ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜWie Kinder Musik empfinden, erleben und lieben lernenGunter Kreutz Zur Bedeutung von Musik in der frühen KindheitMusik ist überall. Sie gab es zu allen Zeiten und an allen Orten, wann und wo Menschen ihre Spuren auf diesem Planeten hinterlassen haben. Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass die Universalität von Singen, Spielen und Tanzen in den menschlichen Kulturen der Welt Ausdruck unserer genetischen Veranlagung zur Musik ist. Wie glücklich Kinder mit Musik sein können, ihre kreativen Fähigkeiten mit ihr langfristig entwickeln und weit über musikalische Fertigkeiten hinaus soziale Kompetenzen erwerben, steht heute außer Frage (Bastian 2000, 2001). Doch wie genau ist unsere angeborene Musikalität zu verstehen und wie entfaltet sie sich am besten und für das Individuum am günstigsten? Fragen, die längst nicht vollständig beantwortet sind und doch mit unserer individuellen Entwicklungsfähigkeit und Humanität zu tun haben.Dieser Beitrag richtet sich an Eltern und Erzieher, die sich für die musikalische Entwicklung ihrer Kinder interessieren und einsetzen wollen, aber auch an jene, die bislang der Bedeutung von Musik für das Kind noch eher skeptisch gegenüber stehen. Konkret geht es darum, warum Musik für Kinder, insbesondere ihr Denken, Fühlen und Handeln so wichtig ist und was eine positive musikalische Entwicklung bewirken kann. Dass im Interesse des kindlichen Wohlbefindens (musik)erzieherische Zwänge ausgeschlossen bleiben, sollte selbstverständlich sein. Ziel dieses Beitrags ist es, den erzieherischen Erfahrungen eine Reflexionsebene zu bieten und zu zeigen, dass genügend natürliche Ressourcen im Kind vorhanden sind, um seine musikalische Kreativität zur Entfaltung zu bringen und die sich folglich als Anknüpfungspunkte der Erziehung anbieten. Das Wissen über die musikalische Entwicklung von Kindern und Erwachsenen nimmt stetig zu (z.B. Gembris 1998). Gerade aber die Forschung zur frühkindlichen Musikerziehung in den entscheidenden ersten Lebensjahren steckt buchstäblich noch in den Kinderschuhen (Gruhn 2001). Generell hervorzuheben ist allerdings von Beginn an, dass es die richtige Musikerziehung nicht geben kann. Nicht nur, dass es schwierig ist, die Ziele einer solchen Musikerziehung ohne Berücksichtigung von Kultur, Zielgruppe, allgemeiner Sozialisation u.v.m. genau zu bestimmen, sondern es sind auch entgegen allen für die Zukunft zu erwartenden Fortschritten Grenzen der Erkenntnisse zu beachten. Damit ist zugleich einer unkritischen Forschungsgläubigkeit vorzubeugen. Trotz aller Bemühungen um wissenschaftliche Aufklärung verbieten sich aus ethischen Gründen selbstredend etwa kontrollierte Untersuchungen. Musik gehört zur Normalität der humanen Entwicklung und darf auch nicht für experimentelle Zwecke von ihr ausgeschlossen werden. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass wir eines Tages von menschenähnlichen Marsianern Besuch erhalten werden, die uns darüber berichten, wie ihre Kultur sich ohne Musik gestaltet und wie dies die Entwicklung ihrer Kinder, ihre Gefühle, Sprachverständnis und Intelligenz beeinflusst hat. Wir dürfen jedoch nicht ohne Grund spekulieren, dass es ein solches marsianisches Volk nicht geben kann, da es ohne Musik vermutlich nicht zu einer Sprache gefunden hätte, die der unseren ähnlich genug ist, um sich uns mitzuteilen. Viele erwachsene Menschen blicken auf mehr oder minder reichhaltige wie auch mehr oder minder beglückende musikalische Erfahrungen im Laufe ihres Lebens zurück. Häufig sind diese Erfahrungen mit besonderen Gefühlen verknüpft und gehen zurück bis in die Kindheit, wenngleich mit Bewusstheit - wie alle anderen Erfahrungen auch - kaum vor das dritte Lebensjahr. Die bewussten Musikerfahrungen in der frühen Kindheit reichen von der vollkommenen Überwältigung etwa vom Klang und der Atmosphäre eines Konzertbesuchs oder einer schlichten Gottesdienstmusik bis zu den nicht seltenen und leider heute noch anzutreffenden Traumata des Alleine-vor-der-Klasse Singens in der Grundschule. Sind es aber die besonderen, hoffentlich meist positiven Gefühle, die für sich genommen die Bedeutung von Musik und Musikerleben gerade für Kinder ausmachen? Können wir die maßlos erstaunten Gesichter, mit denen kleine Kinder in aller Regel auf besonders gelungene musikalische Anregungen reagieren, so interpretieren, wie sie den Anschein geben: als profunde und nachhaltige emotionale Primärerfahrungen mit langfristigen Bedeutungen? Es scheint, als erhielten Kinder gerade von Musik, die ihre Aufmerksamkeit vollkommen zu absorbieren vermag, so etwas wie milde Formen von Schocks, wobei sich Furcht und Neugier die Waage halten. Letztere wird im Falle einer kindgerechten Vermittlung von Musik wahrscheinlich die Oberhand gewinnen und womöglich ein lebenslanges Interesse an der Musik entfachen. Doch steht zu vermuten, dass die Emotionalisierung und Euphorisierung der Kinderherzen durch Musik über das musikalische Tun noch hinaus wirksam ist. Wäre Musik nur ein Appetithäppchen für einen Spieltrieb ohne weitere Signifikanz, so wäre der Mensch die wohl einzige Spezies in der gesamten Biologie der Säugetiere, die sich den Luxus eines Spiels ihrer Kinder ohne weitergehende Relevanz für das Überleben der Spezies leisten könnte. Welcher Sinn liegt also hinter den beglückenden Momenten der Wiegen- und Kinderlieder, des Singens, Spielens und Tanzens zur Musik verborgen? Ursprünge der Musikalität im MenschenWissenschaftler rätseln wohl kaum weniger als Eltern und Erzieher über die Funktionen und Wirkungen von Musik in der kindlichen Entwicklung. Im Falle der kindlichen Orientierung zur Musik sticht ein Kandidat für den ominösen tieferen Sinn besonders ins Auge: der Spracherwerb. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Produktion auch nur eines einzigen Sprachlauts die Koordination vieler Millionen von Nervenzellen erfordert, die für die Wahrnehmung, Aufmerksamkeitssteuerung, Gedächtnis und motorische Kontrolle der Muskeln und Sehnen des vokalen Apparates, um nur einige wesentliche Komponenten zu nennen, zuständig sind. Das Lallen, Brabbeln und der Singsang von Säuglingen, besonders im "Dialog" mit der Mutter, aber auch mit sich selbst(!) im Sinne der engen Kopplung von Ohr und Stimme, könnte als lustvolles Nebenprodukt des Stimmtrainings für die eigentliche Aufgabe, nämlich dem allmählichen Erwerb der Kommunikationsfähigkeit mit der Umwelt und insbesondere mit der Welt der Erwachsenen gedeutet werden. Da macht es Sinn, dass Säuglinge so früh wie möglich von sich aus mit dieser gewaltigen Aufgabe beginnen.Der vor wenigen Jahren verstorbene Münchner Psychologe Hanus Papusek vermutete aufgrund jahrzehntelanger Forschungen, dass vor-sprachliches und vor-musikalisches Verhalten jeweils ineinander verwobene Voraussetzungen für den Spracherwerb darstellen. Der Verlauf der Tonhöhen (Sprachmelodie) und der Zeitstrukturen (Sprachrhythmus) wird vom Säugling nachweislich als wichtige Information zur Identifikation von Sprechstimmen genutzt. Dabei geht es zunächst auch darum, Sprache überhaupt als Sprache zu erkennen. Nicht anders als Erwachsene, die eine Fremdsprache lernen und die erst lernen müssen, einzelne Worte und Phrasen im Klangstrom zu identifizieren, so müssen Neugeborene allerdings ohne pädagogische Hilfsmittel mit der akustischen Information im Sprachsignal zurecht kommen. Im wesentlichen Unterschied zum Erwachsenen, der eine Fremdsprache lernt, verfügt der Säugling über eine nur in einer bestimmten Zeitspanne nach der Geburt vorhandene Fähigkeit, Regelmäßigkeiten im akustischen Signal zu erkennen und Segmente der Sprache, so genannte Phonem- und Phrasengrenzen heraus zu filtern. Dadurch gelingt es, die hierarchischen Grundstrukturen der Sprache, ihre von den Phonemen über Worte und Phrasen sich aufbauenden zeitlichen Ebenen, vorbewusst zu erkennen und in ihre Bestandteile aufzulösen. Vor diesem Hintergrund ist es wahrscheinlich, dass Sprache und Musik auf einem gemeinsamen Kern von Vorgängen im Gehirn aufbauen. Wir dürfen einen entscheidenden Punkt bei all diesen Überlegungen nicht übersehen: Denn woher kommt die Motivation für die kognitive Leistung zur Aneignung von Sprache im Neugeborenen, das noch nicht von einer Karriere als Musikpsychologe oder Flugkapitän träumt? Die Antwort muss darin begründet sein, dass Sozialisation über Sprache nur dann optimal bewältigt wird, wenn sie mit Lust und mit starken Gefühlen verbunden ist. Und damit erhalten wir eine logische Folge von der Lust am Spiel mit musikalischen Elementen der stimmlichen Laute, mit Tönen, Rhythmen, Klangfarben, zur Sprache und zur Formung von Bedeutung tragenden Lauten, Worten und Phrasen. Zwar sind Lallen und Brabbeln nur im weitesten Sinn als Musik zu bezeichnen und die mütterliche Ansprache von Säuglingen, Wiegenlieder und -gesänge sind oberflächlich besehen weit entfernt von Kunstliedern oder Popsongs. Dies ändert jedoch nichts an dem einmaligen Status der Eltern-Kind-Kommunikation. Er ist mit keinem Kunstlied oder Popsong hinsichtlich Gefühlshaftigkeit und Intimität vergleichbar. Struktur, Emotion und Ausdruck von MusikViele Musikpsychologen glauben, dass musikalische Strukturen zu verstehen, beispielsweise Melodien als Einheiten und nicht als Folge von Einzeltönen zu begreifen, Voraussetzung ist für den emotionalen Zugang zur Musik. Nach Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte ist diese Voraussetzung im Säugling in hohem Maße vorhanden (z.B. Trehub, Schellenberg & Hill 1997). Entwicklungspsychologisch macht es jedoch auch umgekehrt Sinn, Emotionen und positive Gefühlsresonanzen als Motor der kognitiven Entwicklung zu begreifen. Beide Sichtweisen sind jedoch durchaus miteinander vereinbar.Wie wir eben festgestellt haben, liegen die Voraussetzungen für Musik und Sprache zumindest in der frühen Kindheit nicht sehr weit auseinander und haben mit den hierarchischen Gliederungen in beiden Domänen zu tun. Dank methodisch einfallsreicher wahrnehmungspsychologischer Studien (Krumhansl & Juszyk 1990) konnte beispielsweise beobachtet werden, dass Säuglinge im Alter von sechs Monaten schon in der Lage sind, musikalische Abschnitte von periodisch aufgebauter Musik zu identifizieren. Konkret handelte es sich dabei um frühe Kompositionen, nämlich Menuette von Wolfgang A. Mozart. Auffällig ist, dass Binnenabschnitte dieser Stücke, wie in unzähligen anderen Melodien, von zeitlichen Dehnungen der letzten Note geprägt sind und dass dabei die Melodiekontur, das Auf und Ab des Melodieverlaufs, zum Ende der Phrase absinkt. Schließlich scheinen zwischen den Abschnitten Oktavsprünge eine Rolle zu spielen. Das sind Intervalle, in denen der Ton gleichen Namens einer Tonleiter in einem anderen Register erreicht wird. Offenbar ist das menschliche Gehör spätestens von Geburt an für solche psychoakustisch bedeutsamen Eigenschaften der akustischen Umwelt sensibilisiert. Ohne eine erschöpfende Analyse an dieser Stelle anbieten zu können, so scheint die Prägnanz der Mozartschen Musik auf der genialen Intuition des Wiener Komponisten zu beruhen, genau solche Mittel für seine Musik und ihre formale Gestaltung bevorzugt auszuwählen, die den natürlichen Mechanismen der neuronalen Verarbeitung entgegen kommen und so zum Aufbau einer auf intuitivem Verstehen begründeten emotionalen Beziehung einladen. Wenn diese Annahme richtig ist, dann ist einerseits nicht jede Musik automatisch sozusagen "säuglings- oder kleinkindtauglich", andererseits aber bliebe Mozart nur ein Beispiel von prinzipiell unübersehbar vielen Musiken, welche für die Wahrnehmungskapazitäten von Säuglingen zugänglich sind und ihnen entsprechend Freude und Lust bereiten können. Vorgeburtliches Hören: Die Eroberung der Umwelt durch die BauchdeckeDie aktive Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Erinnerungsfähigkeit von Säuglingen für bestimmte musikalische Muster erklärt natürlich nicht, woher all diese Fähigkeiten kommen und welche Mechanismen im Gehirn diese Wahrnehmungsleistungen ermöglichen. Wir müssen also noch weiter zurück gehen und unsere Spurensuche auf die Entwicklung des fötalen Gehörs und auditiven Systems ausdehnen.Viele Mütter wissen zu berichten, wie ihr Kind schon vor der Geburt auf Musik reagiert. Die akustische Erkundung der Umwelt durch die Bauchdecke hindurch stellt die erste und für die gesamte Schwangerschaft einzige Form der Kontaktaufnahme des Fötus mit der Außenwelt dar. Das fötale Gehör und die sich darin entwickelnden Hörbahnen werden von diesen vorgeburtlichen Erfahrungen bereits geprägt. Das Szenario der pränatalen "Hörwelt" hat beispielsweise Richard Parncutt in einer Studie ausführlich beschrieben (Parncutt 1997). Wenngleich es nahe liegt, den mütterlichen Herzschlag als grundlegend für die spätere Empfindung von Pulsen und Rhythmen auszuweisen, ist es nach Parncutt und anderen Autoren viel wahrscheinlicher, dass rhythmische Stimulationen durch die gehende Fortbewegung der Mutter induziert werden. Tatsächlich mehren sich die Hinweise einer musikalischen Bedeutung des Vestibularorgans, jenem in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hörschnecke angegliederte Röhrensystem, welches Informationen über Gleichgewicht, Beschleunigung und Rotation des Körpers erfasst und über bestimmte Bahnen parallel zum Hörnerv an das "Lustzentrum" des Gehirns, den Thalamus, und ins Rückenmark leitet (Todd & Cody 2000). Klangliche Erfahrungen werden somit in Verbindung mit Bewegungsempfindungen Teil des für das Hören zuständigen neuronalen Netzes und bilden Referenzen für neue Erfahrungen. Diese vorgeburtlichen Prägungen führen zu erstaunlichen Leistungen und Wirkungen nach der Geburt. Wie Gefühle zur Musik entstehenSäuglinge erkennen die Melodien, Rhythmen und Musikstücke wieder, die sie pränatal öfter dargeboten bekommen haben und reagieren auf sie sowohl mit Beruhigung als auch mit Erregung. Diese Form der Beeinflussung der körperlichen Befindlichkeit durch Aktivierung, so darf man vermuten, stellt eine erste Dimension der emotionalen Musikerfahrung dar. Eine weitere Dimension tritt dann hinzu, die von Psychologen als Valenz bezeichnet wird. Diese Dimension bedeutet eine Verknüpfung positiver oder negativer Befindlichkeiten mit der Musik.Die Entwicklung der Valenz-Dimension nimmt vermutlich längere Zeit in Anspruch. So sind beispielsweise drei- bis vierjährige Kinder nach einer Untersuchung von Isabelle Peretz und Mitarbeitern noch nicht dazu in der Lage, den traurigen oder fröhlichen Ausdruck einer Musik an ausschließlich musikalischen Merkmalen zu erkennen. Fünfjährige nutzen das Tempo für diese Unterscheidung, Sechs- bis Siebenjährige neben dem Tempo auch das Tongeschlecht (Dur oder Moll; Dalla Bella 2001). Weitere psychologische Untersuchungen an Kindern und Erwachsenen (einschließlich psychiatrischen Patienten) haben gezeigt, dass entgegen der landläufigen Annahme, dass Musik jedes Gefühl zur Darstellung bringen kann, lediglich vier Grundgefühle mit musikalischen Mitteln besonders gut zu identifizieren sind, nämlich Freude, Trauer, Wut und Furcht (z.B. Juslin 1998). Dabei ist die musikalische Darstellung und Vermittlung von Furcht noch mit gewissen Abstrichen zu versehen. Natürlich hängt der Erfolg einer solchen musikalischen Gefühlskommunikation von vielen Faktoren ab, etwa dem Instrument, der Qualität und Form der Darbietung sowie von Variablen auf der Seite des Rezipienten. Interessanterweise überdecken sich die musikalischen Grundgefühle mit denen, die im Menschen am frühesten "reifen" und die zum überlebensnotwendigen Ausdruck körperlicher Befindlichkeiten gebraucht werden (Kreutz, 2002). Es scheint zwar müßig, einem weinenden Säugling das volle Gefühl von Wut oder Trauer zu unterstellen. Entscheidend ist jedoch allein die Qualität des Signals, die zu Maßnahmen auf Elternseite führen, dem Kind zurück in sein physiologisches Gleichgewicht durch Zufuhr etwa von Nahrung sowie von Nähe und Geborgenheit zu verhelfen. Die Bedeutung von Musik, Spiel und Gesang für das psychische Gleichgewicht dürfen wir hier natürlich nicht außer Acht lassen. Es ist sehr schwer festzulegen, ab wann genau und in welchem Stadium der Entwicklung emotionale Zugänge zur Musik bis hin zum ästhetischen Erleben ganz ausgebildet und als Kanäle intensiver Musikerfahrung voll verfügbar sind. Die Hörrinde ist neueren Erkenntnissen zufolge erst im Alter von 10 bis 12 Jahren voll ausgereift. Dies ist erstaunlich, da die biologischen und psychologischen Voraussetzungen zum Spracherwerb sowie dieser selbst längst erfüllt bzw. in vollem Gange sind. Vorläufig ist also zu schließen, dass bestimmte Aspekte des musikalisch-emotionalen Verhaltens, nämlich die Komponente der körperlichen Erregung und Beruhigung, von Anfang an mit dem emotionalen Zugang zur Musik verknüpft sind und einen noch nicht restlos geklärten Einfluss auf die kognitive Entwicklung nehmen. Diese Überlegung lässt die weitere Folgerung zu, dass Musik bzw. musikalische Reize als psychologisches, neuronales und endokrinologisches (die Ausschüttung von Hormonen, Neurotransmittern und anderen Botenstoffen in den Blutkreislauf betreffendes) Agens auf das Kind wirken. Und zwar ungeachtet dessen, ob in den frühen Stadien je nach Definition tatsächlich von einem echten emotionalen Erleben gesprochen werden kann oder nicht. Konsequenzen für die musikalische FrüherziehungEs lässt sich absehen, dass in der Kindheit erworbene musikalische Primärerfahrungen prägend auf Einstellungen zur Musik bis ins Jugend- und Erwachsenenalter wirken können. Die ausführlichen Fallstudien von Stefanie Stadler Elmer (2001) legen nahe, dass die musikalische Entwicklung zum Selbstläufer wird, wenn Eltern und Erzieher nur ihren Intuitionen folgen, viel mit dem Kind spielen, mit ihm interagieren, es animieren, bestätigen, ermuntern und in seinem natürlichen musikalischen Verhalten bestärken, wobei selbstredend jede (Über)forderung im Sinne musikalischer "Leistungen" zu unterbleiben hat. Es gilt, diese musikalischen Spiele als Bedürfnisse ernst zu nehmen, sie fest in das "Kurrikulum" der Früherziehung aufzunehmen und ausreichenden Freiraum zu gewähren.Nach Auffassung von Stadler Elmer scheint für diese Zwecke ein rigides, etwa an Altersstufen orientiertes Programm der Musikerziehung eher ungeeignet. Vielmehr gilt es, für die sich in bestimmten Zeitfenstern vollziehenden Entwicklungsphasen wachsam zu sein und durch Spiel und Interaktion mit dem Kind auf die Spuren musikalischer Aktivitäten einzugehen (Gruhn 2001). Das Spiel und die Freude am Spielen mit Stimme, Klang, Tanz und Bewegung neu zu entdecken, bedeutet zugleich auch für die Erwachsenen einen Lernprozess, gerade hinsichtlich musikalischer Betätigungen. Dabei gilt es, Hemmungen im Interesse des Kindes und der Erziehung abzulegen und sich auf das Abenteuer kindlicher Gefühle zur Musik einzulassen. Der Umkehrschluss aus diesen Überlegungen ist unausweichlich: Verzichten wir auf die musikalischen Spiele mit dem Kind oder wirken ihnen entgegen und unterdrücken sie, so kommt dies einer kognitiven und psychischen Deprivation (Unterdrückung) gleich und wir produzieren mit Wahrscheinlichkeit jene marsianische "Kontrollgruppe", die es, wie eingangs erwähnt, aus ethischen Gründen niemals geben sollte. Wer sein Kind musikalisch - mit einfachsten Mitteln und auf einfachstem Niveau mit Liedern, Melodien und Tänzen! - erzieht, leistet letztlich einen Beitrag gegen die geistige Verarmung der Gesellschaft und für eine humane Lebenswelt! Es liegt außerhalb des Rahmens dieses Berichtes, auf neurobiologische Annahmen einzugehen, nach denen die musikalische Leistungsfähigkeit mit bestimmten Reifungsprozessen des Gehirns in der Schwangerschaft zusammenhängt, die vor allem die rechte Hemisphäre betreffen. Diese Annahmen können jedoch den Blick nicht darauf verstellen, dass das Spektrum musikalischer Lern- und Leistungsfähigkeit unter optimalen Entwicklungsbedingungen in einem familiären Klima von Vertrauen, Liebe und Geborgenheit bereits für jedes Kind ein enormes Potenzial darstellt. Jeder Mensch ist vom genetischen Standpunkt musikalisch! Vorläufiges Fazit und AusblickTrotz der fundamentalen Einsicht einer genetischen verankerten Musikalität im Menschen gibt es bislang sehr wenig gesichertes Wissen über die Funktionen und Bedeutungen musikalischen Handelns und Lernens in der frühen Kindheit. Die frühe Phase der kindlichen Entwicklung, in welcher der Säugling allmählich lernt, sich in dieser Umwelt zu orientieren, sich sicher zu fühlen und den Kontakt zu seinem sozialen Umfeld aufzubauen, scheint in hohem Maße von den Zyklen der Nahrungsaufnahme und Verdauung sowie des Schlafes dominiert zu sein. Spuren musikalischen Verhaltens sind zwar vorhanden, scheinen weit untergeordnet und eher kursorisch in die Entwicklung zu fließen. Dennoch gilt es, von erzieherisches Seite wachsame Augen und Ohren für diese musikalischen Spuren zu haben, da, wie wir berechtigterweise vermuten, weit mehr Bedeutung in ihnen verborgen liegt, als es den äußeren Anschein hat.Der Mensch schafft Musik und umgekehrt wirkt sie auf den Menschen zurück, ungeachtet seines kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrundes. Zwar verfügen nicht alle Individuen über dieselben Möglichkeiten, ihre musikalischen Potenziale zu entwickeln und auszuschöpfen, doch dürfen wir nach allen bestehenden Erkenntnissen annehmen, dass kein Individuum prinzipiell von reichhaltigen Möglichkeiten des Musiklernens und der Entwicklung einer eigenen Musikalität ausgeschlossen ist und ausgeschlossen sein sollte. Im Gegenteil: Die für das ganze Leben prägende Phase der frühkindlichen Entwicklung bietet reichhaltige Chancen, die natürlichen Ressourcen des elementaren musikalischen Verhaltens zu fordern und zu fördern. Es liegt auf der Hand, dass gerade musikalische Spiele durch die Einbeziehung der Sinne, der Motorik, Aufmerksamkeit und Gedächtnis sowie nicht zuletzt durch die Stimulierung positiver Gefühle besondere Potenziale aufweisen. Einerseits sind nicht zu unterschätzende Effekte für die zerebrale Plastizität, das heißt den Aufbau neuer neuronaler Bahnen zwischen verschiedenen Hirnzentren im Kortex zu erwarten, wobei diese Zentren zu kooridiniertem Verhalten und wechselseitigen Verstärkungen angeregt werden. Weiterhin werden gerade über das Hören komplexer Muster jene Bahnen zwischen den um den Hirnstamm liegenden Gefühlszentren des limbischen Systems und den für höhere kognitive Aufgaben zuständigen Arealen im Kortex in Anspruch genommen, so dass insgesamt von einer Verstärkung der neuronalen Grundlagen von Emotionalität und Intelligenz auszugehen ist. Andererseits bietet der kindliche Ausdruck von Freude beim Singen, Spielen und Tanzen in einer liebevollen familiären Gemeinschaft unverkennbare Zeichen von Wohlbefinden und Zuneigung, den wahren Gradmessern des langfristigen Erfolgs von Erziehung und Entwicklung. Literatur
Bastian,Hans Günther (2000). Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen. Mainz: Schott International. Autor
Dr. Gunter Kreutz | ||
Letzte Änderung: 17.04.2007 16:45:45 |