| ZUM TEXT | | Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) ZUM MENÜDer Übergang zur Elternschaft: Krise oder Chance?Matthias Petzold
Übersicht 1. Wandel von Geburt und Familie 1.1 Geburtenrückgang 1.2 Neue Lebensperspektiven von Eltern 1.3 Vielfalt von Familienformen 2. Paare werden Eltern 2.1 Schwangerschaft und Geburt 2.2 Dyaden, Triaden, Tetraden Erziehungsstil und Kindesentwicklung Kindesentwicklung und Partnerbeziehung Partnerbeziehung und Erziehungsstil 3. Familienalltag mit kleinen Kindern 3.1 Betreuung und Versorgung des Kindes 3.2 Alltagsbewältigung 3.3 Interaktion und Kommunikation 4. Geburt als Krise oder Chance? Übersicht
So wie die Familie als Ganzes ist auch der Übergang zur Elternschaft im Rahmen der sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen im Wandel. Nach einem Blick auf einige bevölkerungspolitische Daten zu Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft soll die vielfältige Charakteristik der heutigen Familie erörtert werden. Der Übergang zur Elternschaft als erster Schritt einer Familiengründung beginnt bereits mit mehreren Phasen vor der Geburt. Nach der Geburt des Kindes schaffen sich junge Familien in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Anforderungen ihr eigenes Skript des Familienlebens, die Betreuung und Versorgung des Kindes muss geregelt werden, und ein neues Muster partnerschaftlichen Zusammenwirkens muss geschaffen werden. Dies ergibt ganz verschiedene Lösungen familiärer Alltagsbewältigung mit unterschiedlichen Mustern der Interaktion/Kommunikation und führt zu jeweils verschieden erlebter Zufriedenheit. Mit Blick auf einige wissenschaftliche Ergebnisse und Theorien der Familienpsychologie soll die Frage "Elternschaft als Krise oder Chance?" beantwortet werden. 1. Wandel von Geburt und Familie
1.1 Geburtenrückgang
In Deutschland - wie auch in allen anderen industrialisierten Ländern ist der Trend zu verzeichnen, dass weniger Kinder geboren werden. Dies liegt nicht nur an der Ablehnung des Lebens mit Kindern bei einer bestimmten Gruppe der Bevölkerung, sondern auch an dem Aufschub der Eheschließung und den wachsenden Scheidungsziffern. Die Geburtenzahlen sind seit Ende der sechziger Jahre kontinuierlich zurückgegangen. Die Nettoreproduktionsrate, die bei einem Wert von 1,00 langfristig eine gleich bleibende Bevölkerung anzeigen würde, sank ab 1970 unter 1,00 und erreichte im Jahre 1984 mit 0,61 den bisherigen Tiefstand. Die Zahl der Geburten hat zwar seither wieder zugenommen, aber nicht so wesentlich, dass die Nettoreproduktionsrate ausgeglichen würde. Auf der Ebene der einzelnen Familie erweist sich der Geburtenrückgang als ein Sinken der durchschnittlichen Kinderzahl pro Ehe. Im Heiratsjahrgang 1930, dessen Angehörige im Jahre 1985 etwa 80 Jahre alt waren, hatte noch jedes 5. Paar vier oder mehr Kinder; im Heiratsjahrgang 1975, der im Jahr 2030 etwa 80 Jahre alt sein wird, hat nur noch jedes 25. Paar vier oder mehr Kinder. Dies bedeutet, dass von den Familien mit Kindern fast jede zweite Familie nur ein Kind hat (1,5 Millionen Ein-Kind-Familien gegenüber 1,3 Millionen Familien mit mehr als einem Kind im Jahre 1988). Dies drückt sich auch in der Zahl der Kinder pro Haushalt aus: Anfang der sechziger Jahre lebten in 60% aller Haushalte Kinder, während 1985 nur noch in 38% aller Haushalte Kinder lebten. Diese Zahlen ergaben sich nicht nur durch die sinkende Geburtenrate, sondern auch durch die wachsende Zahl der Ein-Personen-Haushalte (wobei es hier häufig allein lebende alte Menschen sind). Die Mehrheit der heutigen Lebensformen ist also nicht mehr durch das Leben mit Kindern gekennzeichnet (vgl. Petzold, 1999). In der Diskussion der möglichen Gründe für diesen Geburtenrückgang werden verschiedene Aspekte genannt. Zum einen herrscht in unserer fortschrittsorientierten Gesellschaft mit (noch) wachsendem Lebensstandard das Bedürfnis vor, möglichst viel vom "sozialen Kuchen" abzubekommen. Eine solche Orientierung kann aber unter den heutigen Bedingungen der Arbeitswelt nicht mit einem Leben mit Kindern in Einklang gebracht werden. Diese Entwicklung ist in den neuen Bundesländern besonders dramatisch: "Der Geburtenausfall in den neuen Bundesländern ist sowohl auf den Verzicht auf Familiengründung wie auch auf den Verzicht auf Familienerweiterung zurückzuführen. Dabei lässt sich vermuten, dass der Geburtenausfall weniger als Reaktion auf die Veränderung der individuellen Lebenslage und die damit verknüpfte Anreizstruktur als auf allgemeine sozialpolitische und arbeitsmarktbezogene Anreizstrukturen und auf Schockerfahrungen gesehen werden kann" (Bien, 1996, S. 81). Die Entscheidung für mehr Wohlstand oder Kinder wird dabei meist auf dem Rücken der Frau ausgetragen, die sich für Beruf oder Kinder entscheiden muss. Viele Frauen versuchen dabei Kompromisse und haben im Prinzip drei Möglichkeiten: Entweder nehmen sie Doppelbelastungen in Kauf, oder sie schieben die Entscheidung für das Kind im Rahmen ihrer Lebensplanung hinaus (aus diesem Grund steigt z.B. auch das durchschnittliche Alter der Erstgebärenden), oder aber sie versuchen möglichst schnell nach dem ersten Kind wieder in den Beruf zurückzukehren. Besonders die letzten beiden Möglichkeiten haben zu dem Geburtenrückgang beigetragen. 1.2 Neue Lebensperspektiven von Eltern
Die Lebensperspektive von Frauen hat sich entscheidend verändert. Mit einem nahezu gleichen Schulabschluss wie Männer haben Frauen heute im Beruf wesentlich bessere Chancen als früher, wenn auch von realer Gleichberechtigung in keiner Weise gesprochen werden kann. Für Frauen ist aber heute die Erziehung der Kinder keine durchgängige Lebensaufgabe mehr. Die Betreuung der Kinder wird im Leben der Eltern - ob verheiratet oder nicht - zu einer zeitlich begrenzteren Phase. Wenn das zweite (und letzte) Kind 15 Jahre alt ist, hat heute die Frau durchschnittlich ein Alter von 43 Jahren erreicht. Bei der zurzeit prospektiven Lebenserwartung hat sie dann noch etwa 35 Jahre ihres Lebens vor sich - das sind 45% ihrer gesamten Lebenserwartung. Der Wiedereinstieg in den über 15 Jahre zurückliegenden Beruf ist dann oft kaum möglich. Deshalb nehmen zwei Drittel der Frauen mit Kleinkindern eine Doppelbelastung in Kauf und bemühen sich bereits wenige Jahre nach der Geburt des Kindes um eine berufliche Tätigkeit, die aber in den meisten Fällen als Teilzeitarbeit weniger qualifiziert und schlechter bezahlt ist. In dieser Situation liegt es nahe, nach einem Modell zu suchen, in dem beide Partner die Belastung durch Beruf und Haushalt sowie Kinder gleichermaßen auf sich nehmen. Die partnerschaftliche Regelung der Aufgaben in der Familie ist seit den großen Familienrechtsreformen in den sechziger Jahren zwar geschriebenes Gesetz, aber keineswegs Realität geworden. Dennoch gibt es eine kleine Zahl von Paaren mit Kindern, die verschiedene Formen von partnerschaftlichen Beziehungen verwirklichen, in denen - auch nach der Geburt von Kindern - beide Partner weiter ihre beruflichen Ziele verfolgen können (vgl. Busch, Hess-Diebäcker & Stein-Hilbers, 1988; Klees, 1992). Die Realität der deutschen Familie ist trotz ihrer Vielfalt jedoch weit weg von einem solchen partnerschaftlichen Modell. Es ist heute fast immer noch die Frau, die ihren Beruf aufgibt oder unterbricht, wenn Kinder geboren werden. Und auch im höheren Alter, nach dem Ausscheiden aus dem Beruf, übernehmen viele ältere Frauen eine wesentliche Rolle bei der Betreuung von Kleinkindern. Die Enkelbetreuung durch die Großeltern (fast ausschließlich die Großmutter) ist wohl die umfangreichste Hilfe, die jüngere Familien erhalten, und die häufigste Hilfe, die ältere Menschen geben. 1.3 Vielfalt von Familienformen
Die historischen Veränderungen bringen es mit sich, dass die wachsenden individuellen Möglichkeiten jedes einzelnen, für sich selbst eine ganz spezifische Lebensform zu wählen, eine große Vielfalt verschiedenster Formen von Familientypen hervorgebracht haben. Der Phantasie für die Kreation neuer Familienformen ist heute kaum eine Grenze gesetzt, wenn einmal der Hafen der Ehe als Orientierungsrahmen verlassen wird. Dies zeigt ein Blick auf die folgende - zweifellos noch unvollständige - Liste der verschiedenen Synonyme für Familie, wie sie heute in der öffentlichen Meinung wie auch in der Wissenschaft benutzt werden:
Den Ausgangspunkt für eine psychologische Systematik dieser verschiedenen familiären Lebensformen bildet das ökopsychologische Modell, wie es von Bronfenbrenner (1981) begründet und für die Familie weiter ausgeführt wurde. Hier wird zwischen einem Makro-, Exo-, Meso- und Mikrosystem der Familie unterschieden (vgl. Petzold, 1999). Unter Berücksichtigung der für die Familie relevanten Aspekte kann das ökopsychologische Modell wie folgt skizziert werden: - Das Mikrosystem ist das unmittelbare System, in dem eine Person lebt. Die heutige Kleinfamilie mit ihren dyadischen bzw. triadischen Strukturen gilt als ein solches typisches Mikrosystem. Die Ökopsychologie berücksichtigt jedoch nicht nur die personellen Beziehungen, sondern auch physische und materielle Bedingungen, z.B. die Wohnverhältnisse.
- Das Mesosystem stellt die nächsthöhere Ebene dar und beinhaltet die Bezüge zwischen zwei oder mehr Mikrosystemen. Dabei stehen die Wechselbeziehungen im Vordergrund. Im Hinblick auf die Familie umfasst das Mesosystem z.B. Beziehungen zwischen der eigenen Kernfamilie und der Familie der Eltern, zwischen der Kernfamilie und dem System der Tagesbetreuung des Kindes oder zwischen der Kernfamilie und der Schule des Kindes.
- Das Exosystem besteht aus einem oder mehreren Mikro- bzw. Mesosystemen, denen das Individuum nicht als handelnde Person angehört, die aber indirekt mit dem Individuum in Wechselwirkung stehen. Dies ist z.B. für das Vorschulkind die von den älteren Geschwistern besuchte Schule oder für die Hausfrau die berufliche Welt ihres Mannes.
- Das Makrosystem bezieht sich als höchstes System auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, wie z.B. die Rahmenbedingungen für die Erziehung von Kindern, Möglichkeiten zu familienergänzenden Betreuungsformen oder die allgemeinen Festlegungen für berufliche Arbeit (Ganztagsarbeit als Norm, Achtstundentag usw.). Darüber hinaus gehören auch allgemein gesellschaftlich geteilte Rollenerwartungsmuster (Väter als "Brötchenverdiener", Mütter als "Hausfrauen") zum Makrosystem.
Anknüpfend an diesem Modell kann man die Definition der Familie weiterführen. Auf einer solchen Grundlage beinhaltet die folgende ökopsychologische Systematik zwölf Merkmale primärer Lebensformen, die sich auf vier verschiedene Bereiche beziehen. Im Unterschied zu den offiziellen Definitionen können mit diesen Merkmalen und den verschiedenen Kombinationen alle Lebensformen von heute möglichen und realisierten Familientypen tatsächlich beschrieben werden (vgl. Tabelle 1).
Dieses Definitionsraster für heutige Familienformen ermöglicht die Erfassung einer großen Vielfalt alternativer Familienformen, indem zahlreiche Merkmale miteinander kombiniert werden können. Allerdings gibt es auch einige wenige sich einander ausschließende Charakteristika. Solche sind z.B. die Kinderzahl, nicht aber der Status des Kindes. So können in einer Familie sowohl eigene Kinder als auch Adoptivkinder oder auch Kinder aus früheren Partnerschaften zusammenleben. Es mag auch Familien geben, die formal auf der Basis der Heterosexualität aufgebaut sind, bei denen aber im realen Leben zumindest der eine der beiden Partner auch oder ausschließlich gleichgeschlechtlich orientiert ist. Selbst die von der Bundesstatistik benutzte Gleichsetzung von Familien mit Haushalten ist nicht stimmig. Ganz abgesehen von der expliziten Form des Living-apart-together gibt es Familien, in denen z.B. der Mann auswärts arbeitet und dann die Woche über in einem zweiten Haushalt real getrennt lebt.
Tabelle 1: Merkmale einer ökopsychologischen Definition der Familie
- gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Makrosystem)
- eheliche oder nichteheliche Beziehung
- gemeinsame oder getrennte wirtschaftliche Verhältnisse
- Zusammenleben oder getrennte Wohnungen
- soziale Verpflichtungen (Exosystem)
- Verpflichtungen durch Verwandtschaft oder Ehe
- Selbständigkeit oder Abhängigkeit des Partners
- kulturell/religiös gleich oder unterschiedlich ausgerichtet
- Kinder (Mesosystem)
- mit oder ohne Kind(er)
- leibliche(s) oder adoptierte(s) Kind(er)
- leibliche oder stiefelterliche Kindsbeziehung
- Partnerschaftsbeziehung (Mikrosystem)
- Lebensstil als Single oder in Partnerschaft
- hetero- oder homosexuelle Beziehung
- Dominanz des einen oder Gleichberechtigung
Im Rahmen eines solchen ökopsychologischen Rasters kann man sehr gut die große Vielfalt familiärer Lebensformen erfassen. Innerhalb einer solchen psychologischen Definition der Familie ist eine große Vielfalt von Familienformen denkbar. Wenn man alle möglichen Variationen dieser Merkmale durchspielt, kommt man auf weit über hundert verschiedene Familientypen.
2. Paare werden Eltern
2.1 Schwangerschaft und Geburt
Auf der Grundlage der bisher existierenden Forschungsergebnisse wurde von Gloger-Tippelt (1988) ein Phasenmodell des Übergangs zur Erstelternschaft entworfen. Der Übergang zur Elternschaft wird dabei als ein sukzessiver Verarbeitungsprozess verstanden. Die idealtypischen Phasen sollen einer groben Orientierung dienen und die Art dieses Prozesses verdeutlichen.
- "Verunsicherungsphase" (bis zur 12. Woche der Schwangerschaft): Erste Erwartungen oder Befürchtungen bezüglich der Schwangerschaft treten auf. Je nach Erwartung oder Erwünschtheit des Kindes variiert das Ausmaß der Verunsicherung. Trotz der heute zur Verfügung stehenden Verhütungsmethoden gibt es immer noch viele ungeplante Schwangerschaften. In diese erste Phase der Verunsicherung gehören körperliche Beschwerden wie morgendliche Übelkeit, Erbrechen und ähnliches, die auf hormonellen Veränderungen beruhen. Das positive oder negative Erleben dieser ersten Zeit hängt wesentlich von der Anteilnahme des Partners ab.
- "Die Anpassungsphase" (12. bis 20. Woche): Es folgt eine etwas ruhigere Zeitspanne mit einer ersten kognitiven und emotionalen Anpassung. Hierbei spielt das Nachlassen der anfänglichen Schwangerschaftsbeschwerden eine Rolle. Bei ungeplanten Schwangerschaften erfolgt in dieser Zeit eine aktive Anpassung nach der bis zur zwölften Woche gefällten Entscheidung über Fortführung oder Beendigung der Schwangerschaft. Bei lang geplanter Schwangerschaft ist die Anpassung vorbereitet. Die Akzeptierung und positive Bewertung der Schwangerschaft steigt, Ängste nehmen ab.
- "Konkretisierungsphase" (20. bis 32. Woche): In dieser Phase wird die Verarbeitung vertieft. Wesentlich ist hierbei das erstmalige Registrieren der Kindesbewegungen (um die 19. bis 22. Woche), die ein Gefühl der Freude, Erleichterung und Erfüllung hervorrufen. Die Erwartungen bezüglich der Elternschaft werden wesentlich konkretisiert, es werden langfristige Entscheidungen gefällt und es erfolgt - durch die nun auch äußerlich erkennbare Schwangerschaft - die soziale Anerkennung durch die Umwelt. Die zukünftigen Eltern werden als solche behandelt und auf diese Weise in ihrem Kompetenzgefühl bestärkt. Innerhalb dieser Phase erfolgt auch die allmähliche Bewusstmachung vom Kind als einem selbständigen Wesen (zunächst durch die Mutter).
- "Phase der Antizipation und Vorbereitung auf die Geburt und das Kind" (32. Woche bis Geburt): Diese Phase ist durch einen Wechsel der Zeitperspektive charakterisiert. Die Eltern rechnen nicht mehr die verstrichene Zeit der Schwangerschaft, sondern orientieren sich an der Zeit, die bis zur Geburt des Kindes verbleibt. In diese Phase fällt auch die berufliche Freistellung der Frau. Häufig werden starke körperliche Beschwerden empfunden. Die Geburt wird als positives wie auch als negatives Erlebnis erwartet. Das heißt, die innere Bereitschaft zur Beendigung der Schwangerschaft ist da, und die Vorfreude auf das Zusammenleben mit dem Kind steigt, auf der anderen Seite verstärken sich die Ängste bezüglich des Verlaufs der Geburt und damit verbundener Schmerzen. Neben der kognitiven und emotionalen Anpassung erfolgt in dieser Zeit auch eine aktive Geburtsvorbereitung durch Teilnahme an Geburtsvorbereitungskursen.
- "Geburtsphase" als Kulminations- und Wendepunkt für die Familienentwicklung: Die Geburt ist nicht nur in biologischer, sondern vor allem in sozialer Hinsicht ein sehr bedeutendes Ereignis, insbesondere hinsichtlich der psychischen Verarbeitung. Das Konstrukt der "Qualität des Geburtserlebnisses" ist hier von entscheidender Bedeutung. Dazu gehört nicht nur Geburtshilfe und Schmerzreduktion, es umfasst ebenso den Aufbau einer Eltern-Kind-Beziehung. Das positive Geburtserleben kulminiert in der ersten Kontaktaufnahme mit dem neugeborenen Kind.
- "Erschöpfungsphase trotz erstem Glück über das Kind" (bis zum 2. Lebensmonat des Kindes): Diese Zeit ist gekennzeichnet durch eine physische Erschöpfung der Mutter. Hinzu kommen eine drastische Veränderung des Hormonhaushalts sowie die Einstellung auf einen ganz anderen, vom Kind diktierten Tagesablauf. Alles dies verlangt eine große Anpassung auf physischem und psychischem Gebiet. Häufig folgt dieser Erschöpfungsphase auch eine anfängliche Phase euphorischen Glücks über die Ankunft des neuen Erdenbürgers, so dass man auch von den "Baby-Flitterwochen" (Geburt bis 1. Monat) spricht.
- "Phase der Herausforderung und Umstellung" (2. bis 6. Monat): Hier ist eine zunehmende Gewöhnung an die Elternrolle zu verzeichnen, die besonders durch die fortschreitende Entwicklung des Kindes begünstigt wird (erstes Lächeln des Kindes). Die Partnerbeziehung ist massiven Veränderungen unterworfen. Die eheliche Zufriedenheit sinkt häufig rapide, insbesondere bei den Frauen, meist verursacht durch die erheblich größere Belastung im Haushalt mit häufig anzutreffender asymmetrischer Arbeitsteilung. Diese Phase der Elternschaft wird oft als krisenhaft betrachtet und mit dem Terminus "Erst-Kind-Schock" charakterisiert.
- "Gewöhnungsphase" (6. Monat bis 1 Jahr): Dieses ist eine Zeit der relativen Entspannung und Sicherheit, aber auch eine Zeit der ersten routinemäßigen Verhaltensweisen gegenüber dem Kind. Eine spezifische Eltern-Kind-Beziehung kristallisiert sich heraus. Das Kind lächelt gezielt und sucht bewusst die Nähe der Bezugsperson. Das "Prinzip der Passung" ist empirisch überprüfbar. Es ist auch eine erste Ernüchterung über die Elternschaft erkennbar.
Gloger-Tippelt (1988) meint, man könne noch weitere Phasen unterscheiden, aber gerade diese Anfangsphasen der Elternschaft seien besonders bedeutsam, da sie gravierende Veränderungen herbeiführen und sehr bewusst von den jungen Eltern erlebt werden. In diesem Sinne kann das erste Jahr mit dem Kind als besonders bedeutsam angesehen werden, auch wenn man sich den Behauptungen der psychoanalytisch orientierten Bindungstheorien nicht anschließen mag, wonach diese erste Zeit zwischen Mutter und Kind sehr weitgehend die weitere kindliche Persönlichkeit formt (vgl. Bowlby, 1975).
2.2 Dyaden, Triaden, Tetraden
Der kontinuierliche Rückgang der Geburtenrate hat zur Folge, dass die Zahl der Familien mit nur einem Kind zunimmt. Ein-Kind- und Mehr-Kind-Familien unterscheiden sich jedoch in verschiedener Hinsicht sehr deutlich, und zwar nicht nur in der Anzahl der Personen, sondern auch in der Struktur. Zunächst einmal ist klar, dass in einer Familie mit zwei Erwachsenen und einem Kind ein eindeutiges Übergewicht der Erwachsenen besteht, das manchmal allerdings absichtlich in sein Gegenteil umgepolt wird, wenn das Einzelkind verhätschelt wird. Bei drei oder mehr Kindern sind dann die Kinder in der Mehrheit. Ob in Mehr-Kind-Familien dann familiäre Strukturen entstehen, die als eindeutig kindzentriert zu bezeichnen sind, hängt sehr von den Erziehungseinstellungen der Eltern ab.
Diese strukturellen Unterschiede wurden von Adams (1985) ausführlich erörtert, wobei er besonders auf die unterschiedlich starke Zunahme von Dyaden und Triaden hingewiesen hat.

Abbildung 1: Dyaden und Triaden in verschiedenen Familientypen (nach Adams, 1985)
Die Abbildung 1 zeigt, dass im Vergleich zur Ein-Kind-Familie eine Zwei-Kind-Familie schon mehr als doppelt so viele Beziehungseinheiten beinhaltet, nämlich vier Triaden und sechs Dyaden, und eine Drei-Kind-Familie umfasst sogar zehn Triaden und zehn Dyaden. Dieser Übergang von der Zwei-Kind- zur Drei-Kind-Familie ist nun besonders deshalb interessant, weil der Zuwachs an Triaden größer ist als der Zuwachs an Dyaden (plus 6 bzw. plus 4). Darüber hinaus erhöht sich nach Adams (1985) die Stabilität des Familiensystems noch dadurch, dass unter den Geschwistern von den Eltern unabhängige Triaden entstehen. Die Erfahrung einer solchen reinen Kinder-Triade fehlt den Kindern von Zwei-Kind-Familien.
2.3 Wechselseitige Beeinflussungsbeziehungen
Die Familie beschränkt sich also nicht auf eine einzelne intime Zweierbeziehung, sondern umfasst mehrere Familienmitglieder mit unterschiedlichen familiären Positionen. Sie ist deshalb als eine besondere Form einer sozialen Kleingruppe anzusehen, denn es gibt in ihr eine große Zahl von verschiedenartigen Zweierbeziehungen (Dyaden) und Dreierbeziehungen (Triaden), die sich aus den Interaktionen der Familienmitglieder ergeben. Im Folgenden soll versucht werden, solche systemischen Zusammenhänge zu erläutern. Dabei stützen wir uns auf das von Jay Belsky (1984) vorgeschlagene Modell (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2: Transaktionale Beziehungen in der Familie (nach Belsky, 1984)
Belsky entwarf drei Ebenen, auf denen transaktionale Prozesse ablaufen:
- Die erste Ebene beschreibt, wie sich der Erziehungsstil auf die Entwicklung des Kindes auswirkt und wie die Persönlichkeit des Kindes wiederum das Erziehungsverhalten der Eltern beeinflusst.
- Auf der zweiten Ebene wird analysiert, wie sich die Entwicklung des Kindes und seiner Persönlichkeit auf die Beziehung der beiden Elternteile untereinander auswirkt, und umgekehrt, wie die Qualität der Ehebeziehung Einfluss auf die Entwicklung des Kindes hat.
- Schließlich umfasst die dritte Ebene die Frage, welchen Einfluss die Qualität der Partnerbeziehung auf den Erziehungsstil der Eltern hat, und ob die Erziehungsstile der beiden Elternteile Rückwirkungen auf deren Verhältnis zueinander haben.
Die psychologischen Prozesse auf diesen drei Ebenen und ihre transaktionale Vernetzung sollen nun im Einzelnen beschrieben werden.
Erziehungsstil und Kindesentwicklung
Die Erkenntnis, dass die Art der Erziehung die Entwicklung des Kindes beeinflussen kann, gehört inzwischen zum Gemeingut der heutigen jungen Eltern. Mit Informationen aus Elternzeitschriften versorgt, wissen Mütter (und Väter?) heute, dass Strafen nicht notwendig dazu führen, dass das unerwünschte Verhalten des Kindes verschwindet. Vielmehr kann es gerade die Wirkung von Strafen sein, dass das unerwünschte Verhalten eines Kindes immer wieder neu herausgefordert wird.
Nicht nur die Erziehungsmethode, sondern die ganze Art des Auftretens einer Erziehungsperson hat Einfluss auf die Kindesentwicklung. Eine durch persönliche Distanziertheit gekennzeichnete Erzieher-/Elternpersönlichkeit wird bei einem Kind Faktoren relativer sozialer Zurückgezogenheit bzw. Isolierung fördern. Narzisstische Eltern werden auch bei ihren Kindern selbstbezogene Einstellungsmuster verstärken. Diese komplexeren Prozesse sind nicht nur auf einen Handlungsfaktor beschränkt, sondern basieren auf differenzierteren Persönlichkeitsmustern.
Die transaktionalen Prozesse in den Wechselwirkungen zwischen Erziehung und Entwicklung wirken auch in umgekehrter Richtung. So wird z.B. ein behindertes Kind bei Eltern häufiger ein entweder überbehütendes oder resignatives Einstellungsmuster bestärken. Es sind also nicht nur die Eltern, die die Kinder prägen, sondern auch die Kinder, die die Eltern und auch deren Erziehungsstil beeinflussen. Diese reziproken Beziehungen sind in der Forschung erst in den letzten Jahrzehnten erkannt worden, entsprechende Ergebnisse haben noch kaum die Öffentlichkeit erreicht. Zu wenig beachtet wurde aber bisher die Frage, ob nicht gerade die unterschiedliche Persönlichkeit von Kleinkindern (Ansprechbarkeit, Attraktivität, Temperament etc.) den größten Einfluss auf das Verhalten der Eltern haben könnte.
Um die Wirkungen solcher Beeinflussungsbeziehungen in der Praxis umfassend erkennen zu können, sind allerdings drei Aspekte zu unterscheiden:
- verbal deklarierte Erziehungsziele;
- verinnerlichte Erziehungseinstellungen, die mit Persönlichkeitsmustern verbunden sind und häufig gar nicht bewusst werden;
- die dann tatsächlich realisierte Erziehungspraxis.
Die Erziehungsstilforschung der letzten Jahrzehnte konnte insbesondere folgende Zusammenhänge belegen: Ein aufmerksames, warmes, stimulierendes, aufgeschlossenes und wenig restriktives mütterliches Erziehungsverhalten fördert die intellektuelle Entwicklung des Kleinkindes und trägt auch zu einer gesunden sozial-emotionalen Entwicklung bei. Kleinkinder, deren Mütter kindliche Bedürfnisse berücksichtigen und die Grenzen der Entwicklungsmöglichkeiten kennen, entwickeln eine sichere Persönlichkeit. Mütterliche Sensitivität scheint bei all diesen Faktoren ausschlaggebend zu sein.
In Bezug auf den Vater hat die noch jüngere Forschung bisher keine so klaren Ergebnisse zutage gebracht. Unbestritten ist, dass auch der Vater für die Entwicklung des Kleinkindes wichtig ist, gerade für die sozial-emotionale Entwicklung. Das gegenüber der Mutter unterschiedliche Spielverhalten von Vätern scheint stark geschlechtstypisch verankert zu sein. Väter haben wohl auch auf die Entwicklung der Söhne größeren Einfluss als auf die Entwicklung von Mädchen. Außerdem scheinen Väter besonders dazu beizutragen, dem Kleinkind die außerfamiliäre Welt zu erschließen.
Kindesentwicklung und Partnerbeziehung
Die wachsende Zahl der Ehescheidungen und die Berichte über die Kinder dieser Ehen haben deutlich gezeigt, wie Kinder darunter leiden (vgl. Fthenakis, 1995). Weniger bekannt ist demgegenüber, dass es nicht das Ereignis der Trennung selbst oder die dann folgenden meist schlechteren Lebensbedingungen allein sind, die die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Nach neueren Forschungen sind es vielmehr die heftigen Auseinandersetzungen vor der Trennung der Eltern, die für die Kinder eine viel größere Gefahr darstellen. An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass die Partnerbeziehung selbst die psychische Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes beeinflusst.
Umgekehrt ist aber auch zu beachten, dass die Art der Beziehung der Erwachsenen zueinander durch die Kinder und deren Entwicklung beeinflusst wird. Das wird nicht nur daran deutlich, dass sich die Zweierbeziehung des jungen Paares nach der Geburt des ersten Kindes in eine Dreierbeziehung gewandelt hat, so dass Liebe und Zuwendung nicht mehr nur innerhalb der Paarbeziehung ausgetauscht werden. Auch die Art der kindlichen Persönlichkeit kann die Ehebeziehung beeinflussen. Ein wenig agiler ruhiger Säugling, der in den ersten Lebensmonaten nachts nur selten seine Eltern beansprucht, strapaziert die Geduld von Mutter und Vater weniger als ein nachtaktiver agiler Säugling, der dem Paar selbst kaum Ruhe füreinander lässt.
Tragischerweise scheint sich als Muster zu bestätigen, dass die Partnerbeziehung umso mehr belastet wird, je problematischer das Temperament des Kleinkindes ist. Ergebnisse verschiedener Studien belegen, dass Eltern mit behinderten Kindern im Unterschied zu Eltern mit normalen Kindern öfter Eheschwierigkeiten (bis hin zu Scheidungen) hatten. Allerdings hat sich in anderen Studien auch erwiesen, dass die gezielte Beschäftigung mit dem entwicklungsgestörten Kind zu einer Verbesserung der Beziehung der Eltern führen kann.
Bezüglich der Auswirkung der Art der ehelichen Interaktion auf das Verhalten von Kindern hat man bisher meist nur pathologisches, d.h. aggressives oder antisoziales Verhalten von Kindern untersucht. Die Art der ehelichen Beziehung scheint aber auch in positiver Hinsicht für die weitere kindliche Entwicklung wichtig zu sein, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der Persönlichkeit im Schulalter. Hier zeigt sich, dass es wichtig ist, komplexere Prozesse zu berücksichtigten (vgl. Belsky & Kelly, 1993; Cowan & Cowan, 1994). Wenn das Kleinkind durch sein Verhalten zu einem Zerwürfnis der Eltern beigetragen haben könnte, was wiederum die Erziehungsprobleme der Eltern verschärft, dann könnte dies gerade wiederum zu weiteren Verhaltensproblemen des Kindes führen - ein "Teufelskreis"!
Partnerbeziehung und Erziehungsstil
Als dritte Wechselwirkung soll nun noch die Beziehung zwischen der Qualität der Ehe/Partnerschaft und der Erziehung des Kindes diskutiert werden. Dies betrifft insbesondere die Wertschätzung des Partners in seiner jeweiligen familiären Rolle.
Probleme mit der Erziehung des Kindes, die auch nur auf persönlichkeitsspezifisch verschiedenen Akzenten in der Erziehung beruhen können, haben auch ihre Auswirkungen auf die Beziehung der Eltern untereinander. Ein Paar, das sich bis vor der Geburt gut verstanden hat, stößt danach auf die Tatsache, dass beide in Bezug auf Erziehungsfragen ganz verschiedene, ja vielleicht sogar konträre Auffassungen haben. Wird hierzu keine Lösung gefunden, dann ist die Partnerbeziehung fundamental gefährdet.
In einer durch Aggressivität gekennzeichneten Ehebeziehung wird die Art des Umgangs mit den Kindern auch durch ein gewisses Maß an Aggressivität gekennzeichnet sein. Eine gestörte Partnerschaft ist häufig auch mit Identitätsproblemen des einen oder anderen Partners (oder von beiden) verbunden (vgl. Petzold, 1999). Ein solcher Elternteil kann in der Erziehung des Kindes keine gefestigte in sich ruhende Haltung einnehmen, woraus unter Umständen ein inkonsistenter Erziehungsstil resultiert. Aus einem derart problematischen Erziehungsstil kann sich dann ein Entwicklungsproblem des Kindes ergeben, womit wir wieder bei der ersten Wechselwirkung angelangt wären.
Diese dritte Dimension ist bisher in der Forschung stark vernachlässigt worden, wenn auch durch die neuere Väterforschung einige Fragen angerissen wurden. So fand man, dass die Fähigkeit der Mutter, sich mit Freude und Zuwendung ihrem Kind zu widmen, sehr stark von der Qualität der Beziehung zum Partner abhängt. Man konnte z.B. feststellen, dass in Familien mit häufiger Kommunikation über den Säugling die Beteiligung des Vaters an der Betreuung/Versorgung stärker ist. Andererseits zeigte sich, dass Kritik und Beschuldigungen des Ehemannes gegenüber seiner Frau deren Verhältnis zu dem fünfmonatigen Kind beeinträchtigte. Schließlich gibt es auch Hinweise aus verschiedenen Studien, dass bei einer unbefriedigenden ehelichen Beziehung kompensatorisch viel in Erziehung investiert wird, wie es zum Beispiel an überbehütenden Müttern deutlich wird.
Probleme elterlicher Erziehung ergeben sich beim Übergang zur Elternschaft häufig daraus, dass die neuen Rollenverpflichtungen nicht so leicht von den jungen Eltern eingelöst werden können. Nach der Geburt eines Kindes sehen sich Eltern nicht nur dem Problem gegenüber, im Haushalt, bei Freunden und am Arbeitsplatz ihre Rolle zu behaupten, sie müssen auch ihre neue elterliche Rolle erfüllen. Dies kann zu einem Rollenkonflikt - einer Krise - führen, der durch Probleme in der ehelichen Interaktion noch verschärft wird. Allerdings konnte auch gezeigt werden, dass Eltern bei der Übernahme und Diskussion der gemeinsamen Verantwortung für das Kind auch ein höheres Maß an ehelicher Zufriedenheit erreichen können. Natürlich hängt dies auch wieder mit dem explorativen Verhalten des Säuglings und dessen wachsender Kompetenz zusammen.
Nach der Skizzierung der Zusammenhänge zwischen den drei verschiedenen Ebenen soll jetzt noch auf die Zirkularität dieser transaktionalen Prozesse hingewiesen werden, wobei folgender theoretischer Zusammenhang vermutet wird: Elterliches Erziehungsverhalten beeinflusst die eheliche Interaktion, diese wiederum die Art der Erziehung des Kindes, die dann die Entwicklung des Kindes beeinflusst, und schließlich wirkt dies zurück auf das Verhältnis der beiden Elternteile zueinander.
3. Familienalltag mit kleinen Kindern
Mit der Geburt des Kindes wird aus der Paarbeziehung eine Familie - mit all den Implikationen, die in den vorangegangenen Abschnitten theoretisch angerissen wurden. Um einige Hauptaspekte dieses Prozesses verständlicher zu machen, möchte ich im folgenden noch einige ausgewählte Ergebnisses aus meiner eigenen Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf darstellen.
3.1 Betreuung und Versorgung des Kindes
Im Rahmen der empirischen Auswertung der Fragebögen unserer Düsseldorfer Längsschnittstudie "Paare werden Eltern" haben wir uns ausführlich mit verschiedenen Bereichen des Übergangs zur Elternschaft befasst (vgl. Petzold, 1998). An dieser Stelle soll nur ein Blick auf wichtige Ergebnisse zur Betreuung und Versorgung des Kindes geworfen werden.
Die Längsschnittanalyse der Betreuungs- und Versorgungstätigkeiten ergab, dass eine krasse geschlechtstypische Rollenverteilung zwischen Müttern und Vätern vorherrscht: Für das Kleinkind ist in allen Funktionen fast immer die Mutter zuständig, die Väter erreichen hier in keiner Skala den mittleren Skalenwert "oft". Dies ändert sich erst im Vorschulalter, wenn dann auch andere Bezugspersonen wichtige Funktionen für das Kind einnehmen.
Besonders deutlich wird der nach wie vor vorherrschende traditionelle Geschlechtsrollenstereotyp, wenn man sich die Rangfolge für Betreuungstätigkeiten ansieht (vgl. Petzold, 1998). Diese geschlechtstypischen Muster sind für die beiden Elternteile deutlich unterschieden: Mütter sind für Aufsicht und Pflege zuständig, während sich Väter um Anregungen, Spiel, Zuwendung und Strafe/Kontrolle kümmern. Erst im sechsten Lebensjahr des Kindes beginnen sich diese klaren Rollen aufzuweichen, wenn Väter auch im Alltag für das Kind zum Ansprechpartner werden.
Aufsichts- und Pflegefunktionen stehen in unserer Stichprobe bei den Müttern noch klarer an erster Stelle in der Rangordnung. Während bei Schmidt-Denter (1984, S. 110) immerhin Zuwendung im Alltag bei der Mutter den zweiten Rang einnimmt, nimmt bei uns erst im 6. Lebensjahr in der Rangordnung der Mütter Zuwendungsverhalten vor anderen Pflege- und Aufsichtsfunktionen den Rangplatz 3 und 4 ein. Für die Väter zeigt sich als Unterschied, dass die von Schmidt-Denter untersuchten Väter auf den ersten beiden Rangplätzen die beiden Zuwendungs-/Bindungsfunktionen aufweisen, während bei den von uns untersuchten Vätern, zumindest im Kleinkindalter, Spiel und Anregung auf diesen ersten Plätzen in der Rangfolge ihrer Betreuungsfunktionen rangierten. Der Längsschnitt ergibt aber auch, dass dann im sechsten Lebensjahr des Kindes die Väter mit Platz 1 für Zuwendung und Platz 2 für Aufsicht ein doch anderes Rollenmuster zu verwirklichen scheinen. Im Großen und Ganzen gesehen, deuten die Ergebnisse unseres Längsschnitts darauf hin, dass die traditionellen Rollenstereotype nach wie vor dominieren.
Nur im 6. Lebensjahr zeigt sich eine Tendenz in Richtung auf einen "neuen" engagierten Vater, der auch in alltäglicher Routine Verantwortung übernimmt. Diese starken geschlechtstypischen Unterschiede können in der Item-Analyse für den alltäglichen Tagesablauf in der Betreuung des Kindes mit großer Deutlichkeit ebenfalls im Detail nachgewiesen werden (vgl. Petzold, 1998). Direkt nach der Geburt liegt die volle Verantwortung für das Kind durchgehend bei der Mutter, allerdings sind die Väter bei und nach dem Abendessen sowie beim ins Bett bringen aktiv dem Kind zugewandt. Gegen Ende des ersten Lebensjahres geht diese Aktivität eher etwas zurück, im sechsten Lebensjahr ist der Vater ebenfalls engagiert: jetzt "überholt" (!) er sogar die Mutter in Funktionen der abendlichen Beschäftigung mit dem Kind. Hier entsprechen sich auch die Aussagen von Müttern und Vätern weitgehend.
3.2 Alltagsbewältigung
Die Bewältigung des Alltags von Familien stellt hohe organisatorische Forderungen an die Eltern, denn es gilt, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder zu befriedigen und individuelle oder sozial vorgegebene Ziele zu verfolgen. Die Entwicklungschancen von Kindern sind abhängig von der Beschaffenheit und Ausstattung der internen und externen Familienumwelt. Dabei müssen insbesondere die folgenden Fragen beachtet werden:
- Wie gelingt es ihnen, ihre Organisation den sich ändernden Bedingungen anzupassen?
- Welche Faktoren erzwingen eine Anpassung?
- Welche Bewältigungsstrategien stehen einer Familie zur Verfügung?
- Wie wird unter den Eltern die Aufgabenverteilung ausgehandelt?
- Was geschieht, wenn das Aushandlungsergebnis revidiert werden muss?
Für eine Darstellung der Ergebnisse unserer qualitativen Studien zu diesen Fragen ist an dieser Stelle kein Platz (vgl. Petzold, 1997). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Organisation des Alltags in Familien mit Kindern bis zum ersten Jahr nach dem Schuleintritt eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist, die im Rahmen der modernen Gesellschaft und speziell der besonderen Position von Kindern innerhalb dieser Gesellschaft vollzogen werden muss. Der Beziehungsdynamik und den subjektiven Sinnkonstruktionen der Eltern, die sich besonders in ihren fixierten Vorstellungen eines angenehmen Familienlebens (die wir als "Exposés" bezeichnen) niederschlagen, kommen in dieser Phase des Familienzyklus höhere Bedeutung zu als den Alltagsvollzug prägende vermittelnde Faktoren.
Jede Familie hat ihren spezifischen Stil, den Familienalltag zu organisieren. Besonders bedeutsam als vermittelnder Faktor sind die Sinnkonstruktionen der Individuen und die gemeinsamen Konstrukte des Paares. Vom Traditionalismus geprägte Exposés führen, von einem egalitären Anspruch aus gesehen, zu einer Benachteiligung der Mütter und langfristig zu deren Unzufriedenheit mit ihrer Rolle. Gleichzeitig haben es Mütter, die unter diesen Vorgaben ihr Leben gestalten (müssen), besonders schwer, ihre Situation grundlegend zu verändern, weil die Behinderung durch die Internalisierung der unterlegenen Rolle auch in ihnen selbst liegt. Familienalltag als gemeinsame Aufgabe der Eltern hängt von einer gemeinsam getragenen Konstruktion als wesentlichem, die Alltagsorganisation bestimmenden Faktor ab. Egalität in der Aufgabenverteilung ist daran gebunden, dass die Geschlechterrollen nicht unterschiedlich gewertet werden.
3.3 Interaktion/Kommunikation
Die elterliche Partnerschaft stellt die Basis der Familie dar. Für ein Verständnis der zugrunde liegenden Interaktions- und Kommunikationsprozesse stützen wir uns auf verschiedene Erkenntnisse in der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie. Im Folgenden möchte ich mich auf zwei Einzelfall-Beispiele aus der qualitativen Analyse im Rahmen unserer Düsseldorfer Längsschnittstudie beziehen. Sie werden im Folgenden als Familie "E" und "F" zitiert. Für die verschiedenen Untersuchungsbereiche (Haushalt, Wohnsituation, Verwandtschaft, Elternebene, Aspekte der Persönlichkeit, Beruf und Freizeit, Partnerschaft) ergaben sich eine Reihe von Untersuchungsfragen, die hier nur in den zusammenfassenden Ergebnissen dargestellt werden sollen (vgl. ausführlich in Petzold, 1997).
In beiden Partnerschaften dieser beiden Einzelfälle dominierte zeitweilig das Thema "Umzug" die Interaktion. Dies ist begründet in dem Karrierebedürfnis der Väter und impliziert eine höhere Bedeutung der Berufsorientierung des Mannes als die der Familienorientierung. Das heißt, die Ausbalancierung der verschiedenen Familienziele wird zugunsten der Berufsorientierung des Vaters entschieden. Die Argumentation für diese Gewichtung lautet in beiden Partnerschaften ähnlich: die Zufriedenheit des Mannes wird als ausschlaggebender Grund für einen Umzug angeführt, da diese wiederum die Zufriedenheit der Frau und der Kinder beeinflusst. Beide Frauen akzeptieren die Wichtigkeit des Berufes und damit die höhere Machtposition der Männer in dieser Frage. Hierbei wird der Einfluss der väterlichen Berufstätigkeit auf die Wohnsituation und auf die gesamten Kontakte der Familienmitglieder deutlich und zeigt die Interdependenz dieser Bereiche auf.
Deutliche Unterschiede sind hinsichtlich der vertretenen Wertvorstellungen der Partnerschaften vorhanden. Dies zeigt sich vor allem in Bezug auf die Religiosität. In der Partnerschaft F bestimmt die Religion das gesamte Familienleben und ist u. a. die Basis der Partnerschaft. In den Interviews mit den Partnern E wird dagegen zu keinem Zeitpunkt über Religion gesprochen.
Auch in der Einstellung zu Kindern unterscheiden sich die beiden Partnerschaften gravierend. In diesem Zusammenhang fällt die Einschätzung der Belastung durch die Kinder auf. Die Mutter E erscheint von zwei Kindern ständig 'genervt', während Mutter F sich noch über ein fünftes Kind freuen würde. Damit verbunden ist die unterschiedliche Bedeutung des Haushaltsstandards. In der Partnerschaft E wird der Einhaltung des Haushaltstandards große Bedeutung zugesprochen, während in der Partnerschaft F bewusst ein Teil der Hausarbeit abends verrichtet wird, um tagsüber mehr Zeit für die Kinder zu haben.

Abb. 3: Interaktion der Partnerschaft F
Die Abbildungen 3 und 4 enthalten die Interpretationsergebnisse der Interaktion der beiden Partnerschaften. Dabei werden die Unterschiede hinsichtlich der Konflikte, der Machtverteilung und vor allem der Interaktionsprozesse deutlich. In der Rubrik "Konflikt" sind teilweise zwei oder drei Angaben enthalten - dies verdeutlicht die Situationsabhängigkeit der Konfliktausprägung. So ist in der Partnerschaft E bezüglich des Berufes des Vaters "kein" Konflikt, "geringer" und "starker" Konflikt angegeben.
Unsere Interpretation dieser Einzelfälle konnte den Einfluss der beruflichen Bedingungen auf das Familienleben und die Partnerschaft zeigen. Es wurde auch deutlich, dass die Existenz von Konfliktpunkten in der Partnerschaft abhängt von der Art der zu bewältigenden Veränderungen.

Abb.4: Interaktion der Partnerschaft E
Die Interaktion der Partnerschaft E zeichnet sich durch das "Liebesprinzip" aus, das nur tendenziell in einzelnen Bereichen davon abweicht. In der Interaktion der Partnerschaft F dagegen finden sich alle Interaktionsprinzipien, auch das "Egoismusprinzip". Der Gesamteindruck der beiden Partnerschaften lässt jedoch vermuten, dass die Partnerschaft E sich im Stadium der echten Gegenseitigkeit befindet, während die Partnerschaft F auch in das Stadium der Intimität gelangt.
Die Partner E können sich gegenseitig adäquat einschätzen und setzen sich mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen auseinander. Dem Teilen von persönlichen Gefühlen und Fantasien messen sie jedoch nicht so große Bedeutung bei wie die Partner F. So besteht vermutlich eine größere Distanz zwischen den Partnern E als zwischen den Partnern F. Dies würde auch die größeren Konfliktpunkte der Partner F erklären, wenn davon ausgegangen wird, dass in "Beziehungen mit einem hohen Grad an Identifikation der Personen [...] das Konfliktpotential größer [ist], da die Beteiligten häufiger miteinander interagieren und dabei stärkere Gefühle aufkommen" (Whitbourne & Weinstock, 1982, S. 169).
In beiden Partnerschaften zeigt sich jedoch eine Aufteilung der Macht: Die Frauen sind in der Alltagsorganisation mächtiger und die Männer bestimmen die grundsätzliche Lebensorientierung der Partnerschaft und der Familie. Dies lässt sich zum Teil auf die Rollenaufteilung zurückführen.
In beiden Partnerschaften findet sich eine moderne Variation der traditionellen Rollenaufteilung. Die zugrunde liegenden Einstellungen und Verhaltensweisen und die konkrete Ausprägung dieses Rollenverständnisses differierten jedoch in den Partnerschaften.
In der Partnerschaft F ist eine Veränderung der Rollenaufteilung als theoretische Möglichkeit angesprochen worden, wobei dann beide Partner halbtags berufstätig wären. Es ist zu vermuten, dass bei einer geringeren Berufsorientierung des Vaters und einer stärkeren Berufsorientierung der Mutter die Partner in der Lage wären, eine umgekehrte Rollenaufteilung zu leben. Dies ist für Partnerschaft E nicht vorstellbar.
Bei den Frauen zeigt sich, dass sie nicht berufsorientiert sind, aber andere Aktivitäten unabhängig von Mann, Kindern und Haushalt für ihr persönliches Wohlbefinden benötigen, die Frauen verfolgen eigenständige Kontakte und Aktivitäten. Die Männer ihrerseits unterstützen die Frauen in der Wahrnehmung der Kontakte und Aktivitäten. Beide Frauen erwähnen die geringe Anerkennung ihres Status als Hausfrau und Mutter und dass sich dies auf ihr Selbstbewusstsein niederschlägt. Beide Frauen haben im direkten sozialen Kontext ein Netzwerk aufgebaut, das instrumentelle, emotionale und informationelle Unterstützung bietet. In gewissem Umfang erhalten beide Frauen hierüber Anerkennung ihres Status. Sie sind sich über die Wichtigkeit dieses Umfeldes bewusst, von daher bedeutet ein Umzug für sie eine einschneidende Veränderung ihrer Lebenssituation.
Bei den Männern zeigt sich eine starke Berufsorientierung. Darüber hinaus sind sie, ihren Möglichkeiten entsprechend, in die Kinderversorgung und der Mann F zusätzlich in die Hausarbeit eingebunden. Das heißt, sie beteiligen sich an diesen Arbeiten vor und nach der Arbeit. Dabei vertreten die beiden Männer jedoch unterschiedliche Positionen.
Der Vater E wirkt stärker traditionell orientiert und erst durch das Zusammenleben mit seiner Frau und seinen Kindern übernimmt und lernt er andere Verhaltensmuster. Im Bereich Haushalt wird jedoch konsequent an der traditionellen Rollenaufteilung festgehalten. Es zeigt sich, dass er ohne konkrete Vorstellungen über Kinder zu haben, adäquat auf ihre Bedürfnisse eingeht. Dabei werden die transaktionalen Beeinflussungsbeziehungen in der Familie sein Verhalten und seine Einstellungen verändert haben.
Beim Vater F zeigen sich auf der Verhaltensebene viele Aktivitäten im Haushalts- und im Kinderbereich. Dabei deckt sich die Mitarbeit im Haushalt mit seinem Rollenverständnis. Auf bewusster Ebene verbalisiert er viele partnerschaftlich orientierte Einstellungen, auf der Verhaltensebene wird aber der Eindruck eines Familienpatriarchen erweckt. Er setzt sich autoritär gegenüber seiner Frau und seinen Kindern durch, versucht aber gleichzeitig, traditionelle Strukturen aus seiner Partnerschaft herauszuhalten. So zeigen sich bei beiden Vätern Diskrepanzen hinsichtlich ihrer Verhaltens- und Einstellungsebene.
Beide Partnerschaften leben die traditionelle Familienform: die Kernfamilie basiert auf der Eheschließung der Eltern. Dabei fällt die unterschiedlich starke Einbindung der Herkunftsfamilie in das Leben der Kernfamilie auf. Die Partner E beschränken den Kontakt zu ihren Eltern aufgrund der Beziehungsqualität auf ein Minimum und äußern sehr selten, dass sie sich an ihrer Herkunftsfamilie orientieren. Im Leben der Familie F wird dagegen ihre starke Einbindung in das verwandtschaftliche Netzwerk deutlich, wobei zeitweilig das Familiensystem um ein Mitglied (Großmutter) erweitert wird. Die Partner F verbalisieren häufig ihre Orientierung an ihre Herkunftsfamilie, sowohl in ablehnender als auch in zustimmender Weise. Im Sinne der "wahrgenommenen Familien" kann daher vermutet werden, dass die Partner E sich und ihre Kinder als ihre Familie verstehen. Die Partner F scheinen zusätzlich ihre Herkunftsfamilie unter den Begriff Familie zu fassen.
4. Geburt als Krise oder Chance?
Die Entscheidung für ein Kind fällt heute schwerer denn je, was sich in einer sinkenden Geburtenrate ausgedrückt hat.
Das Erleben des Übergangs zur Elternschaft ist in der öffentlichen Meinung nach wie vor durch eine starke Ideologisierung gekennzeichnet. Einerseits werden positive Wertungen beschworen: Der Übergang zur Elternschaft wird als fundamental wichtig für die Gesellschaft und auch für die individuelle Entwicklung angesehen. Ohne Kinder gäbe es keinen Sinn des Lebens. Der Generationenvertrag verpflichte jeden zu seinem Beitrag, denn ohne Kinder hätte unsere Gesellschaft keinen Bestand. Die Geburt selbst sei ja keine Belastung mehr, sondern könnte heute als sanfte Geburt ein schöner Beitrag zur Ich-Entwicklung werden. Auch könne erst durch eigene Elternschaft eine neue Dimension der Persönlichkeitsentfaltung eingeleitet werden. Andererseits wird auf viele Probleme hingewiesen: Die Geburt eines Kindes sei eine schwere Krise sowohl für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung als auch für die Ruhe einer harmonischen Zweierbeziehung. Schwangerschaft und Geburt zwingen - zumeist die Mütter - zur Einschränkung bzw. Aufgabe beruflicher Tätigkeit, so dass die neue Familie mit mehr Mitgliedern aber weniger Geld auskommen muss. Auch körperlich ist die Geburt eine große Belastung, die nicht nur durch Geld ausgeglichen werden kann.
Seit den fünfziger Jahren hat sich die Wissenschaft in diese Debatte eingemischt. Zunächst benutzten die amerikanischen Familiensoziologen LeMasters und Hill den Begriff der Krise, um einschneidende Veränderungen in der Familie zu kennzeichnen. Tod oder Geburt eines Familienmitgliedes wurden dabei gleichermaßen als ein solches Krisenereignis angesehen. Diese Konzeption stellte den Ausgangspunkt dar für die Konzeption eines Stufenmodells zur Entwicklung der Familie. In ihrem mehrfach nachgedruckten Standardwerk zur Familienentwicklung stellte Duvall eine normierte Liste einschneidender krisenhafter Ereignisse zusammen, die im Rahmen der Familienstufentheorie als Familienentwicklungsaufgaben bezeichnet wurden (vgl. Petzold, 1999).
Im Rahmen dieses Zusammenhangs der Entwicklung des Kindes und der Interaktion der (Ehe-)Partner hat die Familiensoziologie zahlreiche Untersuchungen vorgelegt, die sich insbesondere auf die Frage beziehen, ob die Anpassung an die nachgeburtliche familiäre Situation der Elternschaft als Übergang oder als Krise charakterisiert werden sollte. Den dazu sehr kontroversen Studien fehlt jedoch oft ein fundiertes theoretisches Konzept, so dass verschiedene Aspekte unberücksichtigt bleiben. So beeinflusst zum Beispiel das Ausgangsniveau der ehelichen Zufriedenheit zu Beginn der Partnerschaft (vor der Geburt) den späteren Anpassungsprozeß an das Leben mit Kleinkindern. Verschiedene Studien deuten auch darauf hin, dass der Übergang zur Elternschaft davon abhängt, ob er bewusst geplant wird; auch scheint er bei längerer Ehedauer und mit wachsendem Alter der Eltern leichter zu fallen.
In der nachfolgenden Forschung, die sich mit Problemen der Bewältigung solcher Krisen beschäftigte, wurde dieses Konzept der Krisen bzw. Familienentwicklungsaufgaben im Rahmen der Stressbewältigungstheorien ("Coping"-Forschung) weitergeführt. Dabei wurde verschiedentlich darauf hingewiesen, dass Krisen nicht notwendig eine negative Funktion haben. Vielmehr hat bereits Hans Thomae (1968) zeigen können, dass die menschliche Persönlichkeitsentwicklung nur über Krisen voranschreitet. Schließlich muss es auch nicht so sein, dass dieselbe Art von Krise von verschiedenen Individuen als gleichermaßen gravierender Einschnitt erlebt wird. Einschneidende Ereignisse werden also nicht notwendig als Krise erlebt, da dies wesentlich von der Art der Identitätsentwicklung der Persönlichkeit des einzelnen abhängt.
Um dieses generelle Verhältnis der Entwicklung des erwachsenen Individuums in seiner Umwelt modellhaft zu skizzieren, griff Klaus F. Riegel (1978) auf das Paradigma der Dialektik zurück. In seiner "dialektischen Entwicklungstheorie" integriert er sowohl Faktoren der natürlichen und sozialen Umwelt als auch der individuellen Persönlichkeit, die sich in einem ständigen Äquilibrationsprozess befinden. Nach Riegels Auffassung haben Krisen eine positive Funktion im lebenslangen Entwicklungsprozess: "Ein dialektisches Verfahren lässt klar erkennen, dass Krisen nicht als Ursachen gestörten Gleichgewichts oder der Instabilität, die das Individuum möglichst vermeiden sollte, anzusehen sind, sondern vielmehr als Anlass zur konstruktiven Synthese und somit zur fruchtbaren Weiterentwicklung betrachtet werden müssen" (Riegel, 1978, S. 175).
In diesem Sinne gilt auch für die Familie, dass Krisen durchaus positive entwicklungsfördernde Qualitäten haben können. Dies kann bedeuten, dass sich Familien in ihrer bestehenden Form weiterentwickeln oder zu einer neuen Form übergehen. Auf alle Fälle schließt ein solches Verständnis familiärer Krisen ein, dass keineswegs notwendig die Wahrung der ursprünglich eingegangen Form, z.B. der Ehe, die optimale Lösung einer Krise sein muss, bietet diese doch häufig die Möglichkeit zu Veränderungen und neuen konstruktiven Synthesen, z.B. nach einer Scheidung eine neue Fortsetzungsfamilie zu gründen.
Literatur
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Belsky, J. (1984). The determinants of parenting. Child Development, 55, 83-96.
Belsky, J. & Kelly, J. (1993). Was ist mit uns passiert? Wie das erste Kind die Beziehung verändert. München: Goldmann.
Bien, W. (Hrsg.). (1996). Familie an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Opladen: Leske und Budrich.
Bowlby, J. (1975). Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. München: Kindler.
Bronfenbrenner, U. (1981). Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta.
Busch, G., Hess-Diebäcker, D. & Stein-Hilbers, M. (1988). Den Männern die Hälfte der Familie, den Frauen mehr Chancen im Beruf. Weinheim: Deutscher Studienverlag.
Cowan, C.P. & Cowan, P., A. (1994). Wenn Partner Eltern werden. München: Piper.
Fthenakis, W. E. (1995). Kindliche Reaktionen auf Trennung und Scheidung. Familiendynamik, 20, 127-154.
Gloger-Tippelt, G. (1988). Schwangerschaft und erste Geburt. Stuttgart: Kohlhammer.
Klees, K. (1992). Partnerschaftliche Familien (Arbeitsteilung, Macht und Sexualität in Paarbeziehungen). Weinheim: Juventa.
Petzold, M. (1997). Elternschaft. Qualitative Forschung zur Familie. St. Augustin: Gardez!.
Petzold, M. (1998). Paare werden Eltern. Eine familienentwicklungspsychologische Längsschnittstudie (2., erweiterte Auflage). St. Augustin: Gardez!.
Petzold, M. (1999). Entwicklung und Erziehung in der Familie. Familienentwicklungspsychologie im Überblick. Baltmannsweiler: Schneider.
Riegel, K. (1978). Dialektische Perspektiven in Piagets Theorie. In G. Steiner (Hg.), Die Psychologie des XX. Jahrhunderts (Piaget und die Folgen, Band VII, S. 172-183). München: Kindler.
Schmidt-Denter, U. (1984). Die soziale Umwelt des Kindes. Berlin: Springer-Verlag.
Thomae, H. (1968). Das Individuum und seine Welt: Eine Persönlichkeitstheorie. Göttingen: Hogrefe.
Whitbourne, S. K. & Weinstock, C. S. (1982). Die mittlere Lebensspanne. München: Urban & Schwarzenberg.
Autor
Prof. Dr. Matthias Petzold ist Familienpsychologe, arbeitet an den Universitäten Düsseldorf und Köln sowie in freier Praxis in Köln. Hauptarbeitsgebiete: Entwicklungspsychologische Familienforschung, Mediennutzung in der Familie, Gutachten für Familiengerichte.
Adresse
Prof. Dr. Matthias Petzold Erziehungswissenschaftliches Institut Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Universitätsstr. 1 40225 Düsseldorf Email: Matthias Petzold Homepage: http://www.m-pe.de
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