ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜDer vermögenstheoretische Zugang zur FamilienpolitikHans-Günter Krüsselberg
![]() 1. Die "politische Dimension" der familienwissenschaftlichen ForschungIm Frühjahr 1978 akzeptierte das damalige Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit einen Vorschlag, in einer wissenschaftlichen Studie zu überprüfen, inwieweit in den Vereinigten Staaten, vornehmlich in zwei Forschergruppen der sog. Chicago-Schule, entwickelte ökonomische Theorieansätze für die familienpolitische Forschung in der Bundesrepublik Deutschland von Bedeutung sein könnten. Zur Diskussion standen einmal die "New Home Economics", maßgeblich verknüpft mit dem Namen von Gary S. Becker, zum anderen die "Economics of the Family", deren Entwurf Theodore W. Schultz zu danken ist. Der seinerzeit für eine Projektvergabe dieser Ausrichtung zuständige Referent war Dr. Max Wingen.Die Idee zu einem solchen Forschungsvorhaben erwuchs aus der in diesen amerikanischen Ansätzen explizit enthaltenen Annahme, die Familie integriere die Wohlfahrt ihrer Mitglieder in einer intern konsistenten familialen Nutzenfunktion. Wenn die Familie als "Grundlage jeder zivilisierten Gesellschaft" (Becker, Nashat Becker 1998, S. 115) anzusehen ist und Familienpolitik "nicht zuletzt mit Blick auf das Wohlergehen der Familien als Lebenseinheiten wie der einzelnen Familienmitglieder, also der einzelnen Personen in ihren familialen Bindungen," (Wingen 1997, S. 14) zu leisten ist, werden zentrale Fragestellungen der Familienpolitik auf die Feststellung der empirischen Grundlage für die Ermittlung der jeweiligen Wohlfahrtskonstellation in Familien auszurichten sein. Den Einfluss von Familie auf die Lebenslage von Individuen erfassen die genannten Theoriekonzepte der Chicago-Schule über die Kategorie "soziale Umwelt". Der Handlungsbereich einer Person wird umschrieben mit dem Begriff "des sozialen (gesellschaftlichen) Einkommens", welches sich als Summe aus monetärem Einkommen und dem Wert, den die soziale Umwelt für eine Person darstellt, versteht. Speziell interessierten sich diese Wissenschaftler der Chicago-Schule für die Konsequenzen, die in entwickelten Industriegesellschaften daraus folgen, dass infolge hoher Investitionsleistungen privater und öffentlicher Haushalte die Qualität des Humanvermögens und damit der ökonomische Wert der menschlichen Zeit ständig wächst. Die Zunahme des ökonomischen Wertes menschlicher Zeit - so wurde vermutet und theoretisch zu begründen versucht - verändere stetig die Qualität des Handlungspotentials der "Haushaltsproduzenten", von der wiederum die Qualität der haushaltlichen Produktion abhinge. Dieser Denkansatz bietet deshalb einen beachtenswerten Ausgangspunkt für familienwissenschaftliche Forschung, weil er einmal das vornehmlich in der (späten) Neoklassik aufgekommene Klischee des Familienhaushalts als "Konsumgemeinschaft" durch die Betonung der dort stattfindenden Produktion auflöst, zum anderen aber auch nahezu zwingend zur soziologischen Aussage überleitet, dass diese "Produktion" in einem wesentlichen Umfang den Charakter von "Leistungen für die nachwachsende Generation" hat. Die Betonung dieser beiden Tatbestände führt zu einer Perspektive in der wissenschaftlichen Forschung, die so angelegt ist, dass sie dahin tendiert, die Bewertungsmaßstäbe für (familien-) haushaltliche Aktivität, welche durch eine hohe Arbeitsintensität geprägt ist, zu "revolutionieren". Sie revolutioniert sie in Richtung auf eine massive gesellschaftliche Aufwertung der Familientätigkeit. Diese theoretische Wendung vollzog sich Ende der 70er Jahre. In Deutschland kamen dazu maßgebliche Anstöße aus dem Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen beim Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (BMJFG). Die Kontaktperson für die Beziehungen zwischen Beirat und Ministerium war damals Ministerialrat Dr. Wingen. Dieser Beirat hatte 1979 eine Studie zum Thema "Leistungen für die nachwachsende Generation" veröffentlicht. Bereits im Titel war die politisch einschlägige Botschaft angelegt. Die Aussage lautete: Leistungen für die nachwachsende Generation haben eine gesellschaftserhaltende Funktion. Es wurde auch auf deren Bewertung nicht verzichtet. Erfasst wurden die Geldausgaben, die die Familien direkt oder indirekt für ihre Kinder tätigten, sowie der Zeitaufwand, der für Leistungen zu Gunsten von Kindern und Jugendlichen in den Familien aufgebracht wurde. Im Referenzjahr der Studie (1974) trugen in dieser Sicht die Familien rund 74% aller gesellschaftlichen Aufwendungen für die nachwachsende Generation. Die "Kinderlast" der Gesellschaft erwies sich dezidiert als "Privatlast" in Gestalt einer investiven Vorleistung von Familien für die Realisierung des Wohlstandsniveaus der Gesellschaft. Im Rückblick auf die wissenschaftlichen Leistungen in der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich der Aufwertung des gesellschaftspolitischen Gewichts der Familientätigkeit ist zu sagen, dass mit dieser Studie ein bedeutender Umbruch im Politikfeld vollzogen wurde. Verschiedene Reaktionen der Politik auf die Veröffentlichung dieser Zahlen zeigten, dass das Bewusstsein für diese Schieflage in der gesellschaftlichen Lastenverteilung damals äußerst schwach ausgeprägt war und vielleicht deshalb zu einer verblüffend hohen Empfindlichkeit in diesen Kreisen führte. Umso wichtiger wurde seinerzeit für die Arbeit der Wissenschaftler im Beirat der kompetente Umgang mit seinem Zahlenmaterial in dem fachlich zuständigen (Familien-)Ministerium. Dort dominierte der Wunsch, die Beiratszahlen weiter zu konkretisieren und vor allem in den Details zu vertiefen. So kam es zu Gesprächen über die Möglichkeit, ein dazu geeignetes Projekt durch das BMJFG fördern zu können Dabei sollten die vorhandenen Kenntnisse über den Stand der wissenschaftlichen Forschung in diesem Gebiet zugrunde gelegt werden, nicht zuletzt die Ergebnisse bisheriger Zeitbudgetforschung. Der Schwerpunkt zielte auf die "Praxisrelevanz" der intendierten Studien. Praxisrelevanz besaßen vor allem zwei eminent wichtige familienpolitische Tatbestände: Einmal interessierte das bislang kaum ausgelotete tatsächliche Ausmaß der Belastungskumulation in Familien. Thema war die Vermutung einer "Überlast" im Bereich der Geldausgaben und der Zeitaufwendungen durch die Existenz von Kindern als familien- und frauenpolitisches Problem. Als bedeutsam erschienen vor allem eine Ermittlung des relativen Gewichts der zeitlichen Belastung und die Darstellung von Gesamtbelastungsprofilen in Abhängigkeit von der Familienstruktur. Dazu mussten die Zeitraster der Familienarbeit im Einzelfall ermittelt werden. Darüber hinaus ging es um die Frage der gesellschaftlichen Bewertung dieser Leistungen. Das war ein Thema, das im Wissenschaftlichen Beirat wiederholt diskutiert worden war - unter anderem mit den Schwerpunkten: Wie entstehen und entwickeln sich die Wertmuster im historischen Ablauf? Was sind die dominanten Wertmuster einer entwickelten Industriegesellschaft? Was prägt die Wertmuster der Erwerbstätigkeit? Worin besteht die Wertigkeit von Familientätigkeit? Das Bewertungsproblem wurde in den das Projekt vorbereitenden Gesprächen sehr kritisch erörtert. Es gab durchaus gewichtige Einwendungen gegen die von der Wissenschaft nachdrücklich geäußerte Absicht, der Öffentlichkeit konkrete Zahlen über den gesellschaftlichen Wert von Familientätigkeit vorzulegen. Einige Besorgnisse galten der Frage, inwieweit diese "Wertebestimmung" zu politischen Konsequenzen führen könnte. Gedacht wurde an Umverteilungsanforderungen und -ansprüche so hohen Umfangs, dass sie als nicht finanzierbar erschienen, was - so meinte man - dem Anliegen einer Aufwertung von Familienpolitik eher schaden könnte. Es wurde andererseits auch gesehen, dass die Chance, die gesellschaftliche Unterbewertung von Familientätigkeit im Vergleich zur Erwerbstätigkeit sichtbar zu machen, Anstöße zu Reformmaßnahmen geben konnte. Konsensfähig war, dass ein Projekt, das den Titel tragen sollte: Die Bedeutung der "Neuen Haushaltsökonomik" für die Ziel- und Mittelbestimmung moderner Familienpolitik, die Art eines sozialen Sicherungssystems kritisch beleuchten musste, welches von der Anspruchsgrundlage her die Familientätigkeiten nicht oder allenfalls nur sehr unzulänglich berücksichtigte. Schließlich hatten bereits das Beiratsgutachten über die Leistungen für die nachwachsende Generation ebenso wie der Dritte Familienbericht deutlich gemacht, dass die These, die "Öffentlichkeit" übernehme über den Familienlastenausgleich erhebliche Anteile dieser "Last", nur einer Selbsttäuschung der Öffentlichkeit Vorschub leistete und zugleich eine gewichtige Fehlinformation für die betroffenen Familien darstellte. Zu revidieren war die Auffassung, dass allein das, was über den Markt geht, also im Marktprozess mit Preisen versehen wird, gesellschaftlich etwas wert ist. Wie so oft in der Wissenschaft ging es hier um eine Verknüpfung von Theorie und Praxis, deren Handhabung weit in die politische Arena hineinragt. Soweit wissenschaftliches Arbeiten Aufklärung und Steuerung intendiert, wie Hans Albert zu Recht immer wieder betont hat, ist dessen politische Komponente stets präsent und zudem intendiert. Somit besitzen auch Forschungsarbeiten, die die Politik zugunsten von Familien mit legitimen Argumenten über konkreten Handlungsbedarf ausstatten wollen, "eine grundsätzliche politische Dimension" (Wingen 1991, S. 4). Das war der Rahmen, in dem sich die Vorbereitungen für die Familien-Zeitbudgetstudie des Instituts für Sozial- und Familienpolitik im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Philipps-Universität Marburg vollzogen. Das theoretische Fundament dieser Untersuchung zeichnete sich deutlich ab: Aus der Sicht der Wirtschaftswissenschaft sind Aufwendungen für die nachwachsende Generation Investitionen in Humanvermögen. Wesentliche Elemente solcher Aufwendungen, vor allem aber deren bislang wenig bekannte Zeitstruktur, in einer hinreichend repräsentativen empirischen Studie zu erfassen, war das Endziel des Projektes. Zu dessen "krönendem Abschluss" kam es vor allem deshalb, weil Prof. Wingen inzwischen - als Präsident des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg - die empirische Forschung sehr aktiv zu fördern vermochte. Er brachte die "volle Unterstützung" seines Hauses in das Projekt ein. Er mobilisierte "jene fachstatistische Kompetenz ..., ohne die ein solches umfassendes Projekt durch das Marburger Institut nicht hätte durchgeführt werden können" (Krüsselberg, Auge, Hilzenbecher 1986, S. VIII). Auch dieser Tatbestand besitzt eine politische Dimension: Die Zukunftschancen für die selbstbestimmte Forschung an den Universitäten werden nicht unerheblich davon abhängen, inwieweit es zur Kooperation mit den staatlich finanzierten "großen" Forschungszentren kommt und inwieweit es in den zuletzt genannten Institutionen Persönlichkeiten gibt, die für einen derartigen Forschungsverbund sensibel sind. 2. Die Basis für familiale "Wohlfahrtslagen": Nutzenmaximierung oder Vermögensposition ?In der Chicago-Schule dominiert die entscheidungslogische , allokationstheoretische Perspektive. Sicherlich kann von einem handlungsbezogenen Denkansatz gesprochen werden. Die Familie erscheint als Entscheidungsinstanz für die "Allokation" von Zeit und Gütern zum Zweck des Haushaltskonsums und der Haushaltsproduktion. In der Chicago-Variante will die "Neue Ökonomik" der Familie jene Verhaltensweisen erfassen und einer Erklärung zuführen, denen kalkulatorische Entscheidungen über knappe Ressourcen und Vermögenspotentiale zugrunde liegen. Dabei gilt die Annahme, dass die Begrenzung des Handelns durch die historische Zeit seitens der Familie als "primäre Knappheit" empfunden wird. Der Zeitablauf soll deshalb nach Maßgabe eigener Präferenzen gestaltet werden; er wird nicht passiv hingenommen. Zeit ist ein Objekt familialer Wahlhandlungen. Über deren Einsatz wird bewusst zum Zweck der Maximierung familialen Nutzens durch Produktion und Konsum verfügt.Restriktionen für das Maximierungskalkül stellen sich in Form der familialen Produktionsfunktion, der begrenzten individuellen Zeitbudgets, der persönlichen Möglichkeiten, Lohneinkommen zu erzielen, sowie anderer relevanter Variablen dar. Im Unterschied zur traditionellen Perspektive der mikroökonomischen Haushaltstheorie werden die am Markt erworbenen Konsumgüter nicht mehr unmittelbar mit der Nutzenstiftung für Haushaltsmitglieder identifiziert. Diese Güter sind lediglich "Einsatzfaktoren", mit deren Hilfe unter Einbringung eigener Zeitelemente der Haushalt erst jene Leistungen ("commodities") erstellt, die in seine individuelle Nutzenfunktion eingehen. Die neue Analyse betrachtet als Ergebnisse der Haushaltsproduktion die Schaffung von "skills, health, self-esteem, and various other 'commodities'" (Becker 1981, S. 4 ff.; Krüsselberg u.a. 1986, S. 35 ff.). Menschliche Fertigkeiten, Gesundheit, Selbstwertschätzung, individualisierte Bereitstellung von Mahlzeiten und persönlichen Dienstleistungen - ihr Entstehen ist Erklärungsgegenstand, nicht ihre - wie auch immer bewirkte - Verfügbarkeit. "Output" sind sowohl Endprodukte als auch Zwischenprodukte, was für die Interpretation eher verwirrend ist. Entscheidend ist hier, dass "skills, health, self-esteem" die Endprodukte in einer individualisierten, auf spezifische Präferenzen und spezifische Handlungspotentiale zugeschnittenen Form sind. Das ist das zentrale Ergebnis familialer Leistungen. Im Gegensatz zu Einkommen oder Faktoreinsätzen, die in der ökonomischen Perspektive als Stromgrößen gelten, stellen Geschick und Wissen, Selbstwertgefühl und Gesundheit Bestandsgrößen dar. Sie begründen konstitutive Elemente des menschlichen Handlungspotentials, menschliche (humane) "Aktiva". Theoretisch exakt argumentierende Ökonomen belegen die Gesamtheit solcher Aktiva mit dem Begriff des Humanvermögens. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es eine bis zu deren Ursprüngen zurückreichende vermögenstheoretische Tradition (siehe zum folgenden Krüsselberg 1997, S. 115 ff. ; Krüsselberg 1999, S. 433 ff., 444 ff.). Bereits im Kameralismus des 17. und 18. Jahrhunderts betonten die Autoren die Bedeutung einer "gutbeschäftigten zahlreichen Bevölkerung" und die Pflicht des Fürsten als "Treuhänder des Schöpfers auf Erden", sowohl diesen wohlstandsbestimmenden Faktor als auch das Realvermögen zu mehren und in seinem Bestand zu schützen. Quesnay (1694-1774) und andere Physiokraten machten den physischen "Kapitalbegriff" zum theoretischen Ausgangspunkt für "Kreislaufprozesse". Er umfasste Geld, die erworbenen und natürlichen Fähigkeiten aller Einwohner sowie die "Subsistenzmittel der 'produktiven' Arbeiter". Vermögen wurden hier als "Vorschüsse" betrachtet, die in Form von Gütern oder Qualifikationen vor Beginn der in Frage stehenden Produktion anzusammeln waren - als unabdingbare Voraussetzung für jede produktive Variante wirtschaftlicher Aktivität. Betrachtet man den Aufbau von "An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations" (1776) als Grundlegung der ökonomischen Konzeption bei Adam Smith, lässt sich nicht übersehen, dass hier ganz konsequent vermögenstheoretisch argumentiert wird. Zu erklären sei das Zustandekommen der Quellen oder Fonds, aus denen die Güter fließen, die der laufenden Bedarfsdeckung dienen. Der Denkansatz lautet: Voraussetzung für die Existenz von Gütern und Diensten ist der Aufbau und die dauerhafte Existenz von produktiven Ressourcen: ein Bestand an erwerbsfähiger Bevölkerung, d.h. an Humanvermögen (Buch 1 des "Wealth of Nations"), und an angesammeltem ("akkumuliertem") Produktivvermögen (Buch 2). Zur Beantwortung der Frage nach den Wohlstandsunterschieden zwischen den Völkern verweist Smith auf folgende Ursachen: Es sind die Varianten in den Gesetzen und Institutionen, die dazu beitragen, den Aufbau und die Bestandserhaltung aller produktiven Vermögen gewährleisten. An sich bot sich deshalb für Friedrich List (1789-1846) von dieser Seite her gesehen kein Ansatzpunkt für seinen (human-)vermögenstheoretisch argumentierenden Angriff auf die klassische Tradition der Nationalökonomie. Er konstatierte die Existenz eines Spannungsverhältnisses zwischen einer "Theorie der Werte" und einer "Theorie der produktiven Kräfte" und betonte, man müsse der Theorie der Werte eine eigene Theorie der produktiven Kräfte zur Seite stellen, um erklären zu können, was gesellschaftliche und individuelle Aktivität vom Ansatz her überhaupt erst in Gang setze. Zu analysieren seien "der Geist, der die Individuen belebt, ... die gesellschaftliche Ordnung, welche ihre Tätigkeit befruchtet, ... die Naturkräfte, deren Benützung ihnen zu Gebote steht", und die Art, in der der Mensch seine Beziehung zur "Zukunft" sieht ..., insgesamt also "das geistige Kapital der lebenden Menschheit". Überall zeige uns die Geschichte eine mächtige Wechselwirkung zwischen den gesellschaftlichen und den individuellen Kräften und Zuständen; sie lehre, dass die Individuen den größten Teil ihrer produktiven Kraft aus den gesellschaftlichen Institutionen und Zuständen schöpfen. Deshalb sei es unabdingbar, jene volkswirtschaftlichen Leistungen besonders zu würdigen, die dem Aufbau dieses "geistigen Kapitals" dienen, nicht zuletzt die Leistungen in den Familien. Solche Betrachtungen finden sich zahlreich auch in den Werken der Vertreter der deutschen historischen Schule. Noch vor ihnen hatte Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) die theoretische Grundlegung für seine sozialreformerischen Ideen in die These gekleidet, Investition in die Bildung und ein breit gestreuter Aufbau von Arbeitnehmer-Produktivvermögen durch Ergebnisbeteiligung erhöhten den materiellen Wohlstand, ohne den wiederum "Geistesbildung des Volks" nicht sein könne. Alles dies sei "mit den in die menschliche Natur gelegten Eigenschaften und Kräften verträglich". Thünen hält es aus volkswirtschaftlicher Sicht für unendlich wichtig zu ermitteln, wie viel an Kapital Eltern in ihre Kinder - und generell Gesellschaften in die nachwachsende Generation - investieren. Er versteht die "innere Scheu" vor einer mutmaßlichen "Entwürdigung" des Menschen durch eine Erfassung dessen, was für einen Menschen an Kosten aufgewendet wird. Aber er kritisiert unmissverständlich die daraus resultierende "Verworrenheit" der Begriffe über "einen der wichtigsten Punkte der Nationalökonomie". Der Mensch stelle den zentralen Teil des gesellschaftlichen Produktivvermögens dar. Deshalb werde schlechthin mit den Investitionen in das Humanvermögen über die Zukunft der Menschheit entschieden. Diese in zahlreichen Linien der wirtschaftswissenschaftlichen Tradition angelegte Würdigung der vermögenstheoretischen Perspektive wurde vornehmlich mit der nach Keynes erfolgten Wiederbelebung der Makrotheorie erneut aktualisiert. Wachstumstheoretische Modelle konnten schwerlich auf die Betrachtung des Vermögensbestandes verzichten. Nachdem lange Zeit in der Wachstumstheorie vornehmlich auf Realvermögen (meist Kapital genannt), Arbeit und - eventuell - auf den technischen Fortschritt als die die volkswirtschaftliche Produktivität bestimmenden Faktoren hingewiesen wurde, hat sich in den neunziger Jahren dieses Jahrhunderts eine Version besondere Aufmerksamkeit verschafft, die explizit den Produktionsfaktor "Humankapital" als Bestimmungselement einbringt. "Humankapital" wird hier definiert als "Summe aller in der Vergangenheit vorgenommenen Erziehungs- und Ausbildungsinvestitionen" (siehe hierzu etwa Mankiv 1999, S. 435, 562 f.). In mikroökonomischer Wendung hat vor allem Kenneth F. Boulding die Relevanz des Vermögensbestandes für die Behandlung des Wohlfahrtproblems hervorgehoben (Boulding 1970, 43 ff., 45). Er meint, die Wohlfahrt, besser: der Wohlstand von Wirtschaftssubjekten, sei sinnvoller durch die Erfassung des in ihrem Verfügungsbereich befindlichen Vermögensbestandes zu ermitteln als Größe, die das eigentliche Einkommenspotential erst begründet, als durch die jeweils in einer laufenden Periode erzielten Einkommen. Es komme zur Erfassung der Handlungspotentiale eher auf die längerfristige Chance der Nutzung produktiver Aktiva an als auf die eher kurzfristig mögliche Notierung anfallender Einkommen oder gar oft spontan vollzogener Konsumausgaben. Die Wohlfahrt der Gesellschaft soll deshalb "strictly by its state or condition" gemessen werden, d.h. durch deren "totale Vermögensstruktur einschließlich ihres Humanvermögens". Die Wohlfahrt einer Person werde durch die ihr verfügbaren Handlungsvoraussetzungen als "stocks" (Bestandsgrößen) determiniert. Einkommen oder Konsum als "flows" (Bewegungsgrößen) werden sicherlich dazu dienen, die Bestandsgrößen als Handlungsvoraussetzungen zu erhalten oder zu erweitern. Gleichwohl: "The significant measure of human welfare ... is not the throughput of energy or materials or even values. It consists of the state and the environment of the human individual". In dieser Perspektive lassen sich Differenzen in den "Wohlstandsniveaus" von Familien am ehesten auf dem Wege über die Feststellung der Unterschiede in menschlichem Handlungsvermögen, im Zugang zu komplementären produktiven Aktiva und anderen extern angebotenen Inputs, z.B. den ihnen gesellschaftlich gebotenen Möglichkeiten des Zugangs zu öffentlichen Gütern und allgemeinen Rechten, ermitteln. 3. Familienpolitik ist Politik zur Sicherung der "Zukunft des Humanvermögens"Im Fünften Familienbericht wird unter dem Stichwort "Zukunft des Humanvermögens" eine Generaldebatte über die Lage der Familie in der Gegenwart und die daraus folgenden Aufgaben für eine zeitgerechte Familienpolitik geführt. Der Familienberichtskommission dient der Begriff Humanvermögen dazu, einmal in qualitativer Perspektive auf die Bedeutung menschlicher Handlungskompetenzen für jegliche Entscheidung aufmerksam zu machen. Zum anderen erlaubt oder fordert er gar, wenn die Politik nach einer Objektivierung der oft kontroversen Perspektiven trachtet, den Versuch einer quantitativen Präzisierung zur Ermittlung des volkswirtschaftlichen Gewichts der Leistungen von Familien als Wertgröße. Im ersten Sinne stellt er klar, dass menschliches Handlungspotential Kompetenz bedeutet, die Fähigkeit zu sinnvollem Handeln im Alltags- und Wirtschaftsleben - als Daseinskompetenz und als Fachkompetenz. In quantitativer Hinsicht geht es um eine spezielle Ermittlung des Wertes von Humanvermögen, nicht zuletzt um dessen Relation zu anderen Vermögenskategorien ausweisen zu können. In diesem Kontext wird dann aber auch dringend die Frage zu beantworten sein nach dessen mutmaßlichem Beitrag zur "Produktivität" einer gegebenen Wirtschaftsgesellschaft, eine Frage, die seit kurzem in den Wirtschaftswissenschaften wiederum diskutiert wird.Erst mit den bereits erwähnten Zeitbudgetstudien wurde es möglich, für die Bundesrepublik Deutschland repräsentativ die Leistungen der Familien für die Schaffung von Humanvermögen in ihrer Gesamtheit zu ermitteln. Entscheidend war die Erfassung des "Mengengerüsts" der hier eingebrachten Zeiteinheiten an konkreten Dienstleistungen als Grundlage für deren Bewertung in monetären Größenordnungen (siehe hierzu etwa Wingen 1997, S. 42 f.). Für die Gesamtheit der Versorgungs- und Betreuungsleistungen in einer Zwei-Kinder-Familie ließ sich ein Wert bis zum 18. Lebensjahr pro Kind in Höhe von ca. 400.000 DM ermitteln, wobei die Bewertungsansätze sehr moderat blieben. Werden hier zudem die Einkommensverluste wegen Unterbrechung des Erwerbslebens (überwiegend der Mütter) in Rechnung gestellt, wäre - für eine sechsjährige Dauer dieser Unterbrechung - bei einer "höheren" Qualifikation ein weiterer Betrag in Höhe von ca. 540.000 DM einzukalkulieren (siehe zunächst Lampert 1993; ferner Fünfter Familienbericht 1994, S. 291 ff.). Damit nähern sich die "Kinderkosten" in Deutschland der Millionengrenze an. Diese Zahlen belegen überzeugend, weshalb hier von einer Investition in Humanvermögen die Rede sein muss. Investition bedeutet Vermögensbildung. Deshalb kann das Ergebnis dieser Investitionen zu Gunsten der nachwachsenden Generation nur "Humanvermögen" und nicht "Humankapital" heißen. Menschliches Handlungspotential ist ein Aktivum besonderer Art; dieses Aktivum ist der Inbegriff für die sich den Menschen konkret bietenden Chancen, ihr Leben aus eigener Kraft und in eigener Initiative zu meistern und zu gestalten. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass alle Aktivitäten, die es den Familien erleichtern, Vermögen in mehrfacher Form zu bilden, in die vielleicht bedeutendste sozialpolitische Rubrik der "Hilfe zur Selbsthilfe" fallen. Die Familie gibt "Kindern das notwendige Vertrauen in den Wert der eigenen Person wie in die Zukunft. Sie vermittelt die Erfahrung, dass der einzelne Mensch nicht schutzlos ist und dass Belastungen gemeinsam tragbar werden. Im Erleben individueller Geborgenheit werden Kinder gleichzeitig hingeführt zu Toleranz, Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme" (Fünfter Familienbericht, S. IV). Hier ist vor allem die Schaffung von Daseinskompetenz angesprochen. Die Bildung von Fachkompetenz ist im Spiel, wenn es heißt, in der Familie werde gleichfalls darüber entschieden, wie es in der nachwachsenden Generation um die für Schule und Ausbildung ebenso wie für die Arbeitswelt besonders bedeutungsvolle Lern- und Leistungsbereitschaft bestellt sei (ebd. S. 27). 4. Humanvermögen - der völlig unterschätzte Produktionsfaktor?In den Wirtschaftswissenschaften sind sehr detaillierte Studien durchgeführt worden mit dem Ziel, die jeweiligen Beiträge zum Wirtschaftswachstum zu ermitteln, welche von den mutmaßlichen (Produktions-) Faktoren geleistet werden. Intendiert wird die empirische Erfassung einer "Multifaktor-Produktivität". Für den Zeitraum von 1948 bis 1990 wurde ermittelt, dass in den USA etwas mehr als die Hälfte der Produktionssteigerungen (57%) auf das Konto eines intensivierten Arbeits- und Kapitaleinsatz zurückzuführen sei. Der Rest, der "Residualwert", ein Wert, der nicht durch die Veränderung der Faktoreinsatzmengen erklärt werden kann, wird auf 43% der Gesamtzuwächse beziffert. Dieser Teil, "gesamte Faktorproduktivität" genannt, wird den Komponenten Ausbildung, Innovationen, Skaleneffekte, wissenschaftlicher Fortschritt und "andere Faktoren" zugerechnet. Hiervon sei - so Samuelson und Nordhaus (1998, S. 627) - der Anteil von 12% dem Element der Ausbildung und ein Anteil von 31% der Rubrik "Wissensfortschritte und sonstige Ursachen" zuzurechnen. Die dort genannten Zahlen basieren auf Ergebnissen einer bahnbrechenden Untersuchung von Denison und laufender Fortschreibungen durch die amtliche Statistik.In seinem 1990 erschienenen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Wachstumstheorie von der Klassik des 18. Jh. bis zur Gegenwart erinnert W.W. Rostow an die Grundthese der auch von uns oben erwähnten Autoren - jener Autoren, "aus deren Werken die Spezialdisziplin der Wirtschaftswissenschaften erwuchs". In ihren Werken sei immer das Element "sozialkulturelles Milieu" in der Diskussion gewesen. Die Beachtung dieser Einsicht erinnerten - so meint er - den empirisch arbeitenden Ökonomen stets an die Tatsache, dass "nichtökonomische Variablen unentrinnbar relevant sind für die Analyse wirtschaftlichen Wachstums". Diese Mahnung - so moniert er - habe die Wirtschaftswissenschaft nicht immer beachtet. Gleichwohl seien hier Erkenntnisse gesammelt worden, die weiterhin Forschungsstrategien befruchten sollten. Ausdrücklich erwähnt er die Arbeiten von Arthur Lewis. Dieser verweist auf die Unterschiedlichkeit von "Attitüden". Ohne Rückgriff auf dieses Erklärungselement werde es unmöglich, sozialen Wandel zu verstehen (Rostow, 1990, S. 396ff.). Zu diesem Teil der Literatur zählen auch handlungsorientierte Untersuchungen, auf die Rostow selbst nicht eingeht. Zu erwähnen wäre etwa in diesem Kontext, dass in einer eher entwicklungstheoretisch angelegten Variante der Wachstumstheorie durch David McClelland ein sozialpsychologischer Ansatz verwendet wurde. Dort betont dieser Autor - unter Berufung auf Denkanstöße, die letztlich auf Max Weber zurückführen, - dass im internationalen Vergleich vor allem dem "Leistungsmotiv" besondere Bedeutung zukomme. Er hebt hervor, dass Leistungsmotivation nicht ohne Rückgriff auf die unterschiedlichen Stile der Kindererziehung wissenschaftlich zu erfassen sei. "Both for theoretical and empirical reasons research on 'intrinsic' determinants of an achievement has concentrated on the family" (McClelland, David C.: The Achieving Society, 1976/61, S. 340ff.). In einer ergänzenden Bemerkung zur Wiederauflage seiner Studie nach fünfzehn Jahren führt McClelland aus, er habe die Hauptthese seines Werkes kaum ernsthaft in Frage gestellt gesehen. Gleichwohl schwächt er das Argument ab, allein in der Kindheit könne Leistungsmotivation vermittelt werden. Zwar sei es vermutlich in der Periode der mittleren Kindheit - im Alter von vier bis acht - am leichtesten, dauerhaft Leistungsmotivation zu entwickeln (selbst das wisse man ebenfalls nicht "sicher"). Als kulturell relevante Einflussgröße bleibe die Vermittlung von leistungsbezogenen Einstellungen durch die Eltern gleichwohl ein für die wirtschaftliche Entwicklung äußerst beachtlicher Faktor (McClelland, 1976, C ff.). Das ist ein Thema, das die Autoren des Fünften Familienberichts ebenfalls beschäftigt hat. Deren Meinung lautet, dass "nur mit den Sozialisationserfolgen der Familien einerseits und des Bildungs- und Ausbildungssystems andererseits effizientes Wirtschaften möglich wird". Zwar werde heute schon weitgehend anerkannt, dass die Produktivität einer Wirtschaft in hohem Maße von der Qualifikation der Arbeitskräfte abhänge. Diese Qualifikation allein über die Aufwendungen für die Bildung zu erfassen, sei "zu verkürzt". Arbeitsmotivation, Verantwortungsbereitschaft, Zuverlässigkeit seien "soziale" Qualifikationen, die in der Familie vermittelt würden, - Leistungen, deren Bedeutung in der Gesellschaft angemessen zu erkennen seien (siehe zu dieser Auffassung der Kommission die Stellungnahme der Bundesregierung S. V). Die bereits erwähnte explizite Berücksichtigung von Humanvermögen als Einsatzfaktor eigener Art in Wachstumsmodellen erfolgte ausdrücklich unter dem Stichwort: "Ein Beitrag zur Empirik wirtschaftlichen Wachstums" (Mankiw, Romer, Weil 1992). Ihre Ergebnisse wurden mit der Begründung angezweifelt, dass sie den Schulbesuch zum empirischen Maßstab für "human capital"-Niveaus gewählt hatten (Dinopoulos, Thompson 1999, S. 135ff.). Man sieht, es ist wohl die Zeit gekommen, nachdrücklicher als bisher der Frage nachzugehen, wie hoch der Beitrag ist, den Familien definitiv leisten zur Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität. Meines Erachtens ist es nicht unwahrscheinlich, dass man dabei zu einem Ergebnis kommt, welches eine These aktualisiert, die vor vielen Jahren (1955), von namhaften Familienwissenschaftlern gestützt, in einer Denkschrift des damaligen Bundesministers für Familienfragen dokumentiert wurde. Es ist die These, eine etwa fünfzigprozentige Entlastung der Familien im Bereich der Kosten für die nachwachsende Generation sei ein Gebot der "Gerechtigkeit für die Familien". Max Wingen sei es gedankt, an diesen historisch bedeutsamen Satz behutsam, aber stetig erinnert zu haben (Wingen 1993, S. 15f., 77, 107f.). Literatur
Becker, Gary S., A Treatise on the Family, Cambridge, Mass., 1981. QuelleDer vermögenstheoretische Zugang zur Familienpolitik, in: Bernhard Jans, Andre Habisch, Erich Stutzer (Hg.), Familienwissenschaftliche und familienpolitische Signale. Festschrift für Max Wingen zum 70. Geburtstag. Grafschaft 2000, S. 79-88 Autor
Prof. em. Dr. Hans-Günter Krüsselberg | ||
Letzte Änderung: 10.05.2007 14:07:32 |