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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Familie geht online - Nutzen und Gefahren

Veronika Hammer


Die Nutzung neuer Medien wirft in vielen Familien jede Menge Fragen auf. Unklar sind dabei häufig die mit der Computernutzung einhergehenden Gestaltungsmöglichkeiten und die Auswirkungen auf die Sozialisation der Kinder.

Mütter und Väter sollten sich auf jeden Fall die Zeit nehmen, sich mit dem Computer und dessen Möglichkeiten zu beschäftigen. Dabei ist präventive Auseinandersetzung angesagt. Diese könnte u.a. unter dem Motto stehen: "Konflikte austragen - ohne Gewalt".

Nicht allein der Extremfall des schrecklichen Attentats eines computerspielbegeisterten Schülers im Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Frühjahr 2002 macht auf präventiven Handlungsbedarf aufmerksam. Die Computerbegeisterung dieses Schülers galt Actionspielen, mit denen Überfälle auf Menschen mit Todesschüssen simuliert werden konnten. In Erfurt tötete der Attentäter 16 Menschen und anschließend sich selbst. Sicherlich ist seine Vorliebe für aggressive Computerspiele lediglich eine von vielen Dimensionen, welche in Betracht gezogen werden müssen, wenn die Motivation des Schülers zu dieser Bluttat hinterfragt werden soll. Fachleute sind sich einig, dass solche Spiele allein nicht Ursache von Gewalt sind. Jedoch kann es sein, dass durch die Ausübung virtueller Gewalt die Hemmschwelle für tatsächliche Vergehen abgesenkt wird.

Die Bedeutung moderner gesellschaftlicher Ziele wie Durchsetzungsfähigkeit und individuelle Leistungsfähigkeit sowie ihre Prämierung durch Wettbewerb spielt in diesem Netz von Zusammenhängen eine weit bedeutendere Rolle.

Daher sollte es darum gehen, sich mit alltäglicher Gewalt zu befassen. Dies bedeutet u.a. zu fragen und zu diskutieren:
  • welche Formen von Gewalt gibt es in den Computerspielen und im Internet?
  • wie geht man mit den Schwachen um?
  • was bedeutet soziale Kompetenz?
  • wie können Konflikte auf einem geregelten Weg ausgetragen werden?
Inzwischen gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Studien, welche den Umgang, die Gestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten mit dem Computer in den Familien analysieren. Da es von grundlegender informativer Bedeutung ist, sich ein Bild über diese Situation zu verschaffen, werden im Folgenden die Ergebnisse einer Literatur- und Datenrecherche wiedergegeben. Diese Ausschnitte ermöglichen aber nur eine kurze Zusammenschau. Umfangreichere Informationen können u.a. über die im Literaturverzeichnis angegebenen Studien und Aufsätze erhalten werden. Die im Folgenden dargestellte Zusammenfassung mündet konsequent in einige Handlungsanregungen für Familien und Familienbildung (s.a. Hammer / Schmitt 2002, S. 28 - 31):

Angesichts kontinuierlich zunehmender Computernutzung im familialen und privaten Bereich - sowohl in West als auch in Ostdeutschland - kann von einem Trend zur "Computerisierung familialer Lebenswelten" gesprochen werden. Im Zeitvergleich haben 1986 4,7 % und 1995 16,7 % der bundesdeutschen Bevölkerung einen Heimcomputer benutzt. Auch auf der Einstellungsebene der bundesdeutschen Bevölkerung zeigt sich ein eindeutiger Trend: Die Befragten glauben zusehends daran, dass die meisten Menschen in der BRD den Computer akzeptieren. Im Jahre 1992 waren dies bereits 85,2 % in den neuen Bundesländern und 91,4 % in den alten Bundesländern. Bereits deutlich mehr als ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung hat im Jahr 2001 einen Computer zuhause.

Betrachtet man die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten, die der gezielte Umgang mit dem Heimcomputer bietet, so lassen sich im Hinblick auf die Beeinflussung familialer Lebensqualität aus dem vorliegenden Material keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Für Homebanking und Homeshopping werden in der Zukunft recht gute Marktchancen erwartet. Das "Surfen" im Internet hingegen hat bereits ein breites Nutzerspektrum ebenso wie das Spielen und Lernen mittels CD-ROM. Bildung, Wissen und Spaß sind es, die private AnwenderInnen über den PC erlangen möchten. Dafür ist ein einfaches technisches know-how ebenso nötig wie Phantasie und Gestaltungsfähigkeiten. Wichtig ist zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit Action- und Gewaltspielen. Private Bürodienste wie Textverarbeitung, Faxe, Tabellenkalkulationen etc. werden verstärkt am häuslichen PC erledigt, der die Schreibmaschine weitgehend abgelöst hat. Eine weitere bemerkenswerte Komponente des Heimcomputers ist das Konzept des "Smart Home": Damit übernimmt der Rechner Steuerungsaufgaben und die Koordination verschiedener technischer Geräte im Haushalt. Ferner hat mit der Etablierung des HomePCs die Teleheimarbeit an Bedeutung gewonnen. Sie ermöglicht zwar eine flexiblere Zeiteinteilung, birgt aber auch die Gefahr sozialer Isolation und familialer Doppelbelastung. Die Erfassung der Veränderung familialer Lebensqualität und einzelner Indikatoren muss daher auf die Anwendungsfelder bezogen und im Kontext der individuellen Nutzung differenziert betrachtet werden.

Weibliche und männliche Nutzer arrangieren sich unterschiedlich mit dem Computer. Während sich Frauen distanzierter und pragmatischer gegenüber den neuen technischen Errungenschaften zeigen, sind die Männer interessierter und umsetzungsorientierter. Insgesamt ist eine Akzeptanzzunahme bei den Frauen zu beobachten, die mit den Veränderungen der weiblichen Selbstkonzepte einhergeht.

(Kinder-) Pornographie, Gewalt und extreme Inhalte im Internet sind durch die Verbreitung der Computerzugänge allgemein zugänglich. Die Schwierigkeiten der Kontrolle des internationalen Datennetzes ermöglichen neue Dimensionen des Austausches, der Verbreitung und krimineller Aktivitäten. Vor allem mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen sind die Familien hier gefordert, eigene Grenzen zu ziehen und Kontrollmechanismen zu entwickeln.

Konflikte treten in erster Linie dann auf, wenn Eltern und Kinder unterschiedliche Vorstellungen über Sinn und Einsatz des PC besitzen. Damit wird neuer Aushandlungsbedarf in die Familien hineingetragen: Das Abstecken von Kompetenzbereichen gehört ebenso dazu wie das Reflektieren und die Festlegung von Nutzungsinhalten und -dauer.

Computerbesitzende Eltern setzen sich meist mit ihren Kindern über den Umgang mit dem Heimcomputer auseinander. Der befürchtete Wissensvorsprung der Kinder in diesem Bereich hält sich in Grenzen. Zudem sind durchaus kritische Haltungen von Eltern zur PC-Nutzung ihrer Kinder zu konstatieren.

Dabei prägen Lebens- und Technikstile den Umgang mit dem Heimcomputer. Besonders aktive PC-NutzerInnen sind meist jünger, moderner, gehören der oberen Mittelschicht an und sind zumeist Männer. Dass mit dem Einzug des PC in die Familie auch der Stress zunimmt, scheint sich zu bestätigen: Gestresste Menschen sind häufiger am HomePC tätig als Menschen ohne oder mit geringer Zeitnot.

Kommunikation und Interaktion haben auf unterschiedlichen Ebenen eine zentrale Bedeutung im innerfamilialen Umgang mit dem PC. Über konkrete Gefährdungen in der kommunikativen Kompetenz durch die Reduktion auf technisch-visuellen Austausch wie auch über die Herausbildung neuer Kommunikationsstile ist derzeit jedoch zu wenig bekannt, um konkrete Schlüsse daraus ableiten zu können.

Angesichts der Zukunftsentwicklung des Computers erhält familien- und techniksoziologische Forschung neue Aufgaben. Zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen sollten sich dem Forschungsfeld sowohl mit qualitativen wie auch mit quantitativen Methoden annehmen. Qualitative Interviews und Beobachtungen in Familien können konkrete Alltagsbezüge zum Vorschein bringen; quantitative Erhebungen haben den Vorteil, repräsentative Ergebnisse zu liefern.


Folgerungen für die Praxis

Medien sind feste Bestandteile im Familienalltag. In den 70er Jahren war es der Fernseher, der als Hauptfreizeitbeschäftigung der Bundesbürger galt. Der amerikanische Sozialisationsforscher Urie Bronfenbrenner stellte damals fest: "Die meisten (...) Familien bestehen aus zwei Eltern, einem oder mehreren Kindern und einem Fernsehgerät" (Bronfenbrenner 1976: 77). Bis heute haben sich sowohl die Familienformen weiter ausdifferenziert als auch die Medien. Die mediale Entwicklung könnte daher als Übergang von der "Fernsehkindheit" zur "Computerkindheit" bezeichnet werden. Demzufolge treten in den Familien neue Fragen und Problemlagen auf, woraus ein neuer Bedarf an Unterstützung und Information entsteht.

Die Familienbildung muss sich daher auch mit diesem Bereich auseinandersetzen und Informationen zu diesen Themen anbieten. Sie sollte hierbei aber die Mediengewohnheiten und die Rahmenbedingungen vor einem sozialwissenschaftlichen Hintergrund reflektieren. Zielsetzung der Angebote sollten neue Impulse für einen positiven Umgang mit dem neuen Medium in den Familien sein, welche die Bedürfnisse und Kompetenzen der Familienmitglieder berücksichtigen.

Aus der vorliegenden Literatur- und Datenrecherche können dazu je nach Beratungsschwerpunkten Anregungen entnommen werden. Im Folgenden werden zusätzlich einige wesentliche Zugänge für Familienberatung im Hinblick auf Erziehung und Familienbildung referiert.
  • Kinder und Erwachsene als Subjekte begreifen
Für die familieninterne Auseinandersetzung erweist sich die "Perspektive der Kinder" (Leu 2001) als besonders tragfähig. Wenn diese ernst genommen wird, setzt ein gleichberechtigtes Gespräch im Familienalltag ein. Das bedeutet auch, von der Vorstellung einer einzig richtigen Sichtweise Abstand zu nehmen und unterschiedliche Gestaltungsperspektiven abzuwägen. Kindern kann Bildung - gerade auch über den Computer - vermittelt werden, indem sie langsam an ihre sozialen Rollen herangeführt werden. Erwachsenen sollten Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit investieren, um neue Medien gemeinsam zu erforschen und über ihre Nutzung zu reflektieren.
  • Schutzvorrichtungen einbauen
Kinder und Jugendliche sollten nicht völlig ohne Kontrolle im Internet surfen. Verschiedene Provider stellen bereits spezielle Sicherungssysteme bereit, durch welche die Eltern die Internetnutzung eingrenzen können (Schieb 2001: 185). Damit werden Bereiche geschlossen, die nur für Erwachsene gedacht sind. Interessante Hinweise nur für Kinder und Jugendliche bietet auch die Suchmaschine www.blinde-kuh.de. Diese eignet sich auch als kindgerechte Startseite.
  • Eigene Kompetenzen fördern
Um gute Kindersoftware herauszufinden, achten Eltern am besten darauf, was Kinder selbst wollen (Kinder 2001). Sie können sich auch die gewünschten Produkte vor dem Kauf erst einmal ausleihen und feststellen, ob sie die Erwartungen erfüllen. Eltern sollten sich allerdings auch mit den Medien auskennen, dazu können sie sich durchaus von den Kindern einführen lassen. Für Vorschulkinder haben sich spezielle Lerncomputer als vorteilhaft erwiesen. Sie stellen einen sanften Einstieg in die Computerwelt dar und verhindern ein zu frühes Abtauchen in eine virtuelle Welt, welches zu Realitätsverlusten führen kann.
  • Ratgeberliteratur sichten
Aktuelle Adressen von Jugendschutzbehörden, Ermittlungsbehörden und nützliche "Links" finden sich in einschlägiger Computer-Ratgeberliteratur. Das Spektrum dieser Reader ist inzwischen breit und die darin beschriebenen Verhaltensregeln und Tipps sind in der Regel nutzerfreundlich, realitätsnah und praktikabel. Meist werden auch kritische Themen wie politische Gewalt oder Kinder-/Pornographie nicht ausgespart und Ratschläge im Umgang damit erteilt. Auch Kinderschutzprogramme werden geprüft und Empfehlungen ausgesprochen. Informationen gibt es auch zu Selbsthilfe und Beratung im Netz, Arbeitsplatzvermittlung, Versandhäuser u.v.m.
  • Mediale Vernetzung von Familienberatung und -bildung fördern
Um einer Ausgrenzung entgegenzusteuern sind die Einrichtungen der Familienbildung und -beratung gefordert, für benachteiligte Familien Möglichkeiten zum Kennenlernen der neuen Medien bereitzustellen, z.B. durch Computer- und Netzprojekte. Für die Erzieherischen Hilfen fordert dies Weber (2001: 131ff.): "Damit benachteiligte gesellschaftliche Gruppen hier nicht langfristig sozial abgehängt werden, ist die öffentliche Erziehung - und eben nicht nur die Schulen, sondern gerade auch die Erziehungshilfe - gefragt gegenzusteuern." Gerade in Heimen und Wohngruppen muss hier ein entsprechendes Angebot bereit gehalten werden, aber auch in Beratungsstellen und Jugendtreffs entlastet die Anschaffung von Computern und Netzzugängen sozial schwache Familien und bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, sich auf einen aktuellen Wissensstand zu bringen.


Literatur

AJS Arbeitsstelle Kinder- und Jugendschutz (1995): Computerspiele - Spielspaß ohne Risiko. Hinweise und Empfehlungen. Broschüre der Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V. Köln

Bronfenbrenner, Urie (1976): zit. nach Baake, Dieter: Einführung in die außerschulische Pädagogik, München 1976, S. 77

Der Spiegel (1996): Online - Offline. Wahrnehmung und Akzeptanz der neuen I- und K-Technologien. Hauptergebnisse und Codeplan. Hamburg

Döring, Nicola (2001): Belohnungen und Bestrafungen im Netz: Verhaltenskontrolle in Chat-Foren. In: Gruppendynamik und Organisationsberatung. Zeitschrift für angewandte Sozialpsychologie. 32.Jg., Heft 2, S. 105 - 107

Drewes, Detlef (1995): Kinder im Datennetz. Pornographie und Prostitution in den neuen Medien. Frankfurt

GfK-Online-Monitor (2001): 7. Untersuchungswelle März 2001. Elektronische Publikation. URL am 01.09.01: http://www.gfk.de

Hammer, Veronika / Schmitt, Christian (2002): Computer in der Familie - Umgang und Auswirkungen. Ifb-Materialien Nr. 2/2002. Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg: Bamberg

Hammer, Veronika (2002): Die Multimedia-Familie. Familiale Lebenswelten, Computer und Kommunikationsgesellschaft. Verlag Dialogische Erziehung: Oldenburg

Kersjes, Jürgen / Franke, Dieter (1995): DM-Multimedia-Studie 1995. Experten-, Tabellenband und Kurzfassung. Hrsg.: IHRES Gesellschaft für Unternehmens-, Marketing- und Kommunikationsforschung mbH. Repräsentativ-Studie für DM - Das private Wirtschaftsmagazin -, Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH. Düsseldorf

Kinder (2001): Welche Software soll´s denn sein? In: Zeitschrift Kinder Nr. 3/2001. S. 32 - 33

Leu, Hans Rudolf (1993): Wie Kinder mit Computern umgehen. Studie zur Entzauberung einer neuen Technologie in der Familie. DJI. Weinheim und München

Leu, Hans Rudolf (2001): Vorschulische Bildungsprozesse und die "Perspektive der Kinder". In: FORUM Jugendhilfe Nr. 1/2001. S. 43 - 47

Petzold, Matthias (2000): Die Multimedia-Familie. Mediennutzung, Computerspiele, Telearbeit, Persönlichkeitsprobleme und Kindermitwirkung in den Medien. Opladen

Sassen, Saskia (2000): Machtbeben. Wohin führt die Globalisierung? Stuttgart, München

Schieb, Jörg (2001): Internet. Nichts leichter als das. Stiftung Warentest, Berlin

Schmoll, Thomas (1996): Cyber Angels wachen über die Moral im Internet. Weltweit organisierte Gruppe geht gegen Rechtsextremismus und Kinderpornographie vor. In: Frankfurter Rundschau vom 12.09.96, S. 23

Schründer-Lenzen, Agi (1995): Weibliches Selbstkonzept und Computerkultur. Weinheim

Weber, Monika (2001): Jugendhilfe ans Netz! In: Forum Erziehungshilfen, 7.Jg., Heft 3, S. 131


Autorin

Prof. Dr. Veronika Hammer, Dipl.-Sozialpädagogin, Dipl.-Soziologin
Hochschule für angewandte Wissenschaften - Fachhochschule Coburg
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Friedrich-Streib-Str. 2
D-96450 Coburg
Internet: http://www.hs-coburg.de/hammerve
Email: veronika.hammer@hs-coburg.de






Letzte Änderung: 26.02.2009 11:33:16Zum Seitenanfang