ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜWas lernen Kinder in ihrer Freizeit?Jens Lipski Lebenswelten als LernweltenWenn von Lernen die Rede ist, fällt den meisten Menschen sogleich die Schule ein. Dabei ist die Schule nur ein Lernort unter vielen. Lernen findet auch vor, neben und nach der Schule statt. Den überwiegenden Teil ihres Wissens und Könnens - der UNESCO-Bildungsbericht von 1972 geht von 80 Prozent aus - eignen sich Kinder und Jugendliche außerhalb der Schule an: zum Beispiel in der Familie, der Gleichaltrigengruppe, bei zahlreichen Freizeitangeboten, über die Medien.Hier soll von Ergebnissen eines Projekts berichtet werden, das sich die Erforschung des außerschulischen Lernens 10- bis 14jähriger Kinder zur Aufgabe gemacht hatte. Ziel der Untersuchung war eine genauere Klärung der Entstehung und Ausübung von Interessen dieser Altersgruppe, der Bedeutung dieser Interessen für Bildungs- und Lernprozesse und ihrem Einfluß auf Lebensperspektiven. Das Projekt ging von der Annahme aus, daß im Unterschied zum schulischen Lernen das außerschulische Lernen im Wesentlichen von den Interessen der Kinder bestimmt wird, sei es, daß die Kinder sich für die Sache selbst interessieren, sei es, daß sie in der Sache ein Mittel sehen, um ihm Rahmen der gegebenen Umstände persönliche Ziele realisieren zu können. Im Gegensatz zu vielen Freizeituntersuchungen, bei denen die Aktivitäten der Kinder mit ihren Interessen gleichgesetzt wurden, unterschied das Projekt zwischen Interessen und Tätigkeiten. Zum einen kann man von der Häufigkeit einer Beschäftigung nicht zwingend auf die subjektive Bedeutung und auf eine mögliche Identifikation schließen. Andererseits können sich Interessen zum Beispiel auch in Wünschen ausdrücken, die man aus bestimmten Gründen im Augenblick nicht realisieren kann. Aus diesen Überlegungen heraus wurden auch keine Beobachtungen der alltäglichen Beschäftigungen der Kinder durchgeführt, sondern die Kinder mittels Fragebogen und in Einzelinterviews nach ihren Interessen befragt. Das Projekt ging dabei im Hinblick auf die tatsächlich ausgeübten Tätigkeiten von der Annahme aus, daß die befragten Kinder durchaus zwischen Tätigkeiten unterscheiden, die sie bewußt und aktiv aus Interesse betreiben, und Tätigkeiten, die zwar einen wichtigen Platz im Tagesverlauf einnehmen, aber weniger als bewußte und aktive Beschäftigungen wahrgenommen werden. So ergab sich denn in der Untersuchung, daß das Fernsehen bei der Frage nach den Interessen eher selten erwähnt wurde, obwohl es im Alltag der meisten Kinder einen großen Teil der Zeit beansprucht. Wenn, wie in der Untersuchung geschehen, auch direkt nach interessierenden Sendungen gefragt wurde, machten die Kinder dagegen erwartungsgemäß häufiger Angaben. Insgesamt wurden 1709 Kinder und ihre Eltern schriftlich mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens befragt (Rücklaufquote: 77%). Die Befragung fand in 6 Regionen statt: in einem ländlichen Gebiet, einer Klein- und einer Großstadt, jeweils sowohl in West- wie in Ostdeutschland. Daneben wurden mit 40 Kindern und ihren Eltern Einzelgespräche geführt. Ergebnisse der StudieBevor ich die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammenfasse, möchte ich zunächst etwas ausführlicher eines der Kinderportraits wiedergeben, die wir auf Grund der mündlichen Interviews angefertigt haben:Peter (Name geändert) ist 13 Jahre und hat gerade die 6. Klasse Realschule abgeschlossen. Er wohnt mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester (sie macht in Kürze Abitur) in einem Einfamilienhaus mit großem Garten in einem kleinen Dorf eines östlichen Bundeslandes.Diese Schilderung der Freizeit eines 13jährigen Jungen veranschaulicht und bestätigt einige der zentralen Befunde der schriftlichen Befragung. Zusammenfassend lassen sich auf Grund sowohl der schriftlichen wie auch mündlichen Befragungen folgende allgemeine Feststellungen treffen:
Zu 1: Kinder verfolgen in ihrer Freizeit Projekte, die sowohl durch gegenwärtige Interessen wie auch Vorstellungen über künftige Berufe bestimmt sind.Freizeit ist die Zeit, die Kinder weitgehend nach ihren Interessen und Vorstellungen gestalten können. Der Großteil der Eltern versteht sich entsprechend eher als Begleiter, Ratgeber und Zuschauer denn als "Bestimmer" oder Kontrolleur der Aktivitäten ihrer Kinder.Die in der Öffentlichkeit häufiger geführte Klage, daß die heutigen Kinder wenig oder kaum Interessen hätten, konnte in unserer Untersuchung nicht bestätigt werden. Die befragten Kinder hatten insgesamt vielfältige Interessen. Nur eine Minderheit beschränkte ihre Aktivitäten hauptsächlich auf einen Interessenbereich. Auch wenn der Sport eine herausragende Rolle einnimmt, neigen Kinder in ihrem Freizeitverhalten dazu, das verfügbare Spektrum an Möglichkeiten und Angeboten (Sport; produktiv-kreative Hobbys; Medien) in vielfältiger Weise zu nutzen. Neben sportlich-spielerischen Aktivitäten wurden auch Beschäftigungen gewählt, die mehr in Richtung Arbeit gehen wie z.B. die Ausübung eines technischen Hobbys oder Mitarbeit in Familie und Betrieb. Die Beschäftigung mit dem Computer, der vor allem Jungen nachgehen, kann sowohl Spiel (Computerspiele) wie auch eher arbeitsorientierte Tätigkeit (mit Computer lernen und arbeiten) sein. Teilweise üben die Kinder dieser Altersgruppe auch schon Tätigkeiten aus, mit denen sie Geld verdienen (z.B. Flohmarkt, Einkaufen, Zeitung austragen, Babysitten, Nachhilfe geben). Die Gleichaltrigengruppe hat einen deutlich größeren Einfluß auf die Entwicklung der Interessen als die Familie. Die Schule spielt nach den Angaben der Kinder bei der Interessenausbildung so gut wie keine Rolle. Interessen werden nicht nur am häufigsten von Freunden/Freundinnen angeregt, Gleichaltrige sind auch am meisten an der Ausübung der Interessen beteiligt. 10% der Kinder gaben bei der Frage nach ihren Interessen das Zusammensein mit Freunden und Gleichaltrigen an. Auch die Ergebnisse des DJI-Projekts "Medienerfahrungen von Jugendlichen" haben gezeigt, daß den Kindern der "Fernsehgeneration" trotz intensiven Fernsehkonsums das Treffen mit ihren Freunden und Freundinnen wichtiger ist als die Nutzung von Medien ("Erst die Freunde, dann die Medien"). Die Kinder dieser Altersgruppe orientieren sich einerseits mit ihren Interessen überwiegend an der Gegenwart und an einer eigenen Kinderkultur. So kamen - wie schon erwähnt - die Anregungen für Interessen in erster Linie von Freundinnen und Freunden und auch an der Ausübung der Interessen waren überwiegend Gleichaltrige beteiligt. Andererseits sind sie sehr an der Erwachsenenwelt, vor allem an der für sie weitgehend verschlossenen Arbeitswelt interessiert. Die meisten Kinder dieser Altersgruppe haben zudem schon Berufsvorstellungen entwickelt und viele Kinder möchten aus ihrem Hauptinteresse auch ihren späteren Beruf machen. Fast zwei Drittel der Kinder, die Berufsvorstellungen genannt haben, tun nach ihren eigenen Angaben schon heute etwas dafür. Da die Kinder jedoch von der Teilnahme am Arbeitsleben weitgehend ausgeschlossen sind, sind sie bei diesem Tun größtenteils auf Erfahrungen und Informationen aus ihrer Freizeit angewiesen, die aber teilweise unzureichend sind. Zum Beispiel werden durch das Fernsehen einerseits wichtige Sachinformationen vermittelt, andererseits stellen die in Spielfilmen dargestellten Lebensverhältnisse nicht unbedingt immer ein zutreffendes Bild der Realität dar. Wir vermuten, dass zum Beispiel die von Jungen relativ häufig genannte Berufvorstellung des Polizisten auf die Darstellung der Detektivrolle in Fernsehfilmen zurückzuführen ist. Zu 2: Lernen findet im Rahmen dieser Projekte statt, das heißt: nach dem jeweils aktuellen Bedarf. Spaß und Leistung gehen dabei Hand in Hand.Kinder eignen sich bei der Ausübung ihrer Interessen nicht nur eine Menge Wissen und Können an, sondern nach ihrer eigenen Aussage auch die für das Lernen selbst notwendigen Voraussetzungen wie z.B. Konzentration, Regeleinhaltung, Geschicklichkeit, Zeiteinteilung, Durchhaltevermögen, Kreativität. In der Freizeit erwerben die Kinder also nicht nur Wissen und Können, sie lernen offenbar auch, sich selbst und ihre Zeit zu organisieren.Die Tatsache, daß in der Freizeit im Rahmen interessegeleiteter Aktivitäten vielfältige Lernprozesse stattfinden, bedeutet keineswegs, daß das Hauptinteresse der Kinder und Erwachsenen diesen Lernprozessen gilt. Lernen wird nicht an erster Stelle als der eigentliche Zweck der Freizeitinteressen angesehen. Spaß an der Sache ist das Hauptmotiv. Da Spaß aber wesentlich von Kompetenzzuwachs abhängt, sind alle Kinder daran interessiert, bei der Ausübung ihrer Freizeitinteressen etwas zu lernen. Die auf die PISA-Ergebnisse folgende Diskussion erweckte häufig den Eindruck, daß Spaß und Leistung einander ausschließen. Spaß zu haben und Leistung zu bringen stellte jedoch bei den befragten Kindern überhaupt keinen Gegensatz dar. Die Kinder waren bereit, zur Realisierung ihrer Interessen zum Teil erhebliche Anstrengungen zu unternehmen. Auch bedeutete "Spaß haben wollen" keineswegs mangelnde Frustrationstoleranz und entsprechend häufigen Wechsel der Interessen. Die Mehrheit der Kinder war zum Zeitpunkt der Befragung ihren Interessen schon über einen längeren Zeitraum nachgegangen. Daß die meisten Kinder ihre Interessen in Vereinen und Gruppen ausüben, deutet auch auf eine Kontinuität dieser Interessen hin. Zutreffen könnte allerdings - und dies ist wohl der entscheidende Punkt -, daß Kinder bei aufgezwungenen Beschäftigungen bzw. solchen, die sie sich nicht zu eigen machen können oder wollen, möglicherweise nicht dieselbe Leistung und Beständigkeit zeigen werden. Spaß an der Sache, Interesse an Leistung und die soziale Beziehung zur Gleichaltrigengruppe bilden demnach den Rahmen, in dem sich Interessen von 10- bis 14jährigen Kindern entwickeln und entfalten. Spaß hatten Kinder vor allem, wenn die Beschäftigung "ihr Ding" war, d.h. wenn sie sich mit der Beschäftigung identifizierten und diese auch in weitgehender Eigenregie durchführen konnten. Ob es sich dann bei der jeweiligen Tätigkeit um "Spiel" oder "Arbeit" handelte, war so gesehen zweitrangig. Zu 3: Die weitere Entwicklung der außerschulischen Lebenswelt ist auch eine Aufgabe künftiger BildungspolitikZusammenfassend lässt sich festhalten, daß die Freizeit als weitgehend selbstorganisierter Lebensbereich ein für die individuelle und soziale Entwicklung der Kinder unerläßliches Lernfeld darstellt. Diese Lebenswelt besitzt gerade auch im Hinblick auf die Entwicklung von organisatorischer Kompetenz und der Fähigkeit zu einem Lernen nach aktuellem Bedarf einen hohen Bildungswert. Da diese Fähigkeiten in Zukunft eine immer größere Rolle spielen werden, ist die Freizeit der Kinder unbedingt zu erhalten. Allerdings könnte diese Lernwelt durchaus noch angereichert werden: Wenn man von der Überlegung Ivan Illichs ausgeht, daß Lernen vor allem durch die "ungehinderter Teilhabe an relevanter Umgebung" stattfindet, dann sollte man den Wunsch der Kinder nach Teilhabe an der Erwachsenenwelt, insbesondere der Arbeitswelt auf jeden Fall erfüllen. Zweitens sollten Kindern und Jugendlichen entsprechend ihrem ausgeprägten Bedürfnis nach sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen vor allem Gelegenheiten zu gemeinschaftlichen Projekten verschafft werden. Schließlich sollten Kindern und Jugendlichen Hilfen zum Wissenserwerb gegeben werden. Dies betrifft insbesondere auch den offenen Zugang zum Internet wie auch Unterstützung bei der Nutzung dieses Mediums, um die Entstehung einer digitalen Kluft in unserer Gesellschaft zu vermeiden. Mögliche Ansätze wären zum Beispiel die staatlich geförderte Ausrüstung außerschulischer Einrichtungen und Dienste mit entsprechender Hardware und Know-how sowie die Einrichtung von speziellen Service-Centern (Motto: "Freizeiteinrichtungen ans Netz").LiteraturMaria Furtner-Kallmünzer, Alfred Hössl, Dirk Janke, Doris Kellermann, Jens Lipski (2002): "In der Freizeit für das Leben lernen. Eine Studie zu den Interessen von Schulkindern". München: DJI-Verlag AutorJens Lipski AdresseDeutsches Jugendinstitut, Nockherstrasse 2, 81541 München | ||
Letzte Änderung: 23.06.2004 13:49:29 |