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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Der Scheidungszyklus: Nachscheidungsphase

Martin R. Textor        Martin R. Textor


Nach der Scheidung empfinden viele Geschiedene weiterhin Schmerz, Selbstmitleid, Verzweiflung, Angst, Schuldgefühle oder Reue. Sie erleben sich als Versager, leiden unter Depressionen und abruptem Stimmungswechsel, fühlen sich einsam, entfremdet, desorientiert, hilflos und unsicher. Oft führt ihr emotionaler Zustand zu Konzentrationsstörungen, ständiger Müdigkeit, Erschöpfung, Rückgang der Leistungsfähigkeit, psychosomatischen Störungen oder Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch. Beim verlassenen Partner sind diese Scheidungsprobleme zumeist weiterhin etwas stärker ausgeprägt. Auch der nichtsorgeberechtigte Elternteil mag weiter unter dem Verlust der Kinder leiden.

Bei dem größeren Teil der Geschiedenen nehmen negative Gefühle und Symptome innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten bis zu vier Jahren nach der Scheidung ab und verschwinden schließlich ganz. Zwei Jahre nach der Scheidung fühlen sich die weitaus meisten wieder wohl. Einige bekommen aber über Jahre hinweg ihr Leben nicht wieder in den Griff. Besonders viele ältere Personen, die sich nach langen Ehejahren scheiden ließen, sind einsam und unglücklich. Hinzu kommt, dass viele Geschiedene nicht mit dem Leben als Single zurechtkommen. So sind Geschiedene in psychiatrischen Kliniken überrepräsentiert sind und werden auch häufiger ambulant behandelt. Sie leiden öfter unter psychischen Störungen (vor allem Frauen) oder Alkoholismus und unternehmen häufiger Selbstmordversuche. Allerdings traten die psychischen Probleme häufig schon vor der Scheidung auf. Auch überrascht nicht, dass viele Geschiedene im Nachhinein die Scheidung als einen Fehler bezeichnen.

Ein Teil der Geschiedenen erleben die Nachscheidungsphase aber auch (ab einem bestimmten Zeitpunkt) positiv. Einige konzentrieren sich auf die eigene Person, entdecken neue Seiten ihrer Persönlichkeit und erleben eine große innere Weiterentwicklung. Andere empfinden ein starkes Gefühl der Freiheit, des Ungebundenseins, der Euphorie und des Glücks. Sie experimentieren mit neuen Lebensstilen, mit einer anderen Kleidung und Frisur, neuen Hobbys und sozialen, sexuellen oder kreativen Aktivitäten. So durchleben viele eine zweite Jugend, suchen einen neuen Freundeskreis, definieren die Beziehung zu ihren Kindern um, folgen anderen Lebenszielen und bilden eine neue Identität aus. Sie sind mit ihrem Leben zufrieden und haben innere Ruhe gefunden. Aber auch hier brechen manchmal noch Gefühle wie direkt nach der Trennung hervor, insbesondere wenn der frühere Ehegatte eine feste Bindung eingeht oder wieder heiratet, wenn er ein Kind bekommt oder wenn im eigenen Leben eine größere Veränderung eintritt.

Generell verläuft die individuelle Entwicklung Geschiedener in der Nachscheidungssituation besser, wenn diese bereits vor der Trennung oder in der Scheidungsphase relativ wenig psychische und interpersonale Probleme erlebten, wenn die Trennung mit relativ wenig Stress verbunden war, wenn die Betroffenen viel Unterstützung in ihrem Netzwerk fanden oder bald eine neue Partnerbeziehung eingingen. Auch Persönlichkeitscharakteristika wie Durchsetzungsfähigkeit, Selbstsicherheit, Problemlösungsfähigkeit, Kreativität oder Selbstgenügsamkeit wirken sich positiv auf die Weiterentwicklung aus. Bei Frauen sind positive Faktoren zudem niedrigeres Alter, Kinderlosigkeit und eigene Entscheidung zur Trennung. Bei Männern verläuft die Anpassung besser, wenn sie nicht von ihren Frauen abhängig waren. Aber auch die subjektive Bewertung der eigenen Situation spielt eine Rolle.

Von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung nach der gerichtlichen Scheidung ist ferner, ob die Geschiedenen auch eine "psychische Scheidung" von ihrem ehemaligen Ehegatten erreichen. Sie müssen sich mit ihrer gescheiterten Ehe auseinander setzen, Trauerarbeit leisten, Gefühle des Versagens und der Schuld verarbeiten, den eigenen Anteil am Scheitern ihrer Ehe erkennen und akzeptieren, ein der Realität entsprechendes Bild von ihrem früheren Partner zurückgewinnen und sich von seinem Einfluss auf ihr psychisches Leben befreien. Generell fällt die psychische Scheidung schwerer, wenn die Trennung überraschend kam, die Ehe zuvor scheinbar problemarm war, viel in sie investiert worden war oder wenn der ehemalige Ehegatte immer noch geliebt wird. Gelingt sie, kann eine konfliktarme Beziehung zum früheren Partner etabliert werden, die für eine positive Weiterentwicklung der Kinder von Bedeutung ist.

Auf die psychische Situation Geschiedener wirken sich auch die allgemeinen Lebensumstände aus. Zumeist gelingt es in der Nachscheidungsphase, den eigenen Haushalt voll auszustatten, die in der Scheidungsphase noch schmerzlich vermissten (da zuvor nur vom Partner beherrschten) Fertigkeiten zu erlernen, die meisten Umstellungsprobleme zu bewältigen, sich mit dem neuen Lebensstil anzufreunden und die mit dem Status als Geschiedener verbundenen Rollenmodifikationen wahrzunehmen. Frauen, die erst während der Trennungsphase wieder erwerbstätig wurden, haben sich nun in der Regel beruflich etabliert und neue Freunde unter ihren Kollegen gefunden. Sie sind auf ihre beruflichen Erfolge, ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit stolz. Eine andere Situation ist gegeben, wenn Frauen keine adäquate Beschäftigung finden, arbeitslos sind oder wegen der Versorgung kleiner Kinder nicht erwerbstätig werden können. Die erlebten materiellen Einschränkungen - insbesondere wenn Unterhaltszahlungen unregelmäßig oder unvollständig eingehen - wirken sich auch auf das psychische Wohlbefinden aus. Generell berichten geschiedene Frauen eher von finanziellen Problemen als unverheiratete.

Von großer Bedeutung für das Wohlbefinden Geschiedener ist ihr Sozialleben. Auch in der Nachscheidungsphase setzt sich die Aufteilung des familialen Netzwerkes in zwei nur wenig miteinander verknüpften Netzwerken fort. Oft sind die gemeinsamen Kinder das einzige Verbindungsglied, aber auch Schwiegereltern (insbesondere die Eltern nichtsorgeberechtigter Ehegatten) versuchen vielfach, mit der anderen Seite in Kontakt zu bleiben. Gelingt dies, bleiben die Kinder über die Großeltern auch eher mit den Verwandten des nichtsorgeberechtigten Elternteils in Verbindung. Die andere Netzwerkhälfte kann aber auch weiterhin Spannungen verschärfen, indem sie die geschiedenen Partner aufeinander hetzt, "ihre" Seite von jeglicher Schuld an der Trennung freispricht und die "andere" Seite schlecht macht, die Kinder dem umgangsberechtigten Elternteil zu entfremden versuchen oder sich bei Besuchen einmischen.

Die geschiedenen Partner finden zumeist in ihrer Netzwerkhälfte weiterhin emotionale Unterstützung und praktische, aber auch materielle Hilfe. In der Regel werden Frauen und Eltern mit Kindern mehr unterstützt als Männer oder kinderlose Personen. Sie erfahren Hilfe bei der Kinderbetreuung, im Haushalt, bei notwendigen Reparaturen, bei Umzügen und bei der Suche nach Arbeit oder einer anderen Wohnung. Bei viel Unterstützung durch das Netzwerk fühlen sich Geschiedene in der Regel wohler und haben ein positiveres Selbstkonzept. Während viele Geschiedene in der Nachscheidungsphase ihr Netzwerk vergrößern, fühlen sich andere einsam und isoliert. Manche einsame Personen schließen sich Selbsthilfegruppen an, um Menschen in der gleichen Situation kennen zu lernen.

Ein Teil der Geschiedenen wird auf sexuellem Gebiet sehr aktiv. Jedoch scheinen die meisten Geschiedenen weniger Sexualpartner zu finden als unverheiratete Personen. Rund zwei Drittel aller Geschiedenen wollen wieder heiraten und wünschen sich häufig weitere Kinder - Ersteres geschieht auch bei ca. zwei Drittel aller Geschiedenen. Die Suche nach einem neuen Lebenspartner ist oft dadurch belastet, dass der Geschiedene noch zu wenig Vertrauen in das andere Geschlecht aufbringt, nur geringe Selbstwertgefühle hat und sich somit als für einen guten Partner nicht geeignet erlebt, dass er ein zu niedriges Anspruchsniveau hat, Angst vor dem erneuten Scheitern einer Beziehung empfindet oder zu große Rücksicht auf seine Kinder nimmt. Diese mischen sich oft auch in neue Partnerschaften ein und versuchen, sie zu sabotieren, weil sie zum Beispiel die Zuneigung des Elternteils nicht mit einer anderen Person teilen wollen, ihre zentrale Stellung in der Teilfamilie nicht verlieren möchten, noch auf eine Versöhnung ihrer Eltern hoffen oder den Elternteil vor einer erneuten Enttäuschung bewahren wollen.


Die Beziehung zwischen geschiedenen Ehegatten

Nach der Scheidung nehmen in der Regel die Spannungen zwischen beiden Seiten ab; einige erleben jedoch keine Veränderung oder sogar einem Anstieg der Spannungen. In vielen Fällen besteht bald kein Kontakt mehr zum früheren Ehepartner, in anderen - insbesondere beim Vorhandensein von Kindern bzw. bei gemeinsamer Sorge - wird er aufrechterhalten. Dann ist oft eine "ko-elterliche Interaktion" festzustellen: Beide Eltern nehmen aktiv am Leben ihrer Kinder teil, richten für sie Kinderzimmer ein und treffen gemeinsam Entscheidungen über deren Erziehung. In diesen Fällen hat sich die ursprüngliche Familie zu einer "binuklearen" umorganisiert - zwei Haushalte bilden ein Familiensystem.

Generell besteht mehr Kontakt zwischen Geschiedenen mit gemeinsamen Kindern. Sie sprechen vor allem über Entscheidungen, welche die Kinder betreffen, über Unterhaltszahlungen, alltägliche Ereignisse sowie praktische und persönliche Probleme. Hingegen werden Themen wie die frühere Ehe, die Scheidungsgründe, neue Beziehungen oder die Anpassung der Kinder an die Scheidungssituation gemieden. Geschiedene ohne Kinder sprechen eher über persönliche Fragen und schrecken weniger vor sensiblen Themen zurück.

In vielen Interaktionen geht es aber auch um Auseinandersetzungen und Spannungen. Manche Konflikte beziehen sich auf Unterhaltszahlungen, insbesondere wenn diese überhaupt nicht, unregelmäßig oder vermindert gezahlt wird. Viele Konflikte zwischen Geschiedenen entzünden sich auch am Umgangsrecht. Zum einen versuchen viele sorgeberechtigte Elternteile, die Wahrnehmung dieses Rechts zu erschweren, weil sie sich auf diese Weise an ihrem früheren Partner rächen wollen, ihn für unregelmäßige oder unzureichende Unterhaltszahlungen bestrafen möchten oder ihn als Eindringling erleben - insbesondere wenn sie eine neue Kernfamilie bilden und diese gegenüber Außenstehenden deutlich abgrenzen wollen. Manche möchten nicht, dass ihre Kinder mit dem umgangsberechtigten Elternteil in Kontakt kommen, weil sie dessen Erziehungsstil oder neuen Partner ablehnen. Auch die Weiterentwicklung der beiden früheren Ehegatten kann zu unterschiedlichen Perspektiven hinsichtlich der Kindererziehung führen. Zum anderen sind viele umgangsberechtigte Elternteile bei Besuchen unpünktlich, sagen diese kurzfristig ab, erscheinen zu den vereinbarten Terminen nicht oder verhalten sich bei Besuchen ihren Kindern gegenüber wenig akzeptabel (sind zum Beispiel betrunken, bedrohen sie, fragen sie aus oder versuchen, sie negativ zu beeinflussen).

Für den nichtsorgeberechtigten Elternteil ist oft auch problematisch, dass er sich gegenüber seinem früheren Ehepartner als Verlierer oder Bittsteller, als ohnmächtig und ungerecht behandelt erlebt. Er zieht sich dann häufig zurück. Aber auch der sorgeberechtigte Elternteil fühlt sich vielfach benachteiligt, da er die Last der Kindererziehung tragen muss und von seinem geschiedenen Ehegatten kaum entlastet wird. Viele Auseinandersetzungen resultieren daraus, dass Geschiedene nicht zwischen Partner- und Elternebene trennen können. So werden alte Partnerkonflikte über die Kinder ausgetragen. Besonders problematisch ist, wenn die früheren Ehegatten weiterhin nur negative Seiten am jeweils anderen sehen oder unakzeptable Aspekte ihrer selbst auf ihn projizieren. Auch eine Wiederheirat kann zu neuen Auseinandersetzungen über Sorge- und Umgangsrecht, Unterhaltszahlungen und so weiter führen.

Generell kann man somit sechs Arten der Beziehung zwischen geschiedenen Eltern unterscheiden: (1) Es besteht kein Kontakt zwischen den früheren Ehepartnern. Der nichtsorgeberechtigte Elternteil kümmert sich nicht oder nur sehr wenig um seine Kinder. (2) Die geschiedenen Ehegatten bleiben miteinander verfeindet. Ihr Ärger, ihre Wut und Enttäuschung zeigen sich in zahlreichen Konflikten, Machtkämpfen, dem häufigen Einschalten von Rechtsanwälten und Gerichten, Bestrebungen, die Kinder zu Bündnispartnern zu machen, und im Versuch, Besuchskontakte zu unterbinden. Die Kinder müssen sich für einen der beiden Elternteile entscheiden. (3) Die geschiedenen Ehepartner empfinden noch negative Emotionen füreinander und versuchen, den Kontakt auf ein Minimum zu beschränken. Der nichtsorgeberechtigte Elternteil kann aber ungehindert von seinem Besuchsrecht Gebrauch machen. Auch findet eine Abstimmung bei wichtigen Entscheidungen über den weiteren Lebensweg der Kinder statt. Diese erleben häufig Loyalitätskonflikte. (4) Die früheren Ehegatten haben sich noch nicht voneinander abgelöst und empfinden positive Gefühle füreinander. Sie benutzen jede sich ihnen bietende Gelegenheit, um miteinander ins Gespräch zu kommen oder einander zu treffen. Dabei werden - neben Erziehungsfragen - auch persönliche und interpersonale Probleme sowie allgemeine Themen erörtert. Die Kinder haben Kontakt zu beiden Elternteilen. (5) Die früheren Ehepartner empfinden weder stärkere positive noch negative Gefühle füreinander. Sie haben aber erkannt und akzeptiert, dass beide Elternteile für ihre Kinder wichtig sind und einen positiven Einfluss auf sie haben. Beide sind aktive und verantwortliche Eltern, stimmen wichtige Erziehungsfragen miteinander ab, haben aber ansonsten wenig Kontakt miteinander. Konflikte sind selten. (6) Die früheren Ehepartner sind Freunde geworden - obwohl es für eine derartige Entwicklung keine Rollenmodelle gibt und sie vom Netzwerk in der Regel nicht gefördert wird. Sie respektieren einander als Eltern, erziehen ihre Kinder weiterhin gemeinsam und verbringen viel Zeit mit ihnen (und miteinander). Auch die Kontakte zu den Schwiegereltern werden fortgesetzt. Es ist offensichtlich, dass derartige Beziehungsqualitäten auch bei kinderlosen Geschiedenen vorzufinden sind.


Die Eltern-Kind-Beziehung

Direkt nach der Scheidung erleben sorgeberechtigte Eltern häufig noch große Probleme mit ihren Kindern, da diese zum Beispiel eine Versöhnung ihrer Eltern erreichen wollen, diese gegeneinander ausspielen, verhaltensauffällig oder symptomatisch sind. Auch haben sie oft noch zu wenig Zeit für sie, da Probleme wie das Einarbeiten in einen neuen Beruf, die Partnersuche oder die psychische Verarbeitung der Scheidung im Vordergrund stehen. Im Verlauf der Nachscheidungsphase werden viele sorgeberechtigte Eltern jedoch wieder verständnisvolle und verantwortungsbewusste Erzieher. In anderen Scheidungsfamilien dauert aber der Zustand verringerter elterlicher Fürsorge an, werden die Kinder vernachlässigt und müssen sie für sich selbst sorgen. Oft sind die sorgeberechtigten Elternteile überlastet, da sie Beruf, Haushalt, Erziehung und Partnersuche miteinander vereinbaren müssen und ihnen kaum Zeit zur Regeneration ihrer Kräfte bleibt. Aber auch in der (Vor-)Scheidungsphase entstandene pathologische Erscheinungen können in der Nachscheidungsphase fortbestehen: Beispielsweise werden weiterhin Kinder als Partnerersatz, Bundesgenossen, Spion oder Sündenbock missbraucht. Ältere Kinder werden parentifiziert und müssen den Haushalt und jüngere Geschwister versorgen. Manchmal wird auch der elterliche Konflikt nach der Scheidung fortgeführt, wobei ein Kind den abwesenden Elternteil vertritt: Es eignet sich dessen Eigenschaften an, übernimmt oft die Täterrolle und wird fortwährend in Konflikte mit dem anwesenden Elternteil verwickelt.

In der Nachscheidungsphase löst sich häufig die Beziehung zwischen nichtsorgeberechtigten Elternteilen und ihren Kindern auf. Ursachen für den zurückgehenden Kontakt sind neben Abgrenzungsbestrebungen und Sabotageversuchen der sorgeberechtigten Elternteile auch nachlassendes Interesse der Umgangsberechtigten an den Kindern, Unfähigkeit, mit ihnen eine beidseitig befriedigende Zeit zu verbringen, ein neuer Lebensstil, der Kinder nicht einschließt, Umzug in einen weit entfernten Ort oder der Wunsch, Konflikten mit dem früheren Ehegatten aus dem Weg zu gehen. Oft wollen auch die Kinder einen geringeren oder keinen Kontakt, weil sie beispielsweise den nichtsorgeberechtigten Elternteil für die Scheidung verantwortlich machen, die Partei des anderen ergriffen haben, Besuche als unangenehm oder langweilig erleben, mit zwei verschiedenen Lebens- oder Erziehungsstilen nicht zurechtkommen, den neuen Partner des Elternteils ablehnen, oder auf diese Weise einer Rollenzuweisung als Vermittler, Spion oder Tröster entgehen wollen. Ältere Kinder und Jugendliche wollen auch selbst bestimmen, wie und mit wem sie ihre Freizeit verbringen, und lehnen vor allem feste Besuchsschemata ab.

Trotz des geringen Kontakts stehen viele nichtsorgeberechtigte Eltern ihrer Meinung nach ihren Kindern näher als vor der Trennung, sprechen sich selbst einen größeren Erziehungseinfluss zu und glauben, einen bedeutenden Teil der Erziehungsverantwortung übernommen zu haben - wobei die sorgeberechtigten Eltern meist anderer Meinung sind. Jedoch ist durchaus möglich, dass der Besuchstermin zu intensiven Gesprächen und vielfältigen Aktivitäten genutzt wird und so eine engere Eltern-Kind-Beziehung als vor der Trennung entsteht. Bedenkt man, dass Väter - mit beliebig vielen Kindern und unabhängig vom Ausmaß der Erwerbstätigkeit ihrer Ehefrauen - generell nur rund 20 Minuten pro Tag für die Kinderbetreuung aufwenden, dann investiert ein nichtsorgeberechtigter Vater, der ein oder zwei Wochenenden pro Monat mit seinem Kind verbringt, sehr viel mehr Zeit für sein Kind. Jedoch wird manchmal diese Zeit auf wenig sinnvolle Weise verbracht. Auch scheuen sich manche umgangsberechtigten Eltern, ihre Kinder bei Besuchen zu disziplinieren oder in ihre Grenzen zu verweisen. Nachdem sie versucht haben, ihnen alle Wünsche zu erfüllen, sind sie beim Abschied oft richtig erleichtert. Anzumerken ist noch, dass vielfach aber auch ältere Kinder und Jugendliche die Beziehung zum nichtsorgeberechtigten Elternteil zu intensivieren versuchen, weil sie beispielsweise Hilfe bei der Ablösung und Identitätsentwicklung erwarten, Spannungen mit dem sorgeberechtigten Elternteil entgehen wollen oder sich so gegen eine Vereinnahmung durch denselben wehren.

Eine besondere Situation ist bei gemeinsamer Sorge gegeben. Hier wechseln viele Kinder zwischen den Haushalten ihrer geschiedenen Eltern, verbringen einen Teil der Woche oder abwechselnd eine Woche, einen Monat oder ein Jahr in jeweils einem der beiden Haushalte. Vereinzelt bleiben auch die Kinder in der Familienwohnung und die Eltern wechseln. Allerdings halten sich die Kinder in erster Linie bei einem Elternteil (zumeist der Mutter) auf. Die geschiedenen Väter berichten oft, dass sie sich durch ihre Kinder eingeschränkt fühlen, insbesondere was die Partnersuche und Zeit für sich allein betraf. Sie erleben häufiger Konflikte hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Kinder benötigen beim Wechsel von einem Haushalt in den anderen oft mehrere Stunden, um sich umzustellen. Probleme treten zum Beispiel aufgrund unterschiedlicher Schlafenszeiten oder anderer Vorschriften hinsichtlich des Umgangs mit Fernsehen auf, aber auch aufgrund von Spannungen und Konflikten zwischen den Eltern. Weitere Probleme können aus sehr unterschiedliche Lebens- und Erziehungsstile resultieren. Positiv kann sich auswirken, dass die Kinder viel Zeit mit beiden Elternteilen verbringen und diese weiterhin als Erzieher und Bezugspersonen erleben. Auch muss nicht ein Elternteil die ganze Last der Versorgung seiner Kinder übernehmen, hat mehr Freizeit und ist bei Abwesenheit weniger auf einen Babysitter angewiesen.


Entwicklung der Kinder

Zu Beginn der Nachscheidungsphase erleben viele Kinder noch Gefühle wie Schmerz, Trauer oder Wut, fühlen sich zurückgewiesen, wenig liebenswert und machtlos. Diese Empfindungen lassen aber in der Regel im Lauf der Zeit immer mehr nach. Ein Teil der Kinder hält schließlich die Scheidung für eine positive Wendung ihres Schicksals, der andere aber für eine negative. Ein Jahr nach der Trennung ihrer Eltern haben die meisten Kinder Abstand von den Problemen derselben gewonnen und sich von der Familienkrise innerlich distanziert. Sie erbringen vergleichbare Schulleistungen wie vor der Trennung zu. Viele hoffen aber weiterhin auf eine Versöhnung ihrer Eltern. Die meisten Kinder entwickeln sich einige Zeit nach der Scheidung ihrer Eltern wieder normal.

In der Regel verläuft die Entwicklung von Kindern in der Nachscheidungsphase positiv, wenn sie in einer engen Beziehung zu einem psychisch gesunden Elternteil leben, eine gute Erziehung erfahren und bei der Bewältigung der Scheidungssituation unterstützt werden. Auch wirkt sich positiv aus, wenn die Eltern ihre Probleme bald lösen, wenig Konflikte miteinander haben und hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder zusammenarbeiten können. Daneben spielen die individuellen Charakteristika der Kinder eine Rolle: So entwickeln sie sich normal weiter, wenn sie viele "coping skills", soziale Kompetenzen und Problemlösungsfertigkeiten besitzen sowie gut mit Stress umgehen können. Aber auch Umweltbedingungen sind von Bedeutung: So wirkt sich positiv aus, wenn die materiellen Lebensbedingungen angemessen bleiben, die Kinder nicht aus ihrer gewohnten Umgebung (mehrfach) herausgerissen werden und viel Unterstützung in ihrem Netzwerk finden.

Manche Scheidungskinder entwickeln aber auch Symptome wie antisoziales, impulsives Ausagieren, Aggressivität, Abhängigkeit, Angst und Depression, Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen und Problemverhalten in der Schule. Von Unterschieden in externalisierenden, impulsiven und antisozialen Verhaltensweisen wird regelmäßiger berichtet als von solchen in internalisierenden Störungen wie Rückzugsverhalten, Depression und Angst. In vielen Fällen muss eine Erziehungsberatungsstelle konsultiert werden. Scheidungskinder sind auch in Heimen und Pflegefamilien überrepräsentiert.

Häufig sind Unterschiede bei Jungen und Mädchen hinsichtlich der Verarbeitung der Scheidungsphase, ihrer Weiterentwicklung und Symptomatik zu beobachten. So weisen Buben mehr Verhaltensauffälligkeiten auf (insbesondere aggressiver Natur), die zumeist für eine längere Zeit auftreten; sie sind auch häufiger ungehorsam und rebellisch. Generell tendieren Jungen eher zu externalisierenden und Mädchen zu internalisierenden Reaktionen. Bei Buben, die bei ihren Müttern aufwachsen, ist oft auch eine "untypische" Geschlechtsrollenentwicklung festzustellen: Sie weisen zum Beispiel mehr feminine Züge auf und spielen häufiger mit Mädchen. Das ist seltener der Fall, wenn sie viel Kontakt zu ihren Vätern oder anderen männlichen Bezugspersonen haben oder wenn "typisch männliche" Verhaltensweisen von ihren Müttern gefördert werden. Feminine Züge treten häufiger auf, wenn sie von ihren Müttern überbehütet und infantilisiert werden oder diese ihre Väter abwerten.

Generell scheinen Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme bei Einzelkindern, bei jüngeren Kindern und solchen mittleren Alters sowie bei Kindern häufiger zu sein, deren sorgeberechtigter Elternteil gegengeschlechtlich ist. Negativ wirken sich auch ein niedriger sozioökonomischer Status sowie Spannungen und Konflikte zwischen den geschiedenen Eltern aus. Zumeist wird davon berichtet, dass Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme häufiger sind, wenn nur wenig Kontakt zum nichtsorgeberechtigten Elternteil besteht.

Viele verschiedene Faktoren werden dafür verantwortlich gemacht, dass Scheidungskinder verhaltensauffällig werden oder bleiben. Beispielsweise wird auf Vernachlässigung, Mangel an emotionaler Zuwendung, unzureichende oder inkonsistente elterliche Kontrolle und chaotische Familienverhältnisse verwiesen. In manchen dieser Fälle sind überstarke Bindungen zwischen Eltern und Kindern (Symbiosen) oder in Ablehnung verkehrte Bindungen festzustellen, aber auch Bündnisse, Ausstoßungstendenzen oder die Zuweisung von Rollen wie die des Ersatzpartners oder Sündenbocks. Oft kommt es auch zur Ausbildung von Symptomen, wenn die Eltern psychisch auffällig sind, unter Ängsten und Depressionen leiden. Belastend wirkt sich aus, wenn Kinder Gewalttätigkeiten zwischen ihren Eltern erlebten: Jungen identifizieren sich dann oft mit dem Aggressor und werden selbst gewalttätig, Mädchen übernehmen vielfach eine Opferrolle.

Kinder und Jugendliche leiden in der Nachscheidungsphase eher unter Verhaltensauffälligkeiten oder psychischen Störungen, wenn sie sich für die Trennung ihrer Eltern verantwortlich machen, noch immer auf eine Versöhnung hoffen, starke Trennungsängste erleben oder im Konflikt zwischen Ablösungsbestrebungen und starken Bindungen stehen. Negativ kann sich ferner auswirken, wenn sie sich als Bürde für den sorgeberechtigten Elternteil sehen, auf neue Partner ihrer Eltern eifersüchtig sind oder feindselige Gefühle gegenüber dem nichtsorgeberechtigten Elternteil empfinden. Manche Kinder interpretieren den Elternverlust oder die Einstellung von Unterhaltszahlungen auch so, als ob sie wertlos und nicht liebenswürdig wären. Solche Gefühle werden zudem geweckt, wenn nichtsorgeberechtigte Elternteile von sich aus auf ihr Umgangsrecht verzichten, häufig Besuche absagen oder zu den vereinbarten Terminen nicht erscheinen. Ältere Mädchen erleben sich auch als wenig attraktiv und als Frau abgelehnt, wenn sich ihre Väter nicht mehr um sie kümmern. Da ihre Mütter ebenfalls zurückgewiesen wurden, vergrößert die Identifikation mit ihnen noch den Eindruck, nicht liebenswert zu sein. Zumeist führt aber erst eine Kombination mehrerer der in den letzten Absätzen erwähnten Faktoren zu einer Konstellation, unter der Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme ausgebildet werden und sich verfestigen.

Abschließend ist festzuhalten, dass nur ein Teil der Scheidungskinder in der Nachscheidungsphase verhaltensauffällig bleibt oder weiterhin unter psychischen Problemen leidet - wobei Symptome oft schon vor der Trennung der Eltern festzustellen sind. Auch dürfen diese Auffälligkeiten nicht auf ein oder zwei größere Ereignisse wie Trennung oder gerichtliche Scheidung zurückgeführt werden. Zumeist entwickeln sie sich in einem langfristigen Prozess, in dem eine Vielzahl unterschiedlicher negativer Veränderungen auftraten, die Familienbeziehungen, Netzwerkkontakte, psychische Gesundheit anderer Familienmitglieder, materielle Lebensbedingungen, Qualität der Kinderbetreuung, Wohnortwechsel u.Ä. betrafen.


Autor

Dr. Martin R. Textor
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München


Letzte Änderung: 29.12.2006 14:42:45Zum Seitenanfang