Hauptmenü

Hauptseite
Familienhandbuch-
Forum

Stichwortsuche

von A bis Z

Aktivitäten mit Kindern
Angebote/Hilfen
Behinderung
Elternschaft
Ernährung
Erziehungsbereiche
Erziehungsfragen
Familie und Beruf
Familienbildung
Familienforschung
Familienpolitik
Gesundheit
Häufige Probleme
Haushalt/Finanzen
Jugendforschung
Kindertagesbetreuung
Kindheitsforschung
Kindliche Entwicklung
Leistungen für Familien
Partnerschaft
Rechtsfragen
Schule
Teil- und Stieffamilien
Trennung/Scheidung

Verschiedenes

Impressum
Kontakt
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Hochbegabung - Segen oder Fluch?

Petra A. Bauer        Petra A. Bauer


Ist Hochbegabung die schönste Form von Behinderung?

Eine provokante Frage? Vielleicht. Auf jeden Fall spiegelt sie sehr gut wider, was Eltern von hochbegabten Kindern im Alltag ständig zu spüren bekommen: Unverständnis in der Gesellschaft, Schwierigkeiten in der Schule.


Was versteht man unter Hochbegabung?

Im Allgemeinen spricht man von Hochbegabung, wenn das Kind einen IQ von über 130 vorzuweisen hat. Das ist insofern problematisch, als dass aussagekräftige Tests nicht vor dem 10. Lebensjahr durchgeführt werden können. Vor diesem Zeitpunkt können Tests nur Auskunft über den momentanen Entwicklungsstand geben. Da die Entwicklungsgeschwindigkeit bei allen Kindern unterschiedlich ist, sagt das nichts über die Intelligenz aus.


Merkmale von Hochbegabung

Folglich muss man sich im Kindergarten- und Grundschulalter vorwiegend auf eigene Beobachtungen verlassen. Kinder, die
  • sehr früh ihre eigene Persönlichkeit erkannt haben (Kind sagt früh seinen eigenen Namen; geht schnell zum "Ich" über),
  • bereits mit zwei Jahren oder früher Interesse an Buchstaben und Zahlen haben und diese vor dem dritten Geburtstag erkennen, sowie vor dem vierten Geburtstag lesen und einfache Rechnungen durchführen können,
  • mit anderthalb bis zwei Jahren Drei-Wort-Sätze sprechen können,
  • vor dem zweiten Geburtstag durch außergewöhnliche Merkfähigkeit auffallen (Automarken, Hunderassen, Logos, etc.),
  • deutlich vor zwei Jahren Melodien erkennbar wiedergeben,
sollte man zumindest als möglicherweise hochbegabt ansehen und auch so behandeln.

Sollte sich später herausstellen, dass keine überdurchschnittliche Intelligenz vorliegt, hat frühe Förderung dem Kind sicher nicht geschadet, sofern man dem Grundsatz treu bleibt: Wenn das Kind nicht mehr will, ist Schluss!


Warum wir dieses Thema behandeln

Spätestens im Grundschulbereich wird es höchste Zeit, betroffene Schüler angemessen zu fördern, denn Hochbegabung sowie Teilleistungsstärken können sich bei Nicht-Förderung ins Gegenteil verkehren. Es gibt genug hochbegabte Schulversager, die irgendwann einfach "abgeschaltet" haben, weil die Schule ihrem unterbeschäftigten Hirn nichts mehr bieten konnte. Und der Satz "Du musst dich nicht melden, ich weiß dass, du es kannst!" ist bei leistungsstarken Kindern ein nicht zu unterschätzender Motivationskiller.


Schwierigkeiten überwinden

"Kluge Kinder" stoßen überall auf dieselben Schwierigkeiten: Oft wird nicht erkannt, dass sich hinter ihrer Zappeligkeit und Langeweile Unterforderung verbirgt. Bei Moritz hingegen, wurde schon im Alter von 4 Tagen im Rahmen der U2 festgestellt, dass er deutlich "wacher" war als andere Kinder in diesem Alter. Das hat sich im weiteren Verlauf auch bestätigt: Moritz wurde zwar zum normalen Zeitpunkt eingeschult, hat aber stets den Unterricht gestört, fußballgroße I-Punkte in sein Heft geschmiert, und somit ständig Ärger mit seiner Lehrerin gehabt. Aufgrund eines Schulleiterwechsels war das psychologische Gutachten, das Moritz Hochbegabung bescheinigte, in einer Schublade verschwunden, und niemand hatte mehr die Möglichkeit in Betracht gezogen, ihn gleich in die zweite Klasse einzuschulen, was dann nachträglich in der dritten Unterrichtswoche geschah.

"...Vom ersten Tag an, war er das liebste Kind im zweiten Schuljahr, machte konzentriert mit, störte überhaupt nicht mehr, gab sich richtig Mühe, seine Defizite im Diktat aufzuarbeiten..."
Man kann sich sicher vorstellen, was aus Moritz geworden wäre, hätte niemand seine Begabung erkannt oder hätte die Schulleitung auf weitere Beschulung in der ersten Klasse bestanden. Leider wird es den Kindern dann oft weiterhin schwer gemacht, wenn die Lehrer ständig darauf hinweisen, was die Kinder alles nicht können ("Ich denke, Du bist so schlau...!").

Dass es auch anders geht, beweisen Fünfjährige, die die dritte Klasse besuchen und Kinder, wie der kleine Leander, der mit viereinhalb Jahren in die erste Klasse kommt - mit Unterstützung von Schulamt, Schulleitung und Lehrern.


Eislaufmütter?

Besondere Probleme bereiten die Reaktionen der Umwelt. Häufig wird vermutet, die Eltern würden Wissen in ihr Kind hineinquälen. Dabei wird zum einen übersehen, dass man Kindern, die die Begabung dafür nicht haben, nicht mit zwei Jahren das Alphabet beibringen kann, um ein Beispiel zu nennen. Zum anderen geht die Wissbegier von den Kindern aus. Sie brauchen den geistigen "Input" einfach, und beschaffen ihn sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Eltern sind dann oft im Zweifel, ob sie ihren Kleinkindern das Lesen, Schreiben, Rechnen verbieten müssen, um keinen Schulstoff vorwegzunehmen. Aber würden Sie ihrem Kind das Laufen verbieten, bloß weil es laut Entwicklungsplan "zu früh" dran ist?


Was können Sie als Eltern tun?

Sie können es neben Kindergarten und Schule mit Dingen fördern, die nicht unbedingt schulrelevant sind. Das Erlernen einer Fremdsprache bei sprachbegabten Kindern, naturwissenschaftliche Kurse und Museumsbesuche für kleine Forscher und Tüftler - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ein besonderes Kursangebot für hochbegabte Kinder bietet u.a. die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (http://www.dghk.de).

Ansonsten ist es besonders wichtig, dass Sie voll und ganz hinter ihrem Kind stehen, auch auf die Gefahr, dass Sie von Kindergartenerziehern oder Lehrern als nervtötend und überehrgeizig angesehen werden. Wer einmal erlebt hat, wie traurig ein Kind werden kann, das ständig hinter seinen Möglichkeiten bleiben muss, wird einsehen, dass Eltern hochbegabter Kinder unbedingt ihrer Intuition vertrauen müssen. Wenn Sie den Eindruck haben, das Kind wird nicht ernst genommen, sollte so schnell wie möglich ein Gespräch erfolgen, zur Not auch mehrere. Weigern sich Erzieher und Lehrer weiterhin zu kooperieren (auch das kommt leider gar nicht so selten vor), sollten Sie auch die Möglichkeit eines Schul- bzw. Kindergartenwechsels in Betracht ziehen.


Was viele Eltern nicht wissen

In vielen Bundesländern besteht noch immer eine Stichtagsregelung für die Einschulung. Hochbegabte Kinder sind aber häufig so früh im Kindergarten unterfordert, dass sie unter Umständen auch für die "Kann-Kind"-Bestimmung noch zu jung sind (Beispiel: In Berlin müssen auch diese Antragskinder bis zum 31.12. des Vorjahres 5 Jahre alt sein, um im darauffolgenden Sommer die erste Klasse besuchen zu können). Sie sollten dann nicht zähneknirschend das Kind noch ein Jahr spielen lassen, wie es ja von der Umwelt so gerne gefordert wird. Man tut ihm keinen Gefallen damit, wenn es bereits schulische Fertigkeiten und gutes Sozialverhalten beherrscht. Stattdessen können Sie versuchen, eine Sondergenehmigung zu erwirken, was gar nicht so schwierig ist, wie noch vor einigen Jahren. Dazu sollten Sie sich zunächst mit ihrer Wunsch-Schule verständigen, ob man dort bereit wäre, Ihr Kind überhaupt schon aufzunehmen. Dann sollten Sie sich an die schulpsychologische Beratungsstelle wenden, die dann ein Gutachten erstellt und eine Empfehlung ausspricht, was bei tatsächlich begabten Kindern meist kein Problem darstellt. Danach können Sie einen Antrag (mit ausführlicher Begründung) beim zuständigen Schulamt stellen. Wenn alle anderen einverstanden sind, folgt das Amt i.A. der Empfehlung.

Noch ein Tipp: In der Kluge-Kinder-Mailingliste http://www.klugekinder.at/ können Eltern hochbegabter Klein- und Schulkinder Erfahrungen austauschen.


Wie können die Lehrer helfen?

Zunächst einmal sollten sie Verständnis aufbringen, wenn Eltern über ihren Verdacht sprechen, das Kind könnte begabt sein, denn aus o.g. Gründen fällt es vielen Eltern schwer, sich zu "outen".

Dann sollte das Kind dahingehend beobachtet werden, ob es im Klassenverband genug gefördert werden kann, oder ob man lieber überlegen sollte, das Kind in die nächsthöhere Klasse "springen" zu lassen, bzw. es in seinen besonders leistungsstarken Fächern am Unterricht höherer Klassen teilnehmen zu lassen.

Die Lehrer sollten sich nicht dazu verleiten lassen, unterforderte Kinder ständig als "Hilfslehrer" für langsamere Schüler zu beschäftigen. Das ist ab und zu zwar ganz in Ordnung, aber Kinder, die den Lehrstoff schon beherrschen, haben Anspruch auf weitere Denk- und Lernanstöße und können mit dem Weiterlernen nicht warten, bis andere ihren Leistungsstand erreicht haben.

Die gewonnene Zeit sollte das Kind auch nicht damit verbringen müssen, sauberer schreiben zu üben (was vielen unterforderten Kindern schwer fällt), da das keine dem Lernen gleichwertige Aufgabe ist. Unterforderte Kinder müssen auch mal eine harte Nuss zu knacken bekommen und nicht fünf statt zwei Rechenpäcken rechnen "dürfen", - das stellt keine geistige Herausforderung mehr dar.

Ohnehin ist auffällig, dass Kindern - egal ob hochbegabt oder nicht - in der heutigen Zeit wenig Herausforderungen geboten werden. Im Allgemeinen wird den Schülern weniger zugetraut, als sie zu leisten imstande wären, weil die Angst vor Überforderung bei vielen Lehrern (und Eltern) tiefer verankert zu sein scheint, als eine mögliche Unterforderung. Vielleicht ist die zunehmende Unruhe in den Klassenzimmern auch einmal unter diesem Aspekt zu betrachten.

Für Lehrer gibt es eine Anleitung zur individuellen "Entrümpelung" des Stundenplans unterforderter Schüler unter (http://www.tate.at/lehrer/lehrer.htm). Es bleibt zu hoffen, dass diese so genannte "Compacting-Strategie" bei möglichst vielen Schülern Anwendung findet.


Eliteförderung?

Sicher werden viele Eltern jetzt der Meinung sein, dass unsere Kinder es schon schwer genug hätten. Das mag auf einige auch zutreffen, aber viele Kinder mit schneller Auffassungsgabe, oder eben die wirklich hochbegabten haben es eben nicht "schwer genug", und das birgt unnötige Probleme. Die fangen bei der eigenen Person an und reichen bis in die Industrie, die darüber klagt, dass wirklich fähiger Nachwuchs fehlt. In Deutschland wird es jedoch immer ein Eiertanz bleiben, die Förderung der Hochbegabten voranzutreiben, da aufgrund unserer Geschichte jegliche Eliteförderung einen negativen Beigeschmack hat.

Linksammlung zum Thema Hochbegabung:
http://www.hochbegabungs-links.de/#links


Autorin

Dipl.-Ing. Petra A. Bauer, freie Journalistin und Autorin, Schwerpunkt Kind & Familie

Anschrift:

Petra A. Bauer
Kiefheider Weg 10
13503 Berlin
E-Mail: petra.bauer@gmail.com
Internet: http://www.writingwoman.de


Zu diesem Artikel sind bereits Diskussionsbeiträge vorhanden:

http://www.familienhandbuch.de/forum/viewtopic.php?f=5&t=4601&p=81803#p81803


Letzte Änderung: 24.08.2010 14:35:20Zum Seitenanfang