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Im Vergleich zu ihren Eltern erlebt die heutige Jugendgeneration die Welt, in der sie heranwächst, als unüberschaubar und in ihren Wirkmechanismen hoch kompliziert. Die Jugendlichen sind Kinder der viel zitierten Multioptionsgesellschaft. Egal ob es um Konsum, Freizeitgestaltung, Ausbildung oder auch Lebenseinstellungen und Werte geht - die Jahrtausendwende-Jugend ist allseits mit einer Überfülle an Angeboten konfrontiert, die ihr einerseits vielfältige Optionen eröffnen, die sie andererseits aber auch bereits in sehr frühem Lebensalter mit dem Zwang konfrontiert, richtige (Wahl-)Entscheidungen zu treffen. Da ist es nur normal, dass viele Jugendliche überfordert reagieren. Hinzu kommt, dass die heutige Jugend in etlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens einen Verlust an bislang gültigen Sicherheiten erlebt. Lebensplanung scheint für die heute 14- oder 15-Jährigen nicht vielmehr als ein kühner Traum zu sein: höhere Bildungsabschlüsse sind am Arbeitsmarkt der Zukunft nicht mehr automatisch Garant für einen sicheren Arbeitsplatz; das Pension-/Rentensystem steht zur Diskussion und auch im Bereich des Privaten scheinen langfristige Sicherheiten ein zunehmend rares Gut: die Elterngeneration lebt bekanntermaßen ja bereits nach dem Prinzip der seriellen Monogamie; Partnerschaften halten immer seltener ein Leben lang, sondern zerbrechen oft schon nach einigen Jahren, oft auch erst nach Jahrzehnten - in Zukunft wird dies wohl kaum anders sein. Auf all das reagiert die heutige Jugend natürlich: und zwar mit einem verstärkten Bedürfnis nach Orientierung und emotionaler Geborgenheit. Bis ins frühe Jugendalter ist die Familie das wichtigste Bezugs- und Orientierungssystem. Dann allerdings gewinnen die Freunde und Freundinnen im Alltag der Jugendlichen immer mehr an Bedeutung. Wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, sind die Gleichaltrigen zum wichtigsten Orientierungssystem im Jugendalter geworden. Dennoch erlebt die Mehrheit der österreichischen Jugendlichen das Verhältnis zu den eigenen Eltern als sehr entspannt. Das heißt, die Jugendlichen treten (vor allem in der Freizeit) zwar deutlich früher als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren aus dem familialen Ambiente heraus, sie verlieren dabei jedoch nicht die emotionale Bindung an ihr Elternhaus. Von Generationenkonflikt ist wenig zu spürenÜber 50% der jungen Österreicher und Österreicherinnen beschreiben den Erziehungsstil ihrer Eltern als autoritativ-partizipativ. Das heißt, sie haben das Gefühl, dass die Eltern auf ihr Bedürfnis nach Mitgestaltung der familialen Beziehung eingehen, aber dennoch darum bemüht sind, erzieherisch Grenzen zu setzen und die Kinder nicht im Stile eines radikalen Laissez-faires sich selbst überlassen.Positiv hervorgehoben wird von den Jugendlichen, dass die Elterngeneration generell bestrebt ist, dem Nachwuchs eine gute Ausbildung zukommen zu lassen und damit die Basis für die zukünftige Sicherung des Lebensunterhaltes zu schaffen. Kritischer zu bewerten ist hingegen, dass sowohl Mädchen als auch Jungen bei ihren eigenen Eltern kaum Bereitschaft erkennen, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen, wenn sie ihren Kindern gegenüber ungerecht waren. Alles in allem glaubt aber dennoch die Mehrheit der österreichischen Jugendlichen, dass sich ihre Eltern gut in sie einfühlen können und wissen, was in ihnen vorgeht. Erwachsene, die außerhalb des nahen Bezugssystems Familie stehen, werden hingegen weitaus weniger verständnisvoll wahrgenommen. Immerhin 7 von 10 Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren sagen sogar ganz offen, dass die meisten Erwachsenen die Anliegen und Probleme Jugendlicher generell zu wenig verstehen. Leben in der Gesellschaft der annähernd GleichaltrigenEin wenig scheint es so, als hätte sich der Generationenkonflikt in den Familien entschärft, die Beziehung zwischen Jung und Alt auf gesamtgesellschaftlicher Ebene aber dennoch kaum verbessert. Die Jungen gehen zwar nicht mehr wie einst auf Oppositionskurs zur Erwachsenengesellschaft, sie fühlen sich nach wie vor aber missverstanden und bleiben wohl auch deshalb gerne unter sich.Faktum ist, dass sich die Jahrtausendwende-Jugend im Gegensatz zu früheren Jugendgenerationen immer weniger an der Lebenserfahrung bzw. Lebensweisheit älterer Bezugspersonen orientiert. Vielmehr ist es so, dass wesentliche Prozesse der Weltaneignung heute in der Gesellschaft der annähernd Gleichaltrigen stattfinden (die Sozialisationsforschung spricht hier von Selbstsozialisation). Besondere Bedeutung kommt dabei den Freunden bzw. den Peer-Groups zu, da sie in den Prozessen der jugendlichen Identitätsbildung Hilfestellung bieten bzw. mit ihren lebensweltlichen Erfahrungen einen stützenden Rahmen bilden. Vor dem Hintergrund der fortschreitenden gesellschaftlichen Individualisierung wurde während der letzten Jahre immer wieder eine mögliche soziale Verinselung der Jugendlichen diskutiert. Tatsächlich ist, wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, aber genau das Gegenteil der Fall: Die Jugendlichen zeigen heute eine ausgeprägte Primärgruppenorientierung. Die Nähe zu Menschen, an die sie glauben und denen sie vertrauen, vermittelt ihnen ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit; sie schafft gewissermaßen die Basis dafür, dass sich die Jugendlichen in der Angebots- bzw. Optionsvielfalt der individualisierten Gesellschaft zurechtfinden. Tipps für den (jugendlichen) Alltag holen sich Jugendliche in erster Linie von gleichaltrigen Freunden und Freundinnen. Und auch wenn es um problembezogene Themen geht, sind Freunde und Freundinnen zunehmend wichtige Ansprechpersonen. Zwei Drittel der 14- bis 19-Jährigen sagen sogar ganz offen, dass sie die meisten Probleme mit Freunden wesentlich besser besprechen können als mit Erwachsenen. Wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, wenden sich Jugendliche vorzugsweise an Freunde und Freundinnen, die um ein paar Jahre älter sind, da diese vor nicht allzu langer Zeit meist noch mit ganz ähnlichen Fragen konfrontiert waren und daher sehr gut nachvollziehen können, was in ihnen gerade vorgeht. Und im Idealfall verfügen sie auch bereits über lebenswelterprobte Problemlösungsstrategien. In wirklich schwierigen Lebenssituationen, etwa bei finanziellen Problemen oder wenn die Jugendlichen mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, suchen sie allerdings nach wie vor vorzugsweise bei ihren Eltern Rat und Unterstützung. Jugend in der FreizeitgesellschaftNeben Freunden und Familie ist die Freizeit einer der für Jugendliche wichtigsten Lebensbereiche. Kein Wunder, sind die heutigen Jugendlichen doch Kinder der Freizeitgesellschaft. Vor allem für die unter-20-Jährigen ist viel Freizeit zu haben ein Kriterium für Lebensqualität.Interessant ist, dass Freizeit für Mädchen wie auch für Jungs nicht automatisch Aktivität bedeutet. Vielmehr ist es so, dass insbesondere im Jugendalter das Bedürfnis nach Ruhe, Muße, Relaxen, oder - wie es die Jugendlichen nennen - Couchen besonders stark ausgeprägt ist. Die Freizeit positiv zu erleben, bedeutet für Jugendliche, die richtige Mischung zwischen attraktiven Erlebnisangeboten und genüsslichem Faulenzen und Nichtstun zu finden. Mit anderen Worten: Jugendliche wollen aus der ihnen zur Verfügung stehenden Freizeit das Bestmögliche herausholen, jedoch ohne sich dabei von der Freizeitgesellschaft unter Druck setzen zu lassen. Generell wird die Freizeit von den Jugendlichen als Kompensationssphäre zum oft stressig erlebten Ausbildungsalltag wahrgenommen (die Wandersage, dass Arbeit bzw. Ausbildung und Freizeit immer mehr zusammenwachsen und dabei neue Selbstverwirklichungschancen eröffnen, stimmt aus der Sicht der Mehrheit der Jugendlichen demnach nicht). Alles in allem unterscheidet sich das Freizeitverhalten der österreichischen Jugendlichen nur wenig von dem der deutschen Jugendlichen: Wie in Deutschland sind Musik, Medien, Freunde und das Partizipieren an Jugendkulturen und jugendkulturellen Stilen die wesentlichen Eckpfeiler des jugendlichen Freizeit-Mix. Als generelle Regel gilt dabei: Gestaltbare Freiräume werden von den Jugendlichen attraktiver erlebt als pädagogisch geschützte Schonräume. Jugendkultur als identitätsstiftende freizeitorientierte ThemenweltDie Jugendkultur mit ihrer bunten Vielfalt an populären jugendkulturellen Szenen spielt heute eine zentrale Rolle in den jugendlichen Freizeitwelten und sie dient den Jugendlichen zugleich auch als Leitkultur. Wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, finden 8 von 10 Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 19 Jahren eine oder auch mehrere jugendkulturelle Szenen cool oder sympathisch. Sie zählen zur Gruppe der "allgemein Jugendkulturorientierten", die sich mit jugendkulturellen Themenwelten und Stilen auseinandersetzen und sie in ihre Identitätsbildungsprozesse einweben.Der Anteil derer, die sich als feste "Mitglieder" bzw. aktive Produzenten der Jugendkultur begreifen, ist erwartungsgemäß kleiner. Wie die Daten zeigen, sind hier männliche Jugendliche aus mittleren und höheren Bildungsschichten sowie Jugendliche mit hoher Affinität zu neuen Informations- und Kommunikationstechnologien überrepräsentiert. Die treibende Kraft der zeitgenössischen jugendkulturellen Szenen ist demnach im Segment der jungen Trendsetter und Innovatoren zu lokalisieren. Für die Gemeinschaftsbildung der Jugendlichen spielen jugendkulturelle Themenwelten aber auf einer viel breiteren Ebene eine Rolle - insbesondere jene aus den Bereichen Musik und Funsport. Wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, sind neben der Chemie, die stimmen muss, und der räumlichen Nähe gemeinsame Musikinteressen, lebensstilistische Gemeinsamkeiten, gemeinsame Szenetreffs und teils auch gemeinsame Sportinteressen die zentralen Bindungsfaktoren in jugendlichen Cliquen. Gemeinsames Engagement für gesellschaftliche Anliegen oder gemeinsame Aktivitäten in einer Jugendorganisation spielen für die Bildung fester Freundeskreise hingegen eine deutlich untergeordnete Rolle. Interessantes Detail: Die Cliquen der österreichischen Jugendlichen sind großteils nicht strikt altershomogen. Sie sind also nicht Gleichaltrigengruppen im engen Sinne, sondern "Peer-Cliquen", in denen gemeinsame Interessen und Alltagserfahrungen unter annähernd Gleichaltrigen Gruppenidentität stiften und zu denen grundsätzlich auch (etwas) Jüngere und (etwas) Ältere Zugang finden - freilich unter der Voraussetzung, dass sie die in der Clique gemeinschaftsstiftenden Interessen teilen. Lebensziele und WerteGerade die jugendkulturorientierten Jugendlichen wirken nach außen hin oft irritierend expressiv und - zumindest für jene, die sich mit Jugendkultur nicht näher beschäftigen - häufig auch ein wenig oberflächlich. Wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, sind sie innen drin meist aber verblüffend solide.In ihren Lebenszielen und Werten bewegen sich die Jugendlichen großteils nicht auf Konfrontationskurs zu den Wertewelten der Elterngeneration. Die wichtigsten Lebensziele, die Jugendliche verfolgen, sind, gute Freunde und ein harmonisches Familienleben zu haben, Sicherheit - ganz allgemein gesehen und im speziellen ein sicherer Arbeitsplatz, Spaß im Leben zu haben und später einmal einen Beruf auszuüben, der nicht nur pure Pflicht ist, sondern auch Raum für Selbstverwirklichung bietet und Freude macht. Für eine subjektiv gelungene Jugendphase ist natürlich die richtige Dosis Spaß im Leben wichtig. Doch Spaß ist nicht alles. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Ausbildung als Investition in die berufliche Zukunft gewinnt bei der heutigen Jugend immer mehr an Bedeutung - nicht zuletzt deshalb, weil die Jugendgeneration der Jahrtausendwende in Österreich wie in Deutschland in eine beruflich unsichere Zukunft blickt. Ausbildung und Arbeit haben in den Lebensperspektiven der österreichischen Jugendlichen während der letzten Jahre tendenziell an Bedeutung gewonnen; auch das Leistungsbewusstsein der Jugendlichen ist leicht gestiegen. Der Leitsatz der heutigen Jugendgeneration scheint zu lauten: "Nimm dein Leben selbst in die Hand." In den Selbstkonzepten der Jugendlichen manifestiert sich ein tiefer Wunsch, selbstbestimmt, selbständig und selbstverantwortlich zu sein. Überall dort, wo sich die Jugendlichen von der Erwachsenengesellschaft mit ihren Anliegen und Problemen ungenügend verstanden fühlen, wird dieser Wunsch nach Selbstverantwortlichkeit freilich ungewollt zum Zwang. Das Lebensmotto der Jugendlichen lautet dann plötzlich durchaus resignativ: "Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner." Patchwork-Identitäten und das "Prinzip der Prinzipienlosigkeit"Alles in allem unterscheiden sich die Jugendlichen in den Lebenszielen und Werten dennoch nicht allzu sehr von ihrer Elterngeneration. Ein Unterschied besteht aber doch: Sie sind nicht so prinzipientreu wie ihre Eltern. Und gerade das sorgt bei vielen Erwachsenen für Irritationen. Lebensperspektiven und Werte werden von den heutigen Jugendlichen nicht mehr ideologisch klar verortet, sie werden vielmehr - frei nach dem Patchwork-Prinzip - bunt und oft auch sehr widersprüchlich gemixt. Elemente verschiedenster Werthaltungen werden auf eine oft seltsam anmutende Art und Weise kombiniert.Für die Jugend besteht die zentrale Entwicklungsaufgabe nicht mehr darin, Ambivalenzen und Widersprüche aufzulösen, sondern vielmehr darin, bestehende Ambivalenzen und Widersprüche in ein stimmiges Spannungsverhältnis zu bringen. In der Identitätsforschung spricht man hier von Identitätsbildung nach dem Prinzip der additiven Identität. Interessant ist, dass das aus der eigenen Perspektive Stimmige von den Jugendlichen als authentisch empfunden wird. Und Authentizität liegt, wie der 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich zeigt, bei den österreichischen Jugendlichen voll im Trend. Mehr als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen erhebt das Streben nach dem Echten, Authentischen zu einer persönlichen Lebensphilosophie und sagt "Ich mag keine Poser - echt sein ist wichtig: dieser Satz trifft meine Lebenseinstellung genau." Das gängige Klischee, dass die heutigen Jugendlichen Protagonisten einer hemmungslosen und zutiefst oberflächlichen Spaßgesellschaft seien, geht demnach an der Realität vorbei. Tatsache ist vielmehr, dass die heutige Jugend mehr als jede Jugendgeneration zuvor darum bemüht ist, Lebensernst und Lebensspaß/Lebensgenuss mit hohem Authentizitätsanspruch in ein ausgewogenes und harmonisches Verhältnis zu bringen. Download-InfoDer 4. Bericht zur Lage der Jugend in Österreich wurde im Auftrag des österreichischen Bundesministeriums für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz vom Institut für Jugendkulturforschung jugendkultur.at in Kooperation mit dem Marktforschungsinstitut Spectra durchgeführt. Projektbericht und Daten des 4. Berichts zur Lage der Jugend sind unter folgender Adresse online verfügbar: http://www.bmsg.gv.at/cms/site/liste.html?channel=CH0243Autorin
Dr. Beate Großegger, geb. 1966, ist wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung jugendkultur.at in Wien und Co-Autorin des vom österreichischen Bundesministerium für Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz beauftragten 4. Bericht zur Lage der Jugend. Seit 2002 ist sie darüber hinaus als Lehrbeauftragte am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien tätig. Adresse
jugendkultur.at - Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung | ||
Letzte Änderung: 04.09.2009 17:02:59 |