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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wahrnehmung spielerisch fördern

Rita Steininger     Rita Steininger


Im Kindergarten steht Teamarbeit auf dem Programm: Die Kinder sollen gemeinsam ein Bild mit Fingerfarben malen. Mit hochroten Wangen beugen sie sich über die große „Leinwand“, die auf dem Tisch ausgebreitet liegt, die kleinen Hände sind eifrig im Einsatz. Nur Lukas steht abseits. Er will partout nicht mitmachen. Erst als ihn die Erzieherin zum dritten Mal auffordert, taucht er widerwillig eine Fingerspitze in den Farbtopf. Doch schon nach zwei Strichen wischt er sich den Finger ab. Dann geht er zum Händewaschen und weigert sich beharrlich weiterzumalen. Die anderen Kinder sehen ihn vorwurfsvoll an: „Spielverderber!“

Was die Kinder nicht wissen können, die Erzieherin aber schon seit einiger Zeit ahnt: Lukas hat Wahrnehmungsstörungen. Rund 15 Prozent aller Kinder sind davon betroffen. Bei vielen dauert es allerdings Jahre, bis ihre Schwierigkeiten, wenn überhaupt, endlich erkannt werden. Denn es ist nicht leicht, solche Störungen richtig einzuordnen, da sie sich auf höchst unterschiedliche Weise äußern können: Das eine Kind ist launisch und reizbar, das andere ungeschickt in praktischen Alltagsanforderungen, das dritte ängstlich und unnahbar, das vierte unkonzentriert und leicht ablenkbar. Doch anstatt die wahren Ursachen zu sehen, wird den betroffenen Kindern oft nur Widerspenstigkeit oder Faulheit und den Eltern schlechte Erziehung vorgeworfen. Ein echtes Dilemma.

Eltern und Erzieher sollten daher aufmerksam sein und die Entwicklung jedes Kindes genau beobachten. Dazu ist es wichtig zu wissen: Wie sieht eine gesunde Wahrnehmungsentwicklung aus? Woran erkennt man Wahrnehmungsstörungen? Und vor allem: Was kann man tun, um einem betroffenen Kind rechtzeitig zu helfen?

Was ist Wahrnehmung?

Wahrnehmung ist die Aufnahme von Reizen durch die Sinnesorgane und ihre Verarbeitung im Gehirn. Die sieben Sinne (Sinnesorgane) sind:
  • der Sehsinn (Augen)
  • der Gehörsinn (Ohren)
  • der Geruchssinn (Nase)
  • der Geschmackssinn (Zunge)
  • der Haut- oder Tastsinn (Haut)
  • der Muskel- und Stellungssinn und
  • der Gleichgewichtssinn.
Schon bei neugeborenen Babys sind alle diese Sinne mehr oder weniger gut ausgebildet, sie müssen sich aber im Lauf der ersten Lebensjahre noch weiter ausdifferenzieren. Nicht nur das, sie müssen auch lernen, optimal zusammenzuarbeiten, um verschiedene Sinneseindrücke immer besser zu einem „sinnvollen“ Ganzen zu verknüpfen. Nur so kann sich ein Kind gesund entwickeln und wesentliche Fähigkeiten entfalten: vom Denken, Lernen, Sprechen und Verhalten bis hin zur Körpergeschicklichkeit und koordinierten Bewegung.

Woran man Wahrnehmungsstörungen erkennt

Ganz allgemein äußern sich Wahrnehmungsstörungen durch verschiedenste Merkmale – hier nur einige Beispiele:
  • Bei einer Störung der Hörwahrnehmung hat das Kind Schwierigkeiten, Gehörtes richtig einzuordnen, und kann daher oft nicht angemessen reagieren.
  • Bei Störungen der Grob- und Feinmotorik wirkt das Kind tollpatschig und ungeschickt und hat Schwierigkeiten mit vielen Alltagsanforderungen, zum Beispiel seine Kleidung zuzuknöpfen oder sich die Schuhe zu binden.
  • Wenn die Wahrnehmung der Haut gestört ist, reagiert das Kind meistens sehr berührungsempfindlich. Weiche, fließende Materialien wie Sand und Wasser oder Fingerfarben sind ihm ebenso unangenehm wie Barfußlaufen über eine Wiese.
  • Eine Störung des Muskeltonus bewirkt, dass das Kind Schwierigkeiten bei der Kraftdosierung hat – das wirkt sich zum Beispiel auf die Stifthaltung beim Schreiben und Malen aus.
  • Bei einer Störung des Gleichgewichtssinns und der räumlichen Orientierung (Sehwahrnehmung) stößt sich das Kind auffallend oft an oder fällt ständig hin.
  • Nicht zuletzt gehen Wahrnehmungsstörungen sehr oft mit Konzentrationsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten einher.

Bei Verdacht auf Wahrnehmungsstörungen sollten Eltern ihr Kind ärztlich untersuchen lassen. Am besten wenden sie sich an ihren Kinderarzt oder einen Neurologen, der ihnen die ärztliche Verordnung für eine gegebenenfalls anstehende Therapie ausstellen kann (zum Beispiel Ergotherapie oder Krankengymnastik).

Außerdem sollten Eltern regelmäßig Gespräche mit den Erzieherinnen im Kindergarten führen. Denn oftmals äußern sich Wahrnehmungsstörungen dort ganz anders als zu Hause. Bei einer Störung der Hörwahrnehmung beispielsweise spielt die Geräuschkulisse im Kindergarten eine wichtige Rolle. Das betroffene Kind ist ab einem gewissen Lärmpegel nicht mehr in der Lage, gezielte Informationen aufzunehmen, da es die Hintergrundgeräusche nicht ausblenden kann. Die Folge: Es versteht Gesagtes nicht und kann daher nicht angemessen reagieren. Zu Hause ist das meistens anders. Dort hat man weder den Lärmpegel einer großen Gruppe noch muss man ihn über eine gewisse Distanz, wie zum Beispiel einen großen Gruppenraum, hinweg übertönen, sondern kann das Kind direkt ansprechen. So fallen einem die Verständnisschwierigkeiten des Kindes weniger auf.

Kinder spielerisch fördern

Was können Eltern – neben einer professionellen Förderung – selber tun, um die Wahrnehmung ihres Kindes gezielt zu fördern und seine gesunde Entwicklung zu unterstützen?

Als erste Möglichkeit bietet sich die Mitarbeit im ganz normalen Alltag an. Anstatt dem Kind jeden Handgriff abzunehmen, sollten die Eltern es bewusst zu kleinen Tätigkeiten im Haushalt heranziehen: Den Tisch decken, einen Teig anrühren, Socken sortieren, den Fußboden kehren – all das sind Aufgaben, bei denen schon die Kleinsten mithelfen können und die ihnen das schöne Gefühl vermitteln, etwas Wertvolles zu leisten. Ganz nebenbei werden Wahrnehmung und Geschicklichkeit in vielfältiger Weise trainiert.

Es gibt außerdem einige praktische Geräte und Gegenstände, die für eine gezielte Wahrnehmungsförderung sehr hilfreich sein können – zum Beispiel Trampolin und Hängematte, die den Haut- und Gleichgewichtssinn anregen, oder Kirschsteinsäckchen und Fußmassageroller, die die Körperwahrnehmung verbessern.

Am meisten Spaß aber versprechen kreative Förderspiele, die alle Sinne anregen und nicht nur kleine, sondern auch größere Kinder zum Mitmachen motivieren. Hier einige Beispiele:
  • Bilder-Kim: Das Kind bekommt ein großes, ansprechendes Bild oder eine bebilderte Seite eines Kinderbuchs vorgelegt. Nachdem es sich das Bild etwa zwei Minuten lang genau angesehen hat, wird das Bild umgedreht. Das Kind soll nun alle Einzelheiten beschreiben, die es auf dem Bild gesehen und sich gemerkt hat. Dieses Spiel fördert vor allem die Sehwahrnehmung, die Konzentration und das Gedächtnis.
  • Wo tickt es? Das Kind wird aus dem Zimmer geschickt und wartet vor der Tür. In der Zwischenzeit versteckt die Mutter oder der Vater eine tickende Uhr im Raum. Das Kind wird hereingerufen und soll versuchen, die Uhr durch aufmerksames Horchen zu finden. Mit diesem Spiel wird vor allem die Hörwahrnehmung trainiert.
  • Tastversteck: In einem Korb oder einem Säckchen mit getrockneten Erbsen oder Linsen wird ein kleiner Gegenstand versteckt – zum Beispiel ein Spielzeugauto oder ein Holzbaustein. Das Kind lässt sich die Augen verbinden und soll mit den Händen so lange darin wühlen, bis es den Gegenstand ertastet hat. Es geht bei diesem Spiel darum, den Tastsinn zu schulen.
  • Ri-ra-rutsch: Der Erwachsene breitet eine Decke auf dem Boden aus und lässt das Kind darauf Platz nehmen. Anschließend fasst er die Decke an einem Ende und beginnt, das Kind kreuz und quer durch den Raum zu ziehen. Die Bewegungen sollten gleichmäßig, nicht ruckartig sein, damit der kleine Passagier nicht das Gleichgewicht verliert. Anstatt zu sitzen kann das Kind auch auf dem Bauch oder Rücken liegen. Diese Übung spricht vor allem den Tastsinn, den Gleichgewichtssinn und die räumliche Wahrnehmung an.

Neben diesen gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, ein Kind – oder auch mehrere Kinder gemeinsam – mit Spaß zu fördern. Zum Beispiel mit schönen alten Kinderspielen: Abzählverse und Klatschspiele, die jeder Erwachsene aus seiner Kindheit kennt, regen die Sprache und das Rhythmusgefühl an. Gruppenspiele wie „Ochs am Berg“, Kästchenhüpfen und Schleuderball fördern die Körperkoordination, das Reaktionsvermögen und das soziale Miteinander.

Das Buch zum Thema

Rita Steininger
Kinder lernen mit allen Sinnen
Wahrnehmung im Alltag fördern
Klett-Cotta, 2005

In diesem Buch sind neben den oben genannten Anregungen und Spielen noch viele weitere Möglichkeiten zur Erkennung von Wahrnehmungsstörungen und zur gezielten Förderung von Kindern beschrieben; außerdem enthält das Buch Hinweise auf professionelle Therapie- und Fördermöglichkeiten für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen.


Literatur

Ayres, Jean. Bausteine der kindlichen Entwicklung. Springer-Verlag, 2002 (5. Aufl.)

Biermann, Ingrid. Spiele zur Wahrnehmungsförderung. Herder, 1999

Hirler, Sabine. Wahrnehmungsförderung durch Rhythmik und Musik. Herder, 1999 (4. Aufl.)

Langosch-Fabri, Hella. Alte Kinderspiele neu entdecken. Rowohlt, 2003

Pauli, Sabine, Andrea Kisch. Was ist los mit meinem Kind? Urania-Ravensburger, 2002

Pfluger-Jakob, Maria. Wahrnehmungsstörungen bei Kindern. Kindergarten heute spezial, Herder, 2001 (4. Aufl.)

Spallek, Roswitha. Gesunde Sinne für starke Kinder. Walter Verlag, 2004

Steininger, Rita. Wie Kinder richtig sprechen lernen. Klett-Cotta, 2004

Thiesen, Peter. Mit allen Sinnen spielen. Beltz, 1997 (2. Aufl.)

Zimmer, Renate. Handbuch der Sinneswahrnehmung. Herder, 1998 (6. Aufl.)

Zimmer, Renate. Mit allen Sinnen die Welt erfahren. Herder, 2004


Autorin

Rita Steininger ist freie Lektorin, Journalistin und Autorin und Mutter von zwei Kindern. Sie hat u.a. Ratgeberbeiträge und Sachbücher zu Themen aus den Bereichen Gesundheit, Psychologie und Familie veröffentlicht.

E-Mail: Rita Steininger

Internet: www.rs-textredaktion.de





Letzte Änderung: 11.08.2005 13:49:53Zum Seitenanfang