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Angesichts kontinuierlich zunehmender Computernutzung im familialen und privaten Bereich - sowohl in West als auch in Ostdeutschland - kann von einem Trend zur "Computerisierung familialer Lebenswelten" gesprochen werden. Im Zeitvergleich haben 1986 4,7 % und 1995 16,7 % der bundesdeutschen Bevölkerung einen Heimcomputer benutzt. Auch auf der Einstellungsebene der bundesdeutschen Bevölkerung zeigt sich ein eindeutiger Trend: Die Befragten glauben zusehends daran, dass die meisten Menschen in der BRD den Computer akzeptieren. Im Jahre 1992 waren dies bereits 85,2 % in den neuen Bundesländern und 91,4 % in den alten Bundesländern. Bereits deutlich mehr als ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung hat im Jahr 2001 einen Computer zuhause. Betrachtet man die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, die der gezielte Umgang mit dem Heimcomputer bietet, so lassen sich im Hinblick auf die Beeinflussung familialer Lebensqualität aus dem vorliegenden Material keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Für Homebanking und Homeshopping werden in der Zukunft recht gute Marktchancen erwartet. Das "Surfen" im Internet hingegen hat bereits ein breites Nutzerspektrum ebenso wie das Spielen und Lernen mittels CD-ROM. Bildung, Wissen und Spaß sind es, die private AnwenderInnen über den PC erlangen möchten. Dafür ist ein einfaches technisches know-how ebenso nötig wie Phantasie und Gestaltungsfähigkeiten. Wichtig ist zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit Action- und Gewaltspielen. Private Bürodienste wie Textverarbeitung, Faxe, Tabellenkalkulationen etc. werden verstärkt am häuslichen PC erledigt, der die Schreibmaschine weitgehend abgelöst hat. Eine weitere bemerkenswerte Komponente des Heimcomputers ist das Konzept des "Smart Home": Damit übernimmt der Rechner Steuerungsaufgaben und die Koordination verschiedener technischer Geräte im Haushalt. Ferner hat mit der Etablierung des HomePCs die Teleheimarbeit an Bedeutung gewonnen. Sie ermöglicht zwar eine flexiblere Zeiteinteilung, birgt aber auch die Gefahr sozialer Isolation und familialer Doppelbelastung. Die Erfassung der Veränderung familialer Lebensqualität und einzelner Indikatoren muss daher auf die Anwendungsfelder bezogen und im Kontext der individuellen Nutzung differenziert betrachtet werden. Weibliche und männliche Nutzer arrangieren sich unterschiedlich mit dem Computer. Während sich Frauen distanzierter und pragmatischer gegenüber den neuen technischen Errungenschaften zeigen, sind die Männer interessierter und umsetzungsorientierter. Insgesamt ist eine Akzeptanzzunahme bei den Frauen zu beobachten, die mit den Veränderungen der weiblichen Selbstkonzepte einhergeht. (Kinder-) Pornographie, Gewalt und extreme Inhalte im Internet sind durch die Verbreitung der Computerzugänge allgemein zugänglich. Die Schwierigkeiten der Kontrolle des internationalen Datennetzes ermöglichen neue Dimensionen des Austausches, der Verbreitung und krimineller Aktivitäten. Vor allem mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen sind die Familien hier gefordert, eigene Grenzen zu ziehen und Kontrollmechanismen zu entwickeln. Konflikte treten in erster Linie dann auf, wenn Eltern und Kinder unterschiedliche Vorstellungen über Sinn und Einsatz des PC besitzen. Damit wird neuer Aushandlungsbedarf in die Familien hineingetragen: Das Abstecken von Kompetenzbereichen gehört ebenso dazu wie das Reflektieren und die Festlegung von Nutzungsinhalten und -dauer. Computerbesitzende Eltern setzen sich meist mit ihren Kindern über den Umgang mit dem Heimcomputer auseinander. Der befürchtete Wissensvorsprung der Kinder in diesem Bereich hält sich in Grenzen. Zudem sind durchaus kritische Haltungen von Eltern zur PC-Nutzung ihrer Kinder zu konstatieren. Dabei prägen Lebens- und Technikstile den Umgang mit dem Heimcomputer. Besonders aktive PC-NutzerInnen sind meist jünger, moderner, gehören der oberen Mittelschicht an und sind zumeist Männer. Dass mit dem Einzug des PC in die Familie auch der Stress zunimmt, scheint sich zu bestätigen: Gestresste Menschen sind häufiger am HomePC tätig als Menschen ohne oder mit geringer Zeitnot. Kommunikation und Interaktion haben auf unterschiedlichen Ebenen eine zentrale Bedeutung im innerfamilialen Umgang mit dem PC. Über konkrete Gefährdungen in der kommunikativen Kompetenz durch die Reduktion auf technisch-visuellen Austausch wie auch über die Herausbildung neuer Kommunikationsstile ist derzeit jedoch zu wenig bekannt, um konkrete Schlüsse daraus ableiten zu können. Angesichts der Zukunftsentwicklung des Computers erhält familien- und techniksoziologische Forschung neue Aufgaben. Zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen sollten sich dem Forschungsfeld sowohl mit qualitativen wie auch mit quantitativen Methoden annehmen. Qualitative Interviews und Beobachtungen in Familien können konkrete Alltagsbezüge zum Vorschein bringen; quantitative Erhebungen haben den Vorteil, repräsentative Ergebnisse zu liefern. Folgerungen für die PraxisMedien sind feste Bestandteile im Familienalltag. In den 70er Jahren war es der Fernseher, der als Hauptfreizeitbeschäftigung der Bundesbürger galt. Der amerikanische Sozialisationsforscher Urie Bronfenbrenner stellte damals fest: "Die meisten (...) Familien bestehen aus zwei Eltern, einem oder mehreren Kindern und einem Fernsehgerät" (Bronfenbrenner 1976: 77). Bis heute haben sich sowohl die Familienformen weiter ausdifferenziert als auch die Medien. Die mediale Entwicklung könnte daher als Übergang von der "Fernsehkindheit" zur "Computerkindheit" bezeichnet werden. Demzufolge treten in den Familien neue Fragen und Problemlagen auf, woraus ein neuer Bedarf an Unterstützung und Information entsteht.Die Familienbildung muss sich daher auch mit diesem Bereich auseinandersetzen und Informationen zu diesen Themen anbieten. Sie sollte hierbei aber die Mediengewohnheiten und die Rahmenbedingungen vor einem sozialwissenschaftlichen Hintergrund reflektieren. Zielsetzung der Angebote sollten neue Impulse für einen positiven Umgang mit dem neuen Medium in den Familien sein, welche die Bedürfnisse und Kompetenzen der Familienmitglieder berücksichtigen. Aus der vorliegenden Literatur- und Datenrecherche können dazu je nach Beratungsschwerpunkten Anregungen entnommen werden. Im Folgenden werden zusätzlich einige wesentliche Zugänge für Familienberatung im Hinblick auf Erziehung und Familienbildung referiert.
Literatur
AJS Arbeitsstelle Kinder- und Jugendschutz (1995): Computerspiele - Spielspaß ohne Risiko. Hinweise und Empfehlungen. Broschüre der Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V. Köln Autorin
Prof. Dr. Veronika Hammer, Dipl.-Sozialpädagogin, Dipl.-Soziologin | ||
Letzte Änderung: 26.02.2009 11:33:16 |