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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Schwarze Männer und Lichtgestalten

Martin Doehlemann      Foto: Martin Doehlemann



Das "archaische" Naturerleben von Kindern - und der heutige Mangel an Möglichkeiten

Es gibt ein kindliches Naturerleben, das man "archaisch" nennen kann - und wer es genauer kennenlernen will, möge Volksmärchen und alte Sagen (und vielleicht auch die Bibel, vor allem das alte Testament) zur Hand nehmen und darauf achten, wie und als was welche "Natur" erscheint. Die Erwachsenen von damals, die solche Geschichten erzählten, sind in gewisser Weise mit heutigen Kindern eher vergleichbar als mit heutigen Erwachsenen, die sozusagen über die Jahrhunderte immer erwachsener wurden. Das hängt zusammen mit der "Rationalisierung" der äußeren und inneren Lebensumstände, wozu die effizienzbezogene Straffung der Handlungsvollzüge und Versachlichung gehören - nämlich die geforderte Trennung von Sachurteilen, Werturteilen, Wunschbildern und Gefühlen.

Das archaische Umwelterleben ist eine buntbewegte, wechselhafte Einheit von "Hineinlesen" und "Herauslesen" - gebunden an schwankende Gefühle. Entdecken und Beseelen gehen in eins. Scheinbar leblosen Gegenständen wird Leben eingehaucht und Lebewesen werden verwandelt: Die archaische "Weltanschauung" stößt auf Gestalten, Gesichter und Gebärden, die wir Modernen uns kaum noch träumen lassen.

Hier ist ein Unterschied zwischen der Sicht von Kindern und der von Märchen und Sagen anzumerken: Während die kindlichen Naturanschauungen meist flatterhaft, unzusammenhängend und vorläufig bleiben, wurden die der Märchen und Sagen über die Zeiten der mündlichen Überlieferung und schriftlichen Fixierung hin "reifer", beständiger und oft ausgeschmückt.

Natürlich kennen unsere Kinder nicht nur archaisches Umwelterleben, sondern bekunden auch physikalische Erkenntnisinteressen. Um das an Äußerungen von vier- bis ca. siebenjährigen Kindern angesichts des Meeres zu verdeutlichen: "Warum klappt das Meer immer um?" "Warum macht der Stein kein Loch ins Wasser?" "Wohin geht das Meer" (bei Ebbe)? Solche (manchmal originell formulierten) Fragen verraten einen eher "physikalischen" Blick - wobei die letzte Frage vielleicht auch aus einer eher archaischen, beseelenden Betrachtungsweise kommt; denn "gehen" kann eigentlich nur ein Lebewesen, dem auch manches wehtun kann: "Das arme Wasser. Ob ihm das weh tut" (wenn die Leute darin waten)? Eine eigentümliche Mischung aus physikalischer und archaischer Sichtweise verrät auch der entsetzte Ausruf eines Jungen, der zum ersten Mal am Meer war und etwas Salzwasser in den Mund bekam: "Das ist Pinkel von Gott." Er wusste, daß Gott im Himmel wohnt, und sah, dass am Horizont Himmel und Meer aneinander stoßen.

Charly Chaplin (1889-1977) erinnert sich an den ersten Anblick der See: "Als ich mich ihr in strahlendem Sonnenlicht auf einer bergab führenden Straße näherte, kam sie mir wie etwas Schwebendes, wie ein zitterndes lebendiges Ungeheuer vor, das bereit war, sich auf mich zu stürzen." Das Meer als Lebewesen - im besonderen als Ungeheuer, das den Rachen aufreißt oder im Hafen mit dem grünen Blick tückischer Bosheit hin und her schwankt: Dass solche archaischen Sichtweisen von Kindern für den erwachsenen Begleiter (und später in den Kindheitserinnerungen der Zurückdenkenden) einen poetischen Zauber ausströmen können, mag auch eine Reminiszenz der Schriftstellerin Isolde Kurz (1853-1944) an "ihren Fluß" belegen: "In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen. Er hatte aber auch noch ein anderes, dämonisch wildes Gesicht, das ich schaudernd noch mehr liebte: Dort an der nach Eßlingen führenden, bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte sich sein Lauf für mein Auge ins Unermessliche. Unter den Pfeilern schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau, daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war."

Wir wollen archaische Sichtweisen von Kindern (und unseren alten Vorfahren) an den Beispielen vom "Dunklen", vom "Brennesselköpfen" und vom "Hellen" ein wenig verfolgen.

Die neugierige Furcht: Was birgt und bringt die Dunkelheit?

Wenn am Himmel dunkle Regenwolken oder eine schwarze Gewitterwand aufzieht, wenn der Wanderer an einer dunkel gähnenden Höhle vorbeikommt oder in der Finsternis durch einen tiefen Wald oder über ein Moor gehen muß, wenn ein Sturm durch die Nacht braust: Das sind klassische Gelegenheiten zur Wahrnehmung von (oft ebenso furchtentsprungenen wie furchteinflößenden) Gebilden, Gestalten, Gebärden und Gesichtern; von "wilden Jagden", feuerspeienden Viechern, Irrlichtern oder schwarzen Männern.

In der antiken Sage "Deukalion und Pyrrha" (nach Gustav Schwab) läßt der erzürnte Zeus über das verdorbene Menschengeschlecht eine Sintflut kommen - und zwar mit Hilfe des Südwindes: "Dieser flog mit triefenden Schwingen zur Erde hinab, sein entsetzliches Antlitz bedeckte pechschwarzes Dunkel, sein Bart war schwer von Gewölk, von seinem weißen Haupthaare rann die Flut, Nebel lagerten auf der Stirne, aus dem Busen troff ihm das Wasser. Der Südwind griff an den Himmel, faßte mit der Hand die weit umherhangenden Wolken und fing an, sie auszupressen. Der Donner rollte..."

Dergleichen können Kinder sehen (aber nicht so schön beschreiben). "Mama, da kommt die Hölle", sagt ängstlich die dreijährige Elisabeth angesichts geballter dunkler Wolken. Der Donner hat nach Meinung von Silvia (5) "einen Kopf, aber keine Augen und keine Nase" und kann dennoch, wie das Mädchen vormacht, mürrisch dreinblicken. Ellen (7) bittet Gott: "Eine deiner Wolken hat ein Gesicht gemacht, daß ich mich erschrocken habe. Bitte tu es nicht wieder." Unter bedecktem Himmel fühlt sich Nadine (6;6) wie in einem hohen "Gewölbe aus hart gewordenen Wolken". Stephanie (8), vom Sportplatz nach Hause kommend, beschreibt den Beginn von Dämmerung und leichtem Regen: "Der Himmel war ganz voll Schuppen und es war das Sternzeichen Fisch". Leonhard (7) weiß, wie das Wasser in die dunklen Wolken kommt: "In der Nacht schweben sie auf das Meer hinunter und schlürfen Wasser."

In einer Münsterländischen Sage geht ein Bäuerchen um Mitternacht durch den Wald. Da steht neben einer dicken Eiche ein Gespenst. "Es war einfach schrecklich anzuschauen, mit seinen feurigen Augen, den großen Zähnen und dem unförmlichen Kopf, der wohl dreimal so dick war wie ein gewöhnlicher. Der Kötter hob seinen Stock, um drauf zu schlagen. Die Gestalt aber hat ihn da so angeguckt, daß er die Waffe sogleich wieder sinken ließ und in einem Atemzuge fortlief."

Zwar ist es heute bei uns unwahrscheinlich, dass sich Kinder wie im Märchen im dunklen Wald verirren. Aber zu den Geheimnissen und Schrecknissen der Nacht im Kinderzimmer gibt es viele kindliche Äußerungen. Ein Junge bat darum, ihn nicht mehr in einem bestimmten Zimmer schlafen zu lassen, "weil so viele Träume drin sind". Die kleine Petra kommt ängstlich aus dem halbdunklen Raum: "Der Sessel macht bäh, streckt die Zunge raus." Paulchen (5;1) glaubt, dass man im Dunklen schlechter höre als im Hellen, "weil es im Dunklen so durcheinander geht." Ferdinand (5) sah nachts oft "die Augen von Löwen und Tigern funkeln, wie sie im Zimmer herumgingen", und eine Erwachsene erinnert sich, dass ihr, wenn sie nachts durch die Wohnung zur Toilette ging, der Gummibaum zuwinkte oder sogar nachschlich.

Demgegenüber ist die dosierte Finsternis von selbst errichteten Buden oder Verstecken eine Quelle von Vergnügen, das die kleine Aufregung eines Abenteuers ebenso enthält wie die Empfindung, geschützt zu sein.

Brennesseln köpfen: der tapfere Kampf gegen die feindlichen Heerscharen

Dass Kinder im Freien gerne mit Stöcken "rumhauen", auf Büsche schlagen, Brennesseln oder Disteln köpfen, hat oft damit zu tun, dass sie sich einem eingebildeten Gegner im Kampfe stellen (und dabei doch wissen, dass sie fast kein Risiko eingehen).

Ist es hier die Lust am Siegen oder auch am Gnadewaltenlassen, so kommt wohl der beliebte Fechtkampf gegen Wind und Sturm eher aus der Lust standzuhalten, sich nicht kleinkriegen zu lassen. Der achtjährige Christian focht am Sylter Strand mit einem Degen (Stock) ausdauernd gegen den ziemlich starken Wind, wobei er mit der Bewegung des Wassers vorpreschte und zurückwich.

In einer bayrischen Sage "gingen einmal mehrere Bauern vom Wirtshaus heim; da blies ihnen ein mächtiger Wirbelwind entgegen. Einer, Hans mit Namen, nahm sein Messer heraus und warf es in die Windsäule. Da sahen die Bauern auf einmal einen Venezianer darin, dem Hans das Auge ausgeworfen hatte ..." Möglicherweise geht die kindliche Phantasie ursprünglich nicht so grausam ins Detail wie diese "alte" Phantasie von Erwachsenen.

Die helle Freude: Was glänzt denn da?

Das archaische Sehen kann in glitzernden Tautropfen Augen erkennen oder in der strahlenden Sonne ein Antlitz oder ein feuriges Pferdegespann. Vom Halbmond sagen Kinder, dass er "zerbrochen", "zerschnitten", "angebissen", "abgenutzt" sei, dass er "zur Hälfte im Himmel stecke" oder "zur Hälfte auf die Erde herabgefallen" sei.

Der Jakob des Alten Testaments bettete auf einer Wanderung einmal abends seinen Kopf auf einen Stein und schlief ein. "Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf ..." Nach seinem Erwachen erkennt Jakob den Ort als "Gottes Haus" und "Pforte des Himmels" - der Traum geht bruchlos in die Wirklichkeit über.

Gerade für "Himmelserscheinungen" sind Kinder empfänglich. "Sieh mal", sagt der knapp vierjährige Friedrich, "da oben die Wolke ist wie ein Engel." Der etwa ein Jahr ältere Franz stellt beim Autofahren fest: "Die Sonne läuft mit den Sonnenbeinen auf dem Himmel mit." Eine ähnliche Sichtweise bringt die Zeichnung eines Mädchens zum Ausdruck: Die Sonne rennt auf ihren Strahlenbeinen über die Berge - wobei zwei Strahlen einen Schuh anhaben. "Die Sonne fließt", glaubt demgegenüber Marc (5;6). "Die Sonne hat geweint", meinte Bettina (6), nachdem es bei schönem Wetter zwischendrin ein wenig getröpfelt hatte. Angesichts eines Regenbogens erklärte ein Kind: "Dort regnet es Blumen vom Himmel." Und woran kann man Feen am Waldrand erkennen? "Wenn man ‚guten Tag, Fee‘ zu ihnen sagt, sagen sie gar nichts. Daran merkt man, dass es eine Fee ist" (Miranda, 6).

Höhe, Helligkeit und Farben des Himmels laden ein, sich Gott in bunten Bildern auszumalen. Nachdem Michael (knapp 7) gefragt hatte, "wenn Gott die Welt geschaffen hat, wer hat eigentlich Gott geschaffen?", und Papa mit der Antwort zögerte, sagte er: "Ich stelle mir das so vor: Zuerst war da Luft, und dann ist da so eine Art luftiger Mensch draus geworden, und dann kriegte der Farbe und alles, und dann war es Gott". Kinder stellen sich Gott manchmal auch als einen "großen blauen Mann" vor oder als Wesen mit Gliedern, die den ganzen Himmel überziehen, oder als ein unermesslich großes Wesen, dessen Fuß allein vom Erdboden bis zu den Wolken reicht. Robert (9) meint: "Der liebe Gott sieht aus wie ein großer weißer Nebelfleck mit einem Gesicht in der Mitte und einer goldenen Kette um den Hals." Der gleichaltrige Robin sagt: "Ich glaube, Gott sieht aus wie ein Kopf ohne Körper. Um ihn herum ist ein Lichtschein und sonst lauter Raum auf allen Seiten. Er hat einen ovalen Mund und keinen einzigen Zahn." Und Marie (8) stellt sich vor, dass "Gott ein Feuer um seinen Kopf herum hat und dass er freundliche Hände hat. Vielleicht ist er durchsichtig. Ich glaube, er schwebt frei im Raum herum."

Das Verschwinden von elementaren Naturerscheinungen aus dem Leben der Kinder

Wenn Kinder Märchen brauchen, wie Bruno Bettelheim sagt, um sich darin in ihren Vorstellungen von Gut und Böse, Rache und Lohn, Häßlich und Schön wiederfinden zu können, so brauchen sie wohl auch elementare Natur, um zu sich zu kommen. Ganz abgesehen davon, dass die Geiß, der Frosch, die Schlange oder der Rabe der Märchen für die meisten Kinder vom Erdboden verschwunden sind und zu Fabelwesen werden: Kaum ein Kind hat heute die Gelegenheit, den "finsteren Wald", die "pechschwarze Nacht" oder die dunkle Wolkenwand im Original und hautnah zu erleben, weil die allgegenwärtigen Straßen- und Hausbeleuchtungen und Autoscheinwerfer dem entgegenstehen. Die feindlichen Heerscharen der Disteln, Brennesseln und anderer Wildnisse sind heute den Balkenmähern oder Giftspritzen der Erwachsenen hoffnungslos unterlegen. Möglicherweise wird der Wind als kämpferischer Gegenspieler abgewertet durch die abstumpfende Alltagserfahrung des Autofahrens: vorbeifliegende Bilder und ein vorbeisausender Dauersturm, der höchstens einmal die aus dem Seitenfenster gestreckte Hand des Kindes erfasst.

Was die kindlichen Erfahrungen von Helligkeit, vom Gleißen und Funkeln, von "Lichtblicken" angeht, so scheinen sie heute von früh an bestimmt zu sein von zivilisatorischem Glitzeglanz: glänzende Autos, Scheinwerfer, Brems- und Blinklichter, Ampeln, diverse Lichteffekte zu Werbezwecken in Schaufenstern und an Wänden, spiegelnde Scheiben, Goldenes und Silbernes allerorten und, nicht zuletzt, die "Flimmerkisten" und Computer(spiel)welten. Da werden glitzernde Tautropfen oder Sonnenstrahlen, die durch bunt geränderte Wolkenlöcher bis zur Erde hinabreichen (Andeutungen von "Himmelsleitern"), oft nur noch geringe Aufmerksamkeit finden.

Gerade die Fernseher und Computer scheinen Ersatz zu versprechen für verschwindende Möglichkeiten archaischen Naturerlebens, für die alten finsteren Gestalten und himmlischen Erscheinungen, für die Abenteuer kraft Einbildung und Empfänglichkeit. Aber dieses Leben aus zweiter Hand, diese vorfabrizierten, weltweit vermarkteten Bilderabfolgen, die häufig Lebendigkeit über Geschwindigkeit, "action" und digitale Effekte suggerieren wollen, dringen auf Dauer auch in die entlegeneren Winkel der kindlichen Phantasie und hinterlassen oft Gefühle einer überfüllten Leere, die nur nach weiterem Fernsehen und elektronischer Animation verlangen.

Literatur

Martin Doehlemann: Die Kreativität der Kinder. Anregungen für Erwachsene. Mit einem Beitrag von Norbert Rath. Münster / New York / München / Berlin 2001

Martin Doehlemann (Hrsg.): LebensWandel. Streifzüge durch spätmoderne Beziehungslandschaften. Münster / New York / München / Berlin 2003


Autor

Martin Doehlemann, Prof. Dr. rer. soc., M.A., lehrt Soziologie - mit den Schwerpunkten Sozialisation und Kultursoziologie - am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster.
Nordstr. 26
D-48149 Münster
Tel.: 0251/293304
E-Mail: Prof. Dr. Martin Doehlemann
Homepage: www.martin-doehlemann.de


Letzte Änderung: 28.12.2007 13:06:59Zum Seitenanfang