Hauptmenü

Hauptseite
Familienhandbuch-
Forum

Stichwortsuche

von A bis Z

Aktivitäten mit Kindern
Angebote/Hilfen
Behinderung
Elternschaft
Ernährung
Erziehungsbereiche
Erziehungsfragen
Familie und Beruf
Familienbildung
Familienforschung
Familienpolitik
Gesundheit
Häufige Probleme
Haushalt/Finanzen
Jugendforschung
Kindertagesbetreuung
Kindheitsforschung
Kindliche Entwicklung
Leistungen für Familien
Partnerschaft
Rechtsfragen
Schule
Teil- und Stieffamilien
Trennung/Scheidung

Verschiedenes

Impressum
Kontakt
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Schlappe Muskeln - krumme Haltung bei Kindern und was Eltern dagegen tun können

Dieter Breithecker      Dieter Breithecker


Der Tagesablauf vieler Kinder ist gekennzeichnet von einer wachsenden Bewegungsarmut:
  • Schulwege werden mit dem Auto oder dem Bus bewältigt,
  • stundenlange Sitzzeiten, auf zumeist rückenschädlichem Schul- und Freizeitmobiliar, prägen den Schulvormittag sowie die Freizeit,
  • der Schulsport wird meist Opfer von Stundenausfall,
  • die Freizeit wird zunehmend vor dem Computer, dem Nintento, der Playstation oder dem Fernsehen verbracht.
Bewegungsmangel aber hat schwerwiegende Konsequenzen für die körperliche, geistige sowie psycho-soziale Entwicklung unserer heranwachsenden Kinder und Jugendlichen.

"Wer rastet der rostet", "Übung macht den Meister" "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr"

Es ist einleuchtend, dass ein Kind, welches körperlich passiv ist, niemals ein Weltmeister in irgendeiner sportlichen Disziplin wird. Aber auch wenn diese hohen Ziele nicht angestrebt werden, so müssen wir davon ausgehen, dass dieses Kind hinsichtlich seiner Gesundheit und seines Wohlbefindens stark gefährdet ist. Kinder sind im Gegensatz zu den Erwachsenen Heranwachsende. Für dieses "Heranwachsen", also für die Reifungs- und Entwicklungsvorgänge, die für Haltung und Verhalten, für Wahrnehmung und Bewegung und für Denken und Gefühle verantwortlich sind, braucht das Kind Bewegung. Insbesondere die ersten 10 Lebensjahre sind hier sehr entscheidend (vgl. Beitrag: Bewegung braucht das Kind, damit es sich gesund und selbstbewusst entwickeln kann).

Bewegungs - Check

Inwieweit auch Ihr Kind von der Gefahr des Bewegungsmangels bedroht ist, können Sie anhand folgender Fragen leicht überprüfen:
  • Sitzt es täglich mehr als eine Stunde vor dem Fernseher oder dem Computer?
  • Bewegt es sich täglich höchstens eine Stunde?
  • Ist es ein "Bewegungsmuffel" und spielt lieber allein?
  • Kommt es beim Treppensteigen schnell aus der Puste?
  • Kann es ab dem 6. Lebensjahr nicht mindestens 10 sek. ruhig auf einem Bein stehen (ab. dem 8. Lebensjahr mit geschlossenen Augen)?
  • Kann es ab dem 6. Lebensjahr keine fünf Sprünge rhythmisch hintereinander auf einem Bein ausführen?
Haben Sie eine dieser Fragen mit "Ja" beantwortet? Dann sollten Sie wissen, dass Bewegungsmangel zu folgenden Beeinträchtigungen führen kann:
  • Schwächung und Verkümmerung der Muskulatur, so dass ihre stützende und stabilisierende Funktion auf die Wirbelsäule, das Fußskelett und die gesamte Haltung nicht mehr genügend gewährleistet ist.
  • Schwächung des Bindegewebes, dadurch können Überlastungsschäden in den Gelenken entstehen.
  • Stoffwechselstörungen, wobei Fehl- und Überernährung Risikofaktoren für Übergewicht, Diabetes und Ausdauerschwächen sein können.
  • Herz-Kreislauf-Funktionsschwächen und -erkrankungen. Folge: Die Organe sind weniger leistungsfähig, die körperliche Belastbarkeit wird erheblich verringert.
  • Bluthochdruck, der bereits im Kindesalter vermehrt vorkommt.
  • Motorischer Übungsmangel, der sich negativ auf die Koordination von Bewegungen auswirken kann. Das daraus resultierende Bewegungsungeschick erhöht auch die Unfallgefahr und beeinträchtigt das Selbstwertgefühl.
Wie Sie sehen, hat Bewegungsmangels viele Auswirkungen auf die heranwachsenden, sich in der Entwicklung befindlichen biologischen Funktionen. Im Folgenden gehen wir ausführlich auf das Thema "Muskel- und Haltungsschwächen" ein. In einem weiteren Beitrag mit dem Titel: "Der kann ja nicht mal einen Ball fangen!" beschäftigen wir uns mit dem motorischen Ungeschick, dem Übergewicht und dem "Zappelphilipp".

Runder Rücken, krumme Haltung - kräftige "Muckis" braucht jeder

Wir möchten doch alle, dass unsere Kinder "gerade wachsen", "groß werden" und "aufrecht durch das Leben gehen". Wir fürchten das Gegenteil davon: "Haltungsschäden", "schlappe Kinder", die sich "hängen lassen".

"Muskeln", das ist doch nur etwas für Sportler, Bodybilder oder "Fitnessfreaks", so denken viele Menschen. Doch Vorsicht, Muskeln brauchen wir alle. Ohne Muskeln können wir unseren Körper nicht gegen die Schwerkraft aufrichten und halten - das Knochengerüst würde regelrecht zusammenklappen - sowie uns zielgerichtet bewegen. Außerdem schützen Muskeln unsere Knochen und Gelenke, wenn sie Belastungen, wie sie u. a. beim Springen oder Heben zum tragen kommen, auffangen bzw. abfedern müssen.
Junge Mädchen

Die Lebensweise prägt ganz entscheidend die Qualität der Muskelkraft und damit auch die Entwicklung der Körperhaltung

Die beiden Abbildungen zeigen deutlich die angesprochenen Qualitätsunterschiede. Während in der linken Abbildung ein sich wenig bewegendes Kind eine auffällige schlaffe Muskulatur ("Puddingmotorik") und damit auch auffällige Haltung erkennen lässt, macht die rechte Abbildung das Gegenteil deutlich. Das äußere Zeichen einer vielseitigen körperlichen Betätigung ist eine gut entwickelte Muskulatur. Sie formt den Körper, richtet ihn auf und ist Voraussetzung für eine harmonische Haltungsentwicklung.

Kinder, die viel sitzen und sich wenig bewegen, haben schlaffe Muskeln und Haltungsschwächen. Knochen, Sehnen und Gelenke können sich bei diesen schlechten Voraussetzungen nur unzureichend entwickeln, so dass dauerhafte Schädigungen die unweigerliche Folge sind. Wir müssen uns immer den Begriff des "Heranwachsens" bewusst werden lassen. Auch die Knochen im Kindesalter sind noch weich und (ver-) formbar. Sie erhalten ihre endgültige Festigkeit erst mit Abschluss des Längenwachstums, mit etwa dem 18.-20. Lebensjahr. Wenn eine schwache Muskulatur die Haltung nicht gegen die Schwerkraft aufrichten kann und der Körper schlaff zusammensinkt, sind irreparable Verformungen der Knochen und Fehlstellungen der Gelenke (Fehlhaltungen) mit nachhaltigen gesundheitlichen Auswirkungen die zwangsläufige Folge.
Muskeln
Die nebenstehende Abbildung zeigt die wichtigsten Muskelgruppen, die für eine aufrechte Haltung und harmonische Bewegungen notwendig sind. Damit sie sich ausgeglichen entwickeln können, müssen sie durch Bewegung ständig gekräftigt werden. Sie helfen Ihrem Kind, eine gute aufrechte Haltung einzunehmen und sich geschickt zu bewegen.

Man unterscheidet folgende Haltungsschwächen: Rundrücken, Hohlrücken, Hohlrundrücken, Fußschwächen

Anhand der nachfolgenden Beschreibungen können Sie selbst nachvollziehen, welche Kinder bei welchen Tätigkeiten besonders gefährdet sind und welche grundlegenden körperlichen Tätigkeiten diesen Auffälligkeiten entgegenwirken. Bedenken Sie bitte immer: Rechtzeitig erkannte Schwächen sind im Zuge des Heranwachsens immer noch ausgleichbar, manifestierte Schäden allerdings nicht mehr!

Schwache Rückenmuskulatur

Betrachten Sie Ihr Kind von der Seite. Steht oder sitzt es oft mit vornübergeneigtem Oberkörper und hängen die Schultern nach vorn, so kann ein Rundrücken vorliegen. Bei dieser Haltungsschwäche ist die Rückenmuskulatur zu schwach, um den Oberkörper aufrecht zu halten. Dies führt zu vorzeitigem Verschleiß der Wirbelsäule im Brustbereich und zu einer Einengung des Brustkorbes. Dadurch wird auch die Herz- und Lungenfunktion beeinträchtigt.
Kinder
Klettern, Hängen, Hangeln, Ziehen, Schieben und Stützen kräftigen die Rücken- und Schultermuskulatur Ihres Kindes. Sie wirken einem Rundrücken entgegen.

Schwache Bauchmuskulatur

Beobachten Sie bei Ihrem Kind im Stehen einen auffallend vorgewölbten Bauch und gleichzeitig ein Hohlkreuz, kann es sich um einen Hohlrücken handeln (bei Kindern im Vorschulalter ist dies noch eine normale Entwicklung, sie sollte aber spätestens mit dem 7. Lebensjahr ausgeglichen sein). Schwache Bauch- und Gesäßmuskeln verhindern, dass sich das Becken aufrichtet. Diese Haltungsschwäche kann zu einem vorzeitigen Wirbelsäulenverschleiß im Lendenbereich führen.

Das Aufrollen des Oberkörpers aus der Rückenlage bei angewinkelten Beinen sowie das Auf- und Abwinden an Stangen und ähnlichen Klettergeräten sind wichtige Übungen, die die Bauchmuskulatur Ihres Kindes kräftigen. Zur Stärkung der Gesäßmuskulatur achten Sie darauf, dass ihr Kind viel läuft, Treppen steigt und viel Fahrrad fährt, statt Rolltreppen und andere Fortbewegungsmittel zu benutzen.

Meist tritt im Zuge einer allgemeinen Muskelschwäche eine Kombination aus diesen beiden beschriebenen Rückenschwächen, die Haltungsschwäche "Hohl-Rundrücken" auf.

Wenn Sie stärkere Auffälligkeiten vermuten, dann gehen Sie mit Ihrem Kind zum Arzt. Gerade die Beurteilung der Haltung und die Abgrenzung von Haltungsschwächen zu eventuell vorliegenden Haltungsschäden ist sehr schwierig. Die sich ständig wandelnde Gestalt des im Wachstum befindlichen Körpers erfordert hinsichtlich einer detaillierten Analyse eine große Erfahrung und den täglichen Vergleich.

Äußere Haltung - innere Haltung

Nicht jede auffällige Rückenform ist immer auch eine Haltungsschwäche. Häufig drücken sich unterschiedliche Gefühlszustände in einer der beschriebenen Haltungsformen aus.

Insbesondere Kinder äußern sehr unmittelbar ihre Stimmungen und das jeweilige Befinden auch in Ihrer Haltung. Die innere Haltung wird zur äußeren Haltung.
Seelisches und Körperliches stehen miteinander in enger Wechselbeziehung. Innerseelische Gehalte wie Stimmungen, Gefühle und Affekte drängen nach außen und drücken sich in Haltung und Bewegung aus. Kinder hüpfen und tanzen häufig spontan, wenn sie sich freuen.

Peanuts

Angst, Nervosität, Unlust, Leistungsdruck dagegen wirken belastend auf die Haltung. Diesen Kindern können wir mit haltungsfördernden Übungen allein nicht helfen. Hier ist erst einmal eine Analyse der psychischen Befindlichkeit erforderlich. Manchmal helfen bereits kleine Zuwendungen, Ermutigungen oder nur Verständnis.

Die Schuhe schon wieder einseitig abgelaufen - damit die Füße nicht schlapp machen

Ein leistungsfähiger Fuß ist die Grundlage für den Haltungsaufbau und die Bewegungsleistung unserer Kinder. Der Fuß muss u. a. stützen, halten, tasten, greifen und federn. Die Hände werden tagtäglich in sehr differenzierter Art und Weise beansprucht. Kein anderes Körperteil wird aber so vernachlässigt wie die Füße. Sie sind ganz unten am Körperende und meistens im Schuhwerk versteckt.

Der Fuß, ein Symbol für Lebenstüchtigkeit. "Auf großem Fuß leben", "gut zu Fuß sein", "so weit die Füße tragen".

Unsere Standfestigkeit und jede unserer Bewegungsleistungen beruhen mehr oder weniger auf der Funktionsfähigkeit unserer Füße. Jede Einschränkung dieser Fähigkeit behindert uns. Von der Geburt aus ist der Fuß für seine Aufgabe als Stütz- und Bewegungsorgan hervorragend ausgestattet und wird nur durch absolute Ignoranz in seiner Leistung beeinträchtigt. Leistungsgeschwächte Füße aber sind verantwortlich für viele Haltungs- und Bewegungsprobleme. Erste äußerliche Anzeichen für nicht leistungsfähig entwickelte Füße sind einseitig abgelaufenes Schuhwerk. Wie wichtig dieses Beobachtungsmerkmal ist, zeigt uns folgender Vergleich: Jeder Autofahrer weiß, dass ein einseitig abgelaufener Autoreifen Rückschluss auf eine verstellte Spur gibt. Damit die Fahrsicherheit und der Fahrkomfort wieder hergestellt werden kann, muss er umgehend eine Spezialwerkstatt aufsuchen, die ihm die Spur wieder einstellt.

Ähnlich wie bei der Haltung des Rumpfes, so macht der kindliche Fuß und die Beine im Laufe der Entwicklung bis etwa zum 8. Lebensjahr vielfältige Wandlungen durch, die man kennen muss, um nicht einzelne Durchgangsetappen als krankhaft anzusehen. Nach dem 8. Lebensjahr sollte allerdings eine gerade Beinachse beim Kind zu beobachten sein. Anhand folgender Kriterien können Sie selbst erkennen, ob eine mögliche Haltungsschwäche der Füße vorliegt:
  • Kontrollieren Sie bitte Ihr barfuss stehendes Kind von hinten. Stellen Sie dabei fest, dass die Fersen nach außen abknicken und die Achillessehne nach innen knickt, so liegt in der Regel eine Fußschwäche vor.
  • Beim barfuss Springen auf der Stelle kann das Körpergewicht nicht elastisch abgefangen werden, der Absprung erfolgt kraftlos, und die Fersen berühren hart den Boden.
  • Ein auf dem Boden liegendes Taschentuch kann vom Kind nicht mit den Füßen hochgehoben werden (Muskelschwäche und/oder fehlende Beweglichkeit der Zehengelenke).
  • Die Fußzehen stehen weit auseinander (Spreizfuß).
Spreizfuss


  • Der Fuß zeigt im Stand an der Unterseite eine starke Ausprägung des Fußlängsgewölbes (Hohlfuß).
  • Das Fußgewölbe liegt flach auf dem Boden (Senk- und Plattfuß).
Senkfuss


  • Die Innenseite des Fußes wird deutlich mehr belastet. Der Fuß knickt nach innen ab (Knickfuß).
Knickfuss


Stellen Sie bei Ihrem Kind o. g. Kriterien fest, dann sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Er erläutert Ihnen die vorhandene Symptomatik und wird gegebenenfalls eine stützende Einlage verordnen. Bitte bedenken Sie aber, dass die Einlage die Ursache - zu schwache Fußmuskulatur - nicht behebt. Die Einlage korrigiert nur passiv die Knickposition der Ferse und stützt das Fußlängsgewölbe im tragenden Teil. Gezielte Aktivitäten auf der Grundlage folgender Beschreibungen sind noch viel wichtiger.

Achten Sie darauf, dass sich Ihr Kind so oft wie möglich barfuss bewegt. Auf weichem Untergrund, wie Rasen oder Sand macht es besonders Spaß. Mit den Füßen greifen, die Füße strecken und beugen sowie elastisches Hüpfen und Springen können das Entstehen von Fußschwächen verhindern. Für eine gesunde Fußentwicklung sind auch die Schuhe ganz wichtig. Sie sollten nicht steif, nicht zu groß und nicht zu eng sein. Informationen hierzu erhalten Sie auch im Schuhgeschäft.

Autor

Dr. Dieter Breithecker, Sport- und Bewegungswissenschaftler, Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V. Autor und Mitautor zahlreicher Veröffentlichungen und Videoproduktionen. Referententätigkeit bei Kongressen und Lehrveranstaltungen zu diesen Arbeitsschwerpunkten:

  • Kinder mit mangelnden Bewegungserfahrungen
  • Rückenschule/Haltungsförderung bei Kindern und Jugendlichen
  • Bewegter Kindergarten - Bewegte Schule
  • präventive Maßnahmen an den Arbeitsplätzen in Schule und Büro

Anschrift

Dr. Dieter Breithecker
Friedrichstr. 14
65185 Wiesbaden


Letzte Änderung: 28.12.2007 13:05:33Zum Seitenanfang