ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜKinder optimal fördern - mit MusikErgebnisse einer sechsjährigen Langzeitstudie über Wirkungen von Musik und Musizieren auf die Entwicklung 6- bis 12-JährigerHans Günther Bastian ![]() Es gibt keine Zweifel mehr: Musik und Musizieren bereichern die Lebensqualität und die Lebensfreude unserer Kinder und fördern sie in einem nicht vermuteten Ausmaß. Was erfolgreiche Musikerzieher schon immer wussten, wird nun durch Ergebnisse einer empirischen Studie repräsentativ bestätigt. Die Schlussbilanzen der zwischen 1992 und 1998 an sieben Berliner Grundschulen durchgeführten Untersuchung(1) des Einflusses von erweiterter Musikerziehung (Musikunterricht + Instrumentlernen + Ensemblespiel) auf die allgemeine und individuelle Entwicklung von Kindern fordern bildungsprogrammatisch, dass alle Kinder in den Grundschulen aller Bundesländer die Chance erhalten, ein Instrument zu lernen und in einem Ensemble ihrer Wahl zu musizieren. In diesem Artikel sollen einige ausgewählte Ergebnisse der Studie vorgestellt werden. 1. Soziale Kompetenz
Musik öffnet den MenschenKeine Frage: Musik ist die sozialste aller Künste, ein Kontaktmedium par excellence. In Anlehnung an Nietzsche können wir festhalten: Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum. Der Umgang mit Musik "öffnet" den Menschen zum Mitmenschen. Sozialethische Werte und eine sensible moralische Sozialisierung müssen in der Erziehung junger Menschen dringend einen neuen Stellenwert bekommen. Im Schüttelbecher dieses Jahrhunderts sind nämlich viele ehemals gesicherte Werte suspekt, in Frage gestellt und dann unsicher geworden. Wozu brauchen wir noch Werte, wenn wir den DAX haben, und (zu) viele Kinder schauen auf die Marke und nicht mehr auf die Mark. Wertbegriffe der philosophischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts wie Autonomie, Humanität, Toleranz, Sachlichkeit, Klarheit, die Erziehung weltweit bestimmten, scheinen vielfach bedroht.Psychische Macht der Musik gegen physische Gewalt!Unser Appell: Musik und insbesondere eigenes Musizieren sind "eine" soziale Chance in der Pro- und Metaphylaxe von Aggressionen unter Kindern und Jugendlichen, wirken also gewaltpräventiv. Wir sollten unserer Gesellschaft, d.h. nichts anderes als uns selbst eine Chance geben und gegen die physische Gewalt die psychische Macht der Musik setzen. Ein Versuch wäre es allemal Wert, würde man im späteren Alter hohe Ausgaben in kostspielige soziale Resozialisierungsmaßnahmen und Psychiatrien sparen. Der Schweizer Theologe Leomhard Ragaz brachte es auf den Punkt, wenn er zeitgeistig pointiert: Der Geist der Gewalt ist so stark geworden, weil die Gewalt des Geistes so schwach geworden ist.2. Zur Intelligenzentwicklung
Warum dürfen wir einen positiven Zusammenhang zwischen Intelligenz und Musik vermuten?Vom Blatt-Spielen erfordert die schnelle und gleichzeitige Verarbeitung von Informationen in extremer Fülle und Dichte (Noten, Takt, Tempo, Lautstärke, Agogik, usw.). Abstraktes und komplexes Denken sind beansprucht, auch im Voraus- und Nachhören der Musik zum gerade gespielten Takt. Bei keinem anderen Fach, bei keiner anderen Tätigkeit muss ein Kind so viele Entscheidungen gleichzeitig treffen und diese kontinuierlich über solche Zeitstrecken hinweg abarbeiten. Diese Kombination von konstanter, kontinuierlicher Achtsamkeit und Vorausplanung bei ständig sich verändernder geistiger, psychischer und physischer Beanspruchung konstituiert eine erzieherische Erfahrung von einzigartigem und daher unverzichtbarem Wert. Musik ist stets ratio, emotio und motio in einem Aneignungsprozess.Anders gesagt: Ein Instrument zu spielen ist eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten. Schon bei einfachsten Stücken werden Fähigkeiten des Intellekts (Begreifen), der Grob- und Feinmotorik (Greifen), der Emotion (Ergreifen) und der Sinne beansprucht. Die präzise Koordination der Hände und Finger auf Saiten oder Tasten verlangt eine ausgeprägte Feinmotorik und räumliches Vorstellungsvermögen (Ergebnisse der neueren Hirnforschung bestätigen diese Befunde)(3). Wenn aber Musikerziehung die Intelligenz vor allem auch kognitiv weniger entwickelter Kinder vorteilhaft fördern kann, dann folgt daraus: Bildungspolitik mit Musik ist die beste Sozialpolitik! Eltern, die ihre Kinder in ihrer Entwicklung optimal fördern wollen, und wer wollte dies nicht, sollten ihre Jüngsten möglichst früh ein Instrument lernen lassen - und zwar das Wunschinstrument des Kindes selbst. 3. Konzentration
4. Musikalische Begabung/ Leistung/ Kreativität
5. Angst - Emotionale Labilität
6. Allgemeine Schulleistungen
Was folgt daraus? - Fachpolitische KonsequenzenErgebnisse und Erkenntnisse dieser Studie fordern eine engagierte(re) Bildungs- und Schulpolitik, die in unseren allgemein bildenden Schulen das Fach Musik vom Rand in die Mitte (H. R. Laurien) rückt und eine Kulturpolitik, die das förderliche Umfeld der Laienmusik stärker als bisher anerkennt und demzufolge auch fördert. Das muss zunächst heißen: Alle Schüler erhalten in allen Bundesländern neben einem mindestens zweistündigen Musikunterricht die Chance, in der Schule ein Instrument (wenn möglich ihrer Wahl) zu erlernen und in einem Ensemble in oder außerhalb der Schule zu musizieren.Die Folge kann sein: Aus dem schulischen Musizieren wird ein privates Musizieren, das eine ganze Familie infizieren kann. Wir warten also ungeduldig auf den Musik-Virus in unseren allgemein bildenden Schulen, die den Nährboden bereiten für das Musizieren in unseren Familien und Laienmusikvereinen. Den Autor würde es freuen, wenn alle Kultusminister die Ergebnisse und Erkenntnisse der Studie "Musik(erziehung) und ihre Wirkung" (Schott Verlag, Mainz) für gute Argumente gegen kulturabstinente Finanzminister (= Sparminister) nutzen könnten. Plädoyer für Musik!Die schlichte Botschaft lautet daher: Politiker, Eltern, Lehrer, lasst unsere Kinder musizieren! Und sie tun dies nicht um der sozialen oder kognitiven Nebenwirkungen wegen, sondern ausschließlich um ihrer selbst willen, aus Freude an der Musik und an der eigenen Begabung. Musik hat ihren primären Wert nur in sich selbst, sie ist als ästhetische Erfahrung absolut zweckfrei, ja ganz nutzlos. Und genau das macht sie so wertvoll! (nach Oscar Wilde)Wo immer wir Kinder fordern und fördern wollen, wo immer wir Verantwortung für ihre Entwicklung tragen, sollte Musik mit ihrem Geist-, Gefühls-, Kreativitäts- und Sozialpotential ins Spiel kommen. Wir brauchen sie, die Musik, heute dringender denn je! Quellen
(1) Hans Günther Bastian: Musikerziehung und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen, Mainz: Schott Musik International 2000, unter Mitarbeit von Adam Kormann, Roland Hafen, Martin Koch; eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ist als Taschenbuch erschienen: Hans Günther Bastian: Kinder optimal fördern - mit Musik, Atlantis - Schott, Mainz 2001 Autor
Professor Dr. Hans Günther Bastian | ||
Letzte Änderung: 11.04.2007 16:36:45 |