ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜWie kinderfeindlich ist die bundesdeutsche Gesellschaft? Wege aus der strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit KindernUta Meier 1. Was meint der Begriff "strukturelle Rücksichtslosigkeit?"Öffentliche Debatten über Zustand und Perspektiven des Familienlebens in Deutschland gelangen seit Jahren zu der Einschätzung, dass es sich alles in allem um ein kinderfeindliches oder doch zumindest um ein kinderentwöhntes Land handelt.Die Sachverständigenkommission des im Jahre 1994 erschienenen Fünften Familienberichts der Bundesregierung bestätigte diese Einschätzung: Im Ergebnis ihrer differenzierten wissenschaftlichen Analysen und der Anhörung von ExpertInnen hat sie der bundesdeutschen Gesellschaft eine allgegenwärtige strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit Kindern bescheinigt. Damit ist eine in die gesellschaftlichen Strukturen eingeschriebene allgegenwärtige Gleichgültigkeit gegenüber dem Umstand gemeint, ob sich jemand für Kind(er) entscheidet oder nicht. Es geht bei diesem Begriff also nicht um das subjektive Empfinden, z.B. eines älteren Menschen, der sich möglicherweise in seinem Ruhebedürfnis durch spielende Kinder in seinem Wohnumfeld gestört fühlt. Vielmehr werden dabei die gesellschaftlichen Strukturbedingungen in den Blick genommen, welche die Entscheidung für Kinder und das Zusammenleben mit ihnen gegenüber anderen Lebensformen benachteiligen - und damit auch diejenigen, die ihre Betreuung und Erziehung verlässlich übernehmen. Diese Leistungen werden nach wie vor ganz überwiegend von Müttern erbracht. Zwei Beispiele sollen das Gesagte verdeutlichen:
VertreterInnen aus Wissenschaft, aus Familienverbänden und Kirchen konnten dann zwar die Wiedereinführung von Kindergeldzahlungen und einiger anderer Regelungen zur finanziellen Entlastung von Eltern durchsetzen - an der Schieflage des Generationenvertrages zuungunsten der nachwachsenden Generation hat das allerdings kaum etwas geändert. Die Folgen: Im Vergleich aller Bevölkerungsgruppen sind Kinder und Jugendliche inzwischen am häufigsten von Sozialhilfe abhängig, Familien sind gegenüber anderen Lebensformen ohne Kinder deutlich benachteiligt, und der Familiensektor schrumpft. Diese Entwicklung steht auch in Zusammenhang mit zwei weiteren Faktoren:
Von daher überrascht es im Grunde genommen auch nicht, dass in den Altbundesländern Großmütter noch immer als die wichtigste sozialpolitische Institution bei der Betreuung von Kleinkindern gelten, um ihren Töchtern und Schwiegertöchtern eine Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit zu ermöglichen. Diejenigen, die auf solche privaten Arrangements nicht zurückgreifen können, sind notgedrungen Hausfrauen. Im internationalen Vergleich ist die Bundesrepublik Deutschland im Hinblick auf die institutionelle Trennung von Familie und Beruf, auf die Verweigerung einer angemessenen öffentlichen Finanzierung außerhäuslicher Kinderbetreuungsangebote und durch die Anbindung bestimmter familien- und sozialpolitischer Leistungen an den (männlichen) Familienernährer ein auffallend konservatives Land, das - trotz einiger Verbesserungen in den letzten Jahren - einen erheblichen Modernisierungsrückstand aufweist. 2. Aktuelle Trends der Familienentwicklung
3. Wege aus dem Dilemma3.1. Breite gesellschaftliche Verantwortung für die Förderung von Kindern muss die Privatisierung der Kinderfrage ablösenDie Herkunftsfamilie braucht aus verschiedenen Gründen familienergänzende Unterstützungssysteme, das heißt vielfältige personen- und haushaltsbezogene Dienste, die sie bei ihrer Alltagsgestaltung entlang des Familien- und Lebenszyklus begleiten. Die damit einhergehende Professionalisierung vormals privat geleisteter Haus- und Fürsorgearbeit eröffnet die Chance, über Qualitätsstandards für Betreuung, Erziehung, Pflege, Haushalt und Ernährung öffentlich zu diskutieren und den hohen gesellschaftlichen Wert dieser Arbeit ins Bewusstsein von Entscheidungsträgern in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu bringen. Es geht um eine öffentliche Auseinandersetzung darüber, wie moderne personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungsberufe ausgestaltet werden müssen. Dass dieser Prozess zudem auch viele positive Beschäftigungseffekte mit sich bringt, zeigt ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus.Zugleich wird aber auch deutlich, dass die Professionalisierung ihre Grenzen hat: Es gibt Sequenzen im Lebenslauf, in denen Familienarbeit im Generationenzusammenhang notwendig und sinnvoll ist und zur Lebensqualität der betreffenden Menschen wesentlich beiträgt (Stiegler 1999). Wer diese Aufgaben übernimmt, darf allerdings nicht so drastisch schlechter gestellt werden wie diejenigen, die durchgängig erwerbstätig sind. Die Anrechnung von Kindererziehungszeiten als Arbeitsleistung für die Altersrente stellt einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar. Ein erheblicher Erneuerungsbedarf besteht darüber hinaus aber auch bei bereits bestehenden Einrichtungen für die junge Generation. So erwachsen den sekundären Sozialisationsagenturen wie Kindergarten und Schule wichtige kompensatorische Aufgaben, um herkunftsbedingte Benachteiligungen zumindest abzuschwächen. In dieser Hinsicht kann Deutschland von anderen Ländern - wie die PISA-Studie belegt - einiges lernen. Wie die internationalen Ergebnisse zeigen, stellen soziale Gerechtigkeit und Leistung keineswegs - wie hierzulande oft behauptet wird - einen Gegensatz dar, sondern sind durchaus vereinbar. So haben gerade Finnland und Japan, die bildungsstrategisch darauf gesetzt haben, soziale Unterschiede auszugleichen, im internationalen Vergleich die Spitzenplätze inne. Zu denken gibt schließlich, dass fast die Hälfte der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien nicht die elementare Lesekompetenzstufe eins überschreitet, obwohl 70 Prozent von ihnen die deutsche Schule durchlaufen haben (Baumert et al. 2001). Die Konsequenz kann daher nur lauten: Es braucht eine konzertierte Aktion zur gezielten Förderung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Schichten und Bildungsgruppen. Dazu benötigen Kindergärten, Grund- und Hauptschulen beträchtliche Investitionen, vor allem in qualifiziertes Personal. Aber auch für leistungsstarke und hoch begabte Kinder braucht es zeitgemäße Förderkonzepte und eine Ganztagsschule mit entsprechend differenzierten Lernangeboten - und mit pädagogikfreien Räumen. Der absehbare Geburtenrückgang in den nächsten Jahren darf demnach keinesfalls Anlass sein, kindbezogene Infrastrukturen abzuschmelzen. Vielmehr sind die für den Kinder- und Jugendbereich verfügbaren Mittel zu erhalten, auszuweiten und bedarfsorientiert umzuschichten. Ein qualitativ deutlich verbessertes Angebot im elementaren Bildungsbereich bzw. für die Ausweitung und Verbesserung der Ganztagsbetreuung von Schulkindern erweist sich mithin als Zukunftsinvestition: Im Wettbewerb zwischen den Kommunen um qualifizierte Fachkräfte werden "weiche" Standortfaktoren wie familienfreundliche Betreuungs- und Wohnformen an Bedeutung gewinnen. Schließlich handelt es sich um wichtige Institutionen zur Bildung und Erhaltung von sozialem und kulturellem Kapital, das in einer wissensbasierten modernen Dienstleistungsgesellschaft unverzichtbar ist - zumal in einem rohstoffarmen Land wie der Bundesrepublik Deutschland. 3.2. Anwendungs- und Alltagsbezüge von schulischer Bildung und Erziehung herstellen und geschlechterbewusst vermittelnEs ist im Grunde ernüchternd, dass sich Diskussionen um die Zukunft von Bildung und Arbeit nach wie vor fast ausschließlich um Inhalt und Ausrichtung von marktrelevanten und verwertbaren beruflichen Fachkompetenzen drehen. Demgegenüber mangelt es an der Einsicht, dass Bildung und Erziehung auch Vorbereitung für ein Leben jenseits abhängiger Erwerbsarbeit zu sein haben. Damit bleibt jener Teil der Humanvermögensbildung unbeachtet, der in familialen Austauschprozessen und durch die gelebte Solidarität zwischen den Generationen scheinbar "selbstverständlich" erbracht wird und gewissermaßen erst die Basis für die Überlebensfähigkeit und Kultur einer Gesellschaft, aber auch für sämtliche ihrer Teilbereiche wie Wirtschaft, Wissenschaft und Politik darstellt.Es gehört zu einem der am besten gehüteten Geheimnisse, dass Wirtschaft und Gesellschaft ohne diese Vorleistungen nicht überlebensfähig wären, die nach wie vor wesentlich von Frauen und Müttern erbracht werden, wie repräsentative Zeitbudgeterhebungen eindrücklich belegen. An dieser Schweigespirale in Sachen Haus- und Fürsorgearbeit ist die Institution "Schule" mit ihrer einseitigen Fixierung von Bildungsinhalten auf den Erwerbsbereich maßgeblich beteiligt. Mädchen wird vermittelt, dass ein ausgeprägter persönlicher Bildungswille und gute Schulabschlüsse Chancengleichheit mit den Männern im weiteren Lebensverlauf garantiere. Diese "Bildungsillusion" zerplatzt oft schon beim Berufseinstieg oder spätestens dann, wenn Kinder zu versorgen sind. Es wird nicht problematisiert, dass Familie bis heute für Männer eine Lebensform darstellt, in der sie von Müttern, Großmüttern, Ehefrauen und Geliebten versorgt, betreut und verpflegt werden, wohingegen sie für Frauen primär ein Aufgaben- und Verantwortungsbereich mit hohem Verpflichtungsgrad ist. Insbesondere die Übernahme der Fürsorge- und Erziehungsarbeit für Kinder geht bei Frauen mit evidenten Nachteilen für den aktuellen Lebensstandard, für ihre beruflichen Wiedereinstiegs- und Karrierechancen und ihre Altersicherheit einher. Wir haben es hier mit einem strukturellen Mangel an Geschlechtersolidarität zu tun, zumal Frauen inzwischen in den meisten Bildungs- und Qualifikationsbereichen gleichgezogen haben. Die Alltagsvergessenheit schulischer Curricula bringt es außerdem mit sich, dass die männliche Normalbiografie mit ihrer außerhäusigen "Ernährerrolle" nicht hinterfragt wird und Jungen mit teils erheblichen sozialen und kommunikativen Defiziten die Schule verlassen, die sich entlang ihrer weiteren Biografie eher verstetigen als verringern. Diese Bestandsaufnahme ist Anlass zu einem nachdrücklichen Plädoyer für einen stärkeren, vor allem geschlechterbewussten Alltagsbezug von schulischer Bildung. Darin liegt ein Schlüssel zu einem besseren Sozialklima in der Schule, aber auch zu mehr Lebensqualität und einer Wertschätzung unterschiedlicher Arbeitsformen im weiteren Lebensverlauf. Darüber hinaus ist gerade Schule ein Ort, an dem vermittelt und eingeübt werden kann, dass Reproduktionsarbeit keineswegs allein in den Verantwortungsbereich von Mädchen und Frauen fällt, sondern selbstverständlich in die Lebensentwürfe von Männern einzubeziehen ist. Wird die junge Generation in diesem Sinne auf das Leben vorbereitet, wird sie längst überfällige Strukturreformen im Bildungs- und Beschäftigtensystem einfordern und auf dem Weg zu geschlechterdemokratischen und nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweisen durchsetzen. 4. FazitInsgesamt gesehen geht es heute und in Zukunft um den Umbau der Gesellschaft hin zu Verhältnissen, in denen Frauen- und Familienarbeit aufgewertet werden und die flexible Wahrnehmung von Berufs- und Familienaufgaben unabhängig vom Geschlecht einer Person möglich wird. Von einem Umbau dieser Art können im Übrigen auch Männer und Väter profitieren, indem sie ihre einseitige Erwerbsorientierung aufgeben und zu ganzheitlichen Lebensmodellen übergehen. Sie würden verschüttete Fähigkeiten ihres Geschlechts wiederentdecken. Ein Ende der vaterlosen Gesellschaft wäre in Sicht.Der Modernisierungsrückstand in der Familien- und Sozialpolitik, aber auch in der Bildungs- und Geschlechterpolitik in Deutschland kann also keineswegs allein durch monetäre Transferzahlungen an die Familie überwunden werden, so wichtig und unverzichtbar diese Maßnahmen auch sind: Das seit dem 1.1. 2002 geltende Zweite Gesetz zur Familienförderung hat durch die Erhöhung von Kindergeld, Kinderfreibeträgen und durch die Einführung der Absetzbarkeit erwerbsbedingter Kinderbetreuungskosten versucht, den verfassungsrechtlichen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts aus den 1990-er Jahren nachzukommen. Weitere deutliche Signale und nachhaltige Kurskorrekturen sind in unterschiedlichsten Politikfeldern von Nöten. Zielpunkt sämtlicher Strategien und Maßnahmen muss es sein, an die Stelle der strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit Kindern eine gesellschaftsweite strukturelle Ermutigung zum Leben mit Kindern zu setzen. Das schließt die Akzeptanz von weiblichen Lebensmodellen jenseits der traditionellen Hausfrauen- und Mutterrolle ebenso ein wie die Förderung einer aktiven und präsenten Vaterschaft. Literatur
Baumert, J. et al. (Deutsches PISA-Konsortium) (Hrsg.) (2001): PISA 2000. Basis-Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Berlin AutorinProf. Dr. Uta Meier: Studium der Soziologie und Ökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1978 Promotion, 1986 Habilitation, 1990 bis 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut in München, 1994 Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der JLU in Gießen, 1993 bis 1998 Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung, seit 1994 Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, seit 2000 Vorsitzende des Fachausschusses "Strukturwandel des Haushalts" der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft e.V. (dgh), seit 1998 Vorstandsmitglied in der Arbeitsgruppe "Women and the Family in Rural Development" bei der FAO, seit 2000 Mitglied im Forschungsverbund "Armut und Armutsprävention" der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft, im Jahr 2001 Berufung in den Auswertungsbeirat der Zeitbudgeterhebung 2001/2 durch das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, im November 2002 Berufung in die Enquete-Kommission "Erziehung und Bildung in Thüringen" des Thüringischen Landtags, im Januar 2003: Berufung in die Sachverständigenkommission zur Erstellung des 7. Familienberichts der Bundesregierung. Forschungsschwerpunkte: Gender- und Familienforschung, Nachhaltiges Haushalten, Armuts- und Ungleichheitsforschung, Zeitforschung. Adresse
Prof. Dr. Uta Meier | ||
Letzte Änderung: 27.09.2006 12:06:23 |