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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Warum brauchen unsere Kinder Musik?

Hans Günther Bastian      Foto: Hans Günther Bastian


Die Botschaft ist einfach und dennoch im Bewußtsein (zu) vieler nicht selbstverständlich: Jeder Mensch ist musikalisch, ob er das weiß und sein will oder nicht! In jedem Kind musiziert es von Geburt an, jeder Mensch ist für die Musik geboren. Wir beobachten die Freude aller Kinder an Musik, das Mitdirigieren bei den ersten klingenden Takten, die Lust am Lallgesang, der Drang nach Bewegung zur Musik, die spontane Reaktion in Mimik und Gestik, die Freude am (Wiegen)Lied der Mutter, das erste Ordnen von Tönen auf der Klaviertastatur, die frühe Rhythmusimprovisation auf Mutters Kochtöpfen, das faszinierte Zuhören, wenn die Ente in "Peter und der Wolf" sich auf das Wasser rettet usw. Die Pränatale Psychologie weiß von eindrucksvollen Wirkungen der Musik bereits auf die Entwicklung des Fötus zu berichten, denn das Ohr ist schon nach wenigen Wochen das erste erwachsen ausgebildete Organ menschlichen Lebens.

Es mangelt nicht an Belegen für eine jedem Menschen angeborene und eigene Musikalität. Die Forschung fragt derzeit, ob es nicht gar ein musikalisches Gen gibt und amerikanische Psychologen sprechen seit längerem von einer musikalischen Intelligenz. Die Musikalität des Menschen ist zunächst der Humus, der Nährboden, auf dem sich später durchaus verschiedene musikalische Begabungen entwickeln können. Wir kennen den perfekten Instrumentalisten, den stimmbegabten Sänger, den professionellen Tänzer, den kreativen Improvisator, den kompetenten Zuhörer und viele andere Ausprägungen musikalischer Begabungen, die sich im Laufe des Lebens entwickeln, wenn sie nur rechtzeitig entdeckt und gefördert werden. Jeder Mensch kann übrigens von Natur aus singen, so ungläubig manchem diese Botschaft auch scheinen mag. In der Badewanne oder im Fußballstadion, in der Thekenrunde singen sie alle - ohne Ausnahme! Manche sind stumm geworden aufgrund vielleicht traumatischer Erlebnisse in Kindheit und Schule (Sei still - Du singst falsch!- Effekt), wieder andere haben es versäumt, ihre Stimme zu schulen, zu pflegen, zu kultivieren - aber auch dazu ist es nie zu spät. Unsere heutigen Chorleiter sind für entsprechende Therapien über Stimmbildung geschult.

Noch einmal: Die Musikalität gehört sozusagen zur menschlichen Grundausstattung, sie ist wie die Sprache des Menschen immer auch Erleben, Ausdruck, Symbol, Kultur, ja Lebensexistential. Gerade in jugendlichen Musikkulturen - von den Beatles bis zum Techno und HipHop unserer Tage - erfahren wir, welch hohen Stellenwert die Musik als Lebensausdruck einnehmen kann. Keine Frage: Der Mensch ist für die Musik geboren. Von Novalis stammt der Aphorismus: "Mensch werden ist eine Kunst"; ich darf ohne Argumentationsnot ergänzen: "Kunst kann ihm helfen, Mensch zu werden".

Und eine Gesellschaft ohne Bach und Mozart möchte man sich ebenso wenig vorstellen wollen wie eine Gesellschaft ohne Beatles und Jo Coker, ohne die Chor- und Blasmusik, von Laien für Laien gesungen und musiziert.

Warum und wozu ist Musik eine Chance?

Lassen Sie mich nach der Euphorie des Prologs einige bildungs- und kulturpolitische Gedanken zum Beitrag von Musik und Musizieren zur Persönlichkeitswerdung und -entwicklung des Menschen formulieren. Sie machen den eigen-artigen, den un-verwechselbaren Bildungswert der Musik aus, den die Musikerziehung im weitesten Sinne, die Hausmusik, die Schulmusik, die Musikschulen und auch die Laienmusik vermitteln müssen. Man sollte nicht vergessen: Laienmusik steht als Synonym für musikalische Bildung und Kultur auf denkbar breitester Ebene, sie ist der Inbegriff aller nichtprofessionell musikalisch aktiven Menschen und sie schließt eine Millionenschar ein. Insofern ist sie die größte nicht-formelle Bildungsinstitution unserer Gesellschaft, von kaum einschätzbarem Wert.

Keine Frage: Musik und Musizieren sind unverzichtbar im Bildungsanspruch des Menschen im Sinne des Menschseins. Musik in ihrer gesamten Breite zu fördern ist unwiderruflicher Auftrag eines Staates, einer Gesellschaft, einer demokratischen Kultur. Einige Gründe seien näher ausgeführt:

1. eine anthropologische Begründung

Musikerleben, Musikmachen und Musikerfahren sind eine besondere Art und Weise, sich in der "Welt" zu befinden und dabei sich zu finden, als eine Grundbefindlichkeit des gestimmten und stimmenden menschlichen "In-der-Welt-seins". Musik ist Medium und Bestandteil menschlicher Selbstverwirklichung, sie durch-tönt die per-sona und leistet ihren Beitrag zur "Ich-Qualität seiner Existenz" (Erik Erikson). Musik ist folglich mehr als Dekor, mehr als "luxuriöses Ornament der Gesellschaft" (Kurt Blaukopf), mehr als ein kulturelles Sahnehäubchen im Alltag, sie ist unverzichtbares Lebenselement.

2. eine sozialpädagogische Begründung

Musik ist die sozialste aller Künste. "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum", kaum vorzustellen, daß Nietzsche hier geirrt haben könnte. Anders gesagt: Öffentlichkeit ist das kultursoziologische Existential der Musik, und Musik fungiert als Medium der Soziabilität. Der Umgang mit Musik "öffnet" den Menschen zum Mitmenschen. Musik als Kontaktmedium hat also sozialisierende und sozialethische Wirkung, drum müssen wir sie fördern allein schon aus Gründen des sozialen Miteinander. Der Kosmopolit Yehudi Menuhin hat einmal sinngemäß gesagt: "Würde nur jede Parlamentssitzung dieser Welt mit einem Bach-Choral beginnen, wieviel weniger aggressiv und feindlich wären die Diskussionen".

Soziale Kompetenz schließt ein Bündel von Fähigkeiten ein, die Musik par excellence aus sich selbst am besten vermitteln kann, ohne daß sie der sprachlichen Vermittlung oder der Begrifflichkeit bedürften. Wir meinen die Fähigkeit zu Rollenhandeln und auch -distanz, zur sozialen Identität, zur Frustrationstoleranz, zur Empathie, zur sozialen Originalität und Kreativität, zum Verstehen des Selbst und des Unter- bzw. Miteinander, zum authentischen Ausdruck, zur Selbstreflexion, zur Perspektivenübernahme - allesamt Fähigkeiten, die in "Spielräumen der Musik" sanktions- und repressionfrei, d.h. ohne Ängste und ohne Schaden zu nehmen, propädeutisch und experimentell erprobt werden können und dadurch auch für "Realräume des Lebens" qualifizieren können. "Nirgends", sagt der Musikmeister zu dem jungen Josef Knecht in Hermann Hesse's Betrachtungen über "Musik": "(Nirgends) können zwei Menschen leichter Freunde werden als beim Musizieren." Zitieren wir auch Hermann Nohl, der den sozialen und sozialpädagogischen Auftrag der Musik in seinen pädagogischen und politischen Aufsätzen (Jena 1919) emphatisch hervorhebt: "Es gibt keine Kunst, die so zur Gemeinschaft erzieht, wie die Musik (...) Die ganz einfache Funktion der Musik ist, daß ihre Zaubertöne binden, im Gemeindegesang wie in der Marseillaise: alle Menschen werden Brüder. Und diese Macht erreicht ihren Höhepunkt, wo ein Chor oder ein Orchester zusammen musizieren; da ist der einzelne eingereiht in ein Ganzes, weiß sich nur als ein Stück und Glied und ist doch getragen zu einer Höhe und Kraft, deren er allein nicht fähig wäre".

Manchmal fragt man sich verstört: Worüber streiten wir eigentlich noch? Schule hat die soziale Pflicht zur Demokratisierung der Musik und zum Abbau aller Gettos, die Musik als Bildungsherausforderung bauen kann. Gerade unsere Schulen sind zur Abwehr von Privilegienkultur da, es kann uns nicht um die Happy Few gehen, denen die Musik in die soziale Wiege gelegt wurde. Ein Widerspruch in sich wäre, wenn Musik als Kontaktmedium "par excellence" zum Spaltpilz in einem ausgrenzenden Bildungssystem würde und wir damit die demokratische Kultur gefährdete.

Der zeitgenössische Komponist Hans Werner Henze sagte einmal treffend: "Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, mit der Musik vertaut zu werden wie mit sich selbst und seiner Sprache... In den Elementarschulen müßte sie Hauptfach sein und von besonders geeigneten und besonders geschulten Lehrern vermittelt werden...".

3. eine kulturpädagogische Begründung

Der Mensch ist "von Natur ein Kulturwesen" (Arnold Gehlen); er ist "Schöpfer und Geschöpf von Kultur" (M. Landmann). Es gibt in Geschichte und Gegenwart keine Kultur ohne Musik. Allenfalls kann es Aufgabe von Musikerziehung sein, subjektive Kultur zu kultivieren, wenn Kultur mit der Piep-Show des speichelnden Meisters Guildo Horn oder mit Stefan Raabs "Wadde hadde dudde da" daherkommt. Wie sagte Karl Kraus so treffend: Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.

Weil also Musik das empfindlichste Instrument einer Kultur ist, steht die kulturpädagogische Forderung: Musikkultur in allen Aktivitätsformen allen Menschen, sei es in der Schule, in der Musikschule oder in der Laienmusik als Chance anzubieten und zu bewahren.

Wer musiziert widersetzt sich dem fatalen Trend dieser Eventgesellschaft. Es besteht nämlich die Gefahr, dass im "anything goes" der Postmoderne alles irgendwie "gleich gültig" wird und dann letztlich "gleichgültig", ob ich vor der Glotze an medialer Bulimie leide, mich im Chor aktiviere oder ein Instrument lerne! Die Medien, diese Menschenfischer der Marktwirtschaft, sind die schlimmsten Freizeitokkupatoren, ich denke dabei weniger an die Wirkung des Fernsehens als an die bloße Tätigkeit "fernsehen". Demnächst 400 Kanäle und wer übt Klavier? Auf den Punkt gebracht: Der Medienkonsument unserer Tage verkauft sein Erstgeburtsrecht als kreativer Mensch an das Linsengericht der Medien.

4. eine bildungspolitische Begründung

Wenn wir fragen: Wozu braucht und gebraucht der Mensch Musik? - dann ergibt sich aus den Antworten ein pädagogischer Auftrag an unsere Schulen und Familien. Im Musizieren machen wir nämlich junge Menschen - wenn auch bisweilen sehr begrenzt und elementar - zu "Schöpfern von Kultur".

Unsere "Schule" ist noch immer eine Unterrichtsanstalt, eine Lern- und Wissensschule. Heute tönt penetrant das chip,chip,chip von den Dächern unserer PC-aufrüstenden Schulen. Auch in ihrer Freizeit zappen und surfen Jugendliche durchs Internet. Die Welt wird zum medialen Dorf, hoffentlich nicht auch zum globalen Doof. Von der "Generation @ ist die Rede. Die Medienrevolution entlässt ihre web-aholic-Kinder". Keine Frage: Wir müssen diese zweite technologische Alphabetisierung in den Schulen leisten, aber zugleich gegen den "heimlichen Lehrplan" des Datenverarbeitungsmodells" "die fruchtbare Gabe naiven Staunens" stärken. Wir Musiker wissen, dass diese Kunst des kindlichen Staunens und des Sich-Wunderns als lebensphilosophische Grunderfahrung in den kreativen Spielräumen der Musik wieder zurückgewonnen und erlebt werden kann. Die Versinnlichung unserer Kinder scheint mir zunehmend der Verhirnlichung weichen zu müssen. Doch Vorsicht: Mit dem Verlust von Sinnlichkeit wird auch die Sinn-Findung schwerer und gerade für junge Menschen, für die die Musik einen hohen Identitätswert besitzt.

Bei allen erfreulichen Bilanzen dieser Dokumentation: Die schulmusikalischen Zeichen der Zeit stehen eher schlecht: Das Fach Musik zählt gegenwärtig zu den besonderen Bedarfsfächern in den Schulen. Den Fachverbänden gelingt es leider nicht, in allen Bundesländern die obligatorische Zahl von zwei Stunden Musikunterricht einheitlich für alle Schulstufen durchzusetzen. Mit dem Musikunterricht erkennt die staatliche Schulpolitik allen Kindern und Jugendlichen das Recht auf musikalische Bildung zwar prinzipiell zu. Tatsache aber ist: In einigen Bundesländern fällt der Musikunterricht in der Grundschule bis zu 80% aus oder er wird fachfremd erteilt, in anderen entgleitet er in die Fakultativität, die Unterrichtsbedingungen sind mangels qualifizierter Musikfachräume, fehlender Instrumente und Medien teils katastrophal. Kleine Musik-Mirakel, was Musiklehrer dennoch auf die Bühnen der Kunst zaubern oder in Musikklassen leisten.

Ein Negativtrend manifestiert sich für die Sekundarstufe I in der wechselnden Epochalisierung mit dem Fach "Kunst", sie stellt unsere Schüler vor die unzumutbare ästhetische Alternative, sich für Blindheit oder Taubheit entscheiden zu müssen. Und ein Fach, das im Fächerkanon nicht präsent ist, ist für Schüler irrelevant, abwählbar und verzichtbar. Dem schulischen Musiklernen fehlt es ohnehin an Kontinuität, zumal in einem Fach, das an den Rand gedrängt ist. Es käme einer sozialpädagogischen Kapitulation gleich, wenn eines Tages zuträfe: Goethe in der Schule gratis, Bach und Beethoven außerhalb von Schule zum selbstfinanzierten Aufpreis.

Die Sozialpflichtigkeit der Schule muss ihre Kunstpflichtigkeit einschließen. Daher ist mit allem Nachdruck und dem Rückenwind neuester Forschungserkenntnisse im Fach Musikpädagogik und in der Hirnforschung das Erlernen eines Instrumentes in der Grundschule und das gemeinsame Musizieren/Singen im Ensemble zu fordern, auch als Basis für die Zukunft der Laienmusik.

Ein Wort auch zu unseren öffentlichen Musikschulen: Sie sind wertvolle Bildungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihre Aufgaben sind die musikalische Grundausbildung, die Heranbildung des Nachwuchses für das Laien- und Liebhabermusizieren, die Begabtenauslese und Begabtenförderung sowie die eventuelle Vorbereitung auf ein Berufsstudium". Musikschulen sind heute ein "Treffpunkt der Generationen" und Statistiken der Musikschulen in Deutschland spiegeln eine musikalische Infrastruktur, die weltweit keinen Vergleich zu scheuen braucht.

Das Modell der Drittelfinanzierung (zu je gleichen Anteilen finanzieren Land, Kommunen und Eltern) ist jedoch beileibe nicht in allen Ländern realisiert. Hier stellt sich die Ländersituation ausgesprochen heterogen dar. Generell ist festzustellen, dass die Förderung durch das Land in den neuen Bundesländern beträchtlich höher ist als in den alten Bundesländern. Spitzenpositionen im jährlichen Zuschuss der Länder pro Schüler nehmen Thüringen, Sachsen, Baden-Württemberg ein, klägliche Leistungen erbringen die Länder Niedersachsen, NRW, Rheinland-Pfalz und leider noch immer Hessen, das wirtschaftsstärkste und materiell reichste Bundesland! Eine Trendwende in Hessen ist dank der Sonderförderung durch den hessischen Finanzminister Weimar punktuell in Sicht. Aber wie passt all das zusammen, wenn Bundesinnnenminister Schily (SPD) davor warnt: "Wer Musikschulen schließt, schadet der inneren Sicherheit" und gleichzeitig im Bundestrend die öffentlichen Fördermittel von 60% in 1994 auf 54% in 1999 zurückgegangen sind.

Doch auch bei den Musikschulen stagniert derzeit die kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. Der ehemalige Bundesvorsitzende Reinhart von Gutzeit analysiert das Dilemma: "Viele Musikschulen sind von einschneidenden Maßnahmen betroffen, die die Struktur der Schule, den Umfang des Angebots, die soziale Komponente und letztlich die Qualität empfindlich treffen. Die Gründe für diese Entwicklung sind offenkundig: Die öffentlichen Finanzen befinden sich in einer schweren Krise und die Gemeinden als Träger bzw. Zuschußgeber der Musikschulen haben große Schwierigkeiten, ihre gesetzlichen und ihre freiwillig übernommenen Aufgaben zu erfüllen (...) Hier ist allerdings sehr ernsthaft die Frage zu stellen, ob sich die Gesellschaft solchen kulturellen Verzicht leisten kann. Die Politik beklagt einhellig dramatische Entwicklungen, die mit den Schlagworten wie Vereinzelung, Orientierungslosigkeit, Werteverlust, Gewaltbereitschaft und Unfähigkeit zur Kommunikation belegt sind ... Die Musikschulen haben bewiesen, dass sie in diesem Sinne Außerordentliches erreichen können."

5. eine musik-emanente Begründung

In einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (Berlin) geförderten Projekt "Zum Einfluß von erweiterter Musikerziehung auf die Entwicklung von Kindern" hat ein Forscherteam unter Leitung des Autors erstaunliche Ergebnisse und Erkenntnisse zeitigen können, die in einer 670 Seiten umfassenden Studie vorliegen (H.G. Bastian: Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen, Schott Verlag Mainz 2000, unter Mitarbeit von A. Kormann, R. Hafen und M. Koch). Die Untersuchung fand in den Jahren 1992 bis 1998 an Berliner Grundschulen mit musikbetonten Zügen (zweistündiger Musikunterricht + Erlernen eines Instruments + Musizieren im Ensemble) und an zwei Vergleichsschulen mit konventionellem einstündigen Musikunterricht statt (dazu weitere Ausführungen im Beitrag H.G. Bastian: Kinder optimal förderrn - mit Musik).

6. eine inner-musikalische Begründung

Es geht um den Umgang mit Musik, um Wissen und Können, es geht um einen handlungsbezogenen, aktiven Umgang, der so selbstverständlich ist, dass man ihn eigentlich nicht zur Rechtfertigung anbringen muss. Musik und Musizieren sind dazu da, daß wir Kindern die Chance geben, "mit Musik wie mit sich selbst vertraut zu werden" (H.W. Henze), sie mit allen Sinnen und mit Freude lustvoll zu erleben und mit den gegebenen Möglichkeiten selbst auszuführen im Singen, im Tanzen, im Instrumentalspiel, in der (Gruppen-) Improvisation, im Erfinden von Klanggeschichten, in der Inszenierung, in der Meditation, in Interaktions- und Kommunikationsspielen und vielen weiteren fachlichen Erfahrungs- und Lernfeldern, um damit ihre musikalischen Anlagen und Fähigkeiten zu fördern. Ich meine die Chance zur "Freude an der Musik" als einer Freude am Leben, zum lustvollen Umgang im aktiven Musizieren und Singen als Lebenshilfe, zum Hör-Genuss von Klangsinnlichkeit und Klangsinn als erweiterte ästhetische Erfahrung, ob in Klassik- oder Rockmusik. Musik soll uns anfällig machen für das Schöne, das uns bereichert und überwältigt, und immun machen gegenüber dem, was uns überrumpelt und musikalische Hornhaut auf die Seele legt.

7. eine therapeutische Begründung

Wir alle kennen die "Wirkmacht der Musik auf unsere Psyche", Naturvölker schätzen ihre Zauber- und Heilkräfte, wir wissen heute von ihrem heilenden und kompensativen Einsatz in der heutigen Musiktherapie.

Musik und Musizieren können zur menschlichen Triebbefriedigung, zur Kanalisierung von Aggressions- und Gewaltpotentialen, zum Abbau motorischer Staus, zur Veränderung emotionaler Stimmungen sozusagen "spielend, singend, tanzend, improvisierend, inszenierend" beitragen. Nicht nur Rock- und Pop-Jugend, sondern auch Klassik-Jugend funktionalisieren Musik in triebbefriedigenden Formen. So die 19jährige Bundespreisträgerin: "Wenn ich Wut hab´, geh´ ich hoch und schrubb auf meiner Geige", oder der junge Posaunist "Ich blase mit den ganzen Frust von der Seele".

Schlussgedanken

Musik ist Teil unserer Kultur, mit Musik läßt sich ein Teil der Zukunft unserer Kinder gestalten: leistungsorientiert, aber doch irgendwie auf spielerische Art. Nicht ohne Grund hat das Verfassungsgericht 1974 klargestellt: Unser Staat ist ein Kulturstaat, der die Aufgabe hat, ein "freiheitliches Kunstleben zu erhalten und zu fördern". Dafür müssen wir gemeinsam und öffentlich streiten. Denn musikalische Bildung bedeutet "Reichtum eines Volkes". Diese Erkenntnis sollten wir uns selbst, unseren Kindern und insbesondere unseren Kultur- wie Finanzpolitikern wie Meerwasser einflößen: Je mehr sie davon trinken, umso durstiger werden sie!

Unsere Kultuspolitiker müssen klare Verhältnisse schaffen und sich verantwortlich zeigen, dass möglichst alle Kinder einen qualifizierten Musikunterricht in den Schulen erleben, einen vom Sozialmilieu und Geldbeutel unabhängigen Zugang zu den Musikschulen finden, damit wir Musikerzieher sie zur "Freude an der Musik" begaben dürfen.

Der Autor beschwört keinesfalls den Untergang der Musikabendlandes, versteht sich nicht als kasandra-lüsterner Seismograph einer drohenden Kulturwüste, denn Deutschland ist (noch!) und bleibt (hoffentlich!) ein Land lebendiger Musik auf hohem Niveau. Bei all meinem Lamentoso möchte ich das Prinzip "Hoffnung" vermitteln im Wissen um überzeugende Statistiken zur Musikpraxis, wie sie der Deutsche Musikalmanach aktuell herausgegeben hat. Das Interesse an Musik und die Teilnahme am Musikleben sind in Deutschland nach wie vor außerordentlich hoch. Rund 8 Millionen Menschen spielen in Orchestern und Ensembles, Rock- und Jazzgruppen oder singen in Chören, darunter knapp 3 Millionen Kinder und Jugendliche. In über 1000 Musikschulen lernen über 1 Mio Kinder und Jugendliche ein Instrument und musizieren in Ensembles, hinzu kommen die vielen, die über die Privatmusikerziehung ein Instrument spielen lernen. Alles das wissen und registrieren wir mit Freude und Genugtuung.

Weitergedacht müssen wir aber fragen: Wenn Musikerziehung auf breitester Basis versagt, wer wird - unabhängig von irgendwelchen Berufswegen zur Musik - dafür sorgen, daß wir auch morgen noch ein Konzertpublikum haben? Und viele Laienmusikgruppen haben ihre Nachwuchssorgen, deren Gründe auch im Versagen einer qualifizierten Musikerziehung liegen.

Wenn wir als Verantwortliche in unterschiedlichen Ebenen nicht aufpassen, dann verlieren wir die Kulturschlacht, heute, morgen, für immer. Mein Appell an uns alle, die wir uns im täglichen musikpädagogischen Bemühen bisweilen aufreiben: Die Macht der Massenmedien darf uns nicht zur eigenen Ohnmacht werden, geben wir nicht auf vor Video-Clips, vor VIVA, MTV, Sat 1 und RTL, vor den kommerziellen Machern, sondern im Gegenteil: Sorgen wir mit unserem Engagement dafür, daß diese Freizeitbesetzer künftig noch neurotischer als bisher um ihre Einschaltquoten bangen. Als euphorischer Appell formuliert: Nicht VIVA sei Musica, sondern MUSICA Viva.

Und bei allem pädagogischen Bemühen in Schule, Musikschule, in Chören und Orchestern braucht es eine Einführung in die Liebe zur Musik nicht zu geben, so wenig wie eine Einführung in die Liebe überhaupt, sie ist dem Menschen angeboren. Man muss sich nur darauf einlassen, sie ereignet sich von selbst - und schon ist es keine Einführung, keine pädagogische Anleitung mehr, der das Eigentliche noch bevorstünde. Beispiel: Die 17jährige, die hoffnungslos in den jungen Organisten verliebt ist, sie wird auch Bach lieben lernen. Wetten, dass...?!

Wir wissen heute, welche Lebenskraft, ja Überlebenskraft das Musizieren verleihen kann - zum Organisieren der eigenen Existenz, zum Bewältigen der jugendlichen Gefühlsstürme, zum Heimischwerden in dem versprochenen Land, in dem sich Kultur, Tradition und Individualität zu einer Verheißung runden: zur Humanität! Wer musiziert, kann zu dem schönen Erlebnis vorstoßen: Ich kann was, ich bin was! Ich meine auch die vielen Jugendlichen, die außerschulisch am Laienmusizieren teilnehmen und teilhaben, die damit der Descart?schen Variante des heute so verbreiteten Consumo, ergo sum zuwiderlaufen und vielleicht zu einem canto oder creo, ergo sum finden. In eine Metapher gekleidet: Jeder könnte sein eigener Walkman sein.

Victor Hugo hat dieses Wunder "Musik", das in und zwischen den Zeilen dieser eindrucksvollen Dokumentation zu uns spricht, treffend beschrieben: Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.

Autor

Professor Dr. Hans Günther Bastian
Goethe-Universität Frankfurt
Institut für Musikpädagogik
Sophienstr. 1-3
D-60487 Frankfurt am Main
Tel. 069-798-28932 /28931
Fax 069-798-28929
E-mail: Prof. Dr. Hans Günther Bastian


Letzte Änderung: 11.04.2007 16:34:39Zum Seitenanfang