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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Familienberatung

Martin R. Textor        Martin R. Textor


Familienberater/innen bzw. -therapeut/innen gehen davon aus, dass viele psychische Probleme, Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische Erkrankungen und Suchtkrankheiten ihren Ursprung im Beziehungsnetz des betroffenen Erwachsenen oder Kindes haben. Symptome resultieren also aus pathogenen Strukturen und Prozessen im sozialen Umfeld dieser Personen, insbesondere aus ihren Ehe- und Familienbeziehungen. Familienberater/innen schreiben aber den Betroffenen und den Menschen in ihrem Umfeld nicht die Schuld für die Störungen zu, sehen diese nicht als Verursacher. Vielmehr gehen sie von einem systemtheoretischen Modell aus, nach dem jedes Element (Einzelperson, Subgruppe) von den anderen bestimmt wird und diese wiederum beeinflusst, nach dem es keine einfachen Ursache-Wirkungs-Abläufe gibt, sondern komplexe Ereignisketten, Rückkoppelungsprozesse und zirkuläre Vorgänge.

Das "gestörte" Individuum wird als "Symptomträger" bezeichnet, da seine Symptome auf pathogene Beziehungs- und Familienstrukturen bzw. -prozesse verweisen und diese symbolisieren. Die psychischen Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten der Einzelperson werden somit in engem Zusammenhang mit interpersonalen Konflikten, Familienkrisen, unzureichend erfüllten Rollen, Kommunikationsstörungen, problematischen Beziehungsdefinitionen usw. gesehen. Aus dieser Sichtweise ergibt sich, dass das Beziehungsnetz des Symptomträgers zur eigentlichen Behandlungseinheit werden muss - für Familienberater/innen ist in erster Linie der "Patient Familie" (Richter) therapiebedürftig. Somit klären sie die zwischenmenschlichen Ursachen von Problemen, helfen bei der Lösung von Konflikten, verändern Kommunikationsprozesse, Beziehungsdefinitionen, Rollen und Systemeigenschaften. Dadurch werden indirekt auch das Verhalten und Erleben der Familienmitglieder modifiziert - und die Störungen des "Symptomträgers" behoben, da ihre Ursachen und die sie aufrecht erhaltenden interpersonalen Prozesse wegfallen. Generell fördern Familienberater/innen das partnerschaftliche Zusammenleben in Ehe und Familie.


Ablauf einer Familienberatung

Zunächst müssen interessierte Personen telefonisch einen Beratungstermin vereinbaren. Beim ersten Gespräch - an dem möglichst beide Partner und ihre Kinder teilnehmen sollten - begrüßt der Berater die Familienmitglieder, bietet ihnen Sitzplätze an und leitet die wechselseitige Vorstellungsrunde ein. Da beide Seiten in dieser Situation oft nervös, unsicher, aufgeregt oder ängstlich sind, werden vielfach zunächst allgemeine Gesprächsthemen angeschnitten, bis sich alle Anwesenden ein wenig entspannt haben. Dann werden in der Regel Daten über die Partnerbeziehung und die Familie erfragt. Anschließend werden die vorherrschenden Probleme und Konflikte ermittelt. Der Berater stellt ähnliche Fragen nacheinander an jedes einzelne Familienmitglied, sodass er einen Eindruck von den Sichtweisen und Schwierigkeiten einer jeden Person bekommt. Ferner fragt er nach den Vorstellungen der Klient/innen von einem befriedigenden Familienleben.

Schon im Erstinterview sammelt der Berater eine Vielzahl diagnostisch relevanter Informationen, verschafft sich einen Eindruck von den vorherrschenden Problemen und stellt erste Vermutungen über deren Ursachen an. Vereinzelt greift er schon therapeutisch ein, fördert z.B. einen guten Kommunikationsstil und das wechselseitige Verstehen der Familienmitglieder, stärkt die Autorität der Eltern, kontrolliert modellhaft das Verhalten der Kinder oder hilft bei der Bewältigung von Krisen. Ferner klärt er, ob überhaupt eine Familienbehandlung sinnvoll ist oder ob die Klienten an andere psychosoziale Einrichtungen zu überweisen sind. Hält er eine Familientherapie für geeignet, informiert er über deren Ablauf, Anforderungen und Bedingungen. Er definiert seine eigene Rolle, klärt Erwartungen und geht auf Missverständnisse ein. Schließlich bespricht er mit den Familienmitgliedern die Ziele für die weitere Behandlung.

Bei späteren Sitzungen wird beispielsweise die Struktur einer Familie verändert, indem Koalitionen zwischen Familienmitgliedern aufgebrochen, symbiotische Beziehungen (z.B. zwischen Mutter und Kind) aufgelöst, Grenzen zwischen familialen Subsystemen oder zu sich einmischenden Schwiegereltern gestärkt und Rollen wie die des Symptomträgers oder Sündenbocks hinterfragt werden. Der Berater hilft älteren Kindern, sich von der Familie abzulösen und selbstständig zu werden. So informiert er die Eltern, welche Rechte, Anforderungen, Aufgaben und Belohnungen der Entwicklungsstufe des jeweiligen Kindes entsprechen. Ferner hilft er Eltern, dem Verhalten des Kindes angemessene Grenzen zu setzen, bestimmte Regeln aufzustellen und diese aufrechtzuerhalten. Auf solche und ähnliche Weise verbessert er ihr Erzieherverhalten.


Wo erhalte ich Familienberatung?

Weitestgehend kostenlos ist eine Familienberatung bei Erziehungsberatungsstellen. Oft können auch Ehe- und Familienberatungsstellen sowie Jugendämter helfen. Frei praktizierende Psychotherapeut/innen und Psycholog/innen verlangen hingegen in der Regel ein Honorar.


Autor

Dr. Martin R. Textor ist wissenschaftlicher Angestellter am:
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstr. 9
80797 München


Letzte Änderung: 30.12.2006 13:51:13Zum Seitenanfang