ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜBewegungswohnwelten im Kinderzimmer? Wie aus einem Kinderzimmer ein Spielhaus wirdMichael Schnabel
![]() Bei uns ist nichts los!?"Mami mir ist langweilig", beklagt sich die vierjährige Julia. "Wir wissen nicht, was wir spielen sollen", meint der fünfjährige Markus. Die Eltern sitzen beim Kaffeeklatsch zusammen und wollen ungestört sein. "Spielt das neue Memory!", schlägt die Mutter vor. Für kurze Zeit beschäftigen sich die Kinder im Kinderzimmer und die Eltern können ruhig weiterdiskutieren. "Die Kinder wollen heute immer beschäftigt werden. Andauernd sollen die Eltern etwas anbieten. Eine Aktion nach der anderen starten." "Wir haben uns früher als Kinder oft den ganzen Tag selbst beschäftigt. Wir sind auf den Wiesen und im Wald herumgerannt und haben viel Interessantes erlebt." "Die heutigen Kinder sind voller Anspannung und unausgeglichen." "Ja, weil sie keine Möglichkeit haben, ihren Bewegungsdrang und ihre Entdeckungsfreude auszuleben." Es geht hin und her in der Diskussion, aber eine überzeugende Lösung ist nicht in Sicht. Oder vielleicht doch? Vielleicht findet sich ein Ersatz für die so gepriesenen Freiräume früherer Zeiten?Motopädagogik: Impulse zur Freude an der BewegungIdeen und nützliche Hinweise liefert eine junge Wissenschaft - die Motopädagogik. Sie zeigt auf, wie eng begrenzt ungezwungene Möglichkeiten für Kinder sind, sich zu bewegen. Trotz alledem werden neue Räume und Angebote erschlossen, die Bewegungsanreize schaffen für jung und alt.Freude an der Bewegung, Bewegung in der Gemeinschaft, Bewegung zur Steigerung der Lebenslust und möglichst vielseitige Bewegung sind einige Prinzipien der Motopädagogik. Die Errichtung und Nutzung eines Spielhauses ist ein Beispiel dafür: Kinder finden im Spielhaus wieder Freude an Beweglichkeit und werden gefordert in Geschicklichkeit und durch eine Vielfalt von Sinneserfahrungen. Damit diese Anforderungen eingelöst werden können, sollen die Bewegungsaufgaben nach den Grundregeln der Motopädagogik konzipiert werden:
Entstehungsgeschichte des Spielhauses in StockdorfIn Stockdorf, im Süden von München gelegen, stand dem Eltern-Kind-Programm e.V. über 20 Jahre die alte Volksschule zur Durchführung von Eltern-Kind-Aktionen zur Verfügung. Als von der dortigen Gemeinde beschlossen wurde, dieses Haus abzureißen, bildete sich eine Bürgerinitiative, die sich für die Erhaltung und Renovierung dieses Hauses einsetzte. Sie konnte erreichen, dass sich die Verantwortlichen der Gemeinde umstimmen ließen und eine Renovierung des Hauses durchführten. Mit Unterstützung des Deutschen Familienverbandes entschloss sich der Eltern-Kind-Programm e.V. dazu, in einem Raum dieses Hauses ein Spielhaus für Kinder einzurichten.Zusammen mit der Holzwerkstatt German Heimrath wurde der Plan ausgearbeitet. Die Verantwortlichen im Eltern-Kind-Programm e.V. konnten bereits Erfahrungen zur Ausgestaltung eines Spielhauses einbringen, denn von ihnen wurde vor mehreren Jahren in der Familienerholungsstätte Köblitzplatte bei Burglengenfeld (Oberpfalz) ein Spielhaus eingerichtet. Nach der Planung wurde ein Modell des Spielhauses erstellt, das den Eltern und Kindern den Bau plastisch veranschaulichen sollte. Nachdem Planung und Finanzierung standen, wurde mit sieben Familien an Wochenenden dieses Spielhaus errichtet. Eltern und Kinder sägten, hobelten, schleiften, schabten und schmirgelten zuerst die Hölzer zurecht. Dann wurde Stück für Stück der Plan verwirklicht. German Heimrath stand den Eltern und Kindern zur Seite. Er zeigte die einzelnen Arbeitsgänge, beriet beim Bau und überwachte die Ausführung. Für viele Väter, Mütter und Kinder war es ein Erlebnis, einmal selbst eine Bank, ein Podest, eine Leiter oder eine Treppe errichtet zu haben. Nach 12 Wochen intensiver Arbeit konnte das Spielhaus in Stockdorf feierlich eröffnet werden. In Stockdorf waren die Kinder wegen der Enge des Raumes vorwiegend nur bei den Vorbereitungen tätig. Dagegen konnten in der Familienerholungsstätte Köblitzplatte sich die Kinder in dem großen Raum immer beteiligen. Oftmals entwickelten die Kinder ganz eigene Ideen der Ausgestaltung, die - soweit es möglich war - realisiert wurden, oder sie schufen aus den Holzabfällen Geräte und Spielsachen für sich. Spielmöglichkeiten des SpielhausesDas Spielhaus in Stockdorf, das nur auf einem sehr kleinen (von ca. 4 x 4 Metern) aber sehr hohen Raum eingerichtet wurde, bietet auf drei Ebenen den Kindern folgende Möglichkeiten:Auf der untersten Ebene können die Kinder Theater spielen, werken und mit verschiedenen Klanginstrumenten Töne erzeugen. In einer Trennwand sind Klangstäbe befestigt, die helle Töne erzeugen. Darunter, in einer Höhle, ist eine Zungentrommel, mit der sich dumpfe und sanfte Töne erzeugen lassen. Sogar am Holzgeländer der Treppe, an den Trennwänden und an den Podesten lassen sich Klänge verschiedener Stimmungen erzeugen. Zum Theater spielen sind auf dieser Ebene Stockpuppen aufgestellt und Möglichkeiten zum Verkleiden geboten. Im Zwischengeschoss sind zwei Kuhlen, in die sich die Kinder zurückziehen können, um sich auszuruhen. Weiterhin sind Schaumwürfel vorhanden zum Bauen. Eine Hängematte erlaubt beim sanften Schaukeln ein Schlummern und Dösen. Zugleich können die Geländer an der Treppe und an der Empore zum Klettern benutzt werden. Auf der dritten Etage befindet sich die Attraktion für die Kinder: eine Rutsche und eine Hüpfmöglichkeit. Um zur Rutsche zu gelangen, müssen die Kinder über ein Podest klettern und durch eine Eingangsrundung kriechen. Am Ende der Rutsche liegt eine Schaumstoffmatte, damit sich die Kinder nicht verletzen. Neben der Rutsche befindet sich ein höheres Podest, von dem die Kinder herunterspringen können. In einer Ecke des Raumes ist eine Kuhle. Hier können sich die Kinder, die noch nicht den Mut zum Rutschen oder zum Springen haben, zurückziehen und vorerst einmal aus sicherer Position zuschauen. Das sind die vorgeplanten Bewegungsmöglichkeiten des Spielhauses. Wer die Kinder beim Spielen in diesem Haus beobachtet, wird eine Vielzahl von Möglichkeiten sehen, wie die Kinder die Einrichtung zu einfallsreichen Bewegungen nutzen. Wenn jetzt nur die Bewegungsmöglichkeiten der Kinder beschrieben wurden, so besagt dies nicht, dass nicht auch die Erwachsenen im Spielhaus herumtollen können. Es gibt kaum eine Mutter oder einen Vater, der nicht auch die Rutsche probiert, vom Podest springt, die Klangstäbe anschlägt oder auch versucht, in eine Kuhle zu kriechen. Wohnzimmer zum Spielhaus umbauen?Muss es unbedingt ein eigenes Gebäude, eine Familienerholungsstätte, ein Familienzentrum sein, um ein Spielhaus einrichten zu können? Das Beispiel in Stockdorf hat gezeigt, dass oftmals schon ein kleiner Raum genügt, um durch entsprechende Ausstattung den Kindern eine Vielzahl von Bewegungsmöglichkeiten bieten zu können.Wer selbst ein Haus besitzt und seinen Kindern eine Vielfalt an Bewegungs- und Fördermöglichkeiten schaffen will, kann sich ein derartiges Spielhaus selbst anfertigen. Aber auch in einer Wohnung lassen sich mit überlegten Holzeinbauten Möglichkeiten schaffen, die die Kinder zum Hängen, Strecken, Hochziehen, Springen und Klettern verleiten. Aber es ist nicht damit getan, dass einige Dachlatten zusammen genagelt und an die Wand gedübelt werden. Eine überlegte Planung ist unbedingt nötig - und vor allem sollten die genannten Prinzipien der Motopädagogik beachtet werden. Fachleute aus dem Eltern-Kind-Programm e.V. beraten gerne Familien, die ein Spielhaus oder Holzeinbauten errichten wollen (Kontakt: http://www.ekp.de ). Übrigens: die Kinder beschäftigen sich im Spielhaus ganz ohne Anregungen von Erwachsenen. Die Spiele der Kinder sind äußerst variabel und kreativ: Manchmal rutschen und springen die Kinder vom Podest, bis sie total durchgeschwitzt sind. Dann gibt es Zeiten mit geheimnisvollem unheimlich-ruhigem und sensiblem Spielgeschehen. Die bisher errichteten Spielhäuser haben sich so bewährt, dass der Eltern-Kind-Programm e.V. ein weiteres in Buchendorf errichtet hat. Somit ist es möglich, Spielhäuser in mehreren Variationen zu besichtigen. Aus der Vielfalt dieser Holzeinbauten lassen sich viele Anregungen für die Umgestaltung eines Kinderzimmers gewinnen und manche Teile lassen sich direkt übernehmen. Literatur
Kiphard, Ernst: Motopädagogik. Dortmund 1990/4. Autor
Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am | ||
Letzte Änderung: 28.12.2007 13:05:10 |