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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Die Stille entdecken - Entspannungstraining mit Kindern

Dieter Breithecker       Foto: Dieter Breithecker


Der Zeit- und Leistungsdruck in unserer heutigen Gesellschaft macht auch vor unseren Kindern keinen Halt. Spätestens mit der Einschulung werden sie verstärkten psycho-physischen Belastungen ausgesetzt, wie z. B.
  • stundenlangem Stillsitzen auf überwiegend schlechten Schulmöbeln,
  • einseitigen Sinnesbelastungen bei hochkonzentrierten Tätigkeiten am Computer,
  • zunehmendem Leistungs- und Notendruck
Aber auch die Freizeitgestaltung überschreitet immer mehr die Bewältigungskapazitäten unserer Kinder. Kinder werden mit dem Auto aus der Schule abgeholt, hektisch wird das Mittagessen eingenommen, schnell die Hausaufgaben erledigt, dann die diversen Nachmittagstermine wie z. B. der Schwimmkurs, die Verabredung mit den Freunden. Auch die Fernsehsendung um 19.00 Uhr darf nicht verpasst werden.

Kinder führen teilweise schon einen Terminkalender wie Erwachsene.

"Verplante Kindheit" nennen Wissenschaftler die Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Gut gemeinte Bemühungen, ihnen möglichst viel Abwechslung zu bieten, sie möglichst früh in vermeintlich entwicklungsfördernde Spezialkurse zu schicken, beschert Ihnen schon einen vollen Terminkalender. Hinzu kommen gestresste Eltern, deren Hektik und Unruhe sich auf die Kinder abfärbt. All das trägt im verstärkten Maße dazu bei, dass die für die Gesundheit so wichtige Balance von Anspannung und Entspannung gestört wird. Aufgebaute Spannungen werden immer weniger abgebaut. Die Folge: etwa 15% klagen gelegentlich über stresstypische Störungen, wie schlechtes Einschlafen, Kopf- und Bauchschmerzen. Dies sind deutliche Warnsignale.

Kinder wollen "einfach nur mal in Ruhe zu spielen"

In der Hektik und Unruhe des heutigen Alltagslebens benötigen Kinder Ruhe und Entspannung als ausgleichende Funktion. Beim spielen, rennen und toben mit anderen ziehen sich Kinder auch immer einmal für kurze Zeit zurück.

Eine bewährte Möglichkeit, die Balance der Kinder wieder herzustellen sind Anlässe, die möglichst alle Sinne "wecken". Infolge der zunehmend einseitigen und hochkonzentrierten Inanspruchnahme der optischen und akustischen Sinnesorgane vor dem Computer und dem Fernseher sind Verspannungen vorprogrammiert - einseitige "Sinneskost" mit Reizüberflutung.

Sorgen Sie dafür, dass die Sinne der Kinder in Balance bleiben

Insbesondere ausgedehnte Spaziergänge in der Natur, speziell im Wald, stellen eine ideale Möglichkeit dar, Ruhe und Stille als Form der Entspannung zu erfahren. Die Natur kann als fördernde Reizumwelt für Kinder bezeichnet werden, die sowohl ausreichende Bewegungsmöglichkeiten als auch vielfältige sinnliche Erfahrungen bereithält. Diese sind für eine harmonische körperliche, geistige und seelische Entwicklung von Kindern von großer Bedeutung. Im Gegensatz zu den meist sterilen Parkanlagen, Spielplätzen und zubetonierten Innenstädten kann gerade der Wald als ein natürlicher Lebensraum noch direkte Naturerlebnisse für Kinder ermöglichen. Darüber hinaus bietet gerade dieser Ort für Kinder zahlreiche attraktive, spannende und zur Entdeckung auffordernde Anlässe.


Widder


Abb.: Über die "äußere Balance" zur "inneren Balance"

Die von der Natur ausgehende Ruhe und die alle Sinne gleichmäßig ansprechenden Eindrücke, ermöglichen nicht nur den Kindern einen ausgleichenden Pol zur Hektik des Alltags. Auch wir als Erwachsene genießen die ruhige Atmosphäre des Waldes zu unserer eigenen Erholung.

Ruhe und Entspannung erreichen wir aber auch, wenn wir uns auf nur einen Sinnesbereich konzentrieren müssen, wie z. B. auf unseren Tastsinn.

Igelball-/Tennisballmassage

Ein Elternteil massiert den Rücken, die Arme und die Beine des bäuchlings auf dem Boden (Wolldecke) liegenden Kindes. Wirbelsäule und Schulterblätter werden nur leicht berührt. Die Massage erfolgt in langsamen und kreisförmigen Bewegungen.

Hinweis: Sprechen Sie mit dem Kind ab, ob der Druck der Massage angenehm oder zu stark ist. Ein zu starker Druck kann sofort die Muskelanspannung noch verstärken.

Liegen dagegen schon starke Verspannungen vor, die sich unter anderem in wiederholt auftretenden Einschlafstörungen oder auch Kopfschmerzen zeigen können, sind gezielte Entspannungstechniken auch schon im Kindesalter zu empfehlen.

Entspannungstechniken sollen Kinder befähigen, die Muskeln des Körpers wie auch die geistig-emotionale Befindlichkeit zur Lösung und Ruhe zu bringen.


Ballbad


Abb. Einfach ruhig liegen (Foto: Liebisch)


Worauf Sie bei Entspannungstechniken achten sollten!

Das Gelingen von gezielten Entspannungsübungen bei Kindern hängt sehr stark von der Bereitschaft und Fähigkeit ab, inwieweit sie u. a. ruhig liegen, den gesprochenen Worten zuhören können. Da Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen den Sinn solcher Verfahren noch nicht verstehen, sollten diese Übungen immer einen spielerischen Charakter haben. Anfangs sollten kürzere Entspannungszeiten (8-12 Min.) berücksichtigt werden. Insbesondere bildhafte Darstellungen, die der Erlebniswelt des Kindes entstammen, tragen dazu bei, Entspannungsprozesse zu effektivieren. So können z. B. Phantasiereisen und Geschichten, die ruhige Bilder beinhalten, auch auf den Körper und den Geist beruhigend wirken. Kinder benötigen bildhafte Vorstellungen

Phantasiereisen, die Gefühle ansprechen

Die logische linke und die kreative rechte Hirnhälfte arbeiten bei diesen Spielen zusammen. Voraussetzung dafür ist eine Atmosphäre des Vertrauens. Eine Vorankündigung und behutsame Zurückführen sollte die Reise stets einrahmen. Der Übende wird langsam in die Alltagswelt zurückgeholt. Es wird der Entspannungszustand aufgelöst und der Kreislauf mit der Aufforderung sich zu bewegen wieder angeregt. Zur Auswertung von Phantasiereisen empfiehlt es sich, über Gefühle und Erlebnisse zu erzählen oder sie malen zu lassen. Geschlossene Augen, eine ruhige Entspannungsmusik (z. B. http://entspannungsmusik-fuer-kinder.de) sowie ein gut temperierter Raum unterstützen die Konzentrationsfähigkeit und erleichtern es, die Aufmerksamkeit auf sich selbst oder nach innen zu richten.

Als Einstieg bieten sich die im Folgenden beschriebenen Beispiele an. Positive Erlebnisse sollten dazu genutzt werden, sich anhand spezifischer Fachliteratur intensiver dem Thema zu widmen. Entspannungsübungen tragen dazu bei, dass Erwachsene durch die intensive und liebevolle körperliche Begegnung mit ihren Kindern eine stabile Elten-Kind-Beziehung anbahnen und darüber hinaus selbst zur Ruhe kommen.

Reise durch den Körper

Ziel der Reise ist das Hineinspüren in einzelne Körperteile, welches letztlich die Entspannung bewirkt. Voraussetzung ist, dass die Kinder die Körperteile mit Namen kennen.

Das Kind liegt entspannt auf einer Wolldecke. Es ist günstig, wenn sich der Raum verdunkeln lässt. Zwischen den einzelnen Anweisungen erfolgen kurze Pausen. Das Kind sollte ausreichend Zeit haben, Empfindungen zu registrieren und den eigenen Körper zu beobachten.

Ein Elternteil beginnt die "Reise" mit folgenden ruhigen Worten: " Du liegst entspannt und ruhig auf dem Boden. Schließe die Augen, um die Aufmerksamkeit besser auf dich und deinen Körper zu lenken. Du hast Zeit, dich auszuruhen und entspannen. Deine Gedanken kommen und gehen. Sie ziehen an dir vorüber wie die Wolken am Himmel. Gehe nun mit deiner ganzen Aufmerksamkeit zu deinem Körper. Spüre den Kontakt deines Körpers, seiner einzelnen Teile zum Boden." "Spürst du den Daumen deiner rechten Hand, den Ringfinger" (...) die Reise geht weiter über den rechten Arm zur rechten Schulter, den rechten Brustkorb, zur Hüfte, (...) über das rechte Bein bis hin zum kleinen Zeh. Es folgt die linke Körperseite vom Scheitel bis zum Unterleib. Schließlich die Rückseite vom Hinterkopf bis zum Po.

Am Schluss der Reise wird das Kind langsam wieder aus der Entspannungsphase herausgeholt (Eine Ausnahme ist die Entspannung direkt vor dem Schlafengehen). "Du fühlst dich wohl. Atme tief ein, rekele und streck dich, bewege Arme und Beine, öffne deine Augen, stehe langsam auf und geh durch den Raum".

Die weiße Feder

Unsere Vorstellungen beeinflussen fast immer auch unseren Körper. Wenn sich die Bilder im Kopf ändern, ändern sich auch der Herzschlag, Blutdruck und Durchblutung.

"Setze dich gemütlich irgendwo hin und verwandle dich in eine weiße, leichte Feder - eine Feder von einem kleinen weißen Küken. Schließe deine Augen (...).

Du wirst federleicht und wirst von einem warmen Sommerwind aus dem Fenster hinaus getragen (...). Immer höher und höher schwebst du und musst gar nichts dazu beitragen (...). Der Wind streicht fein an dir vorbei (...). Du siehst grüne Wiesen mit vielen schönen Blumen (...) einen See mit kleinen Schiffchen (...) schau Dich um, woran fliegst Du noch vorbei? (...) und sorglos ziehst du über herrliche Wälder (...). Du bist zufrieden und voller Freude (...). Wunderschön ist es die Welt aus dieser Perspektive zu sehen (...). Frei und leicht schwebst du wieder durch das Zimmerfenster zurück (...) und verwandelst dich wieder zurück.

Auf deinem Stuhl reckst und streckst du dich (...) und kommst langsam wieder zu dir."

Leicht - Schwer

"Setze dich bequem auf die Kante deines Tisches und schließe die Augen (...). Halte beide Arme ausgestreckt nach vorne. Stelle dir vor, dass ein, zwei dicke Bücher auf deiner rechten Handfläche liegen (...). Du merkst, wie die Bücher schwer wie Blei werden (...); lass sie aber nicht fallen (...); du spürst das Gewicht (...). Deine linke Hand fühlt sich ganz leicht an (...). Stelle dir vor, dass am Handgelenk ein Luftballon befestigt ist (...). Merkst du, wie der Ballon an deinem Handgelenk nach oben zieht (...). Öffne nun die Augen!"

Bei den meisten Kindern ist die rechte Hand gesunken und die linke hat sich nach oben gehoben.

Über die Anspannung zur Entspannung

Eine sehr bewährte Entspannungstechnik bei Kindern ist eine Methode, indem unterschiedliche Muskelgruppen nacheinander angespannt und wieder losgelassen (entspannt) werden. Folgender Ablauf hat sich bei Kindern bewährt:
  • Konzentration auf eine Muskelgruppe. Die Aufmerksamkeit wird auf die anzuspannende Muskulatur gelegt.
  • Auf ein vereinbartes Zeichen, z. B. "jetzt", werden die Muskeln während des Einatmens langsam angespannt.
  • Die Maximalanspannung sollte bei Kindern bis etwa acht Jahren nicht mehr als fünf Sek. betragen (Gefahr der Pressatmung). Ältere Kinder 5-7 Sek.
  • Auf ein vereinbartes Zeichen, z. B. "loslassen", wird die Muskelanspannung wieder gelöst. Es schließt sich eine Pause von mindestens 10 Sekunden an, damit Zeit für die Wahrnehmung des Entspannungsgefühls geschaffen wird.
  • Während des Anspannens und Entspannens können auch Berührungshilfen - der anzuspannende Muskel wird mit dem Zeigefinger berührt - gegeben werden, die die Wahrnehmung der jeweiligen Spannungsqualität sichert. Auch verbale Unterstützungen wie "Mache die Beine so hart wie ein Besenstiel" (...). "Spür was nun passiert, wenn deine Beine von allein locker und weich werden," können bei der Umsetzung hilfreich sein.
Bei den eigentlichen Spannungsübungen liegt das Kind wieder auf einer Wolldecke auf dem Boden. Sie können die Übungen aber auch vor dem Schlafen gehen im Bett anwenden. Viele Kinder schlafen danach viel besser ein. Die Beine und die Arme des Kindes liegen entspannt auf der Unterlage. Wir verpacken die Entspannungsmaßnahme in ein bildliches Spiel:

"Einen nassen Schwamm ausdrücken"

Das Kind fängt mit der rechten Hand an. "Stell dir vor, du hast einen feuchten Schwamm in einer Hand." "Drücke jetzt den Schwamm fest zusammen, immer fester bis der letzte Tropfen Wasser herausgepresst ist!" "Lass jetzt schnell los!" "Strecke deine Finger, schüttele deine Hand aus und lege sie wieder locker auf den Boden!" "Spüre, wie etwas warmes durch deinen Arm strömt!" "Probiere dasselbe noch einmal!" Im Anschluss daran erfolgt die Übung mit der linken Hand. Und dann hat das Kind in beiden Händen einen Schwamm. Wichtig ist, dass Kinder dabei ruhig weiter atmen und nicht pressen.

Weitere kindgerechte Möglichkeiten stellen folgende Anregungen dar, die nach der vorangegangenen Systematik ablaufen können.
  • Starken Mann, starke Frau darstellen - Fäuste ballen, Arme beugen, Bizeps zeigen,
  • Böse schauen - Gesichts-Grimasse zeigen, Gesicht anspannen,
  • angestrengt über etwas nachdenken - Stirn runzeln und in Falten legen,
  • Kraftprotz darstellen/Bodybilder darstellen - gesamten Oberkörper anspannen, "Knöpfe abspringen lassen,
  • Zahnschmerzen haben - Augen zusammenkneifen,
  • Mund verschließen, Geheimnis haben - Lippen zusammenpressen,
  • Gipsbein haben - Bein anspannen,
  • "Schlankmacher" - Bauch anspannen, sich dünn machen,
  • "Pospanner" - Pobacken zusammenkneifen, Fünf-Mark-Stück einklemmen,
  • einen Baum darstellen - gesamter Körper ist angespannt.
Das Thera-Band eignet sich für den häusliche Gebrauch besonders gut (siehe auch www.bag-haltungundbewegung.de unter "Infomaterialien").

Die Luftmatratze

"Du stellst dir vor, du bist eine Luftmatratze mit vielen Luftkammern". Ein Elternteil gibt nun mit einem permanenten Fingerdruck auf ein Körperteil das Zeichen zum Aufblasen. "Du (d. h. die ganze Luftmatratze) füllst dich prall mit Luft. Alle deine Muskeln spannen sich dafür an und werden ganz fest". Nach Herausnahme des Stöpsels (Finger entfernen) entweicht die Luft langsam.

Schwieriger ist es, wenn nur eine Luftkammer aufgeblasen wird, z. B. rechtes oder linkes Bein, ein Arm, evtl. der Po oder der Bauch (Achtung: keine Pressatmung).

Gorilla und Schlappmann

Die Kinder spannen alle Muskeln an, wie ein vor Kraft strotzender, angriffslustiger Gorilla, der zeigen will, dass er der Größte und Stärkste ist. Durch einen Zauberstab werden sie in Schlappmänner verwandelt, die versuchen, möglichst wenig Muskeln anzuspannen. Durch diesen spielerischen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung wird die Entspannung effektiver. Gorillas und Schlappmänner können liegen, stehen, gehen usw.

Link: Entspannungsmusik für Kinder

Autor

Dr. Dieter Breithecker, Sport- und Bewegungswissenschaftler, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V., Autor und Mitautor zahlreicher Veröffentlichungen und Videoproduktionen. Referententätigkeit bei Kongressen und Lehrveranstaltungen zu diesen Arbeitsschwerpunkten:

  • Kinder mit mangelnden Bewegungserfahrungen
  • Rückenschule/Haltungsförderung bei Kindern und Jugendlichen
  • Bewegter Kindergarten - Bewegte Schule
  • präventive Maßnahmen an den Arbeitsplätzen in Schule und Büro

Anschrift

Dr. Dieter Breithecker
Friedrichstr. 14
65185 Wiesbaden



Letzte Änderung: 23.10.2007 10:55:19Zum Seitenanfang