Manne die stärkere Muskelkraft, die straffern Nerven ... dazu den größern Muth, den kühnern Unternehmungsgeist ... und - in der Regel meine ich - ... mehr umfassenden Verstand. ... Dazu ward bei allen ... Nationen ... die ... Lebensart der beiden Geschlechter dergestalt eingerichtet, daß das Weib schwach, klein, zart, empfindlich, furchtsam, kleingeistisch - der Mann hingegen stark, fest, kühn, ausdauernd, groß, hehr und kraftvoll an Leib und Seele würde.“1.1 KennzeichnungDas Zusammenleben der Menschen wird durch soziale Ordnungen geprägt, die - je nach Gruppenzusammensetzung, Zeitumständen und Kultureinflüssen - unterschiedlich aussehen. Welche Regeln eine soziale Ordnung beinhaltet, kann nicht ohne weiteres angegeben werden. Viele sind zwar ohne weiteres einsichtig, weil sie festgeschrieben sind, wie z.B. in Form von Gesetzen. Aber andere liegen nicht offen zutage, sondern existieren nur als kollektive Vorstellungen und Meinungen in den Köpfen der Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft. Obwohl diese „impliziten Regeln“ häufig nicht bewusst sind, prägen auch sie das Zusammenleben - und zwar erheblich.Ein Beispiel für solche „impliziten Regeln“ sind Geschlechtsrollenstereotype. Darunter versteht man kollektive Vorstellungen und Meinungen über Charakteristika, die als typisch für Männer und Frauen gelten, also die Geschlechter voneinander unterscheiden. So werden Frauen gemeinhin folgende Eigenschaften zugeschrieben: fürsorglich, emotional, ausdrucksstark, empfindsam, passiv usw. Demgegenüber ordnet man Männern im allgemeinen folgende Charakteristika zu: rational, intelligent, selbstbewusst, aktiv, dominant usw. Zugespitzt kann man sagen: Frauen zeichnen sich vor allem durch Emotionalität und Wärme aus, Männer durch Kompetenz und Aktivität. Man kann Geschlechtsrollenstereotype als Niederschlag - oder besser „Extrakt“ - kollektiver Erfahrungen einer sozialen Gemeinschaft mit Frauen und Männern betrachten. Wie dieser Extrakt zustande kommt, lässt sich anhand eines einfachen Beispiels nachvollziehen: Am Anfang steht die Beobachtung, dass sich - unter bestimmten Gruppenzusammensetzungen, Zeitumständen und Kultureinflüssen - viele Frauen eher fürsorglich und viele Männer eher aggressiv zeigen. Aus dieser Erfahrung wird allmählich die Erwartung, später dann die Regel abgeleitet, wonach sich eine typische (richtige) Frau fürsorglich und ein typischer (echter) Mann aggressiv verhält - ganz unabhängig von Gruppenzusammensetzung, Zeitumständen und Kultureinflüssen. Natürlich hat diese Regel Auswirkungen auf das Zusammenleben. Eine Frau, die sich nicht immer fürsorglich verhält, oder ein Mann, der nicht jederzeit aggressiv auftritt, erscheinen dann, durch die Brille der Geschlechtsrollenstereotype betrachtet, als soziale Außenseiter und werden dementsprechend gebrandmarkt (z.B. Rabenmutter, Mannweib, Softie, Schlaffi) - selbst wenn ihr Verhalten eigentlich mit den gegebenen Gruppenzusammensetzungen, Zeitumständen und Kultureinflüssen stimmig ist. Geschlechtsrollenstereotype werden von einer Generation an die nächste weitergegeben; zunächst durch Beobachtung und Nachahmung bestimmter Verhaltensmuster, später durch Verinnerlichung der diesen Mustern zugrundeliegenden Vorstellungen und Meinungen. So kommt es, dass auch die nachwachsende Generation nicht in der Lage ist, die Charakteristika von Frauen und Männern so zu sehen, wie sie grundsätzlich in der Realität gegeben sind, sondern nur die Auswahl, welche auf dem Bild erscheint, das durch die Brille der Geschlechtsrollenstereotype wahrgenommen wird. Dies ist insofern verhängnisvoll, als das Verhältnis zwischen Realität und Bild dem entspricht, das zwischen einem Gemälde besteht, das viele abgestufte Farbschattierungen aufweist, und einer Karikatur, die eine verzerrte Umrisslinie wiedergibt. Bedenkt man, dass Frauen und Männern heute anderes abverlangt wird als in früheren Zeiten, so wird offenbar, dass die Geschlechtsrollenstereotype, die ja ursprünglich eine ordnende Funktion hatten, inzwischen eher wie „Zwangskorsetts“ im Zusammenleben wirken. Um noch einmal zu dem einfachen Beispiel zurückzukommen: In unserer Gesellschaft werden Frauen und Männer benötigt, die - wenn es darauf ankommt - sowohl fürsorglich als auch aggressiv sein können. Mit anderen Worten: Wir brauchen neue Regeln für das Zusammenleben der Geschlechter. Zumindest müssen wir die tradierten gründlich reflektieren und dabei kritisch hinterfragen. Das setzt voraus, dass wir uns die Wirkungen der Geschlechtsrollenstereotype bewusst machen. 1.2 BewertungGeschlechtsrollenstereotype beinhalten aber nicht nur Vorstellungen und Meinungen zu geschlechtstypischen Eigenschaften, sondern sie transportieren auch Bewertungen. Zwar sind diese Wirkungen nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, aber bei genauerer Untersuchung treten sie nahezu zwangsläufig zutage.Eine Befragung von Kindern im Kindergartenalter hat ergeben, dass Jungen ihre Geschlechtsgenossen schlauer und attraktiver finden als Mädchen, die ihnen „langweilig“ und „ängstlich“ vorkommen. Demgegenüber schätzen Mädchen an ihren Geschlechtsgenossinnen, dass sie friedlicher und angenehmer im Umgang sind als Jungen, die ihnen „böse“ und „wild“ erscheinen. Solche stereotypen Bewertungen geschlechtstypischer Eigenschaften sind bei älteren Kindern noch ausgeprägter. So ergab eine Befragung von Kindern zwischen 10 und 15 Jahren, dass sich die Jungen als das starke Geschlecht erleben. Sie sind froh, Jungen zu sein, weil sie finden, dass sie es besser haben als die Mädchen; insbesondere was ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Fähigkeiten und ihren Körper betrifft. Bei den Mädchen stellt sich die Situation anders dar. Zwar geben die meisten an, dass sie gerne Mädchen sind; aber die Anzahl derer, die das Gegenteil von sich behauptet, ist beträchtlich. Diese Gruppe leidet vor allem unter ihrer körperlichen Unterlegenheit. Auch bei den Erwachsenen ergibt sich nichts anderes. Ein Beispiel dafür sind die Ergebnisse einer Befragung von weiblichen Sparkassenangestellten in Ost-Berlin. Vorausgeschickt werden muss, dass in der ehemaligen DDR 90% der Sparkassenleiter Frauen waren. Heute sind diese Positionen ausnahmslos durch Männer aus dem Westen besetzt. Und was meinen die befragten Frauen dazu? Sie interpretieren diesen Vorgang als Aufwertung ihrer eigenen Tätigkeit. Dies begründen sie so: Früher wäre die Tätigkeit in einer Sparkasse so gering geachtet gewesen, dass qualifizierte Männer sich dafür gar nicht interessiert hätten. Da aber heute qualifizierte West-Männer diese Position für begehrenswert hielten, habe auch ihre eigene Tätigkeit an Ansehen gewonnen. Überspitzt formuliert: Das Problem mit den Geschlechtsrollenstereotypen ist, dass sie Frauen nicht nur anders erscheinen lassen als Männer, sondern auch als unterlegen - um nicht zu sagen: minderwertig - abqualifizieren. Welche Konsequenzen sich aus diesen impliziten Bewertungsmustern ergeben, zeigt nicht zuletzt die Diskussion über eine notwendige Gleichstellung der Geschlechter. Wie auch immer man die Argumentationen bewertet, welche diese Auseinandersetzung bestimmen, eines wird deutlich: Das Zusammenleben zwischen Frauen und Männern kann sich nur dann verändern, wenn wir uns die Beschaffenheit und die Wirkung der Geschlechtsrollenstereotypen bewusst werden und aus der dabei gewonnenen Erkenntnis Konsequenzen ziehen. 1.3 WandelDas Schlagwort vom „Wandel der Geschlechtsrollen“ signalisiert, dass sich in jüngster Zeit in dieser Beziehung schon etwas tut. Um besser beurteilen zu können, ob derzeit schon Optimismus angesagt ist, empfiehlt sich ein Blick zurück.Bis zum 18. Jahrhundert waren Frauen stets rechtlich vom Mann abhängig. Diese rechtliche Unterlegenheit wurde auch biologisch begründet. So wurde der weibliche Körper im Vergleich zu dem des Mannes als minderwertig angesehen. Als Begründung wurde angeführt, dass Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Stillen die weibliche Anatomie schwächen. Damit aber noch nicht genug. Am Ausgang des 18. und durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch wurde aus der biologischen Verschiedenheit von Mann und Frau eine geistige Unterlegenheit der Frau abgeleitet. So entstanden allmählich immer differenziertere stereotype Vorstellungen und Meinungen über Frauen und Männer. Gegenwärtig streitet man sich darüber, ob bzw. wie weit ein Wandel der Geschlechtsrollenstereotype stattgefunden hat. Auf den ersten Blick scheint das der Fall zu sein. Das zeigen zum Beispiel die Einstellungen Erwachsener zur ehelichen Partnerschaft. Hier hat es eine Annäherung der Geschlechter gegeben. Jedenfalls geben Frauen wie Männer an, dass sie sowohl Familien- als auch Berufsaufgaben erfüllen wollen. Wenn es allerdings um das Verhalten geht, ergibt sich ein etwas anderes Bild. Männer stecken weiterhin die meiste Energie in ihre Berufsaufgaben und erledigen die Familienaufgaben eher nebenher. Hingegen versuchen Frauen, Berufs- mit Familienaufgaben so zu vereinbaren, dass keine Seite zu kurz kommt. Trotzdem kann man sagen, dass die Geschlechtsrollenstereotype das Zusammenleben der Geschlechter nicht mehr so zwingend festlegen, wie dies früher der Fall war. Der Hausmann und die Chefin sind zwar immer noch Ausnahmeerscheinungen - aber es gibt sie, und zwar in zunehmendem Maße. Allerdings scheinen mir Warnungen sehr vernünftig, die von der Gefahr eines „Superfrauensyndroms“ warnen. Damit sind Bestrebungen gemeint, Frauen immer stärker an kollektiven Vorstellungen und Meinungen zu messen, die ihnen sowohl die traditionellen weiblichen als auch die traditionellen männlichen Charakteristika abverlangen, während dies für Männer nicht in gleichem Maße zutrifft. 2 Werden wir als Junge oder Mädchen geboren?Marianne Grabrucker, eine Juristin, berichtet im Zusammenhang mit der Geburt ihrer Tochter: “Ich malte mir den endlich von allen Rollenzwängen befreiten Menschen aus, der nicht nach dem Frau-/Mann-Schema lebt, sondern sich frei davon entwickelt und entfaltet. ... Ich führte Tagebuch über das Werden meiner Tochter. Im Lauf der Zeit jedoch wurde ich verunsichert und begann an meiner Prämisse zu zweifeln. Oft war ich drauf und dran, die These aufzugeben und von angeborenem geschlechtsspezifischen Verhalten auszugehen, denn ich konnte mir so manches in meinen Augen „mädchenhafte“ Verhalten meiner Tochter nicht als durch meinen Einfluß verursacht erklären. In dieser Haltung wurde ich bestärkt von vielen kritisch und emanzipiert denkenden Müttern, die für sich selbst sicher waren, in keinem Fall geschlechtsspezifische Erziehung zu betreiben. Auch sie fanden, besonders wenn sie Tochter und Sohn hatten, daß es tatsächlich angeborenes Mädchen- und Bubenverhalten gebe.“2.1 EntwicklungEs ist nicht möglich, exakt anzugeben, wie genau sich die biologische Ausstattung von Mädchen und Jungen unterscheidet. Es spricht jedoch einiges dafür, dass es solche Differenzen gibt. Deshalb ist es sicher zu einfach gedacht, wenn behauptet wird, Kinder würden nicht als Mädchen und Jungen geboren, sondern dazu „gemacht“.Richtig daran ist, dass Mädchen und Jungen gar nicht anders können, als die Erfahrung zu machen, dass es einen Unterschied macht, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Sie erkennen allmählich, welche ständig wiederkehrenden Muster das Verhalten der Menschen in ihrer Umgebung aufweist. Diese Muster ahmen sie nach. Gleichzeitig lernen sie zu entschlüsseln, welche kollektiven Vorstellungen und Meinungen zu diesen Mustern geführt haben. So erwerben sie immer mehr kollektive Vorstellungen und Meinungen über die typische Frau bzw. den typischen Mann, bis sie die Geschlechtsrollenvorstellungen vollständig verinnerlicht haben. Entwicklungspsychologische Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass dieser Prozess in drei Entwicklungsstufen unterteilt werden kann. (1) Kleinkinder haben die Geschlechtsrollenstereotype noch nicht wirklich verinnerlicht. Zumindest sind sie sich noch unsicher. Außerdem sind sie in der Regel noch nicht in der Lage, die Vorstellungen und Meinungen, über die sie vielleicht doch schon verfügen, in Sprache auszudrücken. Immerhin können Zweijährige schon angeben, dass Menschen weiblich oder männlich sind. Auch ist ihnen gemeinhin klar, ob sie selbst ein Mädchen oder Junge sind. (2) Im Kindergartenalter haben Kinder dann schon einige Aspekte der kollektiven Geschlechtsrollenstereotype verinnerlicht. In einer Befragung von Dreijährigen wurde zum Beispiel Folgendes gesagt: Mädchen spielen mit Puppen, helfen der Mutter, reden viel, schlagen sich nie und brauchen Hilfe. Demgegenüber helfen Jungen dem Vater, wollen andere schlagen, sind ungezogen und bringen andere Kinder zum Weinen. Aus anderen Untersuchungen wissen wir, dass die Fünf- und Sechsjährigen noch differenzierter angeben können, wodurch sich Mädchen und Jungen auszeichnen. Dabei wird deutlich, dass sie sich ganz mit den Geschlechtsrollenstereotypen identifizieren. (3) Im Verlauf der Schulzeit werden die Geschlechtsrollenstereotype nicht mehr unbesehen übernommen. Die Kinder beginnen nämlich zu erkennen, dass neben Unterschieden auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden Geschlechtern existieren. Außerdem wird ihnen zunehmend bewusst, dass geschlechtstypische Merkmale innerhalb eines Geschlechts variieren. Mit anderen Worten: Vorstellungen und Meinungen über Frauen und Männer werden nun als das erkannt, was sie sind: nämlich kollektive Deutungsmuster biologisch bedingter Unterschiede. Ab diesem Zeitpunkt können Kinder individuelle Geschlechtsrollenvorstellungen ausbilden. Wie genau sich die Entwicklung der individuellen Geschlechtsrollenvorstellungen in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter fortsetzt, ist noch wenig bekannt. Gemeinhin geht man davon aus, dass Frauen und Männer ihre Geschlechtsrollenvorstellungen im Lebensverlauf weiter modifizieren. Zumindest steht ihnen das offen. Wobei auch Erwachsene nicht nur von individuellen Geschlechtsrollenvorstellungen beeinflusst werden. Vielmehr erfolgt die Selbst- und Fremdwahrnehmung bzw. die Selbst- und Fremdbewertung auch weiter durch den Filter der Geschlechtsrollenstereotype. Wenn auch vielfach gebrochen und überlagert. Hier ist zum Beispiel an Vorstellungen über Elternrollen oder Berufsrollen zu denken. Damit dürfte eines deutlich geworden sein: "Wie Frauen und Männer sich zu den ... (Geschlechtsrollenstereotypen) verhalten, ist ... offen ... Zwischen der sozialen `Geschlechtszugehörigkeit` und der Beziehung der individuellen Person zu der Geschlechtszuschreibung ... (gibt es) - selbst wenn soziale Prägungen in alle Poren einer Person eindringen können - auch Möglichkeiten einer Distanzierung, Zustimmung und Verweigerung ..." 2.2 VerhaltenDie Tatsache, dass Geschlechtsrollenstereotype als Filter bei der Selbst- und Fremdwahrnehmung bzw. -bewertung wirken, sagt noch nichts darüber aus, ob und wie weit sie auch das Verhalten prägen. Um diese Frage beantworten zu können, muss man auf einschlägige Beobachtungen zurückgreifen, von denen es leider noch zu wenig gibt.In diesen Untersuchungen hat sich ergeben, dass sich Mädchen und Jungen tatsächlich unterschiedlich verhalten. Allerdings betreffen die Unterschiede nur ganz bestimmte Aspekte des Sozialverhaltens und des Spielens. So, wenn Mädchen stärker bemüht sind, sich mit anderen zu verständigen bzw. ihnen zu helfen. Während Jungen eher aggressiver und selbstbehauptender agieren. Aber auch, wenn Mädchen lieber feinmotorischen Aktivitäten (z.B. Malen, Basteln) nachgehen, während Jungen grobmotorische Aktivitäten (z.B. Toben, Bauen) vorziehen. Solche Verhaltensunterschiede werden vor allem in Freispielsituationen des Kindergartenalltags beobachtet. Hier zeigt sich auch, dass sich insbesondere die fünf- bis sechsjährigen Jungen gerne zu Cliquen zusammenschließen, die innerhalb der Kindergartengruppe eine Art „Eigenleben“ zu führen versuchen. Dabei geben sie sich gegenüber den anderen Kindern nicht selten dominant. Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass die älteren Jungen im Kindergarten und zu Hause schlechter beurteilt werden als gleichaltrige Mädchen - und zwar sowohl bei gleichaltrigen Kindern als auch bei Eltern und Erzieherinnen. Hingegen lassen sich für andere Verhaltensbereiche keine Unterschiede nachweisen. Weder sind Jungen „schlauer“ als Mädchen noch überflügeln Mädchen die Jungen sprachlich. 3 Wie werden Kinder erzogen: geschlechtstypisch oder geschlechtsflexibel?Christiane Olivier, eine Psychoanalytikerin, schreibt: “An der Wiege vollzieht sich die Zweiteilung der Welt des Kindes, ... Das Kind ist dabei, sich in einer Welt einzurichten, in der alles, was mit dem Körper und mit Gefühlen zu tun hat, über die Mutter läuft. Dies wird also als weiblich eingestuft, während alles, was intellektuelle Wunschvorstellungen und die Fortsetzung der Art angeht, also der soziale Bereich, als männlich angesehen wird ... Schon im Frühstadium unseres Lebens werden wir unbemerkt programmiert und auf das vorbereitet, was als Krieg der Geschlechter enden wird.“3.1 Frühkindliche Erziehung: eine Domäne der Frauen?Wenn man bedenkt, dass die Geschlechtsrollenstereotype im Rahmen der Sozialisationsprozesse von Generation zu Generation weitergegeben werden, dann stellt sich die Frage, wie weit diese Weitergabe auch im Rahmen der Erziehungsprozesse stattfindet. Wenn dem so ist - und es gibt nichts, was dagegen spräche - dann erhält ein Faktor besondere Bedeutung; die Tatsache nämlich, dass die Erziehung junger Kinder in erster Linie durch Frauen stattfindet. Das gilt für das Kleinkind, das vor allem von der Mutter (oder anderen weiblichen Bezugspersonen) umsorgt wird. Gleiches trifft aber auch für das Kindergartenkind zu, weil nicht zu übersehen ist, dass in dieser Institution Erzieherinnen dominieren. Sogar das Grundschulkind macht die Erfahrung, dass es vor allem von Lehrerinnen unterrichtet wird.Wie genau sich diese „Übermacht“ der Frauen in der frühen Kindheit auswirkt, lässt sich nicht sagen. Es sind einfach zu viele Faktoren im Spiel. So wissen wir, dass sich Mütter anders gegenüber ihren Kindern verhalten als Väter. Gleichzeitig gehen Mütter und Väter mit Söhnen anders um als mit Töchtern. Außerdem verhalten sich Mütter und Väter, wenn sie ihr Kind allein erziehen, anders als Mütter und Väter, die ihr Kind gemeinsam erziehen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein höchst kompliziertes Zusammenspiel. Davon abgesehen ist zu bedenken, dass auch schon junge Kinder vielfältigen Einflüssen unterliegen, die ebenfalls Geschlechtsrollenstereotype beinhalten. Hier sind vor allem die Medien zu nennen. Denn viele Sendungen im Fernsehen oder Radio und manches Spielzeug oder Bilderbuch beinhaltet stereotype Charakterisierungen des weiblichen und männlichen Geschlechts. Obwohl wir all das noch nicht gut genug durchschauen können, lässt sich doch Folgendes sagen: Männer haben eine wichtige Rolle bei der Erziehung junger Kinder zu erfüllen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einmal unterstreichen Untersuchungen, dass Familien, in denen sich der Mann nicht angemessen an den Familienaufgaben beteiligt, stärker von Konflikten zwischen den Partnern betroffen sind. Solche elterlichen Konflikte sind aber ein Risikofaktor für die Entwicklung eines Kindes. Daneben wissen wir aus Forschungen, dass Väter und Kindergartenerzieher entscheidend dazu beitragen, dass Kindergartenkinder ein positives Selbstkonzept entwickeln, weil sie sie in besonderem Maße zu Aktivität und Leistung herausfordern. Davon abgesehen brauchen Kinder im Kindergartenalter alltägliche Erfahrungen im Umgang mit Männern. Wie sonst sollen sie herausfinden, dass Väter und Kindergartenerzieher über ein Verhaltensspektrum verfügen, das über die Geschlechtsrollenstereotype hinausgeht? Nur wenn sie solche Erfahrungen machen, werden sie in die Lage versetzt, die Geschlechtsrollenstereotype in Frage zu stellen. Kurz und gut: „Mädchen und Jungen brauchen mehr Möglichkeiten, um Nähe und Emotionalität von Männern und gleichzeitig 'typisch Männliches' zu erleben, damit sie ihre Geschlechtsrolle in einer positiven Weise finden können.“ 3.2 FamilienerziehungWas die Erziehung in der Familie betrifft, so haben wir zwar Hinweise, dass sich sowohl Eltern als auch Kinder in bestimmten Aspekten geschlechtstypisch verhalten, aber wir können bislang nicht genau sagen, welche Wechselwirkungen zwischen diesen Verhaltensweisen bestehen. Es lässt sich lediglich feststellen, dass Eltern von Mädchen im Kindergartenalter gemeinhin mehr Anpassung und Gehorsam verlangen, während sie von Jungen im Kindergartenalter stärker Leistung und Unabhängigkeit fordern.Dieser Unterschied ist u.a. für die Entwicklung des Selbstvertrauens entscheidend. Wenn nämlich Mädchen an der „kürzeren Leine“ geführt werden, während Jungen ermutigt werden, „Schritte in die Welt“ zu wagen, so heißt das nichts anderes, als dass Mädchen weniger Möglichkeiten zugestanden bekommen, sich auch einmal „etwas zu trauen“. Genau das ist aber eine wichtige Erfahrungsbasis für die Entwicklung des Selbstvertrauens. Was das langfristig für die Kinder bedeuten kann, zeigen Ergebnisse der Schulforschung, wonach Jungen noch an Selbstvertrauen zulegen, während dies bei Mädchen nicht der Fall ist. Und zwar: Obwohl sie in der Schule erfolgreicher sind. Damit ist eines unübersehbar: Mädchen und Jungen sind in ganz unterschiedliche Erziehungsumwelten eingewoben, die wie „Entwicklungskorsetts“ wirken, weil je nach der Geschlechtszugehörigkeit des Kindes bestimmte Entwicklungsaspekte des Kindes gefördert, andere aber „eingeschnürt“ werden. 3.3 KindergartenerziehungIn der Kindergartenerziehung ist man sich spätestens seit den 70er Jahren einig, dass Mädchen und Jungen innerhalb der Institution nicht geschlechtstypisch, sondern geschlechtsflexibel erzogen werden sollten. Diese Forderung wird verschieden begründet. Unter anderem damit, dass Kinder, die zu geschlechtsflexiblem Verhalten fähig sind, eine größere Chance haben, zu den so genannten „starken“ Kindern zu gehören. Damit bezeichnet man Kinder, die es besonders gut schaffen, sich flexibel an ihre jeweiligen Lebensumstände anzupassen und selbst unter schwierigen Bedingungen zu selbstbestimmten, aktiven und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten heranzuwachsen. Wie wichtig es ist, dass Kinder die Chance erhalten, zu „starken“ Persönlichkeiten heranzuwachsen, zeigt nicht zuletzt die Diskussion über den sexuellen Missbrauch von Kindern. Hier wird deutlich, dass diese Kinder weniger in Gefahr stehen, verletzt und ausgebeutet zu werden.Was die Erziehungsabsichten betrifft, kann also kein Zweifel bestehen: Es wird Wert darauf gelegt, die Kinder im Kindergarten nicht geschlechtsspezifisch zu erziehen. Diese Intention scheint aber nur schwer einlösbar zu sein. Wenn man nämlich einen Blick auf die Praxis wirft, ergibt sich ein anderes Bild. Nach wie vor finden sich Puppen- und Bauecke, geschlechtstypische Spielzeuge, Bilderbücher, die Geschlechtsrollenstereotype transportieren, usw. Diese Gegebenheiten können - wenn sie nicht reflektiert und dementsprechend kritisch gehandhabt werden - wie eine „heimliche“ geschlechtsstereotype Erziehung wirken. Außerdem haben Beobachtungen von Freispiel- und Stuhlkreisgesprächen ergeben, dass Erzieherinnen die Kinder - entgegen ihren Absichten - gemäß den Geschlechtsrollenstereotypen behandeln. Wie schon in Bezug auf die Familienerziehung festgestellt: Mädchen werden eher ermutigt, sich zurückzuhalten, während Jungen öfter bestärkt werden, ihren Impulsen zu folgen. Das Vertrackte daran ist, dass diese Erziehungsstrategien keineswegs „ins Auge springen“. Vielmehr handelt es sich um Verhaltensmuster, die sich erst im Rahmen feiner Analysen erschließen. Immerhin ist damit deutlich, dass Kindergartenkinder mit einer doppelten Wirklichkeit konfrontiert werden. Einerseits besteht die „offizielle“ Absicht, Kinder geschlechtsflexibel zu erziehen. Dies wird dann zum Teil mit entsprechenden Angeboten eingelöst (Bilderbücher von starken Mädchen usw.). Daneben verraten die Kindergartenumgebung und die Verhaltensmuster der Erzieherinnen im Rahmen der Kindergartenroutinen, dass „heimlich“ doch geschlechtsspezifisch erzogen wird. Für junge Kinder, die sensibel auf die Botschaften reagieren, die ihre Umwelt an sie richtet, muss dies sehr verwirrend sein. 4 Geschlechtsflexibles Verhalten - Möglichkeiten und GrenzenWie kann man diesem Dilemma entrinnen? Wie kann erreicht werden, dass Mädchen und Jungen geschlechtsflexibles statt geschlechtsstereotypes Verhalten lernen?Jedenfalls nicht mit so „naiven“ Konzepten, wie sie in den 70er Jahren praktiziert wurden. Damals lautete die Parole: Darüber reden und ansonsten alles auf den Kopf stellen. Die Mädchen erfuhren, dass sie mit Puppen spielen, weil das von Mädchen erwartet wird. Die Jungen wurden nicht mehr im Unklaren darüber gelassen, dass sie bauen, weil ein typischer Junge eben baut. Daraufhin bekamen die Jungen Puppen geschenkt, und die Mädchen wurden in die Bauecke geschickt. Nur: Das klappte leider nicht. Die Mädchen schielten bald schon sehnsüchtig von der Bau- in die Puppenecke - und umgekehrt. So einfach geht es also auf keinen Fall. Nun hat sich ja - was geschlechtsstereotype Vorstellungen und Meinungen betrifft - in den letzten Jahren durchaus etwas verändert. So sind sich junge Paare einig, dass sie sich anders verhalten wollen als ihre Mütter und Väter, nämlich weniger gemäß den Geschlechtsrollenstereotypen. Dies gelingt ihnen aber nur bedingt. Zwar setzen immer mehr junge Mütter ihren Plan in die Tat um, Berufs- und Erziehungsaufgaben miteinander zu vereinbaren. Darin werden sie nicht zuletzt von ihren Partnern unterstützt. Aber das Vorhaben junger Väter, sich neben den Berufsaufgaben intensiver mit der Erziehung ihrer Kinder zu befassen, scheint sich in der Praxis zu verflüchtigen. Es gilt also nach wie vor, dass Mütter die Hauptlast der Erziehungsaufgaben tragen. Diese ungleiche Lastenverteilung hat nicht zuletzt Konsequenzen für die Vermittlung der Geschlechtsrollenstereotype. Beide Geschlechter distanzieren sich nämlich nicht von den überkommenen Vorstellungen und Meinungen, wie eine Frau bzw. ein Mann zu sein hat. Vielmehr verhalten sich Väter auch weiterhin gemäß den männlichen Geschlechtsrollenvorschriften. Auch Mütter sind weiterhin bestrebt, die weiblichen Geschlechtsrollenvorschriften zu übernehmen. Darüber hinaus versuchen sie, noch einen Teil der männlichen Geschlechtsrollenvorstellungen zu übernehmen. Dies wirkt sich bei der Erziehung junger Kinder nicht unbedingt günstig aus. So stellte sich in einer Untersuchung heraus, dass Kindergartenkinder sich bei Spielaktivitäten eher durch ihre Väter als durch ihre Mütter unterstützt fühlten. Und das ist ja auch verständlich. Die Mütter sind öfter durch Familien- und Haushaltspflichten gebunden. Sie fühlen sich somit eher gestört, wenn ihr Kind auf sie zukommt, um zu spielen. Hingegen stehen die Väter ihrem Kind in ihrer Freizeit unbelasteter zur Verfügung. Dementsprechend gehen sie bereitwilliger auf Spielangebote ein. Der Effekt dieser Zusammenhänge ist nahezu zwangsläufig: Das Kind empfindet den Vater als aufgeschlossener, interessanter, unterstützender; die Mutter hingegen wirkt unzugänglicher, langweiliger, hilfloser. Sie bietet somit das weniger attraktive Rollenvorbild. Deshalb scheint es für die Erziehung junger Kinder wichtig zu sein, dass Eltern eine kritische Distanz zu den Geschlechtsrollenstereotypen wahren - vor allem in Form ihres Verhaltens. Dafür sprechen auch die Ergebnisse eines Interviews mit Müttern, die sich kritisch mit den Geschlechtsrollenstereotypen für Frauen auseinandergesetzt haben. Hier zeigt sich nämlich, dass diesen Müttern - stärker als anderen - am Herzen liegt, ihr Kind geschlechtsflexibel zu erziehen, damit es zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit heranreifen kann. Literatur
Alfermann, D. (1989). Geschlechtstypische Erziehung in der Familie. In: B. Paetzold & L. Fried (Hrsg.). Einführung in die Familienpädagogik (S. 126 - 141). Weinheim: Beltz, S. 127 Autorin
Prof. Dr. Lilian Fried | ||
Letzte Änderung: 02.08.2004 10:01:51 |