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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Ferienzeit gleich Urlaubszeit? Nicht für alle Eltern!

Susanne Grohs-v. Reichenbach       Susanne Grohs-v.Reichenbach

Ihre Kinder können den Ferienbeginn kaum noch erwarten, die Vorfreude auf die freie Zeit ist groß. So soll es auch sein - jedoch verlangen Kindergartenschließung und erst recht die ausgedehnten Schulferien von vielen berufstätigen Eltern Jahr für Jahr eine planerische Meisterleistung.

In der öffentlichen Diskussion wird beim Thema "Kinderbetreuung" meist über Krippen, Kindergärten oder Horte debattiert. Merkwürdigerweise fehlt es offenbar an Bewusstsein darüber, welche Betreuungslücken sich für Eltern von Grundschülern in den Schulferien auf tun. Betroffene Eltern sind sich jedoch in der Regel einig: Die "echten" Herausforderungen in punkto Vereinbarkeit von Familie und Beruf beginnen im deutschen Schulalltag. Denn 6jährige Kinder können und dürfen nicht sich selbst überlassen werden.

Wer bekommt wann wie viel Urlaub? Welche Wochen werden gemeinsam mit den Kindern verbracht und was geschieht mit der restlichen Zeit? Für sämtliche Ferienwochen gilt es herauszufinden, wie Arbeit und Ferienzeit in Einklang zu bringen sind. Dies betrifft in jedem Fall alle Familien, die ohne zuverlässige Unterstützung von Großeltern oder privat finanzierte Kinderbetreuung zurecht kommen müssen.

Dabei sind deutsche Eltern noch gut gestellt, wenn wir die Urlaubstage im Vergleich zu Eltern in anderen Ländern zählen. Gerade der Blick in eines unserer bevorzugten Urlaubsländer - Spanien - ist für dieses Thema aufschlussreich. Dort gibt es normalerweise vier Wochen Urlaub im Jahr, aber gut 14 Wochen Schulferien. Und bewegliche Ferientage. Nicht zu organisieren? Welche Lösung sich jedoch spanischen Eltern bietet, lesen Sie weiter unten. Dieser Blick ins Ausland kann uns neue Impulse bieten: Schließlich befinden wir uns mitten in der Diskussion um die Weiterentwicklung unseres Schulsystems. Und schließlich liegt es auch in unserer Hand, wo und wie wir als Eltern unsere Anliegen zum Ausdruck bringen.

Wie gehen Eltern in der Regel vor, wenn die Ferienplanung ansteht?

Nachdem eingegrenzt ist, wann Mutter, Vater oder auch beide gemeinsam Urlaubstage nehmen können, muss die Betreuung für die restlichen Wochen geplant werden. In vielen Familien können die Kinder einen Teil der Ferienzeit gemeinsam mit Großeltern oder anderen Verwandten verbringen. Für die Kinder gibt es bei diesem Zusammensein oft unvergessliche Erlebnisse, die sie mit den Familienmitgliedern verbinden und ihre Entwicklung bereichern. Im Zeitalter der Mobilität leben Familien und Großeltern häufig nicht am selben Ort und der Kontakt zur erweiterten Familie fehlt im Alltag. Dies lässt sich somit in den Ferien nachholen. Doch für die verbleibenden Ferienwochen, besonders im Sommer, müssen Alternativen eingeplant werden. Wo können Eltern "fündig" werden?

Ferienlösungen in der Berufswelt

Was wie ein Widerspruch klingt, muss gar keiner sein: Vielen Unternehmen ist daran gelegen, ihren Mitarbeitern bei der Betreuung ihrer Kinder zu helfen, denn der Arbeitsanfall richtet sich nicht nach den Schulferien. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten mit häufigen Umstrukturierungen passen sich aber auch die Arbeitnehmer mit ihren Urlaubsplänen eher den betrieblichen Gegebenheiten an.

In den Ferien weiter arbeiten: Viele Eltern mit gleitender Arbeitszeit finden einen guten Weg. Sie überlegen, ob etwas Ferienzeit mit dem Gleitzeit-System zu überbrücken ist: Arbeitet ein Elternteil z.B. in Teilzeit und kann der andere, voll Erwerbstätige, gleichzeitig einige Überstunden abbauen, schaffen es beide, nacheinander zur Arbeit zu gehen. Ergänzend kann eventuell Heimarbeit vereinbart werden, um alle Aufgaben wie gewohnt erledigen zu können. Für die Kinder ist auf diese Weise den ganzen Tag gesorgt, und die Eltern fallen am Arbeitsplatz nicht aus. Natürlich hängt es stark vom Arbeitgeber ab, ob und für wie lange eine derartige Lösung akzeptiert werden kann. Und auch die Eltern brauchen eine Extraportion Disziplin.

Inzwischen gibt es auch eine Reihe von großen Arbeitgebern, die Ferienprogramme für die Kinder ihrer Mitarbeiter anbieten. Hier zwei Bespiele: Bei der "Ferienfreizeit" der Universität Freiburg werden im August Kinder von Universitätsbeschäftigten ab 3 Jahren in zwei Gruppen täglich von 8.00 bis 16.30 Uhr betreut. Bei der Siemens AG gibt es für Kinder in München und Erlangen in den großen Ferien ein Programm, das ganztags Spiel und Spaß verspricht. Da die Mitarbeiter an verschiedenen Standorten tätig sind, wird z.T. sogar ein Fahrservice angeboten, damit Distanzen nicht zum Hindernis werden. Für die Eltern stellt dies eine erhebliche Entlastung dar. Die Anmeldung kann ohne großen Aufwand elektronisch durchgeführt werden - ein zeitsparender Service.

Zusätzlich arbeitet Siemens mit einer Agentur zusammen, die verschiedene Betreuungsleistungen vermittelt, die im öffentlichen Angebot einfach fehlen. Die pme Familienservice GmbH hat in ganz Deutschland ca. 150 Firmen und Behörden als Kunden und bietet für Mitarbeiter von Vertragsfirmen und Privatkunden regelmäßig Ferienprogramme an. So können Eltern z.B. ihre 6- bis 12jährigen Kinder für eine einwöchige Reise mit "Hüttenleben" oder "Ponyreiten" anmelden. Es werden aber auch künstlerische und sportliche Freizeitaktivitäten als Ganztagsprogramm angeboten, bei denen die Kinder morgens abgegeben und abends abgeholt werden können. Diese Lösungen sind ein wichtiger Beitrag, um die Betreuungslücke sinnvoll zu schließen. Und für die Kinder bieten sich neue Erfahrungen im sozialen und kognitiven Bereich, die im schulischen Alltag weniger vorkommen. Allerdings müssen sich die Eltern auf merkliche Kosten und auf eine gewisse zeitliche Einschränkung einstellen, da feste Betreuungszeiten bestehen. Bei mehrtägigen Ferienreisen brauchen sie zusätzlich ein "Ersatzkonzept" in der Hinterhand, denn nicht immer halten Kinder die Trennung von zu Hause durch oder sie müssen aus anderen Gründen vorzeitig abgeholt werden.

Andere Angebote

Öffentliche Träger sind ein wichtiger Anbieter von Ferienprogrammen, an die Eltern bei ihren Planungen denken sollten. In Großstädten wie München gibt es viele Möglichkeiten, die Ferienzeit zu gestalten. Sehr beliebt ist etwa die Aktion "Mini-München International", die Spielstadt für Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 15 Jahren. In dieser können die Schulkinder - laut Veranstalter - arbeiten, studieren, mitbestimmen, Verantwortung übernehmen, Geld verdienen, spielen, lernen und jede Menge Spaß haben. Bereits 7jährige finden es aufregend, sich für das Amt des Bürgermeisters zu interessieren oder vor gleichaltrigen Studenten eine Vorlesung zu halten. Es warten viele wertvolle Erfahrungen auf die Kinder, die in diesen Wochen ihre Stadt einmal ganz anders erleben können. Die Spielstadt Mini-München findet alle zwei Jahre im Wechsel mit der Kinderferienakademie Kunst und Krempel statt. Diese ist im Juli und August von 11-18 Uhr geöffnet und wird von Künstlern, Handwerkern und Kulturpädagogen geleitet. Die Teilnahme ist übrigens kostenlos.

Weiterhin gibt es natürlich das umfangreiche kommunale Ferienprogramm, das Ganztagesbetreuung mit verschiedenen Inhalten - aber auch ganze Ferienreisen wie z.B. 14 Tage auf einem Bauernhof - anbietet. Es richtet sich an Kinder zwischen 6 und 15 Jahren. Sogar ein mehrtägiges Zirkusfestival kann als besondere Attraktion auf dem Programm stehen. Für die Kinder ist es ein einmaliges Erlebnis, für eine Aufführung zu proben und diese dann vor großem Publikum darzubieten - Ferien zu Hause können wirklich Außergewöhnliches bieten!

Es lohnt sich aber auch, die Ferienprogramme von anderen Trägern wie Vereinen oder dem Kinderschutzbund anzuschauen. Auch Kirchen bieten viele Ferienaktivitäten und -freizeiten für Kinder und Jugendliche an. Wer Mitglied in einem Sportverein ist oder werden will, kann dort auf kindgerechte Angebote zurückgreifen. Der Vorteil bei Freizeiten der Sportvereine ist, dass die Kinder meistens die Gruppe kennen, mit der sie zusammen sind oder verreisen. Denn für jüngere Kinder ist es zum Teil nicht einfach, mit vielen fremden Gesichtern schnell zurecht zu kommen. Aus diesem Grund geben Eltern ihren Nachwuchs gern in bekannte Gruppen oder versuchen, Geschwister zusammen anzumelden.

Dass die Anmeldung so komfortabel ist wie bei der Gemeinde Ubstadt-Weiher, bei der die Kinder zur Grundschul-, Nachmittags- und/oder Ferienbetreuung per Internet angemeldet werden können, ist sicherlich eher die Ausnahme. Doch gerade deshalb ist dieses gute Beispiel eine wichtige Anregung, wie Eltern organisatorischer Aufwand erspart werden kann. Das Ferienprogramm existiert übrigens seit 15 Jahren. Es lebt durch über 50 Vereine, die ehrenamtlich das Angebot für Kinder und Jugendliche gestalten.

Vielerorts wird vom Nutzen sogenannter "sozialer Netzwerke" gesprochen, die auch der gegenseitigen Kinderbetreuung im Bekannten- bzw. Freundeskreis dienen. Für berufstätige Eltern muss allerdings schon einiges zusammen passen, damit ihre Kinder genau so ausgetauscht werden können, dass es mit den jeweiligen Arbeitszeiten, Urlaubsplänen und sonstigen Terminen aller Beteiligten harmoniert. Für einen Ad-hoc-Engpass ist es sicherlich immer sinnvoll, einen verlässlichen Ansprechpartner in der Nähe zu wissen. Regelmäßiges gegenseitiges "Kinderhüten" in den Ferienzeiten arrangieren zu können, gehört sicher eher zu den unüblichen Glücksfällen - nicht zu vergessen, dass die Kinder sich untereinander verstehen und mitziehen müssen! Wer sich auf die Kinderbetreuung wirklich verlassen können muss, wird sich sicherlich eine andere Alternative sichern.

So breit gefächert die Möglichkeiten sind, für Kinder ein passendes Angebot zu finden, so zeitaufwändig ist auch die Suche danach. Viele Träger, Anlaufstellen, unterschiedliche Anmeldeprozeduren und verschiedene Veranstaltungsorte: dies sind nur einige Punkte, die für viele Eltern die Nutzung der interessanten Ferienangebote erschweren. Sind mehrere Kinder im Spiel, kann die Planung der Sommerferien schnell zur echten Tüftelei werden - nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht.

"Wer hat hier Ferien?", fragt die Autorin Susanne Mayer (2002) in ihrem aktuellen Buch. Sie resümiert zur Misere der Betreuungslücke in den Ferienzeiten: "Es bleibt sozusagen ein Privatgeheimnis, was berufstätige Eltern mit ihren Kindern machen. Dieses Geheimnis wächst in dem Maße, in dem immer mehr Eltern auf zusätzliche Lohnarbeit angewiesen sind, andererseits aber immer weniger Eltern es sich erlauben können, ohne zusätzliche Erwerbsarbeit in diesen endlosen Wochen der Sommer-, Herbst- und Winterfreizeiten tatsächlich wegzufahren. So telefonieren und verabreden und managen die Eltern, möglichst ohne ihren Kindern das Gefühl zu geben, sie müssten aus dem Alltag irgendwie beseitigt werden."

Vielleicht dringen diese treffend beschriebenen Missstände doch langsam in die Köpfe der politischen Kräfte? Beispielsweise wird von der SPD gefordert, verlässliche Betreuungszeiten an unterrichtsfreien Tagen (z.B. "Brückentage") und in den Ferien bei dem Ausbau der "offenen Ganztagsgrundschule" zu berücksichtigen. So könnte mit anderen Trägern (z.B. Jugendhilfe) ein schulübergreifendes Ferienprogramm organisiert werden. In Zeiten, in denen sich ein hoher Prozentsatz von Müttern kleiner Kinder einen sicheren Platz im Erwerbsleben wünscht, ist diese Forderung keine Lappalie, sondern schlicht eine dringende Aufgabe für die Politik.

Von anderen lernen: Welches Angebot gibt es für spanische Schüler?

Was sich in Deutschland wie ferne Zukunftsmusik anhört, nämlich die Kinder über ihre Schulen in den Ferien betreuen zu lassen, ist in Spanien gängige Praxis. Wenn - was sehr häufig der Fall ist - beide Eltern voll berufstätig sind, können bei ca. vier Wochen Jahresurlaub nicht mehrere Monate Sommerferien (Ende Juni bis Mitte September) überbrückt werden. Dies ist auch gar nicht notwendig, da kommunale Träger für die Schulkinder Ferienprogramme anbieten. Die sogenannten "Casals" haben sich fest etabliert. Die Eltern können meist 14-tägige Blöcke buchen, in denen es Schwerpunkte aus Sport, Kunst oder Musik gibt. Fachkräfte und Studenten leiten die Kinder an. Die Schüler werden von ihren Eltern einige Wochen vor Ferienbeginn angemeldet und erleben das Programm entweder in ihren eigenen Schulen oder in der Nachbarschule. Die Kinder aus einem gewissen Einzugsbereich werden gemeinsam in einer Schule betreut.

Spanische Eltern schildern die Erfahrungen ihrer Kinder als sehr positiv: Schule wird interessant, anregend und vielseitig erlebt, und die Casals ersparen den Kindern, sich jedes Jahr an neue Bedingungen in den Ferien gewöhnen zu müssen. Da die Kinder bereits ab 3 Jahren an ganztägige Betreuung in der Gruppe gewöhnt sind, gibt es in diesem Punkt keine Schwierigkeiten mit dem Anpassungsprozess. Die Nachfrage ist entsprechend groß, obwohl die Kosten von den Eltern selbst getragen werden müssen.

Neben dem öffentlichen Angebot können die Kinder an einem sogenannten "Campus" teilnehmen. Dahinter stehen in der Regel gemischte Träger: Kirchen, Sportvereine etc. Die Jugendlichen können an verschiedenen Arten von Freizeitwochen in der Gruppe teilnehmen: Zeltlager, Basketball-Freizeiten mit einem Trainer aus den USA oder Reiterferien werden organisiert.

Dass vor der Ferienzeit nicht alle Jahre wieder das große Informieren und Auskundschaften ausbricht, empfinden die Eltern als großes Plus ihres Bildungssystems. Doch auch spanische Mütter und Väter müssen noch Organisationstalent beweisen. Hitzefrei gibt es gar nicht mal so selten, und dann stehen auch bei ihnen die Kinder gegen Mittag vor der Tür...

Literatur

Susanne Mayer: Deutschland armes Kinderland. Wie die Ego-Gesellschaft unsere Zukunft verspielt. Plädoyer für eine neue Familienkultur, Frankfurt a. M. 2002.


Autorin

Susanne Grohs-v. Reichenbach ist 40 Jahre alt und erzieht mit ihrem Mann zwei Kinder (9 und 6 Jahre alt). Neben ihrer Berufstätigkeit engagiert sie sich seit langem politisch für gesellschaftliche Zwecke, u.a. als Moderatorin bei öffentlichen Veranstaltungen.

E-Mail: Susanne Grohs-v. Reichenbach




Letzte Änderung: 21.12.2007 09:13:38Zum Seitenanfang