Hauptmenü

Hauptseite
Familienhandbuch-
Forum

Stichwortsuche

von A bis Z

Aktivitäten mit Kindern
Angebote/Hilfen
Behinderung
Elternschaft
Ernährung
Erziehungsbereiche
Erziehungsfragen
Familie und Beruf
Familienbildung
Familienforschung
Familienpolitik
Gesundheit
Häufige Probleme
Haushalt/Finanzen
Jugendforschung
Kindertagesbetreuung
Kindheitsforschung
Kindliche Entwicklung
Leistungen für Familien
Partnerschaft
Rechtsfragen
Schule
Teil- und Stieffamilien
Trennung/Scheidung

Verschiedenes

Impressum
Kontakt
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wie kinderfeindlich ist die bundesdeutsche Gesellschaft? Wege aus der strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit Kindern

Uta Meier


1. Was meint der Begriff "strukturelle Rücksichtslosigkeit?"

Öffentliche Debatten über Zustand und Perspektiven des Familienlebens in Deutschland gelangen seit Jahren zu der Einschätzung, dass es sich alles in allem um ein kinderfeindliches oder doch zumindest um ein kinderentwöhntes Land handelt.

Die Sachverständigenkommission des im Jahre 1994 erschienenen Fünften Familienberichts der Bundesregierung bestätigte diese Einschätzung: Im Ergebnis ihrer differenzierten wissenschaftlichen Analysen und der Anhörung von ExpertInnen hat sie der bundesdeutschen Gesellschaft eine allgegenwärtige strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit Kindern bescheinigt. Damit ist eine in die gesellschaftlichen Strukturen eingeschriebene allgegenwärtige Gleichgültigkeit gegenüber dem Umstand gemeint, ob sich jemand für Kind(er) entscheidet oder nicht.

Es geht bei diesem Begriff also nicht um das subjektive Empfinden, z.B. eines älteren Menschen, der sich möglicherweise in seinem Ruhebedürfnis durch spielende Kinder in seinem Wohnumfeld gestört fühlt. Vielmehr werden dabei die gesellschaftlichen Strukturbedingungen in den Blick genommen, welche die Entscheidung für Kinder und das Zusammenleben mit ihnen gegenüber anderen Lebensformen benachteiligen - und damit auch diejenigen, die ihre Betreuung und Erziehung verlässlich übernehmen. Diese Leistungen werden nach wie vor ganz überwiegend von Müttern erbracht.

Zwei Beispiele sollen das Gesagte verdeutlichen:
  1. Schon im ersten Berufsjahr - also noch vor der Geburt von Kindern - beziehen vollzeitbeschäftigte Männer ein höheres Einkommen als vollzeitbeschäftigte Frauen. Ende der 1990-er Jahre erzielte eine Berufsanfängerin im Durchschnitt lediglich 84 Prozent des Gehalts ihres männlichen Kollegen. Das ist sowohl im Vergleich unterschiedlicher Berufsbranchen der Fall (z.B. Maurer - Friseuse) als auch bei Einkommensvergleichen von Männern und Frauen in ein und demselben gewerblich-technischen Beruf. So erhielten Kfz-Mechanikerinnen bereits im ersten Berufsjahr lediglich 91 Prozent des Männereinkommens, bei Molkereifachleuten beträgt das Fraueneinkommen anteilig sogar nur 66 Prozent.
    Hinter diesen asymmetrischen Lohnstrukturen stecken traditionelle Rollenbilder, die Frauen den Aufbau einer eigenständigen Erwerbsarbeitsbiographie schon beim Berufsstart erschweren. Es wird unterstellt, Frauen seien allenfalls bis zur Geburt ihres ersten Kindes erwerbstätig und auch in ihrem weiteren Lebensverlauf lediglich "Zuverdienerinnen". Die Lohndifferenzen zwischen den Geschlechtern sind also gleichbedeutend mit einer berufsbiographisch eindeutigen Weichenstellung. Sobald sich Nachwuchs einstellt, müssen die Eltern die Entscheidung treffen, wer das Kind versorgen wird und wer weiter berufstätig ist. Wie die Entscheidung bei der ganz überwältigenden Mehrheit ausfällt, ist bekannt.
    Die Folgen unterbrochener oder aufgegebener Berufstätigkeit wegen Kinderbetreuung führen zu deutlichen Nachteilen für die Mütter, die in der Regel die Haus- und Fürsorgearbeit übernehmen. Das betrifft den aktuellen Lebensstandard, ihre beruflichen Perspektiven, aber auch die Alterssicherung. So zeigt ein Blick auf die Renten im Geschlechtervergleich folgendes Bild: Am 31.12.2000 erreichten Frauen mit 987,36 DM Versichertenrente durchschnittlich nur etwa 50 Prozent des Rentenniveaus von Männern, das im Bundesdurchschnitt bei 1990,60 DM lag.
  2. Frau K. ist eine allein erziehende Mutter von drei Kindern im Alter von 6,9 und 15 Jahren. Weil ihre Einkünfte aus einer Teilzeitbeschäftigung als Bürokauffrau nicht existenzsichernd sind und der Kindesvater keinen Unterhalt zahlt, stehen ihr monatlich 34 Euro ergänzende Sozialhilfe zu. Dafür muss sie allerdings wiederholt entsprechende Einkommensnachweise einreichen, was sie in erhebliche zeitliche Schwierigkeiten bringt, zumal Abrechnungszeitpunkte ihres Arbeitgebers und des Sozialamtes voneinander abweichen. "Und jeden Monat muss ich das hinschicken, jeden Monat krieg ich einen neuen Bescheid und wenn es nur 22 Cent sind... Und für alles brauchen Sie einen Termin, Sie müssen sich anstellen und warten, und da sitzen Sie dann stundenlang wegen einem Papierchen. ...und müssen die Kinder da mitschleppen, die sind noch nicht so alt und sind es nicht gewohnt, allein zu bleiben" (Mardorf et al. 2002).
    Der bürokratische Hürdenlauf nach Aufnahme einer Teilzeitbeschäftigung erweist sich als kontraproduktiv, um den Weg aus der Sozialhilfe heraus zu finden. Die bürokratischen Verwaltungsstrukturen nehmen keine Rücksicht auf die Lebenssituation erwerbstätiger allein Erziehender: Sie erweisen sich ihnen und ihren Kindern gegenüber als strukturell gleichgültig. Verwaltungsangestellte können sich ihrerseits auf die geltenden gesetzlichen Regelungen berufen, die einzuhalten sind.
Fragt man nach den Gründen für diese (und weitere) weder familien- noch frauen- oder kinderfreundlichen Rahmenbedingungen, so erweist sich der Blick zurück in das Jahr 1957 als ein wichtiges Datum: Damals nämlich wurde im Vorfeld der Reform der Rentenversicherung in der Bundesrepublik - jenem berühmten Generationenvertrag zwischen der mittleren (erwerbsfähigen) Generation und der älteren Generation - zugleich auch über das Für und Wider der Berücksichtigung der nachwachsenden Generation in Form der Einführung einer Kinderkasse debattiert. Das hätte bedeutet, aus der Sozialversicherung nicht nur den Lebensunterhalt von RentnerInnen, sondern auch das Aufwachsen von Kindern als künftige "Leistungsträger" der Gesellschaft zumindest anteilig zu finanzieren. Altbundeskanzler Adenauer vereitelte diesen Vorschlag damals unter Hinweis darauf, dass die Leute immer Kinder bekämen und man sie folglich nicht auch noch dafür zu bezahlen müsse.

VertreterInnen aus Wissenschaft, aus Familienverbänden und Kirchen konnten dann zwar die Wiedereinführung von Kindergeldzahlungen und einiger anderer Regelungen zur finanziellen Entlastung von Eltern durchsetzen - an der Schieflage des Generationenvertrages zuungunsten der nachwachsenden Generation hat das allerdings kaum etwas geändert. Die Folgen: Im Vergleich aller Bevölkerungsgruppen sind Kinder und Jugendliche inzwischen am häufigsten von Sozialhilfe abhängig, Familien sind gegenüber anderen Lebensformen ohne Kinder deutlich benachteiligt, und der Familiensektor schrumpft.

Diese Entwicklung steht auch in Zusammenhang mit zwei weiteren Faktoren:
  1. Der Zugang zu Methoden der Empfängnisverhütung und Familienplanung für breite Bevölkerungsschichten führte zu einer Entkoppelung von Geburtlichkeit und Sexualität.
  2. Die breite Bildungsbeteiligung von Mädchen und Frauen erzeugte den verständlichen Wunsch, die erworbenen Bildungs- und Qualifikationsabschlüsse im Berufsleben einzusetzen, und zwar auch nach der Geburt eines Kindes.
Auf diese Entwicklungen hat die deutsche Familienpolitik lange Zeit nicht reagiert. Vielmehr wurde am Familienleitbild der Hausfrauenehe festgehalten, wurden die sich wandelnden Bedürfnisse an die Gestaltung des Alltags mit Kindern zwischen Familien- und Erwerbswelt ignoriert.

Von daher überrascht es im Grunde genommen auch nicht, dass in den Altbundesländern Großmütter noch immer als die wichtigste sozialpolitische Institution bei der Betreuung von Kleinkindern gelten, um ihren Töchtern und Schwiegertöchtern eine Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit zu ermöglichen. Diejenigen, die auf solche privaten Arrangements nicht zurückgreifen können, sind notgedrungen Hausfrauen.

Im internationalen Vergleich ist die Bundesrepublik Deutschland im Hinblick auf die institutionelle Trennung von Familie und Beruf, auf die Verweigerung einer angemessenen öffentlichen Finanzierung außerhäuslicher Kinderbetreuungsangebote und durch die Anbindung bestimmter familien- und sozialpolitischer Leistungen an den (männlichen) Familienernährer ein auffallend konservatives Land, das - trotz einiger Verbesserungen in den letzten Jahren - einen erheblichen Modernisierungsrückstand aufweist.


2. Aktuelle Trends der Familienentwicklung

  • Die gute Nachricht lautet: Trotz dieser und anderer Formen von struktureller Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit Kindern ist eine erfüllte Partnerschaft mit Kinder(ern) im Wertekanon und in den Lebensentwürfen von west- und ostdeutschen Frauen und Männern aller Altersgruppen fest verankert. Von Familienverdrossenheit kann folglich keine Rede sein. Ganz offensichtlich erhalten familiale Lebenswelten als Orte von Verlässlichkeit, Vertrauen und Fürsorge infolge des Anforderungsdrucks in der Erwerbswelt in letzter Zeit sogar einen höheren Stellenwert als noch in den 1980-er Jahren. Familie scheint als Refugium gegenüber dem Zwang zu Flexibilität und Mobilität in der Erwerbswelt geschätzt zu sein wie selten zuvor.
  • Obwohl sich die überwältigende Mehrheit von jungen Frauen und Männern zwischen 16 und 24 Jahren also ein Leben mit Kindern wünscht, konstatieren wir in Deutschland - auch im europäischen Vergleich - ein hohes Ausmaß an dauerhafter Kinderlosigkeit. Demnach kann eine wachsende Zahl junger Menschen ihren ursprünglichen Lebensentwurf zwischen Beruf und Familie nicht verwirklichen oder traut sich die Umsetzung dieser "doppelten" Zukunftspläne nicht zu.
    Nach neuesten Schätzungen werden 31,2 Prozent der 1965 geborenen westdeutschen Frauen keine eigenen Kinder haben - Tendenz steigend. Auch in Ostdeutschland nimmt der Anteil sprunghaft zu: Er liegt in dieser Alterskohorte bei 26,4 Prozent; bei den 10 Jahre vorher geborenen Frauen waren es gerade 6 Prozent (Engstler 2000). Dauerhafte Kinderlosigkeit korreliert signifikant mit dem erreichten Bildungs- und Qualifikationsniveau von Frauen: Je höher ihr Bildungsstand, desto häufiger bleiben sie zeitlebens kinderlos. Das trifft bereits heute auf ca. 40 Prozent aller westdeutschen Akademikerinnen zu - Tendenz steigend.
  • Betrachtet man allerdings den schrumpfenden Anteil derer, die eine Familie gründen, so fällt auf, dass die durchschnittliche Kinderzahl in den Familien seit Jahren konstant geblieben ist. Sie liegt im Westen bei 2,0 Kindern pro Familie; im Osten bei 1,9 Kindern pro Familie. Insgesamt verzichtet demnach einerseits ein wachsender Teil der jüngeren Generation generell auf Kinder. Wer jedoch andererseits eine Familie gründet, entscheidet sich in hohem und kaum verändertem Umfang für (mindestens) zwei Kinder. Dieses Phänomen wird als gespaltenes Fertilitätsverhalten oder auch als der deutsche Sonderweg der Familienentwicklung bezeichnet und macht den gegenwärtigen Strukturwandel von Familie aus - nicht dagegen, wie so oft behauptet wird, der Trend zur Einkindfamilie.
  • Zu den familialen Lebensformen der Moderne gehören aber auch allein erziehende Elternteile mit ihren Kindern. Diese Lebensform entsteht heute primär als Folge von Ehescheidungen, nicht mehr als Folge von Verwitwung. Inzwischen enden sogar 35 Prozent aller Ehen in Deutschland mit einer Scheidung. 21 Prozent der westdeutschen und 46 Prozent der ostdeutschen Frauen haben eine oder mehrere Lebensphasen als allein erziehende Mütter bewältigt.
    Es gibt verlässliche Hinweise darauf, dass in der Zukunft auch die Wiederverheiratungsquoten nach Scheidungen rückläufig sein werden. So gesehen wird deutlich, dass Familien entlang ihrer Biografien eine zunehmende Zahl von Umbrüchen in ihrer Familienstruktur erleben und verarbeiten müssen. Je älter die Kinder sind, desto häufiger wohnen sie bei getrennt lebenden oder geschiedenen Müttern oder Vätern oder in anderen Familienkonstellationen ("Patchwork-Familien").
  • Ein vergleichbarer Strukturwandel ist allerdings in einer Frage nicht zu verzeichnen: bei der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in der Familie. Die Sorge- und Hausarbeit für Kinder, für kranke und pflegebedürftige Familienangehörige fällt nach wie vor in den Zuständigkeitsbereich von Frauen und Müttern und bindet ihre Zeit und Kraft. Wie repräsentative Zeitbudgeterhebungen ergeben haben, beteiligen sich Väter in Partnerschaften mit minderjährigen Kindern lediglich sechs Minuten pro Tag länger an der anfallenden Haus- und Betreuungsarbeit als Männer in Partnerschaften ohne Kinder. Die sprichwörtliche "verbale Aufgeschlossenheit von Männern bei weitgehender Verhaltensstarre in Sachen Hausarbeit" (U. Beck) scheint sich auch in der jungen Vätergeneration fortzuschreiben (Fthenakis et al. 2002). Zudem zeigt sich, dass unabhängig davon, ob erwerbstätige Mütter viel verdienen oder wenig, ob sie einen hohen oder niedrigen Bildungsgrad haben, ob sie in Leipzig oder in Frankfurt leben, die Hauptlast der Familienarbeit auf ihren Schultern liegt - und zwar auch dann, wenn sie 40 Stunden pro Woche oder länger erwerbstätig sind (Ludwig/ Schlevogt 2002, S. 135).
    Aber auch jene jungen Männer, die mit ihren Partnerinnen Beruf und Familienarbeit gleichberechtigt teilen wollen, scheitern sehr schnell an den strukturellen Zwängen des heutigen Erwerbssystems. Es verlangt ihnen eine Rundum-Verfügbarkeit und lückenlose Tätigkeitsnachweise ab.
  • Die Entscheidung für Kinder führt oftmals zu prekären Lebenslagen oder mündet in Armut. Die in den vergangenen Jahrzehnten mit deutscher Gründlichkeit betriebene "Privatisierung" der Kinderfrage manifestiert sich auch darin, dass das Großziehen von Kindern zu beträchtlichen finanziellen Nachteilen gegenüber anderen Lebensformen geführt hat. Bei Familien mit Kindern mit nur einem Einkommen ist trotz des Familienlastenausgleichs (Kindergeld, Kinderfreibeträge etc.) festzustellen, dass sie hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Lage, hinsichtlich der Wohnraumversorgung und des Lebensstandards gegenüber Kinderlosen deutlich benachteiligt sind. Das trifft in noch stärkerem Ausmaß auf nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern zu und noch einmal deutlicher auf die Ein-Eltern-Familien.
    Kinder stellen für ihre Eltern in Deutschland einen derart beträchtlichen Kostenfaktor dar, dass das Bundesverfassungsgericht mit diversen Urteilen seit den 1990-er Jahren den Gesetzgeber wiederholt anmahnen musste, mit jedem Reformschritt des Sozialstaates für eine Einkommens- und Steuergerechtigkeit zu sorgen zwischen denen, die Kinder erziehen, und denen, die andere Lebensentwürfe realisieren.
    Die Standards auf den Güter- und Wohnungsmärkten werden nicht von Familienhaushalten bestimmt, sondern von den kinderlosen Haushalten mit zwei Einkommen.
    Das Armutsrisiko von Kindern hat sich aber auch durch eine weitere Tendenz verstärkt: Die Zusammensetzung der nachwachsenden Alterskohorte verschiebt sich stark in Richtung von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern keine berufliche Ausbildung abgeschlossen haben, d.h. die bildungsarm sind und es vermutlich zeitlebens bleiben.
  • Der Übergang zur Elternschaft vollzieht sich in zunehmendem Maße in Paarkonstellationen mit gleichen Bildungs- und Qualifikationsabschlüssen von Frau und Mann: In sieben von zehn Ehen treffen wir auf Ehehomogenität. Während der Heirats- und Beziehungsmarkt in den oberen Bildungsgruppen zu einer vorteilhaften Kumulation von beidseitig erworbenen Bildungsressourcen führt, werden in den unteren Bildungsgruppen Nachteile in der schulischen und beruflichen Ausbildung eines Partners/ Partnerin nicht etwa durch eine höhere Bildung/ Ausbildung des Lebenspartners/ -partnerin ausgeglichen, wie das noch Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts als "heiratsbedingte Aufwärtsmobilität" von Frauen der Fall war, sondern Nachteile verstärken sich wechselseitig (Blossfeld/ Timm 1997).
    Hier liegt eine maßgebliche Ursache für die soziale Vererbung von Bildungsarmut an die nachwachsende Generation. Die Folgen zeigen sich nicht nur in ihren vergleichsweise deutlich schlechteren Zugangs- und Verbleibschancen im Erwerbssystem oder in niedrigen Einkommen, sondern auch in erheblich eingeschränkten Möglichkeiten bei der Alltagsbewältigung infolge unzureichender Haushaltsführungskompetenzen und dem Fehlen von geeigneten Strategien zur Lösung von persönlichen oder familiären Konflikten.
  • Schon im Übergang zur Elternschaft bestehen erhebliche Defizit an familienbegleitenden und -unterstützenden Diensten, was in vielen jungen Familien zu erheblichen Alltagsbelastungen und psychosozialer Überforderung führt. Das spiegelt sich in einem erheblichen Anstieg von konfliktbelasteten Paarbeziehungen wider; Trennungen und Scheidungen nehmen oft in dieser Phase ihren Anfang - und zwar quer durch alle Bildungsgruppen.
    Die vielfältigen Unterstützungsbedarfe, angefangen von Diensten unmittelbar nach der Geburt eines Kindes, im Kleinkind-, Vorschul- und Schulalter, bei der Bewältigung des Alltags zwischen Beruf und den Bedürfnissen von heranwachsenden Jugendlichen bis hin zum Bedarf an adäquaten Diensten für ältere und pflegebedürftige Familienmitglieder werden nur zögerlich, unkoordiniert und zu völlig unbefriedigenden Konditionen bereitgestellt. Von einer engmaschigen professionellen Angebotspalette an familien- und haushaltsnahen Diensten sind wir hier zu Lande jedenfalls weit entfernt.

3. Wege aus dem Dilemma

3.1. Breite gesellschaftliche Verantwortung für die Förderung von Kindern muss die Privatisierung der Kinderfrage ablösen

Die Herkunftsfamilie braucht aus verschiedenen Gründen familienergänzende Unterstützungssysteme, das heißt vielfältige personen- und haushaltsbezogene Dienste, die sie bei ihrer Alltagsgestaltung entlang des Familien- und Lebenszyklus begleiten. Die damit einhergehende Professionalisierung vormals privat geleisteter Haus- und Fürsorgearbeit eröffnet die Chance, über Qualitätsstandards für Betreuung, Erziehung, Pflege, Haushalt und Ernährung öffentlich zu diskutieren und den hohen gesellschaftlichen Wert dieser Arbeit ins Bewusstsein von Entscheidungsträgern in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu bringen. Es geht um eine öffentliche Auseinandersetzung darüber, wie moderne personenbezogene und haushaltsnahe Dienstleistungsberufe ausgestaltet werden müssen. Dass dieser Prozess zudem auch viele positive Beschäftigungseffekte mit sich bringt, zeigt ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus.

Zugleich wird aber auch deutlich, dass die Professionalisierung ihre Grenzen hat: Es gibt Sequenzen im Lebenslauf, in denen Familienarbeit im Generationenzusammenhang notwendig und sinnvoll ist und zur Lebensqualität der betreffenden Menschen wesentlich beiträgt (Stiegler 1999). Wer diese Aufgaben übernimmt, darf allerdings nicht so drastisch schlechter gestellt werden wie diejenigen, die durchgängig erwerbstätig sind. Die Anrechnung von Kindererziehungszeiten als Arbeitsleistung für die Altersrente stellt einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar.

Ein erheblicher Erneuerungsbedarf besteht darüber hinaus aber auch bei bereits bestehenden Einrichtungen für die junge Generation. So erwachsen den sekundären Sozialisationsagenturen wie Kindergarten und Schule wichtige kompensatorische Aufgaben, um herkunftsbedingte Benachteiligungen zumindest abzuschwächen. In dieser Hinsicht kann Deutschland von anderen Ländern - wie die PISA-Studie belegt - einiges lernen. Wie die internationalen Ergebnisse zeigen, stellen soziale Gerechtigkeit und Leistung keineswegs - wie hierzulande oft behauptet wird - einen Gegensatz dar, sondern sind durchaus vereinbar. So haben gerade Finnland und Japan, die bildungsstrategisch darauf gesetzt haben, soziale Unterschiede auszugleichen, im internationalen Vergleich die Spitzenplätze inne. Zu denken gibt schließlich, dass fast die Hälfte der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien nicht die elementare Lesekompetenzstufe eins überschreitet, obwohl 70 Prozent von ihnen die deutsche Schule durchlaufen haben (Baumert et al. 2001).

Die Konsequenz kann daher nur lauten: Es braucht eine konzertierte Aktion zur gezielten Förderung von Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Schichten und Bildungsgruppen. Dazu benötigen Kindergärten, Grund- und Hauptschulen beträchtliche Investitionen, vor allem in qualifiziertes Personal. Aber auch für leistungsstarke und hoch begabte Kinder braucht es zeitgemäße Förderkonzepte und eine Ganztagsschule mit entsprechend differenzierten Lernangeboten - und mit pädagogikfreien Räumen.

Der absehbare Geburtenrückgang in den nächsten Jahren darf demnach keinesfalls Anlass sein, kindbezogene Infrastrukturen abzuschmelzen. Vielmehr sind die für den Kinder- und Jugendbereich verfügbaren Mittel zu erhalten, auszuweiten und bedarfsorientiert umzuschichten. Ein qualitativ deutlich verbessertes Angebot im elementaren Bildungsbereich bzw. für die Ausweitung und Verbesserung der Ganztagsbetreuung von Schulkindern erweist sich mithin als Zukunftsinvestition: Im Wettbewerb zwischen den Kommunen um qualifizierte Fachkräfte werden "weiche" Standortfaktoren wie familienfreundliche Betreuungs- und Wohnformen an Bedeutung gewinnen. Schließlich handelt es sich um wichtige Institutionen zur Bildung und Erhaltung von sozialem und kulturellem Kapital, das in einer wissensbasierten modernen Dienstleistungsgesellschaft unverzichtbar ist - zumal in einem rohstoffarmen Land wie der Bundesrepublik Deutschland.


3.2. Anwendungs- und Alltagsbezüge von schulischer Bildung und Erziehung herstellen und geschlechterbewusst vermitteln

Es ist im Grunde ernüchternd, dass sich Diskussionen um die Zukunft von Bildung und Arbeit nach wie vor fast ausschließlich um Inhalt und Ausrichtung von marktrelevanten und verwertbaren beruflichen Fachkompetenzen drehen. Demgegenüber mangelt es an der Einsicht, dass Bildung und Erziehung auch Vorbereitung für ein Leben jenseits abhängiger Erwerbsarbeit zu sein haben. Damit bleibt jener Teil der Humanvermögensbildung unbeachtet, der in familialen Austauschprozessen und durch die gelebte Solidarität zwischen den Generationen scheinbar "selbstverständlich" erbracht wird und gewissermaßen erst die Basis für die Überlebensfähigkeit und Kultur einer Gesellschaft, aber auch für sämtliche ihrer Teilbereiche wie Wirtschaft, Wissenschaft und Politik darstellt.

Es gehört zu einem der am besten gehüteten Geheimnisse, dass Wirtschaft und Gesellschaft ohne diese Vorleistungen nicht überlebensfähig wären, die nach wie vor wesentlich von Frauen und Müttern erbracht werden, wie repräsentative Zeitbudgeterhebungen eindrücklich belegen. An dieser Schweigespirale in Sachen Haus- und Fürsorgearbeit ist die Institution "Schule" mit ihrer einseitigen Fixierung von Bildungsinhalten auf den Erwerbsbereich maßgeblich beteiligt. Mädchen wird vermittelt, dass ein ausgeprägter persönlicher Bildungswille und gute Schulabschlüsse Chancengleichheit mit den Männern im weiteren Lebensverlauf garantiere. Diese "Bildungsillusion" zerplatzt oft schon beim Berufseinstieg oder spätestens dann, wenn Kinder zu versorgen sind.

Es wird nicht problematisiert, dass Familie bis heute für Männer eine Lebensform darstellt, in der sie von Müttern, Großmüttern, Ehefrauen und Geliebten versorgt, betreut und verpflegt werden, wohingegen sie für Frauen primär ein Aufgaben- und Verantwortungsbereich mit hohem Verpflichtungsgrad ist. Insbesondere die Übernahme der Fürsorge- und Erziehungsarbeit für Kinder geht bei Frauen mit evidenten Nachteilen für den aktuellen Lebensstandard, für ihre beruflichen Wiedereinstiegs- und Karrierechancen und ihre Altersicherheit einher. Wir haben es hier mit einem strukturellen Mangel an Geschlechtersolidarität zu tun, zumal Frauen inzwischen in den meisten Bildungs- und Qualifikationsbereichen gleichgezogen haben.

Die Alltagsvergessenheit schulischer Curricula bringt es außerdem mit sich, dass die männliche Normalbiografie mit ihrer außerhäusigen "Ernährerrolle" nicht hinterfragt wird und Jungen mit teils erheblichen sozialen und kommunikativen Defiziten die Schule verlassen, die sich entlang ihrer weiteren Biografie eher verstetigen als verringern.

Diese Bestandsaufnahme ist Anlass zu einem nachdrücklichen Plädoyer für einen stärkeren, vor allem geschlechterbewussten Alltagsbezug von schulischer Bildung. Darin liegt ein Schlüssel zu einem besseren Sozialklima in der Schule, aber auch zu mehr Lebensqualität und einer Wertschätzung unterschiedlicher Arbeitsformen im weiteren Lebensverlauf.

Darüber hinaus ist gerade Schule ein Ort, an dem vermittelt und eingeübt werden kann, dass Reproduktionsarbeit keineswegs allein in den Verantwortungsbereich von Mädchen und Frauen fällt, sondern selbstverständlich in die Lebensentwürfe von Männern einzubeziehen ist. Wird die junge Generation in diesem Sinne auf das Leben vorbereitet, wird sie längst überfällige Strukturreformen im Bildungs- und Beschäftigtensystem einfordern und auf dem Weg zu geschlechterdemokratischen und nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweisen durchsetzen.


4. Fazit

Insgesamt gesehen geht es heute und in Zukunft um den Umbau der Gesellschaft hin zu Verhältnissen, in denen Frauen- und Familienarbeit aufgewertet werden und die flexible Wahrnehmung von Berufs- und Familienaufgaben unabhängig vom Geschlecht einer Person möglich wird. Von einem Umbau dieser Art können im Übrigen auch Männer und Väter profitieren, indem sie ihre einseitige Erwerbsorientierung aufgeben und zu ganzheitlichen Lebensmodellen übergehen. Sie würden verschüttete Fähigkeiten ihres Geschlechts wiederentdecken. Ein Ende der vaterlosen Gesellschaft wäre in Sicht.

Der Modernisierungsrückstand in der Familien- und Sozialpolitik, aber auch in der Bildungs- und Geschlechterpolitik in Deutschland kann also keineswegs allein durch monetäre Transferzahlungen an die Familie überwunden werden, so wichtig und unverzichtbar diese Maßnahmen auch sind: Das seit dem 1.1. 2002 geltende Zweite Gesetz zur Familienförderung hat durch die Erhöhung von Kindergeld, Kinderfreibeträgen und durch die Einführung der Absetzbarkeit erwerbsbedingter Kinderbetreuungskosten versucht, den verfassungsrechtlichen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts aus den 1990-er Jahren nachzukommen. Weitere deutliche Signale und nachhaltige Kurskorrekturen sind in unterschiedlichsten Politikfeldern von Nöten. Zielpunkt sämtlicher Strategien und Maßnahmen muss es sein, an die Stelle der strukturellen Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben mit Kindern eine gesellschaftsweite strukturelle Ermutigung zum Leben mit Kindern zu setzen. Das schließt die Akzeptanz von weiblichen Lebensmodellen jenseits der traditionellen Hausfrauen- und Mutterrolle ebenso ein wie die Förderung einer aktiven und präsenten Vaterschaft.


Literatur

Baumert, J. et al. (Deutsches PISA-Konsortium) (Hrsg.) (2001): PISA 2000. Basis-Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Berlin

Blossfeld, H.P./ Timm, A. (1997): Der Einfluss des Bildungssystems auf den Heiratsmarkt. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 49, 4, S. 440-476

Bundesministerium für Familie und Senioren (Hrsg.) (1994): Familie und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens. 5. Familienbericht. Bundesdrucksache 12/7560. Bonn

Engstler, H. (2000): Der Wandel der Lebens- und Familienformen im Spiegel der amtlichen Statistik. In: Maywald, J./ Schön, B./ Gottwald, B. (Hrsg.): Familien haben Zukunft. Reinbek, S. 227-239

Fthenakis, W.E. (2002): Paare werden Eltern. Die Ergebnisse der LBS-Familien-Studie. Opladen

Ludwig, I./ Schlevogt, V. (2002): Bessere Zeiten für erwerbstätige Mütter? WSI-Mitteilungen, Heft 3/2002, S. 133-138

Meier, U. (2002): Familie als Gemeinschaft von Generationen- und Geschlechtersolidarität. In: SPD: Zukunft Familie, Heft 2 der Schriftenreihe. Berlin, S. 23-39

Stiegler, B. (1999): Welcher Lohn für welche Arbeit? Über die Aufwertung der Frauenarbeit. In: Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Expertisen zur Frauenforschung. Bonn

Strohmeier, K.P. (2002): Familienpolitik, Geburtenraten und private Lebensformen in Europa. Was lehrt uns der internationale Vergleich? In: SPD-Forum "Allianz für die Familie", Berlin, S. 51-67


Autorin

Prof. Dr. Uta Meier: Studium der Soziologie und Ökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1978 Promotion, 1986 Habilitation, 1990 bis 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut in München, 1994 Berufung auf den Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der JLU in Gießen, 1993 bis 1998 Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung, seit 1994 Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, seit 2000 Vorsitzende des Fachausschusses "Strukturwandel des Haushalts" der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft e.V. (dgh), seit 1998 Vorstandsmitglied in der Arbeitsgruppe "Women and the Family in Rural Development" bei der FAO, seit 2000 Mitglied im Forschungsverbund "Armut und Armutsprävention" der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft, im Jahr 2001 Berufung in den Auswertungsbeirat der Zeitbudgeterhebung 2001/2 durch das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, im November 2002 Berufung in die Enquete-Kommission "Erziehung und Bildung in Thüringen" des Thüringischen Landtags, im Januar 2003: Berufung in die Sachverständigenkommission zur Erstellung des 7. Familienberichts der Bundesregierung. Forschungsschwerpunkte: Gender- und Familienforschung, Nachhaltiges Haushalten, Armuts- und Ungleichheitsforschung, Zeitforschung.


Adresse

Prof. Dr. Uta Meier
Professur für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft
Justus-Liebig-Universität Gießen
Bismarckstrasse 37
35390 Gießen
Tel. (dienstlich): 0641/9939300/1
Fax (dienstlich): 0641/9939309
Email: uta.meier@ernaehrung.uni-giessen.de


Letzte Änderung: 27.09.2006 12:06:23Zum Seitenanfang