ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜDie Scheidungsphase: Eltern-Kind-Beziehung und Reaktionen der KinderMartin R. Textor
![]() Das Ehe- und das Eltern-Kind-System sind zwei unterschiedliche Subsysteme der Familie. Bei der Trennung lösen die Ehegatten wohl die Partnerbeziehung auf, bleiben aber weiterhin die Eltern ihrer Kinder. Jedoch ändern sich in den folgenden Monaten und Jahren auch die Eltern-Kind-Beziehungen. Sofern ein Kontakt zu beiden Elternteilen besteht, können der mütterliche und der väterliche Haushalt für die Kinder zu Teilen eines "binuklearen Familiensystems" werden. Die Getrenntlebenden müssen sich weiterhin über die Erziehung ihrer Kinder verständigen. Manchen gelingt es, die Elternrolle von der Partnerrolle zu trennen und die Kinder aus Konflikten mit dem früheren Ehegatten herauszuhalten; andere sind hierzu nicht fähig. In diesem Artikel soll nun die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehungen nach der Trennung beleuchtet werden. Da die meisten Kinder bei der Mutter bleiben, werde ich den anwesenden Elternteil als Mutter und den abwesenden als Vater bezeichnen. Für die selteneren Fälle, in denen die Kinder beim Vater bleiben, gilt zumeist Analoges. Nach der Trennung haben Mütter plötzlich mehr oder minder die alleinige Verantwortung für ihre Kinder. Jedoch ist diese Situation nicht so neu für sie, da sie schon in der Ehe die Hauptlast der Kindererziehung und Haushaltsführung trugen. Vielmehr geben die vielen Routineaufgaben (und der häufige Verbleib in der Familienwohnung) ihrem Leben Kontinuität und machen Veränderungen im Selbstkonzept weniger dringend. Hinzu kommt, dass Kinder oft eine Quelle von Lebensmut und emotionaler Unterstützung sind. Vor allem eine positive Mutter-Kind-Beziehung lässt die Trennung leichter ertragen und bewältigen. Allerdings besteht in dieser Situation die Gefahr, dass Mütter ihre ganze Liebe auf die Kinder übertragen oder sich auf sie konzentrieren, um die innere Leere zu füllen. Vor allem Mütter, die selbst Trennungen oder Abwesenheiten von Elternteilen in ihrer Kindheit erlebt haben, reagieren oft auf den Partnerverlust mit einem überängstlichen, anklammernden oder überbehütenden Erziehungsverhalten. So kommt es leicht zur Ausbildung symbiotischer Beziehungen. Manchmal werden Kinder auch zu Ersatzpartnern gemacht und abhängig gehalten, weil sie als Vertraute oder Gesprächspartner benötigt werden. In anderen Fällen kommt es zur Vernachlässigung der Kinder, zu mangelnder Verhaltenskontrolle oder zur Ausbildung eines inkonsistenten Erziehungsstils. Hierfür kann es viele Ursachen geben: (1) Die Mutter ist wieder erwerbstätig geworden oder hat eine neue Stelle angetreten. Nun hat sie weniger Zeit für ihre Kinder, musste sie plötzlich in einer Krippe, einer Tagesstätte oder einem Hort unterbringen. Sie ist durch all die Umstellungen überlastet und gestresst, hat weniger Geduld mit ihren Kindern und reagiert häufiger mit körperlicher Züchtigung. (2) Die Mutter ist so sehr mit sich selbst und den aus der Trennung resultierenden Problemen beschäftigt, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder nach Zuneigung, Liebe, Ermutigung und so weiter nicht erfüllt. Dieses gilt besonders für den Fall, dass sie depressiv geworden ist oder unter psychischen Störungen leidet. In all diesen Fällen wird oft auch ein älteres Kind parentifiziert: Es übernimmt einen mehr oder minder großen Anteil an der Hausarbeit und der Erziehung jüngerer Geschwister. Viele Mütter erwarten, dass sich ihre Kinder nach der Trennung normal weiterentwickeln. Sie machen sich wenig Gedanken über deren Gefühlsreaktionen oder "übersehen" sie. Viele Kinder erfahren in dieser Krisensituation also keine Unterstützung seitens ihrer Mütter. In anderen Fällen machen sich diese aber große Sorgen um ihr Wohlergehen. Dazu trägt die öffentliche Meinung bei, die in den Kindern die Hauptleidtragenden von Trennung und Scheidung sieht. Auch beobachtet die soziale Umwelt Alleinerziehende aufmerksamer, mischen sich Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter häufiger in ihre Erziehung ein. So haben manche Mütter starke Schuldgefühle gegenüber ihren Kindern, beobachten sie genau hinsichtlich ihrer Reaktionen auf die Trennung und versuchen, negative Folgen zu kompensieren. Oft möchten sie auch perfekte Eltern sein, um negative Selbstwertgefühle auszugleichen, oder um ihre Stärken gegenüber dem ehemaligen Partner herauszustellen. Für die Mütter ist es jedoch besonders belastend, wenn ihre Kinder verhaltensauffällig werden. Sie fühlen sich dann inkompetent, entwickeln Ängste oder werden depressiv. Vor allem bei kleineren Kindern wird der Einfluss des abwesenden Elternteils von dem anwesenden bestimmt. Wenn beispielsweise Mütter das Ende ihrer Ehe akzeptieren, die elterlichen Rechte ihrer ehemaligen Partner anerkennen und Besuche ihrer Kinder bei ihnen als Zeiten der Entspannung, der Muße, der Selbstverwirklichung oder der Pflege neuer Beziehungen definieren, fördern sie oft den Kontakt. In anderen Fällen verbieten sie ihren Kindern, Gefühle des Schmerzes über die Abwesenheit des Vaters zu äußern. Sie versuchen, Besuche zu unterbinden, indem sie besonders attraktive Alternativen anbieten oder Fragen stellen wie "du willst doch nicht wirklich Vater treffen wollen?" Vielfach erwarten sie, dass die Kinder ihre Partei ergreifen, die Trennung gutheißen und den Vater für diese verantwortlich machen. Dabei können sie auf das menschliche Bedürfnis zurückgreifen, bei tiefgreifenden Entscheidungen - wie der Trennung - die Schuldfrage zu klären. Selbst wenn man im Scheidungsrecht vom Schuldprinzip abgerückt ist, gilt weiterhin, dass die meisten Personen emotional eine Scheidung nur mit Schuldzuweisung akzeptieren können. In vielen Fällen wird auch die Abneigung von (kleineren) Kindern gegenüber dem Vater von der Mutter induziert oder durch psychischen Druck, Drohungen, Lügen, Verleumdungen oder das Zeigen von Missbilligung und Abneigung bei Fragen nach dem Vater erreicht. Es ist nicht verwunderlich, dass Kinder unter diesen Umständen intensive Loyalitätskonflikte erleben. Sie lieben in der Regel beide Elternteile, wollen es beiden recht machen und die Beziehung zu beiden aufrechterhalten. Nun sollen sie sich unter starkem Druck für einen entscheiden. Einige Kinder können diese psychischen Konflikte offen ausdrücken und mit vertrauten Personen besprechen, während andere sie nicht zeigen dürfen und in ihrem Innern lösen müssen. Jugendliche können sich auch von den Erwartungen ihrer Eltern aufgrund ihrer größeren Selbständigkeit distanzieren: Sie setzen die Beziehung zum Vater gegen den Widerstand der Mutter fort, fällen unabhängig Urteile über das Verhalten ihrer Eltern, widersetzen sich, wenn sie in Konflikte hineingezogen werden sollen, und zeigen offen ihre Wut, wenn ein Elternteil den anderen schlecht macht. Zudem entziehen manche sich ihren Eltern, indem sie sich in Hobbys stürzen, viel mit Gleichaltrigen unternehmen und sich frühzeitig von daheim ablösen. Während viele Kinder die Beziehung zu beiden Elternteilen fortsetzen (können), entscheiden sich andere aus folgenden Gründen für einen von beiden: (1) Kleinere Kinder sind noch stark von ihrer Mutter abhängig, können sich weniger ihrer Einflussnahme entziehen und ergreifen deshalb ihre Partei. (2) Bei jüngeren Kindern wird mit der Trennung der Mythos von den perfekten Eltern zerstört. Oft lenken sie die aus dieser Erfahrung resultierenden Gefühle wie Wut und Enttäuschung auf den abwesenden Elternteil und lehnen ihn ab - vor allem wenn ein derartiges Verhalten von dem Anwesenden gefördert wird. (3) Manche Kinder solidarisieren sich mit der Mutter, weil sie bei ihr leben, ihre Probleme hautnah erleben und sich gedrängt fühlen, Empathie zu zeigen und emotionale Unterstützung zu geben. (4) Einige Kinder wählen den schwächeren oder unter größeren Problemen leidenden Elternteil, da dieser eher ihrer Hilfe bedarf. (5) Jüngere Kinder wenden sich manchmal dem Vater zu, weil dieser sie bei Besuchen verwöhnt, mit Geschenken überschüttet und weniger auf Gehorsam Wert legt. Das tägliche Zusammenleben mit der Mutter wirkt bei weitem weniger attraktiv, da sie Hausarbeiten zuteilt, die Schulaufgaben kontrolliert, auf Ordnung achtet und eher straft. (6) Ältere Kinder ergreifen für einen Elternteil Partei aus der inneren Notwendigkeit heraus, die Frage nach Recht und Unrecht zu klären. Dabei mag jedoch auch ein Elternteil idealisiert werden. Das daraus resultierende Verhalten wird oft von diesem bestätigt und belohnt. Viele Kinder übernehmen in der Trennungsphase bestimmte Rollen wie die des Bündnispartners, Vermittlers, Informanten, Nachrichtenkuriers oder Mitwissers von Geheimnissen - sofern sie diese nicht schon vorher innegehabt haben. Sie genießen anfangs die mit der jeweiligen Rolle verbundene Macht, merken vielfach aber auch vorbewusst, dass sie ausgebeutet werden. Rollen wie die des Ersatzpartners oder parentifizierten Kindes können die kindliche Entwicklung beschleunigen, überfordern es jedoch häufig und verhindern die Teilhabe an altersentsprechenden Aktivitäten. Kinder, die vor der Trennung mit dem Vater verbündet waren, werden nun oft zu Sündenböcken gemacht oder erhalten weniger Unterstützung. Vor allem jüngere Kinder zeigen in der Trennungsphase ein anklammerndes Verhalten. Sie fühlen sich, trotz Versicherung des Gegenteils, vom Vater verlassen. Nun haben sie Angst, dass auch die Mutter sie im Stich lassen könnte - wobei diese Angst oft noch dadurch geschürt wird, dass die Mutter erwerbstätig wird und weniger Zeit als zuvor für ihre Kinder hat. Oft müssen sie auch ihre Liebe und Zuneigung mit Liebhabern oder neuen Interessen teilen. Unter solchen Umständen werden manche Kinder verhaltensauffällig: Sie wollen die Aufmerksamkeit ihrer Mütter auf sich lenken und deren Liebe testen. Dabei erleben sie auch negative Reaktionen als Verstärkung - als Beweis, dass sich diese noch um sie kümmern. Einige Kinder werden in der Trennungsphase ihren Müttern (oder anderen Personen) gegenüber aggressiv, weil sie nur auf diese Weise ihre Wut auf den abwesenden Vater ausdrücken können oder weil sie Angst vor zu großer Nähe haben (wie der Vereinnahmung in einer symbiotischen Beziehung). Manche Kinder entwickeln sich aber auch zurück, um Gratifikationen aus früheren Entwicklungsphasen wiederzuerlangen oder weil sie Angst vor neuen Anforderungen haben. Diese Reaktionen werden oft durch ein überbehütetes und verwöhnendes Verhalten der Mütter gefördert. Haben Kinder Angst um die psychische Gesundheit ihrer Mütter oder befürchten sie, dass diese Selbstmord begehen könnten, bleiben sie manchmal unter fadenscheinigen Gründen daheim - ihr Verhalten erinnert dann an eine Schulphobie. Veränderungen in der Vater-Kind-BeziehungBesonders stark verändert sich das Verhältnis zwischen Kindern und Vätern (bzw. den abwesenden Elternteilen). Zumeist treffen sie einander nur am Wochenende. Viele Väter fühlen sich entwurzelt, erleben die Trennung von ihren Kindern als traumatisch, entwickeln Schuldgefühle ihnen gegenüber und glauben, als Väter versagt zu haben. Auch verlieren sie an Selbstachtung, da sie nicht mehr den Status eines verantwortlichen Familienmannes innehaben. Selbst Väter, die sich vor der Trennung kaum um ihre Kinder gekümmert haben, vermissen oft zu ihrer eigenen Überraschung deren tägliche Nähe. Sie bereuen, dass sie bisher so wenig mit ihnen unternommen haben, verspüren starken Schmerz und haben Angst, dass sie bald von ihnen vergessen werden. So beginnen sie plötzlich, sich intensiv ihren Kindern zu widmen. Dabei stellen sie häufig fest, dass sie bei Besuchen wenig mit ihren Kindern anfangen können. Da ihre Wohnung nicht kindgemäß eingerichtet ist, verbringen sie viel Zeit mit ihnen auf Spiel- oder Sportplätzen, in Restaurants, im Kino oder im Zoo. Sie wandern mit ihnen oder nehmen sie auf Ausflügen mit. Zumeist übernehmen sie keine Verantwortung mehr für ihre Erziehung, sind also permissiv und kümmern sich nicht um ihre Schulleistungen.Andere Väter, die vor der Trennung wenig Erfahrung mit ihren Kindern gesammelt haben, bitten zunächst Großeltern oder Freundinnen um Hilfe. So lernen sie im Verlauf der Zeit, wie man am besten mit Kindern umgeht. Viele Väter reduzieren aber auch Zahl und Dauer der Kontakte, wenn sie merken, dass ihre Kinder bei Besuchen gelangweilt und unzufrieden sind, wenn sie die Treffen als Belastung erleben oder durch sie immer wieder an ihren früheren Partner erinnert werden. Sie sind wenig geneigt, um ihre Kinder zu kämpfen, falls die Mütter Kontakte einzuschränken versuchen. Dieses gilt besonders für Väter sehr junger Kinder, die generell von ihrem Besuchsrecht seltener Gebrauch machen. Väter, die vor der Trennung viel Zeit mit ihren Kindern verbrachten, erleben besonders starke Verlust- und Einsamkeitsgefühle. Andere Väter versuchen jedoch, unter diesen Umständen die enge Beziehung zu ihren Kindern zu wahren. Sie richten in ihrer Wohnung ein Kinderzimmer ein, involvieren ihre Kinder in ihr alltägliches Leben (lassen sie zum Beispiel im Haushalt helfen), kümmern sich um ihre Hausaufgaben und spielen viel mit ihnen. Für sie ist besonders problematisch, wenn ihre ehemalige Partnerinnen Besuchskontakte zu unterbinden versuchen. Dann kämpfen sie mit aller Kraft um das Recht, ihre Kinder weiter erziehen zu dürfen. Väter mit kontinuierlichem Kontakt zu ihren Kindern leiden seltener unter Depressionen. Sie erleben die Kinder oft als Quelle von emotionaler Unterstützung. Für Kinder ist die Trennung vom abwesenden Elternteil (zumeist also vom Vater) ein besonders großer Verlust, vor allem wenn sie noch recht jung sind, eine intensive Beziehung zu ihm hatten oder bereits zuvor größere Verluste erlitten (wie den Tod eines geliebten Großelternteils). So ist es für Kinder besser, wenn der Kontakt zum Vater erhalten bleibt, möglichst häufig, lange und alltäglich ist - wobei die Qualität der Besuche in der Regel wichtiger als die Quantität ist. In vielen Fällen kommt es zur Entfremdung zwischen Vätern und Kindern. Vor allem bei stark eingeschränktem Kontakt kann es dann zur Idealisierung des abwesenden Elternteils kommen. Manche Kinder identifizieren sich auch mit ihm und nehmen sogar dessen Eigenarten und Eigenschaften an. Andererseits kann der Vater zum Negativmodell und Sündenbock gemacht werden. Dann werden die mit ihm gemachten positiven Erfahrungen verdrängt, wird er heftig abgelehnt. Manche Kinder haben zudem Angst, Charakterzüge des "bösen" Elternteils geerbt zu haben. Es ist offensichtlich, dass auch in diesen Fällen intensive Bindungen an den Vater fortbestehen. Problematisch ist, dass aufgrund des mangelnden Kontaktes weder das Idealbild und die positiven Phantasien noch die negativen Haltungen und Vorstellungen an der Realität überprüft werden können. Während erstere zu Konflikten mit den anwesenden Elternteilen führen, werden Letztere von diesen oft noch gefördert. Kinder verhalten sich beim Besuch ihrer Väter höchst unterschiedlich. Kleinkinder freuen sich auf das Zusammentreffen, sofern bereits Bindungen bestehen. Sie werden aber oft unruhig, wenn der Besuch länger als einen halben Tag dauert, falls sie nicht an längere Trennungen von ihren Müttern gewöhnt sind. Auch ältere Kinder freuen sich auf die Treffen, vor allem wenn diese interessant und abwechslungsreich verlaufen. Sie genießen es, wenn ihre Väter sich ihnen ausschließlich widmen, mit ihnen ausgehen und sie verwöhnen - manchmal möchten sie dann sogar zu ihnen ziehen und dem eher alltäglichen, entbehrungsreichen und mit mehr Verpflichtungen verbundenen Zusammenleben mit ihren Müttern entfliehen. Ältere Kinder sind oft auch neugierig auf das neue Leben ihrer Väter. Sie suchen vielfach nach Zeichen der Zuneigung und Anerkennung. Manchmal sind sie bestrebt, das Weggehen beim Ende des Besuchs hinauszuzögern oder eine Versöhnung ihrer Eltern herbeizuführen. Schreiben sie ihren Vätern die Schuld für die Trennung zu, sind sie ihnen gegenüber voreingenommen; fühlen sie sich von ihnen abgelehnt, dann sind sie häufig ungehorsam und grob. Ältere Kinder und Jugendliche lehnen in solchen Situationen oft auch einen Kontakt ab, insbesondere wenn Väter gegenüber ihren Müttern gewalttätig waren oder noch sind. Jugendliche freuen sich nur auf Besuche, wenn sie ähnliche Interessen wie ihre Väter haben und gut mit ihnen kommunizieren können. Sie wollen Zeit und Häufigkeit der Kontakte mitbestimmen. Manche Eltern berichten von negativen Effekten von Besuchen - was aber oft übertrieben wird. Hinzu kommt, dass Eltern oft die Reaktionen ihrer Kinder entgegengesetzt interpretieren. Sind die Kinder zum Beispiel am Ende des Besuchs traurig, so mag der Vater diese Gefühle als Zeichen von Trennungsschmerz bezeichnen, während die Mutter aus ihnen schließt, dass der Besuch schrecklich verlaufen ist. Hier wird die Bedeutung negativer Voreinstellungen und die Folgen fortbestehender Partnerkonflikte deutlich. Auch lassen sich viele Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, die vor oder nach Besuchen auftreten, aus dem zuvor beschriebenen Verhalten der Mütter erklären (wie Induzieren von Abneigung gegenüber den Vätern; Verbot, über positive Gefühle diesen gegenüber zu sprechen; Zeigen von Schmerz oder Wut, wenn Besuche als schön und abwechslungsreich geschildert werden). So sind negative Reaktionen nach Besuchen beim abwesenden Elternteil sehr selten, wenn der sorgeberechtigte Elternteil nur noch wenige Konflikte mit ihm erlebt, dessen Bedeutung im Leben der Kinder akzeptiert und seinen Erziehungsstil toleriert. In diesen Fällen ist übrigens auch die Beziehung zwischen anwesendem Elternteil und den Kindern besser, wird die Erziehungsaufgabe als weniger anstrengend erlebt. Reaktionen der KinderKinder erleben eine Trennung anders als Erwachsene. Sie sehen sie nicht als Chance für einen Neubeginn, sondern als Verlust eines Elternteils, als Verlust an Liebe, Zuneigung, Hilfe und Zugehörigkeit. Da die meisten Kinder zum Zeitpunkt der Trennung noch recht jung sind, fällt diese in die für ihre Entwicklung wichtigsten Jahre und prägt dementsprechend ihr Verhalten und Erleben, ihr Selbstbild und ihre Einstellungen. Sie wirkt aber auch stark auf Jugendliche und bereits erwachsene Kinder. Generell sind die Reaktionen von Kindern von ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrem Verhältnis zu beiden Elternteilen, deren Verhalten, der Qualität der Beziehung zwischen den früheren Ehegatten, den Rahmenbedingungen der Trennung (ob sie zum Beispiel plötzlich oder nach langem Streit erfolgte) und äußeren Faktoren (wie Wohnort- oder Schulwechsel, Anmeldung im Hort oder starkes Absinken des Lebensstandards) abhängig. Auch ist von Bedeutung, wie andere Bezugspersonen der Kinder auf die Trennung reagieren (ob sie diese zum Beispiel als normalen Vorgang oder als Katastrophe für die Betroffenen bezeichnen) und inwieweit sie negative Folgen derselben kompensieren.Für viele Kinder ist die Trennung ihrer Eltern eine verwirrende und verunsichernde Situation. Zum einen ist sie für diejenigen ein großer Schock, die nur wenige Ehekonflikte miterlebt oder die Beziehung ihrer Eltern als stabil eingeschätzt haben. Zum anderen werden viele Kinder nicht über die Hintergründe und Ursachen der Trennung aufgeklärt und erhalten kaum Informationen über die zu erwartenden Veränderungen in ihrem Leben. Selbst ältere Kinder und Jugendliche werden häufig nur mangelhaft, einseitig oder unvollständig informiert. Sie haben oft kein Mitspracherecht, was zum Beispiel die zukünftigen Lebensverhältnisse und die vorläufigen Sorge- und Besuchsrechtsregelungen betrifft. So müssen viele Kinder für sich ein Erklärungsmodell für die gescheiterte Ehe ihrer Eltern entwerfen. Sie zeichnen in ihrer Phantasie ein negatives Bild von ihrer Zukunft und entwickeln große Ängste - so fürchten sie beispielsweise, dass sie nicht mehr geliebt werden, dass ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden, oder dass sie auch noch den anwesenden Elternteil verlieren werden. Ihre Angst und Unsicherheit werden oft noch durch ihre Eltern verstärkt, die wenig Zeit für sie haben und oft gereizt oder ungeduldig reagieren. Besonders groß ist ihre Verwirrung, wenn die Trennung nicht eindeutig ist oder unter einem Dach erfolgt. Dann wird die neue Realität besonders langsam als dauerhaft akzeptiert. Wie Erwachsene reagieren viele Kinder auf die Trennung ihrer Eltern mit Trauer. Das bindet innerlich Kraft, die dann in anderen Lebensbereichen und bei der Erfüllung anstehender Entwicklungsaufgaben fehlt. Oft führt sie auch zu Depressivität, insbesondere wenn die Eltern depressiv sind, wenn sich das Kind zurückgewiesen und verlassen fühlt, oder wenn es die Wut auf einen Elternteil gegen sich selbst lenkt, weil es sie nicht zeigen darf. Oft leiden Kinder länger unter ihrem Kummer als ihre Eltern. Viele Kinder erleben nach der Trennung Gefühle der Wut und des Zorns. Sie sind ärgerlich, weil sie sich abgelehnt fühlen, da beide Elternteile weniger Zeit für sie haben oder weil sie aufgrund der schlechten materiellen Situation mehr Frustrationen in Kauf nehmen müssen. Sie mögen ihre Wut gegenüber dem abwesenden Elternteil (hat die Familie verlassen), dem anwesenden (hat den anderen vertrieben) oder gegenüber beiden zeigen. Jungen agieren ihren Zorn auch aus, insbesondere wenn ihr Vater gewalttätig ist und sie sich mit ihm identifizieren, wenn sie auf diese Weise ein Gefühl der Macht und Männlichkeit erlangen, oder wenn sie so den Eindruck gewinnen, dass sie eine Situation kontrollieren können, der sie letztlich ohnmächtig gegenüber stehen. Manche Kinder verdrängen auch ihre Wut, verneinen sie oder drücken sie indirekt aus (zum Beispiel in Alpträumen, Tics, Zwängen oder Depressionen). Bei manchen Kindern treten Schuldgefühle auf. Sie glaubten, dass sie für die Scheidung verantwortlich seien - zum Beispiel, weil sie vor der Trennung verhaltensauffällig oder "böse" waren, weil sie behindert sind, oder weil sie gezeugt wurden, um die Ehe ihrer Eltern zu retten. Jüngere Kinder, die ihre Eltern noch für perfekt halten und deren negativen Seiten nicht sehen wollen, klagen sich selbst an, da sie auf diese Weise eher ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit erlangen. Schuldgefühle können aber auch dadurch verursacht werden, dass Kinder Partei für einen Elternteil ergriffen, der Trennung zugestimmt oder feindselige Emotionen gegenüber ihren Eltern erlebt beziehungsweise geäußert haben. Die Aussage "Ich bin schuld" vermittelt den Eindruck der Kontrolle über eine eigentlich unkontrollierbare Situation. Schuldgefühle können dazu führen, dass Kinder eine Sündenbockrolle übernehmen oder durch Verhaltensauffälligkeiten ihre Bestrafung zu erreichen versuchen. Die Trennung der Eltern führt bei vielen Kindern zur Ausbildung niedriger Selbstwertgefühle. Sie haben erlebt, dass sie von einem Elternteil verlassen wurden, erklären das mit ihrer eigenen Wertlosigkeit, halten sich für nicht liebenswert und entwickeln dementsprechend ein negatives Selbstbild. Niedrige Selbstwertgefühle können aber auch daraus resultieren, dass sie von anderen Personen stigmatisiert werden, dass sie sich plötzlich arm fühlen, oder dass sie sich als Versager erleben, weil sie die Familie nicht zusammenhalten konnten. Ferner kann ein negatives Selbstbild dadurch entstehen, dass Kinder sich einem Elternteil gegenüber illoyal verhalten haben oder die Erfahrung machten, dass sie als Ersatzpartner, Vertraute oder parentifizierte Kinder einen Erwachsenen nicht ersetzen können. Andere Reaktionen auf die Trennung der Eltern sind Angst vor der Zukunft, Verwirrung, Unglaube und Hoffnung auf eine Versöhnung der Eltern. Für manche Kinder bedeutet die Scheidung eine Entlastung, da sie nun nicht länger in einer konfliktgeladenen (oder sogar gewalttätigen) Atmosphäre leben müssen. Wurden Ehekonflikte vor ihnen verborgen oder verneint und konnten sie diese nur erahnen, so können sie nun wieder ihren eigenen Wahrnehmungen trauen. Einige Kinder nehmen die Trennung ihrer Eltern als unvermeidbar hin und verhalten sich recht passiv. Andere wenden sich nach außen und konzentrieren sich auf Schulleistungen, Sport, Musik, Kunst oder andere Aktivitäten. Viele Kinder wirken nach der Trennung ihrer Eltern überangepasst: Sie verhalten sich wie Erwachsene. Dieses Verhalten wird oft durch den anwesenden Elternteil verstärkt, der das Kind als Ersatzpartner oder Vertrauten gebraucht oder ihm nur wenig Zeit und Energie widmen kann. Überangepasstheit kann ferner daraus resultieren, dass Kinder auf diese Weise Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit abwehren oder besonders brav sein wollen, weil sie nicht auch noch von dem ihnen verbleibenden Elternteil verstoßen werden möchten. Besonders problematisch ist, dass ein derartiges Verhalten häufig nicht als auffällig erkannt wird. Viele Kinder verneinen oder verdrängen ihre gefühlsmäßigen Reaktionen auf die Trennung ihrer Eltern: Ihr Leiden findet im Verborgenen statt und oft in großer Einsamkeit. Manche dieser Kinder glauben, dass ihre Eltern von ihnen erwarten, dass sie ihre Emotionen und Probleme verbergen - andere werden dazu mit Aussagen wie "Sei tapfer" oder "Jungen weinen nicht" ermutigt. Einigen Kindern wird verboten, Gefühle gegenüber dem abwesenden Elternteil zu äußern. Andere wollen ihre problembeladenen und depressiven Eltern nicht auch noch mit ihren eigenen Sorgen belasten. In den meisten dieser Fälle äußern sich aber die verdrängten Gefühle und Probleme indirekt - vielfach auf wenig akzeptable Weise. So treten bei vielen Kindern nach der Trennung ihrer Eltern Verhaltensauffälligkeiten auf, die je nach Alter (s.u.) und Geschlecht der Kinder unterschiedlich sein können. Beispielsweise reagieren Jungen eher aggressiv, während sich Mädchen eher zurückziehen oder überangepasst sind - ihre Symptome werden dann leichter übersehen. Jedoch wird oft bei einer genaueren Untersuchung festgestellt, dass die Verhaltensauffälligkeiten schon vor der Trennung auftraten. Dieses ist vor allem dann der Fall, wenn Kinder lange Familienkonflikten ausgesetzt waren oder in pathogene Rollen verwickelt wurden. Ansonsten liegen die Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten weniger in der Tatsache der Trennung als in der Art und Weise, wie mit dieser Situation umgegangen wird. So ist die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Verhaltensstörungen geringer, wenn während der akuten Trennungszeit (bei jüngeren Kindern) oder bereits in der Kleinkindheit (bei älteren Kindern) eine gute Beziehung zu einer konstanten Bezugsperson bestanden hat oder wenn die Kinder nach der Trennung in einer strukturierten Umwelt mit klar definierten Regeln, Rollen und Verantwortlichkeiten leben. Hingegen ist die Wahrscheinlichkeit von Verhaltensauffälligkeiten größer, wenn es nach der Trennung zu vielen und immer wieder auftretenden Veränderungen kommt. Sie führen zu einem Verlust an Kontinuität und Geborgenheit, wodurch Kindern die Bewältigung von Krisen erschwert wird. Für kleinere Kinder ist der Verlust besonders groß, wenn die Mutter nach der Trennung erwerbstätig wird. Die meisten Verhaltensauffälligkeiten treten aber nur kurzfristig auf - sie sind oft ein unbewusster Versuch, die Eltern in der Sorge um das Wohlergehen ihres Kindes zusammenzuführen. Nur selten bedürfen sie einer therapeutischen Behandlung. Auch ist festzuhalten, dass in vielen Fällen keine unmittelbare Reaktion auf die Trennung von den Eltern beobachtet wird. Reaktionen von KleinkindernWie bereits erwähnt, sind bei Kindern auch altersspezifische Reaktionen auf die Trennung ihre Eltern festzustellen. Säuglinge dürften die Abwesenheit des Vaters kaum bemerken. Für sie besteht die größte Gefahr darin, dass die Mütter durch die Trennung, die daraus resultierenden Probleme und ihre psychischen Konflikte so belastet sind, dass sie ihre Kinder nicht mehr angemessen versorgen. Sie entwickeln manchmal Schlaf- oder Essstörungen, werden reizbar oder lassen sich kaum beruhigen und trösten. Kleinstkinder haben häufig aber auch weniger Schwierigkeiten, sich an eine konstante Betreuungsperson zu gewöhnen oder einen neuen Partner des anwesenden Elternteils als psychologischen Elternteil zu akzeptieren.Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren sind sich des Verlustes eines Elternteils bewusst und bemühen sich, die Trennung und ihre Folgen zu verstehen. Aufgrund noch nicht entwickelter kognitiver Fertigkeiten können sie sich aber kein realistisches Bild von Art und Umfang des Verlustes machen. Sie werden von ihren Eltern zumeist unzureichend über die Trennung und deren Konsequenzen informiert, erfassen nicht die Gründe oder verstehen diese nicht: So ist Streit als Scheidungsgrund nicht einleuchtend, da Kinder sich auch mit ihren Spielkameraden und Geschwistern streiten, anschließend aber wieder versöhnen. Weil sie die Ursachen der Trennung ihrer Eltern nicht verstehen, geben sie sich oft selbst die Schuld. Das Verstehen der neuen Situation wird auch dadurch erschwert, dass Kleinkinder nicht über die Konfliktlösungsstrategien und Hilfsmöglichkeiten älterer Kinder verfügen - sie können sich beispielsweise nicht bei anderen aussprechen oder beraten lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie aufgrund ihres noch nicht ausgebildeten Zeitgefühls und mangelnder Lebenserfahrung noch nicht wissen, dass es sich bei der Trennung um eine vorübergehende Krise handelt. So machen sich manche Kleinkinder vor, dass ihr Vater oder ihre Mutter immer noch bei ihnen wohnt oder sie heimlich besucht. Von diesen Phantasien berichten sie oft auch im Kindergarten. Viele Vorschulkinder entwickeln starke Trennungsängste oder allgemeine Angstzustände, die sich in einem anklammernden Verhalten zeigen können. Sie fürchten, dass sie nun auch noch von dem anwesenden Elternteil im Stich gelassen werden könnten. Manche Kinder entwickeln sich unter diesen Umständen zurück, weil sie unbewusst wieder wie Säuglinge umsorgt und geliebt werden möchten. Es kommt beispielsweise zu Enuresis (Bettnässen), Ess- und Schlafstörungen. Diese werden oft dadurch verstärkt, dass die anwesenden Eltern mit Ärger und Strafen reagieren - also nicht die Symptome verstehen und ihren Kindern durch Liebe und Zuneigung zu helfen versuchen. Manche Vorschulkinder sind nach der Trennung ihrer Eltern verwirrt und verstört, aggressiv, irritiert oder trotzig, traurig und depressiv. Einige ziehen sich zurück und kapseln sich ab. Sie haben aus der Trennungserfahrung den unbewussten Schluss gezogen, dass Beziehungen zerbrechen können, und haben nun wenig Vertrauen in die Zuverlässigkeit menschlicher Beziehungen. Wenn sie sich immer wieder an neue Betreuungspersonen oder an wechselnde Partner ihrer Eltern gewöhnen müssen, kann ihre Bindungsfähigkeit im Verlauf der Zeit immer mehr abnehmen. In vielen Fällen ändert sich auch das Spielverhalten von Vorschulkindern nach der Trennung ihrer Eltern. Sie zeigen weniger Ausdauer und Durchhaltevermögen, sind weniger kooperativ und schauen häufiger anderen Kindern beim Spielen zu, anstatt sich daran zu beteiligen. Außerdem übernehmen sie seltener Aufgaben und setzen weniger ihre Phantasie ein. Im Kindergarten suchen diese Kleinkinder häufiger die Aufmerksamkeit, Unterstützung und Nähe der Erzieherinnen. Sie sind öfters ängstlich, weinerlich, unaufmerksam und inaktiv. Vor allem Jungen zeigen vielfach aggressive Verhaltensweisen, die dazu führen können, dass sie von Gleichaltrigen gemieden werden. Sie erfahren manchmal weniger Hilfe seitens der Erzieherinnen. Reaktionen von SchulkindernKinder zwischen sieben und 12 Jahren verstehen eher die aus der Trennung ihrer Eltern resultierenden Umstellungen als jüngere Kinder. Oft machen sie sich Sorgen, ob sich ihre Eltern wie bisher um sie kümmern werden. Da sie die Trennung als Bedrohung ihrer Existenz erleben, fühlen sie sich häufig verlassen und hilflos, haben Angst vor der Zukunft. Wie Kleinkinder verspüren sie ein starkes Verlangen nach der Versöhnung ihrer Eltern, erkennen aber eher die Endgültigkeit einer Trennung und akzeptieren eher die neue Situation. Zugleich tendieren sie aber auch dazu, die eigenen Familienverhältnisse mit denen anderer Kinder zu vergleichen und sich damit zu beschäftigen, was Gleichaltrige von ihnen denken. Vielfach schämen sie sich, verheimlichen die Trennung ihrer Eltern oder fühlen sich isoliert - insbesondere wenn sie glauben, die einzigen in ihrer Klasse mit getrennt lebenden Eltern zu sein.Im Gegensatz zu Kleinkindern werden ältere Kinder eher zu Vertrauten, Verbündeten oder Ersatzpartnern ihrer Eltern gemacht, ergreifen sie eher Partei und machen einen Elternteil für das Zerbrechen der Familie verantwortlich. Vor allem wenn Eltern depressiv werden oder mit Selbstmord drohen, machen sie sich große Sorgen um sie, verlagern alle Energie auf die Familie und vernachlässigen dementsprechend Schule und Freundeskreis. Aber auch in anderen Fällen kommt es vielfach zu einer Verschlechterung der Schulleistungen, zu Verspätungen, Schuleschwänzen, Tagträumerei, Problemen mit Gleichaltrigen oder Störungen im Sozialverhalten - manche Kinder verhalten sich auch überangepasst und werden leicht zum Liebling ihrer Lehrer. Viele Schüler erfahren bei der Trennung ihrer Eltern kein Verständnis und keine Unterstützung in der Schule, da die Lehrer über die neue Familiensituation nicht informiert werden oder - wie die Eltern - erwarten, dass die Kinder die gleichen Leistungen wie zuvor erbringen werden. Viele Lehrer rechnen aber auch mit negativen Folgen von Trennung beziehungsweise Alleinerzieherschaft und reagieren dementsprechend anders auf die betroffenen Schüler, so dass häufig sich selbst erfüllende Prophezeiungen vorkommen. Reaktionen von sieben- bis zwölfjährigen Kindern auf die Trennung ihrer Eltern können ferner Ruhelosigkeit, Nervosität, Gereiztheit, Launenhaftigkeit, Konzentrationsstörungen, Trauer, Schmerz, Depressivität, Wut, Aggressivität, Abkapselung (Einsamkeit), Schuldgefühle, Loyalitätskonflikte, Schlafstörungen, Alpträume, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und ähnliche Symptome sein. Manche Kinder lassen sich daheim nur noch schwer disziplinieren oder laufen von zu Hause weg; andere zeigen ein anklammerndes Verhalten. Mädchen entwickeln oft eine negative Haltung gegenüber dem männlichen Geschlecht, Jungen werden in ihrem Sozialverhalten unsicher (wenn der Vater geht). Bittet der anwesende Elternteil den abwesenden um Hilfe wegen der Symptome der Kinder, oder ruft er ihn immer wieder herbei, um über deren Verhalten zu sprechen, so werden Hoffnungen der Kinder auf Versöhnung der Eltern und damit das Auftreten der Verhaltensauffälligkeiten und Schulprobleme verstärkt. Da ältere Kinder von sich aus die Unterstützung anderer Menschen suchen und eher von hilfsbereiten Personen (wie Lehrern, Beratern, Schulpsychologen) erreicht werden können, wird häufig aufgrund von deren positivem Einfluss die Ausbildung von Verhaltensstörungen verhindert oder rückgängig gemacht. So zeigen beispielsweise Großeltern oft Liebe und Zuneigung. Sie helfen ihnen, ihre Eltern zu verstehen und ihnen gegenüber eigene Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck zu bringen. Viele Großeltern schüren aber auch Loyalitätskonflikte. Reaktionen von JugendlichenKinder ab 13 Jahren erleben verhältnismäßig selten die Trennung ihrer Eltern, da die meisten Scheidungen in den ersten Ehejahren erfolgen. Oft haben sie diese erwartet, so dass sie weniger überrascht reagieren. Manchmal sind sie sogar froh, dass die Zeit der Spannungen und häufigen Konflikte vorbei ist. Im Gegensatz zu jüngeren Kindern ist bei Jugendlichen in der Regel eine realistische Sicht der Scheidung festzustellen. Sie akzeptieren eher die neue Situation und machen sich nur selten Illusionen hinsichtlich einer möglichen Versöhnung ihrer Eltern. Jedoch verspüren auch sie Reaktionen wie Zorn, Trauer, Schmerz oder Scham, wobei deren Stärke und Qualität vor allem von der Intensität der Beziehung zum abwesenden Elternteil und von dessen Bedeutung als Vorbild abhängen.Viele Jugendliche werden nach der Trennung ihrer Eltern besonders schnell erwachsen. Andere erleben es als schwierig, die phasenspezifischen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, da sie das "Sicherheitsnetz" der Familie verloren haben: Sie fühlen sich mit den Problemen der Pubertät und Jugend alleingelassen, erfahren nur wenig Rückhalt und Unterstützung auf dem Weg ins Erwachsenenalter. Manche Jugendliche greifen in dieser Situation zu Alkohol und Drogen, gehen verfrüht sexuelle Beziehungen ein, werden aggressiv oder delinquent. Oft denken sie auch über die eigene Partnerfähigkeit nach. So haben sie Angst, die Fehler ihrer Eltern in ihren Beziehungen zu wiederholen. Im Gegensatz zu jüngeren Kindern können sich Jugendliche eher emotional oder durch vermehrte Aktivitäten im Freundeskreis von ihren Eltern distanzieren. Sie weigern sich, in deren Konflikte hineingezogen zu werden. Auch betonen sie ihre Selbständigkeit und reagieren zum Beispiel sehr verärgert, wenn sie hinsichtlich der Sorge- und Umgangsrechtsregelung nicht konsultiert werden oder sich an feste Besuchszeiten halten sollen. Viele Jugendliche reagieren einfühlsam auf ihre Eltern und leisten konstruktive Beiträge zur Bewältigung der Trennungssituation. Manche übernehmen dann jedoch zu viel Verantwortung für das psychische Wohl ihrer Eltern oder die Führung der Familie (Parentifizierung). Sie werden zu Ersatzpartnern, vernachlässigen Schule, Berufsausbildung und Freundeskreis. Im Gegensatz zu jüngeren Kindern haben Jugendliche aber auch besonders viele Möglichkeiten, aus der Trennung ihrer Eltern resultierende Probleme mit Gleichaltrigen, Großeltern, erwachsenen Bekannten oder Fachleuten zu besprechen. Geschwister helfen einander häufig beim Verarbeiten von Trauer, Schmerz, Angst und Wut. Sie kooperieren miteinander aufgrund der Erwartung ihrer Eltern, dass sie einander unterstützen. Ältere Geschwister führen oft die jüngeren dazu, die neue Situation realistisch zu beurteilen und den teilweisen Verlust eines Elternteils zu akzeptieren. In anderen Fällen bilden Geschwister Koalitionen gegen einen oder beide Elternteile, teilen einander zwischen beiden auf (aus ihrem Gerechtigkeitsempfinden heraus) oder ergreifen die Partei jeweils einen Elternteils. Das Geschwistersubsystem kann aber auch von den Eltern gespaltet werden. Schließlich kann es dazu kommen, dass sich die Geschwister einander entfremden und separate Wege gehen, da sie die Trennungssituation von verschiedenen Standpunkten aus beurteilen und unterschiedlich reagieren. Autor
Dr. Martin R. Textor | ||
Letzte Änderung: 29.12.2006 14:32:28 |