ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜRituale in Familien: ihre Schwierigkeiten und ChancenMichael Schnabel
![]() "Familien sind die Zellen der Gesellschaft", behaupten viele Autoren, die die enge Verbindung von Familien und Gesellschaft herausstreichen wollen. Diese Verzahnung bringt auch Belastungen mit sich: Gesellschaftliche Trends greifen ins Alltagsleben der Familien ein. Wenn gesellschaftliche Institutionen leiden, dann bekommen auch Familien Schwierigkeiten. So sind beispielsweise Kräfte und Wirkungen von Traditionen, Bräuchen und Ritualen gefesselt und eingeschränkt, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten geschmäht, verdächtigt und abgelehnt wurden. Diese schwierigen Rahmenbedingungen wurden noch vermehrt durch Umbrüche in Familien, z.B. häufigen Wohnungswechsel, Arbeitsplatzproblemen, Scheidungen und Wiederverheiratung. Warum Rituale in Familien degenerierenAuch wenn Rituale kritisch beäugt und ausgegrenzt wurden, so bringen beide Partner in ihre Ehe und junge Familie immer noch eine Vielzahl liebgewordener Rituale ein, die oftmals als gewohnte Selbstverständlichkeiten vorerst kaum auffallen. Aber gerade deshalb bald zum Zankapfel heftiger Auseinandersetzungen werden können, weil, was für den einen Partner eine lieb gewonnene Selbstverständlichkeit ist, kann in den Augen des anderen Partners als nutzlose Marotte erscheinen. Es kommt noch schlimmer: Beide Ehepartner sind mit vielen feinen und kaum wahrnehmbaren Verpflichtungen in ihren Herkunftsfamilien eingebunden. Diese Bindungen können sich als qualvolle Ketten erweisen, die das Familienleben geradezu wie in einem Käfig halten.Die Therapeutinnen Evan Imber-Black und Janine Roberts konnten in ihrer Arbeit mit Ehepartnern mehrere Fehlformen von Ritualen ausfindig machen, die ein Familienleben stören und sogar ersticken können (1). Das Problem der PflichtritualeSogenannte Pflichtrituale legen für alle Familienmitglieder fest, sich an bestimmten Festen, Treffen und Aktionen beteiligen zu müssen, egal inwieweit dadurch die junge Familie belastet wird. Welch wohlerzogener Sohn oder welche Tochter fühlt sich beispielsweise nicht verpflichtet am Muttertag, die eigene Mutter mit Geschenken unterm Arm zu besuchen? Aber wie steht es beispielsweise mit einem Weihnachtsfest, das am ersten Weihnachtsfeiertag die junge Familie mit ihren drei Kindern bei den Eltern der Frau und am zweiten Weihnachtsfeiertag bei den Eltern des Mannes verbringt? Nach den langen und mühevollen Fahrten zu den weit entfernten Orten und nach dem strengen Regelement bei den Großeltern sind Kinder und Eltern heilfroh die Festtage überstanden zu haben.In jungen Familien entstehen Belastungen aus solchen Gewohnheiten und Pflichtveranstaltungen, die in Herkunftsfamilien erwartet werden. Aus Riten, die einmal Sinn und Bedeutung hatten, werden Pflichtriten, die Stress erzeugen und hitzige Konflikte auslösen können. Noch dazu, wenn von verschiedenen Seiten der Verpflichtungsdruck zusätzlich gesteigert wird. "Ihr könnt es den Großeltern nicht antun zu Allerheiligen nicht zu erscheinen, da wir alle aus der Familie bisher jedes Jahr zusammen waren. Wer weiß, wie lange sie noch leben", droht die Schwägerin. Eine solche Drohkulisse macht es einer jungen Familie äußerst schwer, diejenigen Rituale, Feste und Feiern zu etablieren, die das eigene Familienleben festigen und vertiefen könnten. Probleme einer unausgewogenen RitualpraxisUnbehagen, Spannungen und Konflikte kann in Familien eine unausgewogene Ritualpraxis verursachen. Rituale werden in der Regel übernommen und nur zu einem sehr geringen Teil in einer jungen Familie neu entwickelt. Dabei kann es zu einem unausgewogenem Verhältnis von übernommen Ritualen aus der Familie des Mannes oder aus der Familie der Frau kommen. Oftmals liegt die Gestaltung von Familienfesten in den Händen der Frau und sie richtet in der Regel das Fest so aus, wie sie es zu Hause erlebt hatte. Nach und nach macht sich dann beim Mann das Gefühl breit, die Feste gehen an seinen Vorstellungen und Erfahrungen vorbei. Solche Feste bringen nicht die erhoffte Freude und Entspannung, sondern erzeugen Unzufriedenheit und Ärger.Eine weitere Ursache für Unausgewogenheit kann in unterschiedlichen religiösen Orientierungen der Partner liegen. Wenn beispielsweise der Mann strenggläubiger Katholik ist und die Frau liberale Jüdin, so besteht die Gefahr, dass nur katholische Feste in der Familie gefeiert werden. Auch in einem solchen Fall wird die Partnerin - trotz ihrer liberalen Einstellung - bald Lustlosigkeit und Unzufriedenheit spüren, denn irgendwie fühlt sie sich doch übergangen und in ihrer Überzeugung nicht respektiert. Aus den Fugen geraten Rituale und Feste, wenn sie sich an den Erwartungen und Bedürfnissen einzelner Familienmitglieder ausrichten. Wenn beispielsweise der Kindergeburtstag eines Kleinkindes nur auf dieses Kind abgestimmt ist und die beteiligten Erwachsenen und größeren Geschwister müssen sich in den Tanz um das Kind einfügen und alles tun, um das Geburtstagskind bei Laune zu halten. Derartige einseitige Ausrichtungen belasten die Familiengemeinschaft und verärgern die Beteiligten, die zu kurz kommen, somit werden solche Feste auf lange Sicht zur Qual und lästigen Pflicht. Das Problem der verkümmerten RitualeRituale erfordern für einen sinnvollen Vollzug einen angemessenen Gestaltungsraum und Konzentration auf das entsprechende Geschehen. Wenn Ritualen in Familien nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und sie nicht mit Hingabe und Achtsamkeit begangen werden, so fristen sie ein kümmerliches Dasein und werden eher zu einem Hemmnis als zu einer Energiequelle. Folgende Störungen zeigen beispielsweise, wie Rituale verkümmern: Während der Geburtstagsfeier eines Kindes treffen unangemeldet Geschäftsfreunde des Vaters ein. Daraufhin wird die Feier beendet, damit in Ruhe eine Besprechung angesetzt werden kann. Oder, wenn bei einer feierlichen Laudatio auf den erfolgreichen Schulabschluss des Kindes das Handy mehrmals schrillt, weil Freundinnen der Mutter anrufen, und dadurch die Rede gestört und das Zeremoniell zerrissen wird.Verkümmerte Ritualformen und unterbrochene Rituale machen sich oft breit, wenn in einer Familie eine Krise durchlebt wird. Stehen beispielsweise die Ehepartner vor einer Scheidung, so wird das Sonntagsfrühstück der Eltern und Kinder meist nur noch kurz und hektisch eingenommen oder es wird ganz ausfallen. Probleme mit degenerierten RitualenDas Leben in Familien ist gekennzeichnet durch Veränderungsprozesse und Entwicklungsschritte: die Kinder wachsen heran, sie durchlaufen Bil-dungseinrichtungen und werden selbständig; oder die Familie vergrößert sich durch die Geburt weiterer Kinder. Diesen Veränderungen sollten sich Feste und Rituale anpassen, denn eine Familie mit Kindern im Jugendalter darf nicht mehr in gleicher Weise Weihnachten oder Ostern feiern wie zu Zeiten als die Kinder noch im Kindergartenalter waren. Bleiben die Rituale vom Kleinkindalter an unverändert, so spricht man von degenerierten Ritualen. Solche starren Traditionen nehmen die Kinder nicht ernst und sie sind eher Belastung und Mühsal für die Beteiligten.Rituale stellen die Mitfeiernden zufrieden und spenden Kraft und Energien, wenn sie flexibel sich der Situation und den Erwartungen der Teilnehmer/innen anpassen können. Um solche Rituale im Familienleben etablieren zu können, ist eine Überprüfung der bisherigen Praxis nützlich und trägt dazu bei, hinderliche und schwer erträgliche Formen aufdecken und auflösen zu können. Forum der RitualerneuerungFehlformen von Ritualen können das Familienleben erschweren, Energien und Ressourcen aufbrauchen. Daher besteht erhöhte Dringlichkeit solche Fehlformen aufzudecken, sie auszumustern oder sie eventuell so umzugestalten, dass sie für alle Familienmitglieder erfreulich und erbauend werden. Die Familientherapeutinnen Evan Imber-Black und Janine Roberts haben in ihrer Arbeit die beschriebenen Fehlformen angetroffen und behandelt. Denn nach ihren Erfahrungen ist ein verkümmerter Ritualstil in vielen Familien ein Zeichen dafür, dass der Familiensinn wenig ausgeprägt ist (2). Zur kritischen Überprüfung und zur Erneuerung oder Umgestaltung der Ritualpraxis in Familien entwickelten die Therapeutinnen einen Fragenkatalog (3). Diese Fragen gehen zunächst die Ehepartner miteinander durch und später, wenn sich die Kinder entsprechend äußern können, sollte die gesamte Familie ihre Ritualpraxis auf diese Weise beraten. Folgende Fragen sind zum Aufdecken von Fehlformen brauchbar:
Rituale: ein Energiezentrum für FamilienFeste, Bräuche und Rituale können das Familienleben abwechslungsreich, erbaulich und erholsam machen. Sie festigen den Zusammenhalt, schützen vor unbotmäßigen Einflüssen, unterstützen das gegenseitige Vertrauen und tragen zur persönlichen Bereicherung und Vertiefung des Erlebens bei. Rituale wirken auf alle Familienmitglieder konstant und vielschichtig ein. Sie haben ganzheitliche Einflüsse und erzeugen verzweigte Prägungen, die sogar gegensätzliche und ergänzende Auswirkungen haben.So trennen Familienrituale die Familie von der Öffentlichkeit ab. Sie grenzen die Mitglieder von den Ansprüchen der Gesellschaft, der Arbeit und Schule aus und schaffen dadurch eine geschützte Oase der Erholung und Erbauung. Auf der anderen Seite sind Rituale eine Brücke zu anderen Familien und somit auch in die Öffentlichkeit. Mehr noch: Sie bieten sich als Begleiter in Übergängen an, damit sich Kinder unbeschadet aus den Verflechtungen der Familie lösen können und in einer neuen Gemeinschaft ihren Platz finden. Rituale sind wirksame Mechanismen zur Gestaltung und Intensivierung von Beziehungen. Sie markieren, wer innerhalb und wer außerhalb der Familiengemeinschaft steht und sind somit ein Mittel zur Konzentration auf den Binnenraum der Familie. Innerhalb des Familiensystems weisen Rituale den Mitgliedern Rollen, Regeln und Beziehungsformen zu, sind aber andererseits auch offen für kreative und spontane Verhaltensweisen. Dies zeigt sich beispielsweise Tag für Tag darin, wer neben wem am Tisch sitzt und wer in der Familie seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Somit eröffnen Rituale Möglichkeiten und Formen, Beziehungen vielfältig zu gestalten und deren Qualitäten zu unterscheiden. Familientraditionen mit den verschiedenen Ritualformen sind Kennzeichen für Kontinuität und Wandel in den Familien. Wenn die Weihnachtsfeier, die Geburtstagsfeiern der Eltern und Kinder, der Schulabschluss oder ande-re Ereignisse immer mit gleichen Elementen begangen werden, so zeigen sich darin Kontinuität und Konstanz. Dadurch entsteht Sicherheit und Geborgenheit. Zum andern stehen viele Feiern am Ende eines Lebensabschnitts und am Beginn einer neuen Epoche. Somit begleiten Rituale die Übergänge und sind Zeichen für Wandel und Veränderung. Feste und Rituale haben eine eigene Sprache. Sie sind eine besondere Art der Kommunikation, eine Kommunikation mit weitreichenden und tiefgehenden Wirkungen. Manche Publikationen sprechen daher vom Zauber der Rituale, weil die verbalen und nonverbalen Kommunikationsmuster tief greifende Veränderungen bewirken können (4). Beispielsweise wird durch Reden, Gedichte, Lieder und Trinksprüche das alltägliche Reden überhöht und durch Festlichkeit vertieft. Eindruckvoller und tief greifender wirken jedoch in vielen Ritualen die Symbolhandlungen. In Familien läuft auch so manches schief, Partner beleidigen sich gegenseitig, Kinder enttäuschen die Erwartungen, jemand wird schwer gekränkt. Auch in solchen Situationen bieten sich Rituale an, den Ärger und die Verletzungen aufzulösen und einen Neuanfang deutlich zu machen. Mit Hilfe von Ritualen kann Versöhnung und Heilung bekräftigt werden. Quellen
(1) Vgl. Imber-Black, E.; Roberts, J.; Whiting, R. A.: Rituale. Rituale in Familien und Familientherapie, Heidelberg 2001/4. Autor
Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am | ||
Letzte Änderung: 27.06.2006 13:55:11 |