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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Tischmanieren für Eltern

Elisabeth C. Gründler

  • "Halt den Mund und iss!"
  • "Was auf den Teller kommt wird gegessen!"
  • "Hör auf, im Essen herumzustochern!"
  • "Iss Deinen Teller leer! Sonst wirst Du nicht so groß und stark wie Dein Vater!"
Solche und ähnliche Redensarten sollten Eltern ab sofort aus ihrem Wortschatz verbannen, meint der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Drohungen, herabsetzende Redensarten und erzieherische Vorträge sind geeignet, auch Erwachsenen den Appetit zu verderben. Einer gemeinsamen Mahlzeit, die zum entspannten Miteinander wird und den Zusammenhalt der Familie stärkt, sind derartige Erziehungspraktiken auf jeden Fall abträglich.

In seinem neuestes Buch, "Was gibt's heute? - gemeinsam Essen macht Familie stark", begibt sich der Jesper Juul in die Niederungen des Alltags - an den Familientisch. "Eine gute Mahlzeit ist eine ausgewogene Mischung aus guten Speisen, Sorgfalt, Engagement, engen Bindungen, Ästhetik, einem Erlebnis der Sinne und aus unvorhersehbaren menschlichen Gefühlen und Stimmungen", beschreibt der Familienvater und Hobbykoch das Geschehen am Tisch. "Wenn der Zweck der Mahlzeiten und der Ernährung der Familien darin besteht, einfach, schnell und billig zu sein, kann man leicht der Vermutung erliegen, es gäbe auch einfache, schnelle und billige Lösungen für dabei auftauchende Probleme. Das ist nicht der Fall!" Für den Familienberater und Therapeuten sind Probleme und Konflikte am Familientisch in der Regel nicht Ausdruck des Verhältnisses zum Essen, sondern ein Stimmungsbarometer, das anzeigt, wie sich jedes Familienmitglied fühlt. "Je mehr wir versuchen, einen einzelnen Konflikt zu unterdrücken" warnt Juul, "desto mehr verlieren wir die gesamte Stimmungslage aus den Augen."

Die Führungsrolle der Eltern

Zum Beispiel die vierjährige Jana. Sie frühstückt jeden Morgen zusammen mit ihren berufstätigen Eltern. Die Familie hat genau zwanzig Minuten Zeit für die gemeinsame Mahlzeit. Die Eltern finden ihre Tochter wählerisch. "Ich will Erdbeer-Yoghurt", verkündet Jana heute. Doch der ist grad nicht da. Drei andere Sorten Yoghurt, die der Kühlschrank hergibt, lehnt Jana ab. Sie zieht ein Gesicht und fängt an zu jammern. Die Mutter stellt derweil ihren Ehemann zur Rede, weil er die begehrte Yoghurtsorte nicht eingekauft hat. Janas Laune bessert sich und sie verkündet, sie wolle heute Haferflocken mit Milch essen. Wieder Fehlanzeige: es gibt nur Cornflakes oder Crunchy. Jana bricht in wütendes Geheul aus. Jetzt wird der Vater sauer: "Iss gefälligst, wir müssen gleich gehen!", blafft er seine Tochter an.

Der Tag beginnt in dieser Familie mit einem Fehlstart. Überdies ist diese Szene fast schon zum Ritual geworden: sie ereignet sich fast jeden Morgen. Juul rät Eltern, sich nicht dafür zuständig zu fühlen, dem Kind das zu geben, worauf es gerade Lust hat. Janas Eltern haben ihrem Kind die Führung überlassen und damit ist es überfordert. Jana nörgelt, weil sie über ihre Führungsrolle unglücklich ist. Janas Eltern sollten ihr Kind vor eine klare Wahl stellen, was sie ihr zum Frühstück anbieten. Dann sollten sie ihrem Kind genügend Zeit für eine Entscheidung lassen. Die Eltern können das eigene Frühstück in Ruhe fortsetzen, ohne Jana Vorhaltungen zu machen oder sie unter Druck zu setzen. Meist entscheidet sich ein Kind dann, wenn es nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Wenn ein gesundes Kind eine Mahlzeit auslässt, so ist dies kein Grund zur Besorgnis, denn früher oder später wird sich sein natürlicher Appetit einstellen.

Eltern als Gastgeber

An einem Familientisch, wo die Führungsrolle von den Eltern als Gastgeber besetzt ist, können Erwachsene und Kinder entspannt zusammen essen, ohne sich in Machtkämpfe zu verwickeln. Statt auf den Rat von Ernährungs- oder Gesundheitsexperten zu hören, sollen Eltern sich auf ihre eigenen Werte besinnen, diese in ihrer Tischkultur verwirklichen und dabei gleichzeitig die Kompetenz ihrer Kinder respektieren.

Am Familientisch bedeutet das, dass die Rolle der Eltern vergleichbar ist mit der von guten Gastgebern: Sie fragen nach den Vorlieben und dem Geschmack der Gäste. Doch dann treffen sie allein die Entscheidung, wann und in welchem Rahmen die gemeinsame Mahlzeit stattfindet, was sie einkaufen und welches Gericht sie schließlich auf den Tisch bringen. Wenn Eltern ihre Kinder fragen, was sie gerne essen möchten, dann geschieht es nicht, um sie bestimmen zu lassen, was auf den Tisch kommt. Es ist vielmehr, so Juul, Ausdruck eines allgemeinen Interesses an ihrer Meinung. Die Verantwortung den Kindern zu geben bedeutet, die Gastgeberrolle zu verlassen und die Führung aufzugeben, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Kinder, so Juul, wissen fast immer, worauf sie Lust haben. Doch selten könnten sie ihre wirklichen Bedürfnisse genau definieren und artikulieren. "Es dauert im günstigsten Fall die gesamte Kindheit zu lernen, wie man seine Bedürfnisse so ausdrückt und seine Grenzen in einer Weise so markiert, dass andere sie verstehen und respektieren können. Bis dahin werden gesunde Kinder dazu neigen, ihre spontane Lust über ihre langfristigeren Bedürfnisse zu stellen. Das geschieht u.a., weil eins ihrer wichtigsten Bedürfnisse darin besteht, Eltern zu haben, die den Überblick behalten und den Mut besitzen, die Verantwortung zu übernehmen und den Konflikt nicht scheuen."

Ängste von Eltern führen zu Spannungen

Eltern sind oft in großer Sorge um die Gesundheit ihres Kindes. Diese Ängste machen sich bei Tisch als Anspannung bemerkbar, die das Gelingen einer Mahlzeit verhindern können. Was tun, wann das Kind jeden Tag das Gleiche essen will - Nudeln mit Ketschup zum Beispiel? Patentrezepte gibt es nicht. Vielmehr sollten Eltern sich klar werden über die eigenen Grenzen und diese dem Kind in persönlicher und authentischer Sprache mitteilen.

Einer Mutter macht es vielleicht nichts aus, einmal pro Woche eine größere Portion Hackfleischsauce zu kochen und diese dem Kind täglich zu servieren. Sie vertraut darauf, dass ihr Kind genügend Nährstoffe aufnimmt und dass ihm die einseitige Vorliebe auf Dauer langweilig wird. Für andere Eltern wäre eine solche Lösung undenkbar. "Wir machen uns Sorgen, dass Du nicht ausreichend ernährt wirst, wenn Du immer dasselbe isst", könnten diese zu ihrem Kind sagen, "deswegen wollen wir, dass Du ab der nächsten Woche das isst, was wir auch essen oder selbst einen Vorschlag machst." So wird dem Kind ein Entscheidungsspielraum gelassen und es kann Verantwortung für seinen Appetit übernehmen. Essstörungen sind fast nie Ausdruck des Verhältnisses zum Essen, sondern, so Juul, ein Signal des Kindes für ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst, seinen Angehörigen und zum Leben an sich. Hier ist fachliche Hilfe unbedingt geboten.

Knigge für Eltern

Eltern, die mit ihrer häuslichen Situation am Familientisch unzufrieden sind, gibt Juul die folgenden Regeln mit auf den Weg, die zum Ausgangspunkt genommen werden können, das eigene Verhalten bei Tisch zu verändern.
  1. Der Kinderstuhl ist kein Thron, sondern ein Stuhl von mehreren am Tisch. Darum sollten Eltern ihr Kind nicht anstarren oder alle seine Bewegungen verfolgen. Auch liebevolle Beobachtungen und Kontrollen sind geeignet, ihm den Appetit zu verderben.
  2. Keine verbale Kritik: Jede Form von Lächerlichmachen, Anpöbeln und belehrenden Vorträgen, die sich gegen das Betragen des Kindes bei den Mahlzeiten richten, sind nicht angebracht. Dies sind Störungen der wichtigsten Elemente einer Mahlzeit: die Ernährung mit Genuss und die Freude am Zusammensein der Familie.
  3. Kein Streit der Eltern bei Tisch: Wenn Eltern sich nicht einig sind, ob sie in das Verhalten des Kindes eingreifen sollen, sollten sie darüber nicht beim Essen streiten, sondern die Frage auf einen späteren Zeitpunkt vertagen. Der Konflikt der Eltern bei Tisch trübt die Stimmung massiv: Das Kind fühlt sich ausgeschlossen und es gerät zwischen die Fronten der Eltern.
Das "kompetente Kind konkret" - so könnte dieser Ratgeber von Jesper Juul zur Familienmahlzeit auch heißen. Kinder lernen am meisten durch Beobachtung und Nachahmung. Kinder wünschen sich nichts dringender als zu "sein wie die Großen". Sie trainieren freiwillig manierliches Verhalten bei Tisch, wenn ihre Eltern für ein entspanntes Miteinander sorgen und dem Kind die Kompetenz für seinen Appetit überlassen.

Literatur

Jesper Juul, "Was gibt's heute? - gemeinsam Essen macht Familie stark". Patmos-Verlag, Düsseldorf 2002

Autorin

Elisabeth C. Gründler
Freie Journalistin
Am Listholze 3
30177 Hannover





Letzte Änderung: 20.02.2006 13:18:51Zum Seitenanfang