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Sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern hat sich in den vergangenen Jahren bzw. Jahrzehnten ein familialer "Strukturwandel" vollzogen. Das bürgerliche Leitbild der "Normalfamilie" mit verheirateten Eltern und leiblichen Kindern im gemeinsamen Haushalt hat sich bei gleichbleibend hoher Bedeutung von Familie "differenziert". Die Vielfalt von Familien- und Haushaltsgemeinschaften spiegelt sich in verschiedenen legitimierten Typologien familialer und privater Lebensformen. Als Beispiele können angeführt werden: Ehepaar-Familien, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Ein-Eltern-Familien, Stieffamilien, eingetragene Lebenspartnerschaften, kinderlose Paare oder Ehen, Alleinstehende, Wohngemeinschaften, Inseminationsfamilien, Adoptivfamilien etc. Im Verlauf dieser Entwicklung zu mehr legitimierter Pluralität gewann die Ein-Eltern-Familie sowohl einen Akzeptanzzuwachs als auch zahlenmäßig an Bedeutung (a). Hinsichtlich der Heterogenität dieser Familienform können neue Erkenntnisse vorgestellt werden (b). Daran anknüpfend lassen sich einige Handlungsanregungen skizzieren (c). Eine Auswahl wissenschaftlicher Literatur zur aktuellen bundesdeutschen Single-Parent-Forschung findet sich im Anschluss daran. a) Die Relevanz der Ein-Eltern-Familien in aktuellen ZahlenDerzeit liegt in Deutschland der Anteil von Alleinerziehenden an allen Familien durchschnittlich bei 13 %, das sind 2.968.000 Ein-Eltern-Familien (Statistisches Bundesamt 2000, S. 25). Die Gesamt-Familienzahl für die Bundesrepublik Deutschland beträgt 22.423.000.In den neuen Bundesländern ist der Anteil der Alleinerziehenden an allen dortigen Familien höher als der Bundesdurchschnitt. Dieser Anteil entspricht rund 18 %, das sind 794.000 Ein-Eltern-Familien. Die Gesamt-Familienzahl beträgt für die neuen Bundesländer 4.332.000. (ebd., S. 27). In den alten Bundesländern liegt der Alleinerziehenden-Anteil an allen dortigen Familien niedriger als der Bundesdurchschnitt. Er beläuft sich auf etwa 12 %, das sind 2.174.000 Ein-Eltern-Familien. Die Gesamt-Familienzahl in den alten Bundesländern ist 18.091.000. (ebd., S. 26). Alleinerziehende Mütter sind in weit höherem Maße vertreten als allein erziehende Väter. Bundesweit sind im Mai 2000 82 % aller Alleinerziehenden Mütter und 18 % sind Väter. In Westdeutschland sind es 81 % allein erziehende Mütter und 19 % allein erziehende Väter. In Ostdeutschland sind noch mehr Frauen als Männer allein erziehend, es gibt dort 84,5 % allein erziehende Mütter; 15,5 % der Alleinerziehenden sind in den neuen Bundesländern Väter. (ebd., S. 25ff.). Obwohl der Anteil der Männer an den Alleinerziehenden - wohl aufgrund des geänderten Sorgerechts - angestiegen ist, sind es weiterhin in erster Linie die Frauen, welche die Familienform der Alleinerziehenden stellen. b) Heterogenität der Lebenslage Alleinerziehender - "Chancen und Risiken"Die derzeit aktuellsten bundesdeutschen Ergebnisse aus der Single-Parent-Forschung kommen aus einer Repräsentativstudie, welche im Bundesland Thüringen durchgeführt wurde (Brand / Hammer 2002). Die 649 per Fragebogen befragten Alleinerziehenden konnten in voneinander unterscheidbare Gruppen aufgeteilt werden. Damit kann die spezifische Heterogenität dieser Lebensform und eine dieser Heterogenität zugrundeliegende latente Ordnungsstruktur sichtbar gemacht werden. Zur weiteren Differenzierung der Lebenslagen von Alleinerziehenden s. die weiteren Kapitel in der genannten Studie (ebd., S. 69ff.)Mit den Ergebnissen dieser Clusteranalyse können nun in Ergänzung zu bisherigen Untersuchungen der Lebenslagen bei Alleinerziehenden folgende Thesen aufgestellt werden: Rund einem Drittel aller Alleinerziehenden geht es ausgesprochen gut. Ungefähr zwei Drittel aller Alleinerziehenden bilden spezifische Problem- und Risikogruppen. Die in der Tabelle zusammengefassten fünf Gruppen werden im Anschluss daran umfassend beschrieben:
"Alleinerziehende mit einem hohen Maß an Zufriedenheit" (Gruppe 1)Dieses Cluster bildet mit 35,3 Prozent (229 Personen) die größte Gruppe der befragten Alleinerziehenden. Diese Mütter und Väter definieren sich jedoch in der Selbstbeschreibung eher nicht als allein erziehend. Sie können durchaus als "die sehr Zufriedenen" bezeichnet werden, die größtenteils in einer festen Partnerschaft leben und aus ihrer Erwerbstätigkeit ein eher höheres Einkommen beziehen.Dieser Personenkreis nimmt sein Leben insgesamt und die Basisfaktoren der Lebenssituation als angenehm wahr. Aus der Sicht dieser Befragten überwiegen eher die Vorteile ihrer Lebenssituation. Sie sind der Überzeugung, dass sie ihren Kindern genauso viel mit auf den Weg geben, wie andere Mütter und Väter auch. Das Zusammenleben mit den Kindern gestaltet sich insgesamt harmonisch und entspannt. Die Alleinerziehenden schätzen das Familienklima und die kindliche Entwicklung positiv ein. Das Verhältnis zu ihren Kindern empfinden sie zufriedenstellend. Auch können die Befragten ihre Berufstätigkeit gut mit ihrem Familienleben in Einklang bringen. Im Falle der Erwerbstätigkeit neigen sie eher zu Zufriedenheit. Die erlebte Arbeitswelt an ihrer Betriebsstätte bezeichnen sie tendenziell als familienfreundlich. Probleme, die durch die Organisation der Kinderbetreuung entstehen, bewältigen sie einerseits durch gutes Management und andererseits nehmen sie sich viel Zeit, denn Freude haben mit den Kindern gibt ihnen Kraft. Diese Befragtengruppe erhält meist ausreichend Unterstützung bei der Betreuung der Kinder. Sie werden genügend emotional unterstützt und erhalten in ihrem Umfeld ausreichend Wertschätzung. Ebenfalls stellen sich finanzielle Unterstützungsleistungen zufriedenstellend dar. Die zu dieser Gruppe gehörenden Alleinerziehenen verfügen über einen höheren schulischen Abschluss und sind häufiger erwerbstätig als die anderen Befragten. Demzufolge erhalten sie beispielsweise auch seltener Arbeitslosengeld oder sonstige staatliche Leistungen wie Wohn- und Erziehungsgeld. Diese Mütter und Väter sehen sich eher nicht einer Risikogruppe zugehörig, die besonderer Unterstützung bedarf. "Alleinerziehende mit großer Unzufriedenheit in der beruflichen Situation" (Gruppe 2)In der zweitgrößten Gruppe sind 22,3 Prozent (145 Personen) Alleinerziehende. Diese leben häufiger als die Befragten in den anderen Gruppen in ländlichen Regionen. Die Basisfaktoren ihrer Situation stufen sie eher als belastend ein. Obwohl die Organisation der Kinderbetreuung nach ihren Aussagen gut gelingt, fordern sie verstärkt die Möglichkeit der Kinderbetreuung in den Betrieben, was möglicherweise mehr Flexibilität in der Erwerbstätigkeit bedeuten könnte. Denn im Falle der Erwerbstätigkeit sind sie mit dieser eher unzufrieden. Die erlebte Arbeitswelt an ihrer Betriebsstätte bezeichnen sie zudem als familienunfreundlich.Die Befragten dieser Gruppe beklagen, dass sie nicht genügend finanzielle Unterstützung erhalten. Zudem erfahren sie in ihrer momentanen Lebenssituation wenig Wertschätzung. Die Mütter und Väter dieser Gruppe haben meist jüngere Kinder. Sie verfügen über eine eher geringe schulische Qualifikation und ihre berufliche Position ist dementsprechend niedrig. Die Befragten sind - verglichen mit den anderen Gruppen - seltener in Erwerbstätigkeit eingebunden, ihr Einkommen ist eher niedrig. Bei näherer Betrachtung des Einkommens zeigt sich signifikant, dass dies seltener aus eigener Berufstätigkeit stammt und die Befragten häufig Arbeitslosengeld oder -hilfe bzw. Sozialhilfeleistungen beanspruchen. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier wohl meist um Frauen, die durch die Geburt ihrer Kinder schwer aus der Elternzeit wieder in den Beruf finden oder sich vorher in Ausbildung oder Arbeitslosigkeit befanden. So halten sie Wiedereinstiegsprogramme nach der Familienphase bzw. bei Arbeitslosigkeit für sehr wichtig. Sie sehen sich sehr stark als besonders unterstützungswürdige Risikogruppe. "Belastete Familiensituation älterer Alleinerziehender" (Gruppe 3)Dieser Gruppe sind 21,3 Prozent (138 Personen) der befragten Alleinerziehenden zuzuordnen. Sie sind eher älter und leben mit älteren Kindern im Haushalt. Es sind dies häufig berufstätige Alleinerziehende, die schon lange allein erziehen und ein nicht zufriedenstellendes Verhältnis zu ihren eher älteren Kindern haben. Bezogen auf den Familienstand sind dies eher Frauen und Männer, die vom Ehepartner getrennt leben oder nach dessen Tod die Erziehungsverpflichtungen allein tragen.Die Befragten dieser Gruppe äußern, dass sie ihren Kindern nicht genauso viel mit auf den Weg geben (können) wie andere Mütter und Väter. Sie bezeichnen ihr Zusammenleben mit den Kindern tendenziell nicht als harmonisch und entspannt. Die Befragten stimmen der Aussage zu, dass sie eher kein schönes, zufriedenstellendes Verhältnis zu ihren Kindern haben. Das Familienklima und die Entwicklung der Kinder wird als belastend empfunden und negativ bewertet. Dennoch sehen sich diese Alleinerziehenden nicht als eine Risikogruppe. Sie halten Wiedereinstiegsprogramme für weniger wichtig. Oft sind sie erwerbstätig und erhalten ein tendenziell höheres Einkommen. Seltener beziehen diese Personen Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe. "Alleinerziehende mit Defizitversorgung und -organisation in der Kleinkindbetreuung" (Gruppe 4)Bei 12,8 Prozent (83 Personen) der Befragten bestehen vor allem Schwierigkeiten in der Kleinkindbetreuung. In ihrer augenblicklichen Lebenslage überwiegen die Nachteile. Sie bejahen eher die Aussage, dass sie nicht zum Nachdenken kommen und Probleme vor sich her schieben, weil der Stress so groß ist. Die Vereinbarkeit ihres Familienlebens mit ihren beruflichen Perspektiven ist nahezu nicht zu bewältigen. Dass sie den Bereich Kinderbetreuung eher negativ einschätzen, hängt mit ihrer persönlichen Belastung in der gegenwärtigen Situation zusammen. Sie sind unzufrieden mit der erhaltenen Unterstützung bei der Kinderbetreuung und finden, dass die Kinderbetreuung eher nicht ausreichend gewährleistet ist und dass sie Probleme bei der Organisation der Kinderbetreuung haben. Die Befragten dieser Gruppe erziehen eher jüngere Kinder. Sie erhalten relativ häufig und hauptsächlich Einkommen in Form von staatlichen Leistungen, wie beispielsweise Kinder-, Wohn- und Erziehungsgeld."Alleinerziehende mit Defiziten im sozialen Netzwerk" (Gruppe 5)8,3 Prozent (54 Personen) der Befragten sind dieser Gruppe zuzuordnen. Es sind vor allem diejenigen Alleinerziehenden, die mehrere Kinder haben und bei denen sich ein breites Problemspektrum öffnet. Diese Mütter und Väter nehmen ihr Leben momentan eher belastend wahr. Es gelingt ihnen weniger gut, ihre Berufstätigkeit mit dem Familienleben zu vereinbaren. So erfahren sie beispielsweise nicht genügend Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Auch die Entwicklung der Kinder und das bestehende Klima in der Familie empfinden sie häufiger belastend und negativ. Diese Alleinerziehenden erhalten nicht die nötige emotionale Unterstützung und bekommen ihrer Ansicht nach zu wenig persönliche Wertschätzung.Die Alleinerziehenden sind seltener ledig, eher verheiratet-getrenntlebend, geschieden oder verwitwet. Abweichend vom Stichprobendurchschnitt aller Verwitweten in den einzelnen Gruppen (ca. 6 Prozent) wurden unter den hier beschriebenen Befragten mehr als doppelt so viele (14,3 Prozent) erfasst. Sie sehen sich tendenziell häufiger als risikobehaftete Gruppe, die besondere Unterstützung benötigt. Zu den Bestandteilen des Einkommens zählen vermehrt verschiedene Rentenformen, wie Berufsunfähigkeits-, Witwen- oder Waisenrenten. c) HandlungsanregungenDiese und weitere (Tagungs-) Ergebnisse (s. a. Hammer 2002) verweisen auf einen besonderen Handlungsbedarf für die Alleinerziehenden in "risikobehafteten" Lebenslagen. Es lassen sich Impulse für die Arbeit von Beratungsstellen und weitere Bereiche professioneller Handlungsebenen - wie Wirtschaft, Politik und Medien -, sowie vier zentrale Handlungsfelder ableiten (s. a. Brand / Hammer 2002, S. 350ff.):
Anmerkungen
(1) Einschließlich der Alleinerziehenden, die Partner in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft sind. Literatur
Brand, Dagmar / Hammer, Veronika (Hg.) (unter Mitarbeit von Klein, Michael / Kattein, Martina / Elis, Petra) (2002): Balanceakt Alleinerziehend. Lebenslagen, Lebensformen, Erwerbsarbeit. Westdeutscher Verlag: Wiesbaden Autorin
Prof. Dr. Veronika Hammer, Dipl.-Sozialpädagogin, Dipl.-Soziologin | ||||||||||||||||||||||||||||||
Letzte Änderung: 26.02.2009 11:31:16 |