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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Sexualerziehung in der Familie

Konrad Weller       Konrad Weller


Menschliche Sexualität, das geschlechtliche Verhalten und Erleben ist ein komplexes Zusammenwirken biologischer, psychischer und sozialer Prozesse. In jedem dieser Bereiche vollziehen sich kontinuierliche Entwicklungsprozesse, aber auch qualitative Sprünge. Der wichtigste dieser Umschlagpunkte ist zweifellos die Geschlechtsreife. Aufgrund solcher neu entstehenden Qualitäten ist die Sexualität Erwachsener nicht mit der von Kindern gleichzusetzen. Aber bestimmte Komponenten der Sexualität existieren vom ersten Lebenstag an. Insofern ist auch für die Sexualerziehung in der Familie angeraten, dass sie in den jeweils notwendigen und möglichen Formen bewusst praktiziert wird und nicht dem Zufall überlassen bleibt.

Sexualerziehung - von Geburt an und immer - ist keine überhöhte, unsinnige Forderung. Sie ist, wie Erziehung auf anderen Gebieten auch, keineswegs zu beschränken auf aufklärende Wissens- und Normenvermittlung. Sexualerziehung ist in erster Linie der praktische Umgang miteinander. Die emotionale gefühlsbetonte Eltern-Kind-Beziehung ist eine Grundlage für die Wirksamkeit anderer Erziehungskomponenten. "Streicheleinheiten", die das Gefühl einer sicheren Bindung und Geborgenheit vermitteln, sind ebenso lebensnotwendig wie Essen und Trinken. Jedes Kind sucht die Zärtlichkeit der Erwachsenen. Es muss sie ausreichend erhalten, um später selbst tiefe emotionale und erotische Partnerbindungen eingehen zu können. Gerade die Gefühlsentwicklung und die Fähigkeit, sich auf Beziehungen zu anderen Menschen vertrauensvoll einzulassen, werden in der frühen Kindheit entscheidend geprägt. Sie sind später nicht mehr grundsätzlich änderbar.

Kleinkinder sind sehr sinnliche Wesen. Sie genießen den Hautkontakt, beim Stillen, bei der Körperpflege und sie erkunden sich auch selbst, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Über solch lustvolle "Autoerotik" entwickelt sich die Einstellung zum eigenen Körper. Deshalb sind nackte Spielphasen wichtig, ohne hinderliche Pampers und auch der unbefangene Umgang zwischen Eltern und Kindern, z.B. das gemeinsame Bad.

Geschlechtstypische Erziehung

Auch wenn Eltern sich dessen oft nicht bewusst sind: Entwicklungspsychologische Studien belegen, dass vom ersten Lebenstag an Jungen anders als Mädchen erzogen werden. Mit Mädchen wird z.B. mehr gesungen und gesprochen, Jungen werden mehr zu körperlicher Aktivität angeregt. Moderne Eltern werden das nicht wollen und man kann z.B. durch die Wahl des Spielzeugs dafür sorgen, dass beide Geschlechter einen gleich großen "Spielraum" bekommen und stereotype Einseitigkeiten verhindert werden (Jungen nur mit Monster-Trucks hantieren und Mädchen die Barbie-Puppe kämmen). Entscheidend ist jedoch, dass Eltern in der Lage sind, sensibel auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen und dass sie ihre eigenen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen reflektieren. Denn diese selbst gelebten Geschlechtsrollen wirken modellhaft für Kinder und werden bereits in frühen Jahren übernommen und aus ihnen resultieren auch viele Erwartungen an das Kind.

Der Dreiecks-Konflikt

Gut ist, wenn Eltern in der Lage sind, eine liebevolle Partnerschaft vorzuleben. Dabei geht es nicht nur um das Modell einer Partnerschaft, mit dem sich ältere Kinder und Jugendliche in Bezug auf ihre eigene Lebensperspektive identifizieren können. Zunächst geht es allgemeiner um die zwischenmenschliche Balance, die Ausgeglichenheit in der Mutter-Vater-Kind-Beziehung. Die Tatsache, dass Kinder eifersüchtig reagieren, wenn Eltern vor ihren Augen Zärtlichkeiten austauschen, hält die Erwachsenen oft ab, das zu tun. Aber es ist durchaus entwicklungsförderlich, wenn Kinder einen solchen Dreiecks-Konflikt erleben und akzeptieren müssen, dass die Eltern ihr eigenes intimes Hoheitsgebiet besitzen. Diese Erkenntnis können sie besonders dann gut verarbeiten, wenn sie spüren, dass sie trotzdem von beiden geliebt werden.

Über Sexualität sprechen

Unbefangenheit und Zärtlichkeit im täglichen Umgang zwischen Eltern und Kleinkindern bilden die Grundlagen der Sexualentwicklung. In späteren Jahren wird die eigene Geschlechtlichkeit zunehmend bewusst erlebt. Der intellektuelle Anteil an der Erziehung nimmt dann zu. Das Kind stellt mehr und mehr neugierige Fragen. Sexuelle Aufklärung bedarf der Worte und sprachlichen Formulierungen, und diese müssen altersgerecht, verständlich und konkret sein. Die Nutzung offizieller Begriffe wie Glied, Scheide, Geschlechtsverkehr usw. ist unbedingt notwendig, wirkt aber oft gegenüber der Alltagssprache sehr gekünstelt, so dass es günstig ist, der Normalität des Sexuellen Rechnung zu tragen und auch einen salopperen Wortschatz zu verwenden (Puller, Muschi...usw.). Sich nur auf dieses Vokabular zu beschränken, wäre allerdings ungünstig. Eine wichtige Aufgabe der familiären Verständigung über intime Dinge besteht auch darin, von anderen Kindern oder Erwachsenen aufgeschnappte Jargon-Formulierungen zu erklären und entsprechende Synonyme anzubieten.

Von zentraler Bedeutung bei der sexuellen Wissensvermittlung ist die umfassende Information über das Zustandekommen der Kinder und darüber hinaus über die Praxis des elterlichen Geschlechtsverkehrs und die dabei erlebte wechselseitige Beglückung. Das heißt für die Erwachsenen, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Schweigen sich Eltern hierzu schamhaft aus, finden Kinder dafür (wenn sie aus anderen Quellen informiert werden) nur eine logische Erklärung: die Unanständigkeit dieses Tuns. Zur umfassenden sexuellen Aufklärung gibt es keine Alternative. Nicht die Information bringt auf "dumme Gedanken", sondern eine falsche, halbwahre, mystische und verschwommene Kenntnis.

Im Vorfeld der Pubertät sollten die wesentlichen Aspekte der Sexualität diskutiert sein. Für die meisten Eltern stellt die Wissensvermittlung über Sexualität kein Problem mehr dar. Die Mädchen werden durch ihre Mütter im Allgemeinen ausreichend aufgeklärt, spätestens im Zusammenhang mit den bei Eintritt der Menstruation notwendigen hygienischen Maßnahmen. Andererseits ist aber bei vielen Jungen eine Vernachlässigung festzustellen. Sie werden mit ihrer Sexualentwicklung oft noch allein gelassen. Vor allem die Väter sollten hier aktiver werden. Die Mütter-Töchter-Beziehungen sind allgemein ungezwungener als die von Vätern und Söhnen.

Heranwachsenden muss in zunehmendem Maße Vertrauen und Toleranz entgegengebracht werden. Der Dialog zwischen Eltern und Jugendlichen bleibt damit erhalten. Sie werden dann Rat und Hilfe bei Problemen im sich entwickelnden partnerschaftlichen Verhaltensbereich auch weiterhin bei den Eltern suchen. Grundsätzlich verzichtet werden sollte deshalb auf prophylaktische Verbote, Warnungen oder gar Drohungen. Moralistische Verhaltensnormen sind leicht zu verkünden, zumeist jedoch schwer zu begründen. Überzeugen kann nur das sachkundige Argument. Warnungen vor den Folgen sexueller Handlungen führen eher zu Heimlichtuerei, zur Herausbildung von Ängsten und Schuldgefühlen, als dass sie Verhalten wirksam beeinflussen. Nicht selten sind auch "Bumerang-Effekte" - Trotzreaktionen gegenüber unsinnigen Verboten und Normen. Und im Übrigen übt Verbotenes immer einen besonderen Reiz aus.

Zweifellos entstehen mit dem Eingehen von erotischen Partnerbeziehungen und der Aufnahme sexueller Kontakte bestimmte Risiken. Aber diese Gefahren vermindert man am besten durch die Schaffung günstiger Bedingungen für die Entwicklung jugendlicher Partnerschaften, durch freundliches Interesse an der Beziehung ohne zuviel Neugier und durch Toleranz.

Welches Sexualverhalten von Kindern und Jugendlichen ist "normal"?

Jeder Erwachsene stellt sich bei der Bewertung kindlicher und jugendlicher Verhaltensweisen diese Frage. Wenn im Folgenden für bestimmte Lebensalter normale sexuelle Verhaltensweisen aufgezeigt werden, so stehen sie für gegenwärtig typische, häufig anzutreffende, charakteristische Erscheinungen. Eine solche Darstellung ist sinnvoll, da einerseits eigene Kindheitserinnerungen gerade auf dem Gebiet der Sexualität oft merkwürdig lückenhaft und fehlerhaft erscheinen, und andererseits manche eigene Erfahrung nicht mehr zeitgemäß ist. Das "Normale" steht jedoch weder insgesamt noch im Einzelfall beim eigenen Kind für das unbedingt Nötige, Anzustrebende und Vernünftige. Das Lebensalter ist nur ein Ordnungskriterium für die Beschreibung sexuellen Verhaltens und Erlebens. Die wesentlichen Bedingungen sind dahinter stehende körperliche und psychosoziale Entwicklungsprozesse. Jede Bewertung sexuellen und partnerschaftlichen Verhaltens muss die Zusammenhänge zu diesen Bedingungen herstellen und die jeweiligen individuellen Besonderheiten berücksichtigen. Diese individuellen Besonderheiten existieren vom ersten Lebenstag an und nehmen mit dem Alter zu.

Frühe Kindheit und Vorschulalter

Sexuelle Verhaltensweisen zeigen sich bereits in den ersten Lebensjahren. Der eigene Körper wird spielerisch erkundet, es kommt zur Reizung und Erregung der Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane und zu masturbationsähnlichen Handlungen. Obwohl man davon ausgehen kann, dass bereits in der frühen Kindheit auf diese Weise lustvolle, orgasmusartige Gefühle erzeugt werden, ist bei Kindern keinesfalls jede Penis- oder Klitorisversteifung sexueller Art. Erektionen sind auch spontaner Ausdruck aller möglichen psychischen Erregungszustände, von Freude, aber auch von Angst. Die häufigen morgendlichen Gliedversteifungen bei Jungen, die zum Spielen am Genital veranlassen, kommen vor allem durch den Druck der gefüllten Harnblase auf die Prostata (Vorsteherdrüse) zustande.

Etwa im dritten Lebensjahr beginnen die Kinder die beiden Geschlechter zu unterscheiden und werden sich damit auch ihrer eigenen Geschlechtszugehörigkeit bewusst. Das führt zu steigendem Interesse an eigenen Geschlechtsbesonderheiten und denen anderer Kinder und Erwachsener. Die Sexualorgane stehen dabei nicht unbedingt im Vordergrund. Ein Vollbart oder ein ausgeprägter "Adamsapfel" beeindrucken genauso wie die weibliche Brust oder die Schambehaarung. Gemeinsam mit anderen Vorschulkindern, bei Mutter/Vater/Kind-, Heirats- oder Doktorspielen kommt es zum wechselseitigen Beschauen des Körpers, zum Umarmen, Betasten und Küssen. Entsprechend den jeweiligen Erfahrungen wird das Partnerverhalten der Eltern oder anderer Erwachsener nachgeahmt.

Etwa ab dem dritten bis vierten Lebensjahr werden an bevorzugte Personen des anderen Geschlechts Liebes- und Heiratserklärungen abgegeben, oft an den andersgeschlechtlichen Elternteil. Letzteres ist als große Ehre und Zuneigungsbeweis aufzufassen und sollte nicht als Unsinn abgetan werden. Es empfiehlt sich, die durchaus ernsthaften Überlegungen des Kindes, wen man später heiraten könnte, genauso "auszudiskutieren" wie die ersten Vorstellungen von einem künftigen Beruf.

Aus dem kindlichen Spiel mit Erwachsenen, das viele spätere Momente des Beziehungs- und Sexuallebens in symbolischer Form vorwegnimmt, resultieren wichtige Grunderfahrungen. Der Heiratsantrag heißt ja auch: Bin ich attraktiv und begehrenswert? Und wenn der Vater die Tochter auf deren Wunsch in die Höhe hebt oder durch die Luft schleudert, dann ist das die pure Angst-Lust, der "thrill", ein risikoreiches Sich-Hingeben.

Heutzutage werden im Allgemeinen bereits im Vorschulalter alle wesentlichen Fragen zu Schwangerschaft, Geburt und Zeugung gestellt. Besonders unter städtischen Wohnbedingungen, wo in ihrer Freizeit viele Kinder unterschiedlicher Altersgruppen zusammentreffen, wird frühzeitig sexuelles Wissen einschließlich vielfältiger Kraftausdrücke erworben. Eltern, die sich von der Wiedergabe dieser Erkenntnisse durch ihre Kinder schocken lassen, sind schlecht beraten. Gerade im Vorschulalter ist die ausreichende und offene Beschäftigung mit solchen Problemen durch Eltern sehr wichtig. (Siehe Beitrag: Sexualität in Kindertagesstätten )

Mittlere und späte Kindheit

Bereits im Schulalter ist das spielerische Masturbationsverhalten, besonders bei den Jungen, weit verbreitet. Das trifft auch für sexuelle Aktivitäten mit Partnern zu. Allerdings belegen sexualwissenschaftliche Studien, dass das früher noch häufig beschriebene zeitweilige homosexuelle Verhalten von Jungen sehr selten geworden ist. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Jungen heutzutage frühzeitig Homosexualität thematisieren (und einschlägige Vokabeln in ihre Schimpfwortkataloge übernehmen), und deshalb in ihrem Verhalten alles vermeiden, was als unmännlich und schwul gelten könnte.

In den ersten Schuljahren bleiben Jungen und Mädchen in der Regel unter sich, bilden gleichgeschlechtliche Gruppen und grenzen sich voneinander ab. Freundschaften zwischen Jungen und Mädchen werden verspottet. Im gleichgeschlechtlichen Freundes- bzw. Freundinnenkreis kursieren sexuelle Witze, Aktfotos und dergleichen. Es kommt auch zu sexuellen Attacken zwischen den Geschlechtern, man hänselt sich gegenseitig, benutzt Kraftausdrücke und gelegentlich kommt es auch zu körperlichen Übergriffen (Mädchen werden z.B. "begrabscht"). Solche Grenzüberschreitungen sind fast immer Ausdruck sexueller Neugierde, aber sie haben auch ein Gewaltpotential in sich und können verletzen. Deshalb ist der respektvolle Umgang zwischen den Geschlechtern in diesem Alter ein wichtiges Erziehungsthema.

In späteren Jahren wird das Verhältnis zwischen Mädchen und Jungen wieder friedlicher. Es kommt zu Briefwechsel, zur Kontaktaufnahme per Handy und SMS, zu ersten Verabredungen ins Kino, zum "Miteinander-gehen", zum ersten Kuss.

Im mittleren Schulalter nimmt auch das Interesse an Zeitschriften und anderen Medien, in denen Sexualität und Partnerschaft thematisiert werden stark zu, allerdings bei Mädchen wesentlich stärker als bei Jungen.

Pubertät und Jugendalter

Die Pubertät ist zwar primär eine körperliche Reifungsphase, sie ist aber in psychischer und sozialer Hinsicht äußerst folgenreich. Insofern wird die gesamte Persönlichkeitsentwicklung stark beeinflusst. Pubertät (vom lateinischen Wort pubesco = behaart werden) ist die Phase der Entwicklung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale, einschließlich der Reifung erster Keimzellen. Sie umfasst bei Mädchen etwa den Zeitraum von 10 - 16 Jahren, bei Jungen liegt sie im Durchschnitt ein Jahr später. Die erste Regelblutung tritt im Durchschnitt mit 12 bis 13 Jahren auf, der erste Samenerguss mit 13 bis 14, wobei es starke individuelle Unterschiede gibt.

Die Pubertät steht sinnbildlich für psychische Labilität, für "Identitätskrise" - kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen zu sein. Die moderne neurobiologische Forschung hat für die oft beschriebene Dünnhäutigkeit pubertärer Jugendlicher, für ihr oftmals unangemessenes zwischenmenschliches Verhalten Ursachen ausfindig gemacht: Tatsächlich liegen, salopp formuliert, die Nerven in den Köpfen Pubertierender blank. Die Hormonproduktion beschleunigt das Körperwachstum und führt so zu Disproportionen (erst wachsen Arme und Beine, dann der Rumpf), das macht phasenweise schlaksig, ungelenk, tolpatschig, beschert Koordinationsprobleme, Jungen erleben den Stimmbruch. Hinzu kommt die vermehrte Talg- und Schweissproduktion, die Pickel verursacht und unangenehmen Körpergeruch. Wenn Nacktheit bisher kein Problem war, so werden jetzt die ersten Schamhaare schamhaft verhüllt.

Neben der Entwicklung der Geschlechtsorgane ist vor allem das Längenwachstum ein wesentliches Pubertätsmerkmal. Extreme Körpermaße können das zwischenmenschliche Verhalten geschlechtsspezifisch beeinflussen, weil sie bestimmten Leitbildern widersprechen und besonders den Jungen belasten, der nicht "groß und stark" ist, oder das Mädchen, welches nicht "klein und zierlich" ist. Aufgrund des allgemeinen Entwicklungsvorsprungs der Mädchen gegenüber den Jungen ist das unter Gleichaltrigen in der Schulklasse recht häufig der Fall. Zu den potentiellen Problemgruppen gehört im Alter ab 10 bis 11 Jahren etwa jedes zehnte Mädchen aufgrund überdurchschnittlicher Körpergröße und der frühzeitigen Ausprägung weiblicher Rundungen. Allerdings handelt es sich hier überwiegend nur um eine Vorverlegung des Wachstums ohne überdurchschnittliche Endgröße. Etwas problematischer ist die Situation bei den Jungen. Mit 15 bis 16 Jahren ist etwa jeder siebte körperlich retardiert, also zu klein.

Falls sich Eltern unsicher sind, ob die körperliche Entwicklung ihrer Kinder einen normalen Verlauf nimmt, sollten sie einen Arzt aufsuchen. Wird dort eine extreme Wachstumsprognose bestätigt, sind eventuell medizinische Gegenmaßnahmen möglich. Bei allen Heranwachsenden, und insbesondere bei denen, die sich als "unnormal und mangelhaft" erleben, sollte immer versucht werden, gezielt die in jedem steckenden Stärken zu entdecken, zu fördern und zu betonen. Dafür bietet z. B. der Sport auch kleinen Jungen und großen Mädchen gute Möglichkeiten.

Typisch für das Jugendalter ist die Zuwendung zu Gleichaltrigen, den sogenannten Peer groups. Hier gibt es gleiche Interessen, z.B. bei Musik und Mode und die peer group ist auch eine wichtige "Argumentationshilfe" gegenüber Eltern: "Die andern haben alle ein piercing - ich will auch eins, sonst bin ich out ... Jana muss erst um zehn zu Hause sein, warum ich schon um neun...". Hinter all diesen konkreten Verhandlungen steht die allmähliche "Abnabelung" von den Eltern, was insbesondere Müttern oft Kummer bereitet. In dieser Phase ist es oft nicht leicht, angemessen zu handeln. Hilfreich ist in jedem Fall, wenn Eltern sich untereinander einig sind und wenn sie auch Kontakt zu anderen Eltern haben.

Freundschaft, Partnerschaft, Verliebtsein ist heutzutage schon ausgangs der Kindheit und insbesondere im Jugendalter etwas völlig Alltägliches. Manche diese Verbindungen erweisen sich schon als sehr dauerhaft. Ebenso normal ist jedoch, dass Jugendlieben sich rasch wieder lösen und neue herausbilden. Das sind notwendige und sinnvolle Prozesse der Selbsterkenntnis und des Einübens partnerschaftlicher Verhaltensweisen.

Eine neue Qualität der Liebesbeziehungen Jugendlicher erwächst mit der Aufnahme des Geschlechtsverkehrs. Das ist im Durchschnitt mit 17 Jahren der Fall, wobei in den letzten Jahren die Altersstreuung stark zugenommen hat. Etwa jeder vierte Jugendliche erlebt den ersten Geschlechtsverkehr bereits mit 15, während andererseits auch die Zahl derer, die bis nach dem 18. Geburtstag warten, wieder zugenommen hat.

Dabei ist für die sexuelle Entwicklung der Persönlichkeit und ihres Partnerverhaltens insgesamt weniger wichtig, wann, sondern unter welchen Bedingungen und wie der erste Geschlechtsverkehr zustande kommt.

Sehr positiv ist, dass heutzutage beim ersten Geschlechtsverkehr häufiger verhütet wird als je zuvor. Zwei Drittel aller Jugendlichen nutzen Kondome und viele Mädchen nehmen auch schon weit vor dem ersten Verkehr die Pille. Andererseits kommt "das erste Mal" gerade bei den "Frühstartern" oft sehr spontan und unvorbereitet zustande.

Das ist auch bei Jugendlichen der Fall, die nicht in der Lage sind, stabile Partnerbeziehungen einzugehen. In solchen Situationen ist die Möglichkeit einer unerwünschten Schwangerschaft groß. Aber auch die Gefahr der Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit oder einer AIDS-Infektion besteht.

Sexuelle Früh- und Wechselaktivitäten sind eng mit bestimmten Persönlichkeits- und Lebensbedingungen gekoppelt. An vorderer Stelle stehen gestörte Beziehungen zu den Eltern, schulische Leistungsprobleme und berufliche Perspektivlosigkeit. So können Jugendliche, denen Selbstbestätigung und soziale Anerkennung in der Schule nicht ausreichend gelingen, dazu tendieren, auf anderen Gebieten, z. B. auf dem der Sexualität, Erfolge anzustreben. Hierbei ist Leistungsschwäche bzw. -versagen nicht Folge, sondern Ursache eines bestimmten Partner- und Sexualverhaltens. Die Sexualität wird Mittel zum Zweck.

Die günstigsten Bedingungen für den ersten Geschlechtsverkehr finden sich in einer stabilen Partnerschaft, in der beide Partner zärtlich und ohne Angst vor negativen Folgen miteinander umzugehen lernen. Eltern sollten deshalb den Aufbau dauerhafter Partnerbeziehungen ihrer Kinder unterstützen. Auch wenn am Beginn einer jungen Liebe schon einmal Hausaufgaben unerledigt bleiben, so überwiegen doch perspektivisch die förderlichen Aspekte für alle Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung.

Literatur

Für Kinder und Eltern

Erlbruch, W.: Das Bärenwunder. Wuppertal 1996

Herrath, F.; Sielert, U.: Lisa & Jan. Ein Aufklärungsbuch für Kinder und ihre Eltern. Weinheim 1991

Fagerström, G.; Hansson, G.: Peter, Ida und Minimum. Ravensburg 1979

Ratgeber für Eltern

BZgA (Philipps, Ina M.): Körper, Liebe, Doktorspiele. Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung vom 1. bis zum 3. Lebensjahr Köln 2002

BZgA (Philipps, Ina M.): Körper, Liebe, Doktorspiele. Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung vom 4. bis zum 6. Lebensjahr Köln 2002

Canziani, W.: Was Sie Ihrem Kind schon lange über Liebe und Sex sagen wollten. Sexualerziehung in der Familie. Zürich 1993

Elternbriefe des Arbeitskreises Neue Erziehung - dazu: Gisela Steppke-Bruhn im Online-Familienhandbuch

Kentler, H.: Eltern lernen Sexualerziehung. Reinbek 1981

Mönkemeyer, K.: Kindliche Sexualität heute. Weinheim 1993

Nitsch, C. u.a.: Sexualität im Familienalltag. München 1992

Autor

Prof. Dr. Konrad Weller, Diplompsychologe
Fachhochschule Merseburg, Leiter des Sexualpädagogischen Zentrums am Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur
Geusaer Str. 88
O6217 Merseburg
E-Mail: Prof. Dr. Konrad Weller

Informationen zum Sexualpädagogischen Zentrum unter: www.sexpaed.de


Letzte Änderung: 09.12.2009 16:53:16Zum Seitenanfang