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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Leistung - ist sie bei Jugendlichen heute noch "in"?

Franziska Dietz und Sebastian Schmid

Franziska Dietz      Sebastian Schmid

Ist Leistung bei Jugendlichen heute noch "in"? Bevor wir versuchen wollen, diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst darüber verständigen, was unter "Leistung" zu verstehen ist. Es ist zu vermuten, dass viele der Menschen, die sich um die Leistungsbereitschaft der "heutigen Jugend" sorgen, kaum bereit wären, das stilsichere Sprühen eines Graffiti als Leistung anzuerkennen. Leistungsstreben dürfte von ihnen eher im traditionellen Sinne verstanden werden: als Streben nach beruflichem oder sozialem Aufstieg. Im Folgenden soll zunächst der Frage nachgegangen werden, wie es bei heutigen Jugendlichen um Leistungswerte in diesem traditionellen Sinne steht und wieso Wertbekundungen und entsprechende Handlungen oft in Widerspruch zueinander geraten. Diskutiert werden zwei mögliche Erklärungen: Zweifel an der Leistungsgerechtigkeit der Gesellschaft und das gleichzeitige Vorhandensein von Wertorientierungen, die im Alltagshandeln nur schwer miteinander in Einklang zu bringen sind. Abschließend soll die Frage aufgeworfen werden, ob es im Hinblick auf das Leistungsverständnis der Jugendlichen sinnvoller wäre, den Begriff Leistung breiter zu fassen.

Bei allen nachfolgenden Ausführungen ist zu bedenken, dass es eine große Vielfalt jugendlicher Lebensformen gibt, die es eigentlich verbieten von "der Jugend" als einer einheitlichen Gruppe zu sprechen. Die heutigen Jugendlichen unterscheiden sich stark in ihren Interessen, Musikvorlieben, ihrer Kleidung und Sprache, ihren Werten und Lebensphilosophien. Aussagen über "die Jugend schlechthin" sind daher nur möglich, wenn man bereit ist, einige grobe Verallgemeinerungen zu akzeptieren. Dies muss man im Auge behalten, umso mehr, da "die Jugend" leicht zur Projektionsfläche für Wünsche und Befürchtungen von Erwachsenen werden kann.


Leistung im traditionellen Sinne

Wenn in der Öffentlichkeit über die schwindende Leistungsbereitschaft von Jugendlichen geklagt wird, ist meistens Leistung im traditionellen Sinne gemeint - Leistung im Sinne der von Max Weber beschriebenen protestantischen Arbeitsethik (Weber, 1905). Einen starken Auftrieb fanden derartige Klagen in den 80er Jahren durch Arbeiten von Noelle-Neumann (z.B. Noelle-Neumann & Strümpel, 1985), in denen die Jugend - gestützt auf umfangreiche Umfragen - durch zunehmende Arbeitsunlust und Versorgungsmentalität charakterisiert wurde. Diese Deutung der Umfragedaten wurde allerdings von Autoren kritisiert, welche die eigentliche Veränderung nicht in einem "Werteverfall" sahen, sondern darin, dass Jugendliche sich vermehrt eine Arbeit wünschten, die sie als sinnvoll und befriedigend erleben (vgl. z.B. Witthaus, 1996).

Die Ergebnisse aktueller Jugendstudien wie der Shell-Studie 2002, in denen nach der Wichtigkeit verschiedener Wertvorstellungen gefragt wurde, sprechen dafür, dass Werte wie "Fleiß" und "Ehrgeiz" vergleichsweise hoch im Kurs stehen (siehe auch den Beitrag von Hurrelmann). Während in der zweiten Hälfte der 80er Jahre 62 Prozent der Befragten "Fleiß" und "Ehrgeiz" als besonders wichtig einschätzten, sind es 2002 sogar 75 Prozent. "Karriere" bezeichnet eine deutliche Mehrheit (82%) als "in" (Gensicke, 2002). Insgesamt gesehen scheint die Zustimmung zu Leistungswerten bei Jugendlichen groß zu sein.

Auch in einer von uns durchgeführten qualitativen Interviewstudie äußerten sich Jugendliche größtenteils positiv zum Thema Leistung. Allerdings ließen viele der entsprechenden Äußerungen deutlich werden, dass Leistung oft nicht als Wert an sich oder Selbstzweck geschätzt wird, sondern für viele eher eine Notwendigkeit darstellt, der man sich nicht entziehen kann, da sonst der soziale Abstieg droht.
Sascha, 16: "Ich weiß nicht, es wird ja immer so behauptet, wir leben in ’ner Leistungsgesellschaft. Jeder muss immer das Beste tun und... .Trifft sicherlich auch häufig zu, dass man..., dass nur die Besten durchkommen."

Die Wertschätzung von Leistung im traditionellen Sinne zeigt sich unter anderem auch in der Bedeutung, die Jugendliche schulischer Bildung und schulischen Abschlüssen zumessen, die in unserer Gesellschaft mit späteren Berufschancen verbunden sind. Tatsächlich sind die Bildungsaspirationen und speziell das Anstreben eines höheren Schulabschlusses in Deutschland über die letzten zehn Jahre deutlich angestiegen. 2001 strebten zwei Drittel der Jugendlichen - nach eigenen Angaben - das Abitur an; vor zehn Jahren waren es "nur" 50 Prozent (Stecher, 2003; Zinnecker, 2002). In einer Erhebung, die wir kürzlich mit 704 Schüler/innen im Alter von 12 bis 15 Jahren durchgeführt haben, beurteilten 90 Prozent der Teilnehmer das Erreichen eines guten Schulabschlusses als "sehr wichtig".


Werte und Handlungen sind zweierlei

Kann man die Frage "Ist Leistung bei Jugendlichen heute noch ‚in’?" also mit einem knappen "Ja" beantworten? Nicht ganz. Werte und Handlungen sind zweierlei, und beim Thema Leistung kontrastieren die verbal geäußerten Wertbekundungen häufig mit dem tatsächlichen schulischen oder beruflichen Einsatz. Gute Leistungen in der Schule sind vielen Jugendlichen wichtig, doch die dafür nötige Zeitinvestition an Nachmittag und Wochenenden ist häufig trotzdem gering. Und auch wenn "Karriere" als Ziel hoch im Kurs steht, heißt das noch lange nicht, dass konkrete Schritte in diese Richtung eingeleitet werden. Hierfür kann es mehrere Gründe geben.

Zweifel an Leistungsgerechtigkeit

Ein Grund für das Auseinanderfallen von Werten und Handlungen kann in dem Zweifel bestehen, ob erbrachte Leistungen von der Gesellschaft auch materiell und ideell anerkannt werden. So fand Watermann (2003), dass Heranwachsende sozialen Aufstieg zunächst auf individuelle Leistungen zurückführen. Mit dem Übergang in die Arbeitswelt kommen weitere Erklärungen für sozialen Aufstieg hinzu: Glück, Beziehungen und soziale Herkunft werden nun ebenfalls für bedeutsam gehalten. Wenn man aber grundsätzlich an der Leistungsgerechtigkeit einer Gesellschaft zweifelt, kann dies die Leistungsbereitschaft untergraben.

Multiple Wertvorstellungen und konkurrierende Handlungsziele

Eine zweite Erklärung liegt möglicherweise darin, dass Jugendliche nicht nur Leistungswerte hoch schätzen; sie finden gleichzeitig auch Familie, Partnerschaft und Freunde sehr wichtig, schätzen Eigenverantwortung, Kreativität und soziale Kontakte. Diese Konstellation wird von einigen Autoren als "Wertepragmatismus" bezeichnet und im Sinne einer Wertesynthese gedeutet (z.B. Gensicke, 2002). Beispielsweise scheint die gleichzeitige große Bedeutung von traditionell als konservativ eingestuften Wertvorstellungen wie beruflichem Erfolg und Sicherheit auf der einen Seite und Selbstentfaltungswerten wie Kreativität und Genuss auf der anderen Seite für die Jugendlichen kein notwendiger Widerspruch zu sein; stattdessen werden Wertvorstellungen ganz "pragmatisch" von den Jugendlichen miteinander kombiniert.

Auf der Ebene abstrakter Wertvorstellungen ist eine derartige Synthese schwer kombinierbarer Inhalte vielleicht möglich - auf der Ebene des konkreten Handelns kann sie jedoch leicht zu Problemen führen. So könnte beispielsweise eine Jugendliche - ausgehend von hoch ausgeprägten Leistungswerten - den Wunsch haben, eine gute Schülerin zu sein. Sind ihr gleichzeitig soziale Kontakte sehr wichtig, wird sie ebenfalls das Ziel verfolgen, möglichst viel Zeit mit ihren Freunden und Freundinnen zu verbringen. Aufgrund begrenzter zeitlicher Ressourcen können beide Ziele in Konkurrenz zueinander geraten (Hofer, 2003): Soll sie den Nachmittag lieber mit ihren Freundinnen verbringen oder die Hausaufgaben erledigen? Zwar gibt es einige Aktivitäten, in denen man gleichzeitig nach Leistung streben und soziale Kontakten pflegen kann, doch dürften diese eher die Ausnahme bilden.

Konflikte zwischen Schule und Freizeit

In unserer eigenen Untersuchung zeigte sich, dass Entscheidungskonflikte zwischen Freizeit- und Schulaktivitäten den meisten Jugendlichen gut bekannt sind. Ein Drittel der befragten Schüler/innen erlebt sie nach eigenen Angaben sogar mindestens einmal pro Tag. Die Häufigkeit solcher Aktivitätskonflikte hing mit den Wertvorstellungen der Schüler/innen zusammen: Hier zeigte sich, dass Jugendliche, die sowohl Leistungs- als auch Wohlbefindenswerte als sehr wichtig einschätzen, häufiger über Entscheidungskonflikte berichten (siehe auch Fries, Schmid, Dietz & Hofer, in Vorbereitung). Dieser Befund legt nahe, dass eine auf der Wertebene mögliche Wertsynthese auf der Ebene konkreter Handlungen nicht so reibungslos verläuft, sondern häufige Konflikte zwischen verschiedenen Aktivitäten mit sich bringt.


Ein erweiterter Leistungsbegriff

Zum Abschluss sei darauf hingewiesen, dass Leistungsstreben nicht ausschließlich als Streben nach materiellem Reichtum und gesellschaftlichem Aufstieg verstanden werden muss. So kann Leistung unter Rückgriff auf Überlegungen des Philosophen David Miller (1999) ganz allgemein als beabsichtigtes Ergebnis einer Handlung definiert werden, das eindeutig einer Person zurechenbar ist und von anderen als nützlich und wertvoll eingeschätzt wird (vgl. auch Neckel & Dröge, 2002).

Auch in unserer Interviewstudie vertraten viele Jugendliche einen Leistungsbegriff, der über das traditionelle Verständnis hinausgeht. Besonders häufig wurde Leistung mit Verantwortungsübernahme oder altruistischen Handlungen (Hilfeleistungen) in Verbindung gebracht:
Kathrin, 16: "Ja, Leistung ist halt auch, dass man auch Freundschaft pflegt und auch sich mal um die anderen kümmert und sich auch trifft oder irgendwas zusammen unternimmt. Oder auch in der Familie, dass man da nicht einfach nur über sich nachdenkt, sondern auch mal für den anderen was macht."
Ulrike, 18: "Und des find ich bei der Gesellschaft eben auch so scheiße, dass sie eben, dass Leistung eben immer falsch definiert wird, vielleicht, weil sie nicht sehen, was so'n sozialer Beruf wie bei meinem Vater eben zu machen hat."

Diese Aussagen der von uns interviewten Jugendlichen entsprechen auch der häufig erhobenen Forderung, nicht nur offizielle, bezahlte Arbeit, sondern auch ehrenamtliche, gemeinnützige oder karitative Arbeit als Leistung anzuerkennen (s. z.B. Beck, 1997). Interessanterweise scheint eine Wertsynthese von Leistungswerten und Werten wie Selbstverwirklichung und sozialen Werten eher möglich zu sein, wenn man Leistung in diesem erweiterten Sinne versteht.

Wenn wir uns der eingangs gestellten Frage nun wieder zuwenden, kann die Antwort folgendermaßen lauten: Ja, Leistung (auch im traditionellen Sinne) ist bei Jugendlichen "in". Allerdings bestimmt diese Wertigkeit nicht durchgängig ihr Handeln, da Zweifel an Leistungsgerechtigkeit oder konkurrierende Wertvorstellungen einer direkten Übersetzung von Wertvorstellungen in entsprechende Handlungen im Weg stehen können.


Literatur

Beck, U. (1997). Erwerbsarbeit durch Bürgerarbeit ergänzen. In: Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, S. 146-168

Gensicke, T. (2002). Individualität und Sicherheit in neuer Synthese? Wertorientierungen und gesellschaftliche Aktivität. In D. Shell (Ed.), Jugend 2002 (pp. 139-212). Frankfurt: Fischer.

Fries, S., Schmid, S., Dietz, F, & Hofer, M. (i.V.)

Hofer, M. (2003). Wertewandel, schulische Motivation und Unterrichtsorganisation. In W. Schneider & M. Knopf (Eds.), Entwicklung, Lehren und Lernen. Göttingen: Hogrefe.

Miller, David (1999). Principles of social justice. Cambridge: Harvard University Press.

Neckel, S. & Dröge, K. (2002). Die Verdienste und ihr Preis: Leistung in der Marktgesellschaft. In A. Honneth (Hrsg.), Befreiung aus der Mündigkeit: Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt: Campus.

Noelle-Neumann, E & B. Strümpel (1985). Macht Arbeit krank? Macht Arbeit glücklich? Eine aktuelle Kontroverse. München: Saur.

Stecher, L. (2003). Jugend als Bildungsmoratorium - die Sicht der Jugendlichen. In H. Reinders & E. Wild (Eds.), Jugendzeit - Time Out? Zur Ausgestaltung des Jugendalters als Moratorium. Opladen: Leske und Budrich.

Watermann, R. (2003). Gesellschaftsbilder im Jugendalter: Vorstellungen Jugendlicher über die Ursachen sozialer Aufwärtsmobilität. Opladen: Leske + Budrich.

Witthaus, U. (1996). Barrieren und Widersprüche zwischen Ausbildung und Beschäftigung: Zur (Un-)Möglichkeit der einlösung arbeitsinhaltlicher Interessen und Ansprüche. In J. Mansel & A. Klocke (Hrsg.), Die Jugend von heute: Selbstanspruch, Stigma und Wirklichkeit. Weinheim: Juwenta.

Zinnecker, J., Behnken, I., Maschke, S., & Stecher, L. (2002). null zoff & voll busy. Opladen: Leske + Budrich.


Autoren

Dipl.-Psych. Franziska Dietz und Dipl.-Psych. Sebastian Schmid sind wissenschaftliche Mitarbeiter im DFG-Projekt "Wertewandel und Lernmotivation" an der Universität Mannheim

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter:
http://www.ew2.uni-mannheim.de/wertewandel/


Adresse

Franziska Dietz
Universität Mannheim
Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften II/ Pädagogische Psychologie
Kaiserring 14-16
D-68131 Mannheim
Telefon: 0621-181-2211
email: Franziska Dietz
Internet: http://www.ew2.uni-mannheim.de/team/index.php3?n=11_0

Sebastian Schmid
Universität Mannheim
Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften II/ Pädagogische Psychologie
Kaiserring 14-16
D-68131 Mannheim
Telefon: 0621-181-3546
email: Sebastian Schmid
Internet: http://www.ew2.uni-mannheim.de/team/index.php3?n=10_0




Letzte Änderung: 04.09.2009 17:03:29Zum Seitenanfang