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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Mein Kind ist ein Suppenkasper!

Beate Weymann


Gemeinsam zu essen zählte schon immer zu den Aktivitäten, die Menschen verbinden. Im antiken Griechenland, bei den alten Germanen sowie in anderen Kulturen wurde zuerst ein Essen mit den Fremden eingenommen, bevor man sich über ihre Herkunft und den Grund ihres Besuches unterhielt. Früher und auch heute noch gilt ein gemeinsames Essen als ein Symbol des Friedens, der Sicherheit und der Harmonie. Einen bedeutenden Teil bei Staatsbesuchen oder einer Konferenz stellt das gemeinsame Bankett dar. Ein harmonisches Essen hinterläßt bleibende positive Gefühle. Probleme bezüglich des Essens sind heutzutage weit verbreitet - fast alle Eltern können ein Lied davon singen. Es muß aber keine Probleme geben - den Kindern vertrauen, daß sie alles richtig machen, sich in Gelassenheit zu üben, kann sehr hilfreich sein. Einfluß nimmt man durch das eigene gute Beispiel, mit dem man vorangeht.

Das Problem

Beneidet werden die Eltern, deren Kinder gerne und regelmäßig essen, dabei gesunde Kost dem berühmten Fast food vorziehen. Eltern, deren Kinder nicht zu dieser "vorbildhaften" Gruppe gehören, versuchen mit allerlei Tricks die Nahrungsaufnahme regelmäßiger, umfangreicher und gesünder zu gestalten. Belohnungen und Strafe, ausgiebiges Zureden und Erzählen bzw. Vorlesen sind als Tricks beliebt. Die Ursache eines derartigen Verhaltens kann schon weit zurückliegen: Vielleicht wurde zu schnell abgestillt, immer zu hastig gefüttert bzw. das Kind merkte den Zeitdruck der Mutter untergründig, es wurde während des Essens öfter gestritten, etc.

Aber auch wenn das Kind unglücklich, unzufrieden oder voller Angst ist, mag es nicht essen. Es ist auch zu berücksichtigen, daß ein Kind nichts essen möchte, weil es sich nicht genug anerkannt und geliebt fühlt. Es drückt also auf diesem Wege Konflikte, die es gerade beschäftigen, aus.

Heutzutage gibt es Familien, die niemals zusammen essen. Stattdessen isst jeder irgendwann vor dem Fernseher - kommunizieren ist so natürlich nicht möglich.

Tipps, damit das Essen zu einer harmonischen Angelegenheit wird

  • Idealerweise trifft sich die ganze Familie einmal am Tag zu einer festen Uhrzeit für ein gemeinsames Essen. Die Mahlzeiten sollten die Möglichkeit eröffnen, zu kommunizieren und zu erzählen, was jeder in der Zwischenzeit erlebt hat. Dies muß nicht immer am Eßtisch sein, auch ein Picknick z.B. ist geeignet. Wenn schon kleinen Kindern beigebracht wird, daß das gemeinsame Essen dem Gedanken- und Erlebnisaustausch dienen soll, so tun diese es auch als Teenager noch. Ausfragen sollte man die Kinder nicht, denn dann antworten sie nur ungern und karg. Wenn man stattdessen über seine eigenen Erlebnisse spricht, werden sie schnell versucht sein, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Motto: "Wollt ihr denn nicht wissen, was mir heute passiert ist?"
  • Trödeleien sollte man nicht kritisieren. Viel besser ist es, wenn man dem Kind klar macht, daß man ca. noch so und so lange am Tisch sitzt, danach abwaschen geht. Das Kind kann sich dem Ablauf dann anpassen oder aber alleine weiter essen. Falls es noch länger trödelt, muß es seinen Teller später selbst abwaschen, dieses stellt eine sinnvolle Konsequenz dar.
  • Nörgeleien, wiederholte Aufforderungen, Bitten und Bestechungen sind erzieherisch fehl am Platz. Man sollte nicht zuviel erwarten, es kann nicht immer alles perfekt ablaufen. Kinder können nicht ständig artig sein, ruhig sein, alles aufessen etc.
  • Gesunde Kinder drängen sehr nach Nahrungsaufnahme, damit ihr Bedürfnis - der Hunger - befriedigt wird. Dies stellt den Idealzustand dar. Nicht zu vergessen ist, daß das Kind auch Schwankungen unterworfen ist: schließlich ißt auch ein Erwachsener nicht immer gleich viel.
  • Drauf achten sollte man, daß kurz vor dem Essen ein wenig Ruhe einkehrt: Wilde Spiele sind ungeeignet!
  • Zwang bezüglich des Essens ist erzieherisch sehr ungeschickt, denn so wächst beim Kind Ekel und Ablehnung erst recht! Man sollte sich an den Gedanken gewöhnen, daß jedes Essen durch ein anderes Gleichwertiges ausgetauscht werden kann, d.h. wenn das Kind dieses nicht mag, warum sollte man es nicht mit einem anderen gesundem mit ähnlicher Nährstoffzusammensetzung versuchen? In Bezug auf die Wahl des Essens sollte dem Kind auch eine Mitsprache eingeräumt werden (in Grenzen).
  • Man kann sicher sein, daß viel frische Luft dem Appetit förderlich ist.
  • Ratsam ist, dem Kind nur soviel Essen zu geben, wie es möchte, nicht mehr!
  • Eine schöne Atmosphäre kann viel dazu beitragen, daß weniger Probleme auftauchen. Ruhe, ein liebevoll gestaltetes Essen ("das Auge ißt mit!"), Gelassenheit, Zuneigung und möglichst mehrere Personen ("allein essen macht keinen Spaß!") sind hilfreich. Kinder sind begeistert, wenn sie sich selbst bedienen dürfen bzw. aus einer Vielzahl von angebotenen Gemüsesorten, Brotsorten etc. sich etwas aussuchen dürfen. Der Urlaub in einem Hotel mit Büfett kommt diesem Wunsch sehr entgegen. Aber auch eine Geburtstagsfeier u.ä. kann so gestaltet werden.

    In manchen Kindergärten ist es üblich, daß die Kinder kein Frühstück von zuhause mitbringen, sondern sich am Büfett etwas aussuchen (auf diese Weise kommen auch Kinder, die zuhause eine einseitige Ernährung erhalten, in den Genuß frischer, gesunder Nahrungsmittel wie Karotten, Obst, Vollkornbrot, Knäckebrot etc.). Sobald das Kind in das Alter kommt, daß es mit den übrigen Familienmitgliedern das gleiche ißt, können Probleme auftauchen: Jetzt fängt es an, sich gegen jenes oder dieses Essen zu sträuben. Kinder besitzen andere Geschmacksempfindungen. Es ist so, daß gewisse Nahrungsmittel von fast gar keinem Kind gemocht werden. Jedem Geschmack kann nicht in jeder Mahlzeit entsprochen werden, was dazu führt, dass irgendwann ein jeder mal etwas essen muß, dass nicht ganz oder überhaupt nicht seinem Geschmack entspricht. In dieser Situation verhält man sich am besten so: Das Kind trifft die Entscheidung etwas nicht zu mögen und deshalb nicht essen zu wollen. Das müßte man eigentlich nachvollziehen können. Auch wir Erwachsenen mögen vielleicht dieses oder das nicht, essen es auch nicht, wer will uns dazu zwingen? Also, warum sollen wir unsere Kinder dann drängen? Man kann dem Kind vor Augen führen, daß irgendwann mal jeder etwas vorgesetzt bekommt, das nicht sein Fall ist, das er es dann aber doch ißt.

    Letztendlich sollte man dem Kind die Entscheidung überlassen: Esse ich jetzt das unbeliebte Gericht oder verzichte ich (muß dann bis zur nächsten Mahlzeit warten, bekomme kein warmes Essen heute, empfinde bald Hunger). Anbieten kann man lediglich ein kleines, schnelles Ersatzgericht: Brot, Nudeln. Wird das Hungergefühl groß, so führt das vielleicht dazu, das nächste Mal doch lieber etwas von dem "unbeliebten" Gericht zu versuchen. Konflikte lassen sich verringern, wenn der Essensplan mit den Kindern zusammen ausgearbeitet wird, d.h. auf ihre Wünsche mit eingegangen wird.
  • Die Menge, die das Kind sich aussucht, sollte akzeptiert werden. Nicht zu mehr überreden! Dem Kind sollte soviel zugetraut werden. Kleine Portionen grundsätzlich zu geben, ist sinnvoll, da hier die Gefahr, daß viel übrig bleibt, geringer ist. Bei Zwang wird das Essen mit negativen Gefühlen assoziiert, was nicht erstrebenswert sein dürfte. Man sollte sich vor Augen führen, daß etliche Menschen keine natürliche Eßbremse mehr besitzen, dieses liegt auch daran, daß sie immer alles in ihrer Kindheit auf ihrem Teller aufessen mußten. Aus dicken Kindern werden dicke Erwachsene!
  • Liebesentzug darf niemals mit Essen in Verbindung gebracht werden. Beispiel: "Falls du deinen Teller nicht aufißt, habe ich dich nicht mehr so lieb!" Schuldgefühle sind auch denkbar ungeeignet: "Warum ißt du nicht, ich habe 2 Stunden gebraucht, um das Essen zu kochen?" Ein anderes Extrem ist, wenn Kinder essen, um ihre Langeweile oder ihre Sorgen zu vertreiben. Hier wird in der Nahrungsaufnahme eine Ersatzbefriedigung gesehen. Durch das Essen wollen sie sich ein angenehmes Gefühl verschaffen. Eigentlich suchen sie nach Zuneigung und Anerkennung, was ihnen leider nicht entgegengebracht wurde. Falls ein Kind etwas ablehnt, das es noch nicht gekostet hat, so kann man schon folgenden Vorschlag machen: "Versuche es mit einem winzigen Happen, damit du dir ein wahrhaftiges Urteil bilden kannst, denn sonst ist es nur ein Vorurteil! Eventuell schmeckt es viel besser, als du es dir vorstellst und du verpaßt etwas, wenn du darauf einfach verzichtest..."
  • Tischmanieren lernen Kinder praktisch nebenbei ohne großes Gerede und Getue, wenn die Eltern mit gutem Vorbild vorangehen. So können die Kinder sich alles prima abgucken. Üben sich die Eltern in Gelassenheit, so sind die Kinder viel weniger geneigt, Widerstand zu zeigen. Wenn es kaum bis gar keine Regeln für Mahlzeiten gibt, kann es passieren, daß die Kinder nur noch das essen, was sie wollen, wann und wo suchen sie sich auch selbst aus. Hierdurch entstehen meistens aber ungesunde Eßgewohnheiten. Fertiggerichte und Süßigkeiten werden nämlich gesunder, frischer Nahrung vorgezogen! Der goldene Mittelweg sieht so aus, daß vernünftige, aber flexible Regeln für die Mahlzeiten gelten. Schließlich ist es das Ziel, Körper, Geist aber auch die Seele gesund zu erhalten.
  • Kinder sind recht früh schon in der Lage, auf die Signale ihres Körpers zu achten. Sie merken, wann sie satt sind (das Baby läßt von der Brust ab). Man sollte diese Zeichen ernst nehmen: das Baby spuckt die Milch aus, schubst die Flasche weg, Teller wegstellen etc. Zwingt man ein Kind zum Essen, so kann es doch nur dieses daraus lernen: "Was ich fühle, interessiert meine Eltern nicht; sie nehmen meine Gefühle nicht ernst; sie trauen mir nicht zu, mich richtig zu verhalten (entsprechend meinem Körper, meinem natürlichem Sättigungsgefühl)."

    Für das spätere Leben ist es von unschätzbarem Wert, es gelernt zu haben auf seinen Körper zu hören. Hat ein Mensch gelernt, den Signalen seines Körpers zu vertrauen, so wird er keinem unerwünschtem Sex und keiner selbstzerstörerischen Handlung und ähnlichem zustimmen. Man sollte unbedingt seinem Kind glauben, was es sagt (daß es satt ist z.B.), denn hier geht es um mehr als Ernährung und Eßmanieren.

    Dem Kind muß vermittelt werden, daß es stets auf seinen Körper achten und hören soll. Fatal wäre die gegenteilige Vermittlung: "Mach, was andere dir sagen, du selbst kannst es nicht beurteilen!" So kann sich kein gesundes und ausreichend großes Selbstwertgefühl entwickeln. Das, was das Kind sagt, muß ernst genommen werden. Wenn es 2 Würstchen haben möchte, sollte man ihm dies nicht abschlagen, auch wenn es noch nie soviel geschafft hat. Schließlich sagt ein Ober auch nicht zu einem: "Weshalb bestellen sie heute eine so große Portion? Sie haben doch letztens die kleine Portion schon nicht aufgegessen!" Läßt ein Kind etwas übrig, so kann man den Rest aufbewahren für den Fall, daß es z.B. abends dieses noch aufessen möchte. Einem Kind muß die Möglichkeit eingeräumt werden, ein Gefühl für die Menge zu bekommen, die es aufessen kann. Je besser man als Vorbild agiert, desto einfacher hat man es.
  • Da das Elternhaus die Grundlage für das Eßverhalten im Erwachsenenalter bildet, ist es sehr bedeutend, mit gutem Beispiel und etwas Einfluß voranzugehen. Abwechslung und ein reichhaltiges Angebot an diversen Nahrungsmitteln stellen den besten Schutz vor einseitigem, ungesundem Ernähren dar.
  • Man kann auch mit dem Kind zusammen kochen, backen etc., um ihm das Thema Essen in einer anderen Variante näher zu bringen (wenn man es selbst hergestellt hat, schmeckt es besser). Das Frühstücksbrot kann appetitanregend garniert werden mit Radieschen, Gurken, Salatblättern etc.. Im Kindergarten war es schon immer üblich, in Obst (Bananen, Äpfel z.B.) Figuren hineinzuschneiden, damit die Phantasie der Kinder angeregt wird.
  • Süßigkeiten zu verbieten bringt gar nichts, da sie dadurch noch reizvoller werden. Ein Mittelweg ist wie so oft auch hier am gewinnbringendsten: Manchmal Süßigkeiten erlauben, aber nie zuviel auf einmal! Stattdessen lieber Joghurt, Säfte, Obst, Karotten etc. reichen. Das wird den Kindern geschmacklich auch gefallen. Die Sehnsucht nach Süßem ist wahrscheinlich angeboren. Außerdem hat man in Schokolade eine antidepressive Substanz gefunden, die im Gehirn den stimmungsaufhellenden Stoff Endorphin (das Glückshormon) erzeugt. Süßigkeiten sollten wie selbstverständlich dazugehören, aber keine Belohnung sein. Es lohnt sich auf alle Fälle, Kindern das Kochen zu lernen. Hierdurch werden sie selbständiger und selbstbewußter. Snacks können schon von kleinen Kindern zubereitet werden. Haben Kinder erst einmal selbst gekocht, wissen sie einzuschätzen, wieviel Mühe und Zeit dafür aufgewendet werden muß. Die Achtung vor einem gekochten Essen wird dadurch wachsen.
  • Essen darf nicht als Erziehungsmittel eingesetzt werden. Motto: "Du erhältst heute kein Mittagessen, weil du so ungezogen warst!" Essen ist ein Genuß und sollte es auch bleiben.
  • Wird Essen bei Jugendlichen zu einem lebenswichtigen Thema, sollte man ein Gespräch anstreben. Macht das Kind schon Diäten? Futtert es dann wieder unkontrolliert? Hängt sein ganzes Selbstbewußtsein von ein paar Kilos ab? Magersucht z.B. ist eine schwere Krankheit, die vom Arzt behandelt werden muß.
  • Falls das Kind kein Abendbrot möchte: Ernährungswissenschaftler sehen im spätem Essen - nach 18 Uhr - eine Hauptursache für Übergewicht. Geschmacksnerven entwickeln sich permanent weiter. Auch die Vorlieben der Kinder sind einem Wandel unterworfen. Was heute mit Abscheu angesehen wird, kann schon in wenigen Monaten das Lieblingsessen schlechthin sein. Ein Trick, damit der Teller aufgegessen wird: Einen Zettel mit einer Botschaft ("Heute gehen wir ins Kino; ins Schwimmbad; in den Zoo) auf die Tellerunterseite kleben. Ist der Teller leer, darf nach dem Zettel Ausschau gehalten werden.
  • Ein vorzüglicher Tipp ist das Einladen von Freunden zum Mittag- oder Abendessen. In Gesellschaft ißt jeder lieber, ganz besonders, wenn die Spielkameraden zugegen sind. Auf diese Weise entwickelt auch der schlechteste Esser mehr Appetit.

Ausklang

Spiele beim Essen können auch ganz sinnvoll sein: Zumindest nehmen sie der Sache den Ernst und tragen zur Entspannung bei.

Stopp- Spiel: Jeder Esser kommt einmal an die Reihe und darf urplötzlich "Stopp!" rufen. Hierbei muß jeder 10 Sekunden lang in der Position verharren, in der er sich gerade befindet. Und wenn die Soße noch so tropft... Mit dem Wörtchen "Weiter!" darf das Essen fortgeführt werden.

Dinner: Hierzu ziehen sich alle Abendgarderobe an und Kerzen werden angesteckt. Klassische Musik gehört genauso dazu wie daß der Vater die Tochter, der Sohn die Mutter zu Tisch führt.

Mittelalter: Bei dem Spiel darf nur mit Händen gegessen werden, schließlich soll es wie im tiefsten Mittelalter zugehen.

Genießer: Der Genießer (jeden Tag kommt ein anderer an die Reihe) muß zuerst das Essen mit geschlossenen Augen probieren und seine fachmännische Meinung dazu abgeben.

Literatur

Siegfried Kosubek: Balancierte Erziehung, Verlag Modernes Lernen, Dortmund, 1986

Barbara Coloroso: Was Kinderseelen brauchen, Südwest-Verlag, GmbH & Co. KG, München, 1997


Autorin

Beate Weymann, Diplom- Sozialpädagogin, Angestellte beim Land Niedersachsen
Schulstr. 2
37586 Dassel


Letzte Änderung: 28.11.2008 15:30:40Zum Seitenanfang