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![]() Warum einwickeln sich Kleinkinder, die vor Energie geradezu strotzen und keine Sekunde still stehen können, mit dem Alter immer mehr zu Stubenhockern? Wir leben in einer bewegungsfeindlichen Gesellschaft. Im Zusammenspiel mit ungesunder Ernährung und eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten werden Kinder träge und verbringen immer weniger Zeit im freien Spiel. Stattdessen lenken ein überwältigendes Freizeitangebot und Unmengen an Spielzeug von der eigenen Entwicklung des Kindes ab. Lösungen aus dem Dilemma sind nicht einfach zu finden. Es hilft wenig, Kinder beim Sportverein abzugeben oder nach draußen zu schicken. Vor allem Stadtkindern fehlen Rückzugsgebiete und Nischen für ein fantasiereiches Abenteuerspiel. Trotzdem ist es wichtig, Kindern auch in der heutigen Umwelt den Spaß an der Bewegung zu erhalten. Es ist kein Wunder, dass plötzlich wieder alte Spiele wie Gummitwist und Seilspringen populär werden. Sie sind preiswerter, kreativer und damit lustiger als vorgeformtes Plastikspielzeug. Auch wenn wir die "gute alte Zeit" nicht verklären wollen, lohnt sich ein Blick zurück. Begleiten Sie uns auf dieser nostalgischen Reise und entdecken Sie für sich und Ihre Kinder den Reiz alter Bewegungsspiele wieder. Kinder gesternErinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit? Früher konnten Kinder stundenlang unbeaufsichtigt im Freien herumtoben. Dabei gab es viel weniger Spielplätze als heute. Straßen, Plätze oder leere Grundstücke wurden zu einem natürlichen Abenteuerspielplatz. Wir kletterten auf Bäume und rutschten wie die Teufel von jedem halbwegs steilen Treppengeländer. Obwohl die Erwachsenen sich fast gar nicht mit uns beschäftigten, spielten wir spannende Kinderspiele. Unser Material waren roter Ziegelstein zum Malen, Steine, Stöcke und alles was Natur und Umwelt für uns bereithielt. Ohne pädagogisch wertvolles Spielzeug kannten wir eine Vielzahl fantasievoller Spielvarianten. Manche Spielregeln brachten uns unsere Großeltern bei, manche haben wir uns selber ausgedacht. Diese Spiele gehörten zu unserem Leben wie heute Yu-gi-oh! - Karten und Gameboy.Kinder heuteSpätestens ab dem Besuch des Kindergartens ist mindestens der Vormittag für Kinder verplant. Der Unterricht in der Grundschule endet in der Regel nach der fünften oder sechsten Stunde. Nach dem Mittagessen warten die Hausaufgaben. Je nach Leistungsvermögen der Kinder beginnt ihre Freizeit erst um 15. 00 Uhr oder später. Während im Kindergarten noch genug Raum zum Austoben angeboten wird, leiden Schulkinder zunehmend unter Bewegungsmangel. Meistens fällt gerade der wichtige Sportunterricht aus, um Lehrerengpässe aufzufangen.Auffällig ist der enorme Terminstress mancher Kinder, die bis zu drei feste Termine in der Woche wahrnehmen: Musikunterricht, Sportverein, Ballet… Die Freizeitmöglichkeiten sind selbst auf dem Land fast unbegrenzt. Auch die Wochenenden mit den Eltern sind ausgebucht. Gegen die tollen Angebote wie Kino, Zoo, Freizeitparks, Indoorspielplätze hat ein einfaches Ballspiel scheinbar keine Chance. Die verbliebene Freizeit verbringen Kinder mit Fernsehen, Playstation oder Hörkassetten. Im Freien toben kommt in diesem ausgefüllten Stundenplan kaum vor. Sobald sie den Spielplätzen entwachsen sind, können Kinder immer weniger fantasievoll draußen spielen. Vor allem die Jungen sind sehr auf Fußball fixiert. Oft wird das Spiel von drinnen nach draußen verlagert. Statt herumzutoben, spielen die Kinder auf dem Gameboy oder tauschen Yu-gi-oh! - Karten. Problemfalle KonsumFrüher war das Leben für Kinder wesentlich langweiliger. Es gab kein Spielzeug, kein Fernsehen und keinen Computer. Um sich zu beschäftigen, streiften sie durch die nähere Umgebung und trafen sich draußen mit anderen Kindern. Heutzutage hat sich die Situation umgekehrt. Das räumliche Umfeld der Kinder wird von Erwachsenen gestaltet und immer mehr zugemauert, eingezäunt und asphaltiert. Auch das überwältigende Freizeitangebot und die Spielzeugflut werden von Erwachsenen gestaltet. Freie, unverplante Zeit ist kostbar geworden.Das Fernsehen und die Spielwarenindustrie beeinflussen zunehmend die Fantasie der Kinder. Die bunten Figuren und Puppen mit den fertig mitgelieferten Geschichten bieten den Kindern kaum Raum für eigene Ideen. Kein Wunder, dass langsam die Kreativität schwerfälliger wird. Als negative Folge des Konsums sind Kinder gewohnt, immer unterhalten zu werden. Nur wenige können sich in einem freien Raum ohne Anregung beschäftigen. Freude an BewegungWecken Sie bei Ihren Kindern wieder die Lust am Toben und Tollen. Mit viel Bewegung trainieren die Kinder nicht nur ihre Ausdauer und ihr Körpergefühl. Sie bauen zugleich Stress ab und sorgen für eine gesunde Durchblutung des Gehirns. Sie können ihren Körper kennen lernen und entdecken Bewegung als Ausdruck von Lebensfreude. Kinder sollten sich täglich einmal körperlich verausgaben, nicht nur ein- oder zweimal wöchentlich im Sportverein. Lassen Sie die Kinder zu ihren verspielten Wurzeln zurückfinden. Bewegung kann auch ein Kitzelkampf oder eine Kissenschlacht sein, mit einem Luftballon spielen, Rad fahren oder im Hof schaukeln, durch Regenpfützen springen, auf Bäume klettern, einen Drachen oder ein Papierflugzeug fliegen lassen. Entdecken Sie mit Ihrem Kind neue Spielräume und schlagen Sie nicht gleich Alarm, wenn auch einmal drinnen laut getobt wird. Haben sich die Kinder verausgabt, werden sie automatisch ruhiger.Beobachten Sie auch Ihr eigenes Verhalten kritisch und seien Sie ein gutes Vorbild für Ihre Kinder. Fahren Sie nicht jede kleine Strecke mit dem Auto und benutzen Sie regelmäßig die Treppe statt Fahrstuhl. Werden Sie wieder zum Kind und laufen Sie mit ihren Kindern um die Wette. Erinnern sie sich noch an alte Abzählreime, mit denen früher ein langweiliger Spaziergang lustig wurde. Einen zur Erinnerung finden Sie unter den Spielvorschlägen. Faszination BewegungsspieleAbgesehen von ihrem Spielwitz verstecken sich in den meisten alten Spielen erstaunlich viele pädagogische Lektionen. Oft geht es gar nicht um Gewinnen oder Verlieren. Stattdessen müssen sich die Kinder untereinander verständigen und zusammen kooperieren. Je mehr die Kinder aufeinander Rücksicht nehmen, desto mehr Spielfreude entwickelt sich. Das soziale Verhalten der Kinder wird positiv beeinflusst.Die Bewegungsspiele aus unserer Kindheit fördern spielerisch die motorischen Fähigkeiten und sind eine wertvolle Ergänzung zum Angebot von Sportvereinen. Sie sprechen vielfältige Muskelgruppen an und verlangen ein ausgewogenes Zusammenspiel von Beweglichkeit, Geschwindigkeit, Gleichgewicht und Ausdauer. Die Kinder trainieren indirekt ihr Herz- Kreislauf- und Atemsystem und werden belastbarer und gesünder. Wandeln Sie gemeinsam mit Ihren Kindern auf alten Pfaden und entdecken Sie die Welt der alten Spiele. Erzählen Sie von Ihrem Alltag als Kind und erklären Sie, welche Spiele Sie mochten. Fragen Sie auch Tanten und Großeltern. Versuchen Sie regelmäßig einige Spiele mit den Kindern gemeinsam zu spielen, bis die Kinder die Regeln begriffen haben. Freuen Sie sich, wenn ein Spiel gut ankommt, seien sie aber nicht enttäuscht, wenn ein Spiel nicht gefällt. Können Sie sich nicht mehr an die Regeln erinnern? Hier eine kurze Auffrischung mit bekannten Bewegungsspielen. Wahrscheinlich kennen Sie einige Spiele unter einem anderen Namen oder mit etwas anderen Regeln. Aber das ist ja der Reiz der Spiele, dass der eigenen Fantasie keine Grenzen gesetzt werden. Die Regeln können entsprechend der Anzahl und dem Alter der Kinder verändert werden. Spiele für DraußenFangen und Verstecken kennt auch heute noch jedes Kind. Die Regeln sind unterschiedlich und müssen vor dem Spiel vereinbart werden. Es gibt auch interessante Varianten, bei denen nicht nur die Schnelligkeit zählt und auch schwächere Kinder eine Chance haben.SchattenfangenBei diesem Fangspiel muss der Fänger die Kinder abschlagen, indem er auf deren Schatten tritt.VerzaubernEin Kind ist Zauberer. Wenn er jemanden abschlägt, ist dieser verzaubert und kann sich nicht mehr von der Stelle bewegen. Wer als letzter verzaubert wurde, wird neuer Zauberer.In einer Variante können sich die Kinder befreien, wenn sie durch die Beine der Verzauberten krabbeln. Bäumchen, wechsle dichJedes Kind sucht sich einen Baum, die möglichst nicht zu weit auseinander stehen sollten. Wenn der Fänger ruft: "Bäumchen, wechsle dich" müssen alle einen anderen freien Baum suchen. Wer abgeschlagen wird, ist neuer Fänger.Katz und MausDie Kinder stehen im Kreis und halten sich an den Händen. Einer ist die Maus und steht im Kreis. Der Fänger darf den Kreis zunächst nicht betreten. Jetzt wird ein Sprüchlein aufgesagt.Katze: "Mäuslein, Mäuslein komm heraus." Maus: "Nein, ich komme nicht heraus." Katze: "Ich kratze dir die Augen aus" Maus: "Dann springe ich zum Loch hinaus" Die Jagd ist eröffnet. Die Katze darf aber erst den Kreis betreten, wenn zwei Kinder entweder die Hände öffnen oder zu einem Bogen heben. Natürlich möchte auch die Maus jetzt schnell aus dem Kreis heraus. Wieder liegt es an den Kindern aus dem Kreis, ob sie eine Lücke machen oder nicht. Fährmann, wie tief ist das WasserEin Kind ist der Fährmann, die anderen stehen circa 20 Meter entfernt gegenüber. Das Spielfeld sollte seitlich begrenzt sein. Die Kinder rufen: "Fährmann, Fährmann, wie tief ist das Wasser." Der Fährmann antwortet wie er möchte mit tief, seicht, flach, ozeantief…Jetzt rufen die Kinder: "Und wie kommen wir hinüber?" Der Fährmann antwortet: mit hüpfen, rennen, auf allen Vieren krabbeln, rückwärts oder seitwärts laufen, auf dem linken Bein hüpfen…Der Fährmann und die Kinder müssen sich auf die vorgegebene Weise bewegen. Wer vom Fährmann abgeschlagen wird, muss helfen, die anderen zu fangen. Der letzte wird neuer Fährmann.Zucker und SalzEin Kind steht als Spielführer an einem festen Platz, die anderen in einer entsprechenden Entfernung gegenüber. Jetzt dreht sich das Kind langsam um die eigene Achse und sagt laut "Zucker und Salz". Bei Zucker dürfen die Kinder gehen, bei Salz müssen sie stehen. Wer sich bei Salz bewegt hat, muss zum Ausgangspunkt zurück. Wer zuerst den Spielführer berührt, darf das Spiel weitermachen.Mutter, wie weit darf ich reisen?Ein Kind steht als Spielführer an einem festen Platz, die anderen wieder in einer entsprechenden Entfernung gegenüber in einer Reihe. Jedes Kind fragt nacheinander: "Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen?" Die Mutter antwortet mit einer Stadt, zum Beispiel Amsterdam. Nun fragt das Kind: "Darf ich?" Die Mutter kann mit "nein" oder "ja" antworten. Bei einem "ja" darf das Kind gehen, die Anzahl der Schritte ergibt sich aus den Silben der Stadt: Am - ster - dam. Geht das Kind ohne vorher "darf ich" zu fragen, muss es zum Ausgangspunkt zurückkehren. Bei einem "nein" bleibt es einfach stehen. Wer zuerst die Mutter erreicht, wird neuer Spielführer.Ein Hut, ein Stock, ein RegenschirmDieser Reim lockert jeden Spaziergang auf:"Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm. Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran." Zunächst gehen alle sieben Schritte, beim nächsten Vers gehen alle bei jeder Silbe einen Schritt. Zum Schluss wird der rechte Fuß erst nach vorne, dann zur Seite und nach hinten getippt. Und dann geht es wieder vor vorne los. BallkönigFür dieses Spiel braucht man nur einen Ball und eine Hauswand. Es kann auch gut alleine gespielt werden.Es müssen sich zehn Übungen mit dem Ball ausgedacht werden. Die leichteste wird dann zehnmal wiederholt, die nächste neunmal usw. Berührt der Ball während der Übungen den Boden, muss neu gezählt werden. Wer es schafft, ist der Ballkönig. Übungen: pritschen, baggern, werfen - im Kreis drehen - fangen, jeweils nur mit der rechten oder linken Hand pritschen, unter dem Bein werfen und fangen, werfen - in die Hände klatschen - fangen, werfen - vorne und hinter dem Rücken klatschen - fangen, mit rechts werfen und fangen, mit links werfen und fangen… Spiele für drinnenDie meisten dieser Spiele fördern die motorischen Fähigkeiten und das soziale Miteinander. Es gibt keine Gewinner oder Verlierer, stattdessen enden viele Spiele in einem lustigen Durcheinander.RaupenlaufenDie Kinder knien hintereinander. Jeder umfasst die Fesseln des Vordermannes. Wie eine Raupe müssen sich die Kinder bewegen, ohne die Verbindung zu lösen.Der Plumpsack geht umDie Kinder sitzen im Kreis und singen:"Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht um, wer sich umdreht oder lacht, den wird der Buckel blau gemacht." Ein Kind geht außen um den Kreis herum und lässt ein geknotetes Taschentuch möglichst unbemerkt hinter einem Kind fallen. Wenn dieses das Taschentuch hinter sich bemerkt, muss es schnell aufstehen und den Plumpsack fangen, sonst besetzt dieser den freien Platz. Alles hört auf mein KommandoDie Kinder geben abwechselnd Kommandos: "Nase klebt", "Po klebt", "rechtes Knie klebt", "linke Schulter klebt"…Es bleibt den Kindern überlassen, ob sie die genannten Körperteile mit einem oder mehreren Kindern zusammenkleben. In dieser Position bewegen sich die Kinder, bis das nächste Kommando fällt. Dieses Spiel macht mit Musik besonders viel Spaß.Variante: Diesmal gibt ein Spielleiter Kommandos, die andern müssen versuchen, die Aufgaben zu erfüllen: "Klatscht in die Hände, bildet mit den Händen einen Kreis, indem sich jeweils Daumen und jeweils Zeigefinger berühren, berührt so wenig wie möglich den Boden, stellt ein Bein in die Luft, berührt mit dem Bein ein anderes in der Luft, formt ein L (es gehen auch viele andere Buchstaben)… ReiterkampfZwei Kinder verschränken ihre Arme und hüpfen auf einen Bein. Sie müssen sich Anrempeln, um sich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wer ein Bein auf den Boden stellt, hat verloren.HindernisparcoursEin tolles Spiel für langweilige Regentage. In der Wohnung wird ein Hindernisparcours aufgebaut. Die Kinder müssen unter, über oder durch Stühle krabbeln, auf einem Seil oder Wollfaden balancieren, um Tischbeine schlängeln, unter große Decken kriechen…Das PärchenEin Kind stellt sich bei einem großen Kind oder Erwachsenen vorne auf die Füße. Bitte vorher Schuhe ausziehen. Dieser muss jetzt mit seinem Partner gehen oder tanzen.Das SpiegelbildZwei stehen sich gegenüber. Einer macht langsam Bewegungen vor, die der andere wie in einem Spiegel nachmacht.Literatur
Es gibt viele Bücher mit tollen Bewegungsspielen. Hier eine kleine Auswahl: Autorin
Adelheid Fangrath M.A. ist Kunsthistorikerin und arbeitet als freie Autorin. Seit 2000 ist sie Mitherausgeberin des Mitmach- und Informationsmagazins für Familien und Kinder www.hoppsala.de und schreibt unter anderem für den Ratgeber "simplify your life". Die alten Bewegungsspiele hat sie zusammen mit begeisterten Kindern einer Ganztagsschule in Marl ausprobiert. Adresse
Adelheid Fangrath | ||
Letzte Änderung: 15.06.2009 14:30:44 |