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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Abenteuer Barfußgehen

Lorenz Kerscher


Ein vernünftiger Kinderwunsch

Kinderwunsch
"Ich will barfuß laufen!" hört man immer wieder aus Kindermund. Leider sind es oft ungünstige Situationen, in denen Eltern, Lehrer oder Erzieher mit dieser Idee konfrontiert werden. Wenn in der Innenstadt der Boden vor Schmutz starrt, wenn im Hinterhof Glasscherben und rostige Nägel herumliegen oder wenn der Herbst schon den Raureif auf den Rasen gezaubert hat, wird man es den Kindern nur ungern erlauben, obwohl jedermann weiß, wie schön und gut Barfußlaufen für sie ist. Umso wichtiger ist es, immer wieder passende Gelegenheiten für ein unbeschwertes "Leben auf freiem Fuß" zu finden.

Die Füße fit und beweglich zu halten, sollte genauso zur Körperpflege gehören wie Zähneputzen und Haarewaschen. Denn sie müssen uns im Laufe des Lebens über eine Strecke tragen, die mehrmals um den Globus reicht. Für uns aufrecht gehende Wesen ist das ein Balanceakt, der perfekt funktionieren muss, weil sonst Knie und Rücken Schaden nehmen würden. Vernachlässigung der Füße rächt sich auf Dauer und muss oftmals mit schmerzhaften Einschränkungen unserer Bewegungsmöglichkeiten bezahlt werden.

Wie man die Füße in Schwung hält, lässt sich den Kindern leicht vermitteln, denn sie finden spontan Spaß an Barfußgehen und Fußgymnastik. Oftmals rennen sie, wenn sie sich der "Fußfesseln" entledigt haben, mit solchem Elan los, dass den besorgten Erwachsenen der Atem stockt. Doch für die Entwicklung der Kinder ist es gut, wenn man die bloßfüßige Abenteuerlust zulässt und fördert. Und es liegt nahe, dass sich auch die Eltern von der Freude am natürlichen Gehen anstecken lassen und wieder entdecken, was ihnen selbst in der Kindheit ein Gefühl von Freiheit vermittelt hat.

Das Familienabenteuer auf bloßen Sohlen

Barfuß wandern


Barfusswandern
"Festes Schuhwerk erforderlich" steht meist in der Zeitung, wenn eine Wanderführung angekündigt wird. Doch hin und wieder gibt es auch Gruppen, die diesen Hinweis bewusst weglassen und sich ohne Schuhe zum Wandern treffen. Wer das einmal kennengelernt hat, schließt sich gerne Leuten an, die geeignete Strecken kennen und eine Barfußwanderung führen können. Leider bestehen heute zwei Drittel des ausgewiesenen Wanderwegenetzes aus Asphalt- und Schotterwegen(1). Es erfordert einige Ortskenntnis, diese zu umgehen und angenehme Pfade auf abwechslungsreichem Wald-, Wiesen- und Erdboden zu finden.

Bricht man ohne Schuhe auf, begibt man sich auf ein kleines Abenteuer. Es ist um zwar um vieles ungefährlicher als beispielsweise die Teilnahme am Straßenverkehr, aber es erfordert eine gewisse Achtsamkeit, damit man sich nicht an Dornen, Wurzeln oder spitzen Steinen weh tut oder unliebsame Bekanntschaft mit Bienen, Wespen oder im Unterholz lauernden Zecken macht. Also macht man sich mit geschärften Sinnen auf den Weg, läuft lieber etwas langsamer und erlebt dafür die Natur umso intensiver.

In der Praxis wird die Familie meist mit Schuhen aufbrechen, aber man sollte ein wenig Platz im Rucksack lassen und etwas zum Einwickeln dabei haben. Dann kann man die Schuhe sauber verstauen, wenn ein für das Barfußabenteuer geeigneter Wald- oder Wiesenweg kommt. Denn ein Drittel der Wanderwege hat noch die von 90% der Wanderer bevorzugte erdige Qualität (1) und kann für das "Leben auf freiem Fuß" genutzt werden.

Barfußpfade

Barfusspfad
Seitdem 1992 in Bad Sobernheim der erste Barfußpfad Deutschlands eingerichtet wurde, wollen es viele Familien oder Wandergruppen nicht mehr dem Zufall überlassen, ob sie beim Wandern ein Wegstück finden, das zum Barfußlaufen geeignet ist. Vielmehr wählen inzwischen Hunderttausende die immer zahlreicher entstehenden Barfußparks als Ausflugsziele. Auf der Übersichtsseite http://www.barfusspark.info sind (zum Stand Ende 2003) etwa 20 Rundwanderwege von 1 bis 4 km Länge dargestellt, die eigens für das Barfußlaufen eingerichtet und mit phantasievollen Erlebnisstationen ausgestattet wurden. Hier zeigt sich ein erfreulicher Trend der Freizeitbedürfnisse zurück zu den Wurzeln der Natürlichkeit.

Eine offizielle Definition des Begriffs Barfußpark existiert bislang nicht; in diesem Artikel werden darunter Einrichtungen verstanden,
  • die Laufen auf naturbelassenen Böden ermöglichen,
  • in deren Verlauf Fühlstrecken mit unterschiedlichen Materialien für Abwechslung sorgen,
  • die durch Erlebnisangebote wie Balancierstationen, Kneippmöglichkeiten, Bachdurchquerungen, Hängebrücken etc. bereichert werden,
  • die regelmäßig kontrolliert und instandgehalten werden, so dass man sie jederzeit gefahrlos und mit ungetrübtem Vergnügen nutzen kann.
Vor allem der letzte Gesichtspunkt ist ein besonderer Anreiz, denn er zerstreut die Befürchtungen, die viele Familien daran hindern, sich auf das Abenteuer Barfußgehen einzulassen. Schlechte Erfahrungen beispielsweise mit Glasscherben am Badeplatz spielen keine Rolle mehr, wenn man weiß, dass der Erlebnispfad sauber gehalten wird. Barfußparks sind gesicherte Erlebnisräume für die Naturheilmethode Barfußgehen ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Fühlpfade - die kleine, aber flexible Lösung


Fühlpfad
Es ist ein Leichtes, sich einen Abenteuerparcours nach Hause zu holen, am besten in den Garten, vielleicht sogar ins Haus. Auf Vliesbahnen werden verschiedene Materialien ausgelegt und können jederzeit wieder entfernt werden. Ein paar Steinbrocken oder Holzstangen, die ausreichend stabil am Boden liegen müssen, können für eine Balancierstation genutzt werden. Das Materialsammeln und Bauen macht den Kindern genauso viel Spaß wie die Benutzung. Auch auf Spiel-, Turn- Schul- und Kleinkunstfesten finden solche Pfade guten Anklang. Dazu gibt es auf http://www.barfusspark.info eine Anleitung, ergänzen kann man das Angebot mit Fußgymnastikspielen.

Wenn in einem Schulhof oder auf einem Spielplatz, an einem Erlebnispfad oder einer Sportstätte Einrichtungen für Barfußaktivitäten geschaffen werden sollen, steht auf http://www.barfusspark.info ein ausführlicher Lösungskatalog zur Verfügung.

Fußgymnastik

Auch wenn im Winter die Barfußparks geschlossen sind, soll der gesunde Zeitvertreib nicht zu kurz kommen, den wir mit unseren "Händen an den Beinen" haben können. Dafür gibt es viele lustige und einfache Spielideen.

Fussgymnastik
Die Familie muss sich kein trockenes Pflichtprogramm auferlegen, um auf gesunden Füßen zu leben. Etwa hundert phantasievolle Spielideen beschreibt das unten zitierte Buch "Kinder machen Fußgymnastik", das auch von vielen Physiotherapeuten als Standardwerk für die Arbeit mit Kindern geschätzt wird. Eine Serie von Spielen, die überall leicht zu realisieren sind, beschreibt auch das Spielekapitel von http://www.barfusspark.info.

Die Naturheilwirkung dieser Fußspiele beruht auf den folgenden Wirkungen:
  • Die meisten Übungen erfordern Greifen mit den Zehen. Das stärkt die Haltemuskulatur des Fußgewölbes und macht die Zehen nach allen Richtungen beweglich. So wird der Fuß fähig, jeden Schritt perfekt auszubalancieren.
  • Balancegefühl und Koordination der Bewegungsabläufe werden geübt, indem man auf einem Fuß stehend mit dem anderen etwas Kniffliges macht. So wird das Bewegungsgefühl gefördert, das ansonsten durch unsere sitzende Lebensweise wenig Entwicklungsanreiz erfährt.
  • Das Raumempfinden soll nicht nur im Arbeitsbereich der Hände, sondern im ganzen Aktionsradius unseres Körpers gefördert werden!

Barfußlaufen für die Gesundheit

Gesunde Entwicklung der Füße von Kindheit an


 Kinderwunsch
Wenn beim Gehen auf naturbelassenen Pfaden der Komfort der Schuhe wegfällt, wirkt auf die Fußmuskulatur ein Trainingsreiz, der für die Ausbildung eines stabilen Fußgewölbes nötig ist. Dies lässt die anfangs flachen Füße der Kleinkinder beim Heranwachsen in Idealform kommen und verhindert den Senk- und Spreizfuß und daraus entstehende Fuß-, Knie- und Rückenschäden.

Der Fuß entwickelt sich ein Leben lang und muss sich unterschiedlichen Einflüssen anpassen. Ob es die Einengung in Sicherheitsschuhen ist, die falsche Gewichtsverteilung durch hohe Absätze oder die Belastung beim Sport, man kann keinen besseren Ausgleich finden als Barfußgehen auf abwechslungsreichem Naturboden. Dies kräftigt die Muskeln, Sehnen und Bänder, macht die Gelenke beweglich und gleicht auch gelegentliche fußschädigende "Modesünden" aus. Und die Bewegungen des Fußes gewinnen an Sicherheit, so dass das Risiko des Umknickens und diverser Sportverletzungen abnimmt.

Grundlage für einen gesunden Rücken

Die korrekte Abrollbewegung wird beim Barfußgehen von ganz alleine erlernt und gibt der Rückenmuskulatur entscheidende Steuerimpulse zur Schonung von Wirbelgelenken und Bandscheiben. Unser Nervensystem enthält zahlreiche Regelkreise, die die Bewegungwahrnehmung der uneingeengten Füße bis in die Zehenspitzen registrieren und auf die Haltemuskulatur des Rückens übertragen. Dies kann unmittelbar dazu führen, dass sich schmerzhafte Wirbelblockaden lösen. So können Jung und Alt einen idealen Ausgleich für unsere rückenschädliche sitzende Lebensweise finden. Es ist die eigene Erfahrung des Autors - und wird von Ärzten bestätigt, dass Barfußgehen sogar zur Besserung von Bandscheibenleiden führen kann.

Gegen Krampfadern und andere Venenleiden

Barfußlaufen verhindert Blutstau in den Beinen. Der Wadenmuskel kann seine Wirkung als Blutpumpe uneingeschränkt entfalten. Deshalb wird barfüßiges Bewegungstraining zusammen mit Kneipp'schen Wasseranwendungen als Heilmethode gegen Venenleiden eingesetzt.

Gegen Erkältungskrankheiten

Durch Sohlenmassage und Kältereize wird die Durchblutung gesteigert und die Wärmeproduktion im ganzen Körper angeregt. Oft genügt eine halbe Stunde Barfußlaufen auf angenehm kühlem Grund -- oder eine Minute genüssliches Stapfen im Schnee, um die ganze Nacht wunderbar warme Füße zu haben! Dieser "Kneipp-Effekt" schützt vor Erkältungskrankheiten und wurde früher sogar zur Behandlung von Tuberkulose genutzt - bekanntlich hat sich Kneipp mit seiner Methode selbst von dieser schlimmen Krankheit befreit.

Gegen Pilzkrankheiten

Fuß- und Nagelpilz können sich nur im feuchtwarmen Klima geschlossener Schuhe einnisten. Im Gegenzug macht Austrocknung, wie sie sich beim Barfußlaufen von selbst ergibt, dem ungebetenen Gast das Leben unmöglich. Gerbstoffe des Bodens entwickeln darüber hinaus eine pilzhemmende Wirkung.

Bewegung soll Spaß machen!

 Foto: Kind barfuß im Sand
Foto: Maria-Magdalena Wiery

Jedem ist bewusst, dass unsere Lebensweise zu wenig Anreiz und oft auch zu wenig Gelegenheit für das notwendige Bewegungspensum bietet. Deshalb ist körperliche Aktivität gefragt, die intensiv und umfassend auf Leib und Seele wirkt. Barfußgehen und Fußgymnastik sind Freizeitmöglichkeiten, die unsere Körperwahrnehmung herausfordern und Mobilität ganz ursprünglich und sinnlich erleben lassen. Oftmals erlebt man, dass dadurch der kindliche Tatendrang geradezu entfesselt wird. So entsteht von Kindheit an das Bewusstein, dass Bewegung Spaß macht und dass wir den Körper und insbesondere unsere Füße nicht vernachlässigen dürfen. Denn wir erwarten von ihnen nicht gerade wenig: sie sollen uns ohne Probleme, Pannen und Schmerzen durch das ganze Leben tragen!






Literatur

Barbara Köhler und Heidi Reber, Kinder machen Fußgymnastik, Stuttgart, Ferdinand Enke-Verlag, 4. Auflage 1998.

Quelle

[1] Aus: Wanderbares Deutschland - Qualitätsoffensive Wandern, Autor Rainer Brämer, Herausgeber Deutscher Tourismusverband e.V. und Deutscher Wanderverband e.V., 1. Auflage 2003, Seite 12.

Bilder sind der Internetseite "Barfußparkführer", http://www.barfusspark.info entnommen.

Autor

Dr. Lorenz Kerscher, Biochemiker. Seit 1983 in der Entwicklung bei Roche Diagnostics (vorher Boehringer Mannheim) tätig.

Die Beschäftigung mit dem Thema Barfußparks ergab sich aus der ehrenamtlichen Mitwirkung im Arbeitskreis Naherholung der Penzberger Lokalen Agenda. Im Rahmen dieser Initiative wurde in 2001 ein Barfuß-Erlebnispfad am Stadtrand eingerichtet und Information über andere Einrichtungen dieser Art gesammelt.

Durch Recherchen, Erfahrungsaustausch und Besichtigungen wurde eine Informationsbasis über die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten von Barfußpfaden aufgebaut und auf der Homepage http://www.barfusspark.info dargestellt. Diese Webpräsenz wie auch die Kontaktaufnahme mit verschiedenen Organisationen dient dem Anliegen, diese Möglichkeit naturnaher Freizeitgestaltung bekannt zu machen und in Naherholungs- und Tourismusprojekte einzubringen.

Adresse

Dr. Lorenz Kerscher
Paul-Loebe-Str.21
82377 Penzberg
Tel.: 08856 - 8921
Email: Dr. Lorenz Kerscher
Website: Barfußparkführer http://www.barfusspark.info/


Letzte Änderung: 13.11.2007 08:48:40Zum Seitenanfang